Die Arbeiterbewegung in zwischen 1890 und 1945 (2)

Arbeiterverein mit dem Gewerbeverein

Von 1908 an kandidierten die Sozialdemokraten gegen die Bürgerlichen

Typisch für die damals vorherrschende Meinung weiter Kreise gegen die Sozialdemokratie ist ein Flugblatt mehrerer bürgerlicher Vereine, das vor einer Wahl in Umlauf gesetzt wurde und in dem es heißt: "Wählt keinen Mann der Umsturzpartei welche große Ansprüche machen und sehr wenig zu den enormen Gemeindelasten beitragen, ihre Kinder nicht taufen lassen und jeder Ordnung feind sind.” Die SPD als Partei des Umsturzes, der Anarchie, der Geldverschwendung auf Kosten der Begüterten - und der Gottlosigkeit. Das sind die Hauptvorwürfe, die immer wieder erhoben werden. Vor allem fiel der Vorwurf der Gottlosigkeit, des Atheismus, in , der festen Burg des Pietismus - "Hochburg des Muckertums" wurde der Ort von den Sozialisten genannt - auf fruchtbaren Boden.
Als dritten Grund für den schlechten Start der Sozialdemokratie konnte man die Existenz eines monarchisch gesinnten evangelischen Arbeitervereins in anführen. Dieser Verein wurde mit kirchlicher Hilfe ebenfalls 1891 gegründet, hatte anfangs ebenso viele Mitglieder wie der sozialistische Arbeiterverein - und zwar aus Arbeiter-, Handwerker- und Weingärtnerkreisen - und versuchte, unterstützt von der Presse, im Rahmen der bestehenden Ordnung soziale Verbesserungen für die Arbeiterschaft zu erreichen.
Die Sozialdemokraten suchten die Auseinandersetzung mit dieser Gruppe vor allem auf religiösem Gebiet. Erst nach dem Ersten Weltkrieg spielte diese Konkurrenz des evangelischen Arbeitervereins keine große Rolle mehr. Dagegen führte der schon erwähnte soziale Wandel s seit der Jahrhundertwende sowie die allgemeine politische und wirtschaftliche Situation im Reiche - die forcierte Industrialisierung, sinkende Realeinkommen durch Anstieg der Agrarpreise und der Preise für gewerbliche Produkte, wachsende Wahlerfolge der sozialdemokratischen Partei - zwischen 1901 und 1911 zu einem stürmischen Anwachsen des Arbeitervereins. Dieser nannte sich ab 1906 "sozialdemokratischer Verein” und macht damit das wachsende Selbstbewußtsein der Arbeiterschaft und ihrer sozialdemokratischen Partei deutlich. Zählte man 1902 nur 45 Mitglieder, so war ihre Zahl Ende 1911 schon auf 316 Mitglieder angewachsen, darunter 32 Frauen, die seit dem neuen Reichsvereinsgesetz von 1908 das Recht hatten, in eine Partei einzutreten. Dem Verein gehörten vor allem Fabrikarbeiter an, aber auch Handwerksgesellen, darunter auch einige Söhne aus alten angesehenen er
Wengerter- und Handwerkerfamilien mit den Namen Schnaitmann, Heß, Laipple und Bäuerle. In der Regel aber gaben Zugezogene, "Reingeschmeckte", den Ton an. Versammlungslokale des Vereins waren vor dem Ersten Weltkrieg in der Regel die Gasthäuser "Adler" und "Rößle".
"Die drei bedeutendsten politischen Parteirichtungen des Kaiserreichs - von der katholischen Zentrumspartei kann man in Alt-Württemberg zunächst einmal absehen -, die Konservativen, die Liberalen und die Sozialisten, hatten in ihre lokalen Organisationen. Bis um die Jahrhundertwende dominierten in den Gemeindekollegien - in Gemeinderat und Bürgerausschuß - Weingärtner und Bauern, die sich im Güterbesitzerverein organisiert hatten, der dem konservativen württembergischen Bauernbund nahe stand und bei Reichstagswahlen entweder die Konservativen oder auch die Nationalliberalen unterstützte. 
Der 1898 gegründete Gewerbeverein dagegen, der Handwerker, kleine Fabrikanten und Kaufleute vertrat, stand in seiner Mehrheit politisch den Liberalen nahe. Dieser Verein bekämpfte seit der Jahrhundertwende die Vorherrschaft der Weingärtner in und forderte den sogenannten "Fortschritt", worunter er die Forderung von Gewerbe und Handel verstand, den Bau von neuen Wohnungen, den Ausbau der Straßen, eine weitere Schule und eine Straßenbahnverbindung von nach Stuttgart. Es ging ihm also um die Modernisierung und Anpassung des Ortes an die Welt der Industrie. Die Weingärtner waren sich im klaren darüber, daß dieser Anpassungsprozeß die dörflichen Strukturen langfristig zerstören und zur Verstädterung s im Sog der nahen Residenzstadt Stuttgart führen würde. Daher ihr zäher und hinhaltender Widerstand gegen diese Umwandlungsbestrebungen.
Der Gewerbeverein versuchte, für seine Kandidaten bei Gemeinderats- und Bürgerausschußwahlen auch Stimmen aus dem Lager der Arbeiter zu gewinnen. So kam es, daß zwischen 1904 und 1907 gemeinsame Kandidatenlisten des Gewerbevereins und des Arbeitervereins erstellt wurden. Der Arbeiterverein war an dieser Verbindung interessiert, denn auch er befürwortete Gewerbeansiedlungen in aufgrund der dadurch geschaffenen neuen Arbeitsplätze und hoffte seinerseits auf Stimmen aus dem bürgerlichen Lager, um ihm genehmen Kandidaten den Weg ins Rathaus zu ermöglichen. Das damals für Gemeinderatswahlen geltende Wahlrecht nämlich benachteiligte die Sozialdemokraten. Stimmberechtigt waren nur Männer über 25 Jahren, die mindestens drei Jahre lang bereits in  lebten und Steuer bezahlten. Außerdem war Voraussetzung bis 1907 eine Bürgerrechtsgebühr von 10 Reichsmark - später gesenkt auf 2 RM -, eine Summe, die immerhin etwa dreieinhalb Tagelöhnen entsprach. Ein Großteil der SPD-Anhänger aber bestand aus Zugezogenen und aus einkommensschwachen Schichten. Die Verbindung von Gewerbe- und Arbeiterverein mit dem Ziel, die konservative Mehrheit der Weingärtner auf dem Rathaus zu brechen, nutzte zunächst nur dem Gewerbeverein, der bei Gemeinderats- und Bürgerausschußwahlen mehrere Kandidaten durchbrachte. Bei der Schultheißenwahl von 1908 unterlagen beide, indem sie gegen den zum erstenmal gewählten August Brändle, der von den Pietisten lanciert worden war, einen Gegenkandidaten unterstützten. 
Auffallend ist, daß danach der Gewerbeverein bei der Verfolgung seiner politischen Ziele enger mit den Weingärtnern zusammenarbeitet und an einem Erfolg des Arbeitervereins weniger  interessiert ist. Der stärkere Einfluß van Fabrikanten wie Andreas Maier und Karl Wüst im Gewerbeverein macht es andererseits auch den klassenbewußten Arbeitern zunehmend unmöglich, mit dem Gewerbeverein gemeinsame Sache zu machen. Steigende Mitgliederzahlen im Arbeiterverein und die verschärfte innenpolitische Situation seit den Reichstagswahlen von 1907, den sogenannten "Hottentottenwahlen", führten dann auch mit zum Bruch des Arbeitervereins in mit den Bürgerlichen. Von 1908 an führte der Arbeiterverein jedes Jahr einen Wettkampf gegen eine bürgerliche Koalition von Weingärtnern und Gewerbetreibenden, vertreten durch Güterbesitzerverein, Gewerbeverein, Bürgerverein und Bürgerbund, brachte jedoch keinen Kandidaten in die Gemeindekollegien, während es den bürgerlichen Vereinen 1908 immerhin gelang, einen nichtsozialistischen Arbeiter in den Bürgerauschuß zu lancieren. Erst das Auseinanderfallen des bürgerlichen Lagers im Jahr 1913 - Bürgerverein, Gewerbeverein und Bürgerbund erstellten zusammen mit den Sozialdemokraten einen Wahlvorschlag gegen den Güterbesitzer Verein - ermöglicht die Wahl eines ersten sozialdemokratischen Kandidaten in den Gemeinderat. Interessanterweise wurde dabei das Zusammengehen von Bürger- und Gewerbeverein mit dem Arbeiterverein von der Basis dieser beiden bürgerlichen Vereine erzwungen und findet eine Parallele in der Zusammenarbeit der bürgerlichen Fortschrittspartei mit der Sozialdemokratischen Partei auf Reichsebene.
Größere Erfolge dagegen konnten die er Sozialdemokraten vor dem Ersten Weltkrieg bei den Landtags- und Reichstagswahlen verbuchen. Hier galt jeweils das allgemeine Wahlrecht, das der SPD zugute kam. Bei den Reichstagswahlen steigerte sich ihr Stimmenanteil von 2 Prozent der abgegebenen Stimmen im Jahre 1898 auf 52 im Jahre 1912. Diese Reichstagswahl von 1912 machte die SPD zur stärksten Reichstagsfraktion und bedeutete auch den politischen Höhepunkt der SPD in vor 1914. Der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Keil, einer der profilierten Sozialdemokraten Württembergs, meinte einige Wochen nach seiner Wiederwahl  1912, sei überall bekannt und spiele bei Wahlen und in der Parteibewegung eine  hervorragende Rolle.
Man muß sich aber im klaren darüber sein, daß diese Wahlen als "Protestwahlen" einzustufen sind und der Triumph der Sozialdemokratie mit Stimmen auch aus dem bürgerlichen Lager, vor allem dem der liberalen Fortschrittspartei, möglich wurde. Immerhin aber erreichte die SPD bei den Landtagswahlen im November 1912, auch ohne die Unterstützung der bürgerlichen
Wähler, 48 Prozent der abgegebenen Stimmen: ein Beweis für die Stärke dieser Partei auch in .


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