Die Arbeiterbewegung in zwischen 1890 und 1945 (3)

Genossenschaftliche Aktivitäten

Von 1897 bis 1899 gab es den ersten selbständigen Consumverein im Ort

Die Wahlerfolge der Sozialdemokratie im Reich und im Land wären ohne eine intensive Öffentlichkeitsarbeit ihrer örtlichen Organisationen nicht möglich gewesen. Zwei Bereiche waren es, in denen der er Arbeiterverein Schwerpunkte setzte: die Wirtschafts- sowie Sozialpolitik einerseits und die Kulturpolitik. Kampagnen des Vereins gegen die Schutzzollpolitik des Reiches (1901/1914), gegen örtliche Milchpreiserhöhungen (1898/1911) oder gegen Fleischpreiserhöhungen (1905) erregten allerdings den Unmut der Weingärtner und Bauern ebenso wie das Eintreten des Vereins für eine progressive Vermögens- und Erbschaftssteuer (1902). 
Dem bekannten Wort Wilhelm Liebknechts: "Wissen ist Macht - Macht ist Wissen", einer alten sozialdemokratischen Devise, fühlte sich auch der Arbeiterverein verpflichtet. Wissen sollte den Arbeitern zur Emanzipation verhelfen, eine seit 1905 bestehende Partei- und Gewerkschaftsbücherei den Arbeitern die Kulturgüter der Nation vermitteln, und ein seit 1912 von Partei und Gewerkschaft getragener "Bildungsausschuß der organisierten Arbeiterschaft s" sollte sich ebenfalls um die politische und kulturelle Bildung der Arbeiter bemühen. Wie weit Lichtbildervorträge über  "Nacht und Eis" oder Theaterstücke wie die Tragödie "An der Grenze" oder das Gesangsstück "s’Lieserl" sich von der bürgerlichen Kultur abhoben und erfolgreich sein konnten, scheint zweifelhaft. In eine geeignetere Richtung weist hier vielleicht das Wirken eines Arbeiter- und Stenografenbundes im Februar 1913. Nur eine durchgreifende Veränderung des Bildungssystems konnte letztlich den unteren Volksschichten echte Aufstiegs-  und damit auch Machtchancen eröffnen. So forderte der Arbeiterverein für etwa Schulklassen mit 40 Schülern im Jahr 1908, als ein Volksschullehrer noch durchschnittlich 75 Schüler in einer Klasse betreute. Er warb auch für die Abschaffung der Konfessionsschule, also für die christliche Simultanschule und für die Lernmittelfreiheit.
Bei all diesen Bemühungen aber war er sich auch im klaren darüber, daß - um wieder mit Liebknecht zu sprechen - "ohne Macht für das Volk es kein Wissen gebe". Entsprechend handelte die Sozialdemokratie als Vertretung der politisch Unterprivilegierten und kümmerte sich als erste Partei um die Frauen und die Jugend. Erst das Reichsvereinsgesetz von 1908 ermöglichte es den Frauen, sich in Parteien und Vereinen öffentlich und politisch zu betätigen.
Seit 1909 bestand im er Arbeiterverein eine Frauenkommission, die rege Aktivitäten entfaltete und nur dem traditionellen Widerstand konservativer Kreise gegen politische Tätigkeit von Frauen seltsam kontrastierte. Diese Frauenkommission setzte sich für die Gleichberechtigung der Frauen, vor allem deren aktives und passives Wahlrecht ein, zum Beispiel auf einer Veranstaltung zum Frauentag 1914. Die Teilnahme der bekannten Sozialdemokratin und späteren Kommunistin Clara Zetkin am Sommerfest des Arbeitervereins fand große Beachtung. Trotz oder gerade wegen solcher weiblicher Aktivitäten meinte der er "Bote vom Kappelberg" 1910, "ob eine politische Tätigkeit der Frau für die Familie, Gemeinde und den Staat Vorteile bringt, ist immerhin noch eine große Frage". Die Jugendarbeit des Arbeitervereins fand ihren Ausdruck in einer "Freien Jugendorganisation", einem Verband junger Arbeiter und Arbeiterinnen, der seit Dezember 1907 in existierte und anfangs etwa 25 Mitglieder hatte. Zweck dieses Vereins war, laut Satzung, die Vorbereitung der der Schule entwachsenen Jugend für die Aufgaben des Lebens. Das sollte durch "wissenschaftliche Vorträge,  Unterhaltungsabende, Veranstaltung von körperlichen Übungen und Pflege des geselligen Verkehrs und der Solidarität" geschehen. Treffpunkt war seit 1914 ein Jugendheim in der Cannstatter Straße 113.
Zwar war diesen Jugendlichen politische Betätigung nicht erlaubt, jedoch geschah die "Pflege der Solidarität" im Sinne des Arbeitervereins und der Gewerkschaften, war doch der erste Vorsitzende dieser Jugendorganisation der sozialdemokratische Schriftsetzer Oskar Glaser aus Cannstatt.
Der ideologische Konflikt, der in der gesamten SPD seit etwa 1890 ausgetragen wurde, nämlich der Streit zwischen der die Marxistische Lehre "reformierenden" Linie der "Reformisten" oder "Revisionisten" und den orthodoxen marxistischen Vertretern der Partei oder "Linken", war in Württemberg besonders heftig. Wie weit dieser Streit auch im Arbeiterverein ausgetragen wurde, ist aus den vorliegenden Quellen schwer zu ersehen. Die örtliche Parteiführung und die Mehrheit des Vereins kann man wohl den Reformisten zurechnen. Dafür spricht die Bereitschaft zu örtlichen Bündnissen mit bürgerlichen Vereinen, die Teilnahme an Festen, die von der Gemeinde oder von bürgerlichen Vereinen organisiert waren, und die enge Zusammenarbeit des Arbeitervereins mit politisch gemäßigten Gewerkschaften. 
Allerdings ist zu vermuten, daß vor dem Ersten Weltkrieg im Arbeiterverein auch ein starker linker Flügel existierte.  Auffallend ist nämlich, daß bei örtlichen Parteiveranstaltungen seit 1913 verstärkt auswärtige Parteimitglieder des linken Flügels auftraten wie Westmayer, Hörnle, Crispien und Thalheimer, also Männer, die später Mitglieder bei USPD und KPD wurden.
Auch entstand nach dem Ersten Weltkrieg sehr schnell eine bedeutende KPD-Gruppe in , was Rückschlüsse auf einen vorher bestehenden starken linken Flügel zuläßt. Wie der er Arbeiterverein, so hatten es auch die  Gewerkschaften aufgrund fehlender örtlicher Industrie schwer, in Organisationen zu gründen. Erst August 1904 gelang dem Deutschen Holzverband die Eröffnung einer Filiale in , ein Jahr später folgte der deutsche Metallarbeiterverband mit einer Filiale. Im November 1905 bildete man ein örtliches Gewerkschaftskartell, das sich "Vereinigte Gewerkschaften" nannte und zunächst eng mit dem Arbeiterverein zusammenarbeitete. Man führte gemeinsame Mitgliederversammlungen durch, organisierte für die Mitglieder beider Gruppen gemeinsame Vortragsabende, rief zu gemeinsamen Aktionen auf, so zum Beispiel gegen Milchpreiserhöhung, und beging zusammen die Feiern am 1. Mai.
Den ersten größeren Streik in führten im März 1907 die Zimmergesellen der Gewerkschaft "Deutscher Holzverband" durch. Sie forderten von ihren Meistern oder Arbeitgebern die Einführung des Zehn-Stunden-Tages und kämpften für einen Mindeststundenlohn von 48 Pfennigen, allerdings mit nur geringem Erfolg.
Die patriarchalischen Verhältnisse, die damals in den Fabriken herrschten, beleuchtet ein Streik in der "Eisenwarenfabrik" Wüst im Juni 1909. Der Arbeitsausschuß der Firma, der dem heutigen Betriebsrat vergleichbar ist, hatte mit dem Firmenleiter ergebnislos um die Erhöhung des Stundenlohns von 45 auf 48 Pfennige verhandelt. Nachdem die Verhandlungen abgebrochen waren, diskutierten die Arbeiter im Betrieb und während der Arbeitszeit nun ihrerseits mit dem Arbeitsausschuß über diese Lage. Diese Handlungsweise beantwortete der Firmenchef mit sofortiger Aussperrung. Daraufhin reagierten 61 Arbeiter der Firma aus Solidarität mit Streik. Carl Wüst ließ daraufhin einige Tage später in der Zeitung verlauten: "Mit dem Verband (Metallarbeiterverband) und Verbands-Mitgliedern will ich nichts mehr zu tun haben, wer wieder arbeiten will, muß vorher anfragen, ob Arbeit vorhanden. Eine weitere Erwiderung gibt es nicht.” Der Streik wurde schließlich am 1. Juli 1909 beendet. 
1897 wurde in ein Consumverein gegründet, der sich durch gemeinsamen Großeinkauf und kostendeckende Verteilung von Lebensmitteln bemühen wollte, die schmalen Haushaltskassen der Arbeiterfamilien zu entlasten.  
Die Beziehungen zwischen Konsumverein und Arbeiterverein scheinen nicht sehr eng gewesen zu sein, liefen doch Veranstaltungen beider Vereine gelegentlich zum selben Zeitpunkt. Nach zwei Jahren bereits, 1899, ging der er Consumverein in Konkurs. Als 1908 der Konsumverein Cannstatt-Feuerbach einen Laden in der Neuenstraße eröffnete, senkten die er Bäcker unverzüglich ihre Brotpreise - ein Beispiel, wie wirksam der Beitrag eines Konsumladens zur preisgünstigen Versorgung der Arbeiterschaft sein konnte. Ein weiterer Konsumladen wurde einige Jahre später in der Königstraße im Neubauviertel eröffnet. Weiter dienten der Selbsthilfe der Arbeiterschaft eine seit 1894 bestehende Lokalzuschußkrankenkasse, ein Spar- und Kohleverein von 1899 und ein Markensparverein seit 1911. Es ist bemerkenswert, daß die Gründung dieser Organisationen zum Teil auf die Initiative bürgerlicher Kreise zurückzuführen war.


Fortsetzung
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