Die Arbeiterbewegung in zwischen 1890 und 1945 (1)

Die Anfänge der "Umsturzpartei"

Die Entwicklung des Arbeitervereins zwischen 1901 und 1914
Von Oberstudienrat Walter Micheler

Die Arbeiterbewegung war ursprünglich ein Kampf der Arbeiter gegen Armut und Ausbeutung, wurde aber immer mehr auch zu einer Emanzipationsbewegung für einen angemessenen Platz der Arbeiterschaft in der Gesellschaft und einen gerechten Anteil am Fortschritt. Dieser Kampf führte zur Ausbildung eines sozialen Gruppen- und Klassenbewußtseins und fand seine organisatorischen Formen in Arbeiterparteien, Gewerkschaften, Konsumvereinen und Arbeiterkulturvereinen und war in der Regel der Idee des Sozialismus verpflichtet.
Das Aufkommen einer Arbeiterbewegung in Württemberg wäre nicht denkbar ohne Industrialisierung in Württemberg. Beide hatten um die Jahrhundertwende bereits ihren Schwerpunkt im Mittleren Neckarraum. aber war zu jener Zeit noch eine überwiegend bäuerliche Gemeinde, überdies die größte Weinbaugemeinde in Württemberg. Zwar war der Ort seit 1861 an die Eisenbahnlinie angeschlossen - zunächst Stuttgart-Wasseralfingen, dann - auch Stuttgart-Backnang-Schwäbisch Hall -, doch fehlten darüber hinaus für größere Industrieansiedlungen alle wichtigen infrastrukturellen Voraussetzungen wie geteerte Straßen, Wasserleitung, Gas- und Stromversorgung, Kanalisation und zur Bebauung freigegebene Grundstücke.
So gab es in vor 1900 nur drei nennenswerte Fabriken: eine Tonwarenfabrik mit 30 überwiegend ausländischen Arbeitern - die bis zum letzten Krieg betriebene Ziegelei hinter den Bahnhof -, die Schloß- und Werkzeugfabrik Andreas Maier und die Eisenwarenfabrik Wüst (ReklameFabrik). Daneben existierten Arbeitsmöglichkeiten in einigen Gewerbe- und Handelsbetrieben, doch genügten die Arbeitsplätze in Landwirtschaft, Gewerbe und Handel bei weitem nicht für eine Bevölkerung von nahezu 4000 Einwohnern im Jahr 1895. So arbeiteten schon in den späten achtziger und in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts viele jüngere Söhne und auch Tochter von Weingärtnern, Bauern, Handwerkern in Industriebetrieben Cannstatts, Stuttgarts und Esslingens. Sie pendelten täglich mit der Bahn oder zu Fuß, später auch mit dem Rad in die Industriebetriebe dieser Neckarorte. Und noch bis zur Jahrhundertwende mußten oft Frauen und Kinder den Arbeitern nach Cannstatt das Mittagessen bringen. Aus diesen Pendlern rekrutierten sich die ersten er Sozialdemokraten in den neunziger Jahren. Zwischen 1895 und 1910 stieg die Bevölkerung um über 50 Prozent an, ein Zuwachs, der nur zum geringeren Teil auf Geburtenüberschuß, im wesentlichen aber auf Zuzug aus anderen Orten, etwa aus Stuttgart, zurückzuführen ist. Die Zunahme der Einwohnerzahl von 3995 im Jahr 1895 auf 6780 in Jahr 1910 erforderte die Erschließung eines neuen Baugebietes nördlich der Landstraße Stuttgart-Waiblingen bis hin zum Bahnhof. Außerdem betrieb die Gemeinde, angetrieben vom 1898 gegründeten Gewerbeverein, im Jahr 1902 den Bau einer Wasserleitung, 1904 den Anschluß an das Stromversorgungsnetz der Neckarwerke und 1907 den Bau eines Gaswerkes sowie den Ausbau von Straßen.
Zum Kauf von Gelände rechts und links entlang der Bahnlinie für die Ansiedlung von größeren Industriebetrieben konnte die Gemeinde sich nicht entschließen. Auch eine hinhaltende Grundstücksverkaufspolitik der er Bauern sowie die Einstellung von Verwaltung und Gemeinderat, die die Ausweisung von größeren Gewerbegebieten ablehnten - erst 1911 wurde zum ersten Mal ein Gewerbegebiet ausgewiesen -, verhinderten die Ansiedlung von steuerkräftigen Industriebetrieben. Damit wurde der Grundstein für die Entwicklung s zur Arbeiterwohngemeinde gelegt. Die Gewerbe- und Handelsbetriebe s - 1907 wurden 270 gezählt . konnten aber nicht alle Einwohner beschäftigen, so daß nach zugezogene Bewohner ihre Arbeit vielfach außerhalb ihres Wohnortes suchen mußten, meistens als Arbeiter in auswärtigen Industriebetrieben. Im Jahr 1911 soll nahezu die Hälfte der Bevölkerung s Arbeiter gewesen sein. Zugezogen, pendelnd, ohne Berührungspunkte mit den "alteingesessenen” Wengertern oder Bauern, die sich in Weingärtnergenossenschaft, Güterbesitzerverein und zum Teil im Bürgerverein organisiert hatten fühlten sich diese Arbeiter zunächst sozusagen "heimatlos" und fanden sich in den überkommenen, vom Pietismus geprägten Verhaltensmustern des Weingärtnerdorfes nicht zurecht. Fremden, so klagten sie, trete oft ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein, ja Überlegenheitsgefühl der Einheimischen er entgegen. Vor allem die zugezogenen "Fabrikler" spürten die Verachtung der meist begüterten Weingärtner des Ortes. Die rasch ansteigenden Mitgliederzahlen der Sozialdemokratie und der Arbeiterkulturvereine ab 1905 in erklären sich zum Teil daraus, daß diese Menschen hier eine (neue) Heimat suchten.
Der Wachstumsprozeß s wurde zunächst durch den Ersten Weltkrieg gebremst. Aber Ende 1919 bereits war die Bevölkerungszahl des Ortes auf 8027 angestiegen, hatte sich also damit innerhalb der letzten 25 Jahre verdoppelt: eine in Württemberg ziemlich einmalige Erscheinung, die für die Ortsentwicklung s nicht ohne Folgen bleiben sollte.

Die Flagge der Arbeiterbewegung
 (Foto:Dorn)


In die Zeit augenfälliger sozialer Umschichtung zwischen 1890 und 1914 fällt das erste Wirken der Sozialdemokratie. Zwar findet man schon in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts engagierte Sozialdemokraten vor Ort, die 1887, noch während das sogenannte Sozialistengesetz jegliche Tätigkeit der Sozialdemokratischen Partei im Reichsgebiet verbot, hier Flugblätter verteilten. Die Gründung eines sogenannten Arbeitervereins aber fand erst 1891 statt, ein Jahr nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes. Im Anschluß an einen von der Landesleitung der SPD veranlaßten Vortrag des Genossen Stern aus Stuttgart entschlossen sich 20 Männer zur Gründung eines Arbeitervereins. Auffallend ist, daß es junge Leute, wohl meist Ledige waren, die in die Gründung dieses Vereins ihre Zukunftshoffnungen setzten - in eine Zukunft außerhalb der politischen Wertvorstellungen und Zielsetzungen, die damals in ihrer dörflichen Gemeinschaft herrschend waren. Zehn Jahre dauerte es, bis der Verein in endgültig Fuß fassen konnte, denn der Erstgründung des Jahres 1891 folgte eine Zweitgründung 1897, die aber nur zwei Jahre Bestand hatte. Erst eine Drittgründung im Jahr 1901 leitete eine kontinuierliche - dann allerdings stürmische - Weiterentwicklung der Partei in ein. Mehrere Gründe können für diese zögernde  Entwicklung des Arbeitervereins, der in den neunziger Jahren mehr Wahlverein als Massenpartei war, genannt werden. Da ist zum einen das soziale Umfeld einer dörflichen Gemeinschaft, die in ihrer Mehrheit konservativ dachte und lebte und deren soziale Kontrolle noch gut funktionierte. Es gehörte vor allem für junge Leute schon einiger Bekennermut dazu, sich gegen die Wertvorstellungen ihrer Eltern und Arbeitgeber aufzulehnen und für die Sozialdemokratie zu entscheiden. Dazu kam, daß argwöhnisch beobachtende Behörden, die Kirche. die pietistischen Gemeinschaften, die Schule und die am Ort bestehenden Vereine entschieden Stellung gegen die sogenannte "Umsturzpartei" bezogen. Der "Bote vom Kappelberg", die Lokalzeitung, negierte zum großen Teil die Existenz der Sozialdemokraten, oder aber er führte vor den Wahlen heftige Angriffe gegen sie.


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