Fellbacher Zeitung vom 27.08.2004

Ein interessantes Grab auf dem Alten Friedhof

Pfarrer Georg Müller wirkte von 1763 bis 1798 an der Lutherkirche - Führungen im Rahmen des Fellbacher Friedhoftages

Das Grab von Pfarrer Johann Georg Müller steht im Alten Friedhof.


Fellbach. Ein Grab mit verwitterter Inschrift steht auf dem Alten Friedhof, es hat, zum Schutz vor weiteren Witterungseinflüssen, eine Holzpyramide aufgesetzt bekommen. Das Grab wird am Sonntag, 5. September, den Friedhofsbesuchern im Rahmen des "Friedhofstags" ab 12 Uhr bei Führungen vorgestellt. Es ist das Grab von Pfarrer Johann Georg Müller.

Pfarrer Müller wirkte an der Lutherkirche von 1763 bis 1798. Es ist die bisher längste seelsorgerliche Amtszeit eines Fellbacher Pfarrers. Zu seiner Zeit stand noch die alte Wehrmauer um die Kirche. Sie wurde erst nach seinem Tod bei Pfarrer Kohler, aus Birkach kommend, an der "Mittagsseite" beginnend, abgebrochen. Die Wehrmauer war gewaltig. 8,79 Meter hoch und 1,88 Meter stark. Die damalige Wehrkirche war St. Gallus gewidmet und trug diesen Namen.

Pfarrer Müller kam aus Lorch, wo er als Sohn des Hirschwirts am 13. August 1721, geboren wurde. Er war in zweiter Ehe verheiratet mit Heinricke Regine Krumbein verwitwete Schneck, die er vom Schlossgut Hohenentringen nach Fellbach holte. 

Pfarrer Müller war weltgewandt, groß und stattlich. Er trug eine schön gepuderte Lockenperücke und war voller Würde und Selbstgefühl. Er sah als Hofmeister die Welt und sprach die französische Sprache perfekt. Dies rettete einmal im Juli 1796 das Dorf Fellbach vor Brandschatzung französischer Truppen. Er verfasste nämlich an den Stadtkommandanten einen in vorbildlicher französischer Schrift verfassten Brief. Das Dorf konnte die hohe Brandschatzungssumme nicht erschwingen. Die Bauern in Fellbach hatten zu der Zeit ihre Ställe niedriger gebaut, dass keine Pferde der Besatzer eingestellt werden konnten. Den Kühen genügten niedrigere Ställe.

Im Pfarrhaus (heute Cafe Wöhrle) hatte sich zwei Jahre vor Pfarrer Müllers Ableben, auch einmal Erzherzog Karl von Österreich mit seinem ganzen Generalstab einquartiert. Es galt damals die französischen Truppen des Generals Moreau zu vertreiben und es kam zur Schlacht auf der einzigen Brücke über den Neckar in Cannstatt. Das Heer der Österreicher mit 80 000 Mann lagerte auf dem Schmidener Feld. Unmittelbar vor der Ernte die größtenteils zertrampelt wurde. 

Zurück zu Pfarrer Müller. Der erste Auberlen (Georg Daniel) kam sieben Jahre vor Müllers Amtsantritt nach Fellbach. In Müllers Zeit fiel auch die Gründung der Hahnschen Gemeinschaft. 1792 war Fellbach einer der Hauptsitze des württembergischen Pietismus. Die Kirche hatte seit 1779 1400 Sitzplätze. Die Plätze waren mit Namensschildchen  versehen. Man sah gleich, wer fehlte. Dies Kaufen der Plätze war eine Art Kirchensteuer und wurde bis nach der Jahrhundertwende gehandhabt.

Die Müllers verfügten über einen für Pfarrfamilien ungewöhnlichen Reichtum an Mitgebrachtem und Erworbenem. Durch Verleihungen konnten sie manchen Fellbacher Familien anhand gehen. So brachte dies auch mit sich, dass die weiblichen Familienangehörigen eine Vorliebe für "gehobenere 
Bekleidung" hatten, wie es öffentlich gerade noch vertretbar war. Pfarrer Müllers Kinder mit seiner ersten Frau waren vier, aus zweiter Ehe drei.

Am 15./16. August 1798, nachts zwischen 12 und 4 Uhr starb Johann Georg Müller. Im Totenbuch 1781 bis 1808 beim Evangelischen Kirchenregisteramt Fellbach ist vermerkt: "Er wurde am 9. August, als er an einer Predigt studierte. von einem Schlagfluß getroffen, welcher ihm die rechte Seite lähmte und den Gebrauch der Sprache nahm. Er hatte dieser Gemeinde 35 Jahre lang mit Treue und Eifer vorgestanden. Hinterläßt sechs versorgte Kinder, worunter ein in zweiter Ehe von der Frau zugebrachtes, und 17 Enkel. Er war 77 Jahr und drei Tag alt." Bei Pfarrer Müllers Tod war seine Witwe 69 Jahre alt und lebte bis ins 81. Lebensjahr bei ihrer ältesten Tochter in Ludwigsburg. Das Grab in Fellbach dürfte vermutlich nur von Pfarrer Müller belegt sein. 

Siegfried Winter


Fellbacher Zeitung, 25. Februar 2006


Das älteste Grabmal ist jetzt restauriert

Im Alten Friedhof ist der Stein am Grab von Pfarrer Johann Georg Müller wieder aufgestellt worden

Fellbach (g). Zum 4oo-jährigen Bestehen des Alten Friedhofs hat die Stadtverwaltung jetzt das älteste Grabmal restaurieren lassen. Es handelt sich um den Grabstein für Pfarrer Johann Georg Müller. Von Gerhard Brien

Die Stadtverwaltung hat sich, verstärkt seit dem "Friedhofstag" vor zwei Jahren, die Erhaltung des geschichtsträchtigen und zugleich stimmungsvollen Areals zwischen Rathaus und Schwabenlandhalle zu eigen gemacht. Eine kleine Friedhofskommission veranlasst die jedes Jahr notwendigen Erhaltungsarbeiten. Das älteste Grabmal auf dem alten Friedhof wurde nun aufwändig restauriert und wieder an Ort und Stelle aufgebaut. Der Grabstein von Johann Georg Müller, Pfarrer in Fellbach von 1763 bis 1798, war vom Verfall bedroht, der Frost hatte den Sandstein schon aufgebrochen. Nun ist der pyramidenförmige Aufbau erneuert, Dekor und Inschrift - soweit noch lesbar - sind für die Zukunft bewahrt.

Johann Georg Müller war außergewöhnlich lange Pfarrer in Fellbach, keiner seiner Vorgänger war so lange im Amt. Zu seiner Zeit stand noch die alte Wehrmauer um die Kirche, sie wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts abgetragen. Pfarrer Müller war bekannt für seine Geschäftstüchtigkeit und seinen Wohlstand, aber auch für sein Geschick im Umgang mit allerlei durchziehenden Heeren. Immer wieder konnte der perfekt französisch sprechende Pfarrer die schlimmsten Bedrückungen und Plünderungen abwehren. Mit den aufmüpfigen separatistisch gesinnten Pietisten kam er weniger gut zurecht. Seine zweite Frau war die Großmutter von Ottilie Wildermuth und wurde von dieser Enkelin literarisch verewigt.
Als Müller 1798 nach 35 Jahren im Fellbacher Pfarrhaus an einem Schlaganfall starb, war er 77 Jahre alt. Seine 69 Jahre alte Frau verbrachte ihre letzten Lebensjahre bei ihrer ältesten Tochter in Ludwigsburg, das Grab auf dem Alten Friedhof in Fellbach ist deshalb wohl nur von dem aus Lorch stammenden Pfarrer Müller belegt. Der Alte Friedhof ist eine recht frühe Neugründung außerhalb des ummauerten Kirchhofareals, nachdem der Kirchhof zu klein geworden war.

 Foto: Patricia Sigerist

Der Stein am Grab von Pfarrer Müller wirkt nach der Restaurierung wie neu.

Mit Magdalena Lenz wurde die erste "communicierte" Erwachsene am 13. März 1606, also vor 400 Jahren, dort beerdigt. Zuvor hatte man die Stimmung in der Gemeinde schon mit einigen Kindern auf die Probe gestellt, doch es regte sich scheinbar kein Widerstand gegen eine Bestattung auf dem Acker. Friedhofsmauer und Glockenturm, wie sie heute noch zu sehen sind, kamen erst im Laufe der kommenden Jahrzehnte dazu. Heute steht das gesamte Areal unter Denkmalschutz.


Fellbacher Zeitung, 25. Februar 2006

DER ALTE FRIEDHOF
Wichtige Stationen vom Entstehen des Alten Friedhofs bis heute hat Stadtarchivar Ralf Beckmann für diese Übersicht zusammengetragen.