Die Arbeiterbewegung in zwischen 1890 und 1945 (Schluß)

45,3 Prozent für die Nationalsozialisten

Am 7. April wurden 31 in Schutzhaft genommen - Hermann Kramers Schicksal

War das Verhältnis von Sozialdemokraten und Kommunisten, vor allem am Ende der Weimarer Republik, von Rivalität bestimmt, so gab es in der Gemeindepolitik auch Gemeinsamkeiten, wobei man im Ziel sich einig war, dennoch getrennt voneinander vorging. So lehnten SPD und KPD 1921 die Wiederwahl von Schultheiß Brändle aus politischen Gründen ab. Sie empfahlen getrennt voneinander Wahlenthaltung, was dann auch zu einer Wahlbeteiligung von nur 53 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung führte.
Nach dem plötzlichen Tod von Brändle 1931 stand die Gemeinde vor der Frage einer eventuellen Eingemeindung nach Stuttgart oder der Neuwahl eines Bürgermeisters. KPD und SPD, schon immer politisch nach Stuttgart orientiert, aber auch der Gewerbeverein, hatten schon 1921 bis 1923 gegen einen Anschluß von an das Oberamt Waiblingen und für eine Eingemeindung nach Stuttgart gekämpft. Nur durch einen Zusammenschluß mit Stuttgart sei es möglich, Fragen wirtschaftlicher und kultureller Natur in fortschrittlichem Sinne zu lösen, meinten 1921 die Gewerkschaften.
Gegen den Widerstand von Weingärtnern und eines Teils des Gewerbevereins, aber mit Zustimmung aller Arbeiterparteien, trat die Gemeinde 1931 in Verhandlungen mit Stuttgart ein. Diese scheiterten aber an den hohen finanziellen Forderungen  s. Die Gemeinde wünschte den Bau einer Realschule, eines Hallenschwimmbades, einer Turnhalle, einer Kläranlage. Ob die Vorteile, die sich vor allem die Arbeiterbewegung von einer Eingemeindung erhoffte, wirklich die Nachteile überwogen hätten, muß aus heutiger Sicht bezweifelt werden.
Bei der Bürgermeisterwahl von 1932 spielte die Arbeiterbewegung eine nicht unwichtige Rolle. Der Weingärtnerbund und die NSDAP unterstützten die Kandidatur eines Nationalsozialisten, der Gewerbeverein gab die Wahl frei, einige führende Leute des Vereins, die sich in einer Anzeige verantwortungsbewußt nannten, stellten sich jedoch hinter den nationalsozialistischen Kandidaten. In dieser Situation unterstützten SPD und KPO die Kandidatur von Graser und ermöglichten ihm dadurch bei einer Wahlbeteiligung von 80 Prozent den Wahlerfolg von 77 Prozent der abgegebenen Stimmen. Unter den Befürwortern einer Wahl Grasers befand sich auch das KPO-Mitglied Heinrich Schnaitmann, der spätere Bürgermeister von in den Jahren 1945 bis 1948, der schon 1933 in Schutzhaft genommen wurde und dessen Entlassungsgesuch Graser im Juni 1933, vermutlich unter starkem Druck der örtlichen NSDAP-Führung, nicht befürworten wollte. Konkurrenz, aber auch zeitweise Übereinstimmung bestimmten das Verhältnis der Arbeiter in  der Gemeindepolitik. Scharfe Rivalität bestand jedoch bei dem Versuch, Einfluß auf die Arbeiterkultur und Sportvereine zu erlangen. Als Beispiel dafür sei das Wirken des Turnerbundes erwähnt, der 1921 ebenso wie der Gesangsverein "Vorwärts" mehr als 200 Mitglieder zählte und Spielplätze, Turnhallen und Badeanstalten förderte, "damit die Jugend nicht in Kinos, Wirtshäusern, im Zigarettenrauchen und wie diese schädlichen Einflüsse alle heißen ihre Unterhaltung suche".

Turnhalle in der Untertürkheimer Straße 

Der Verein konnte selbst 1923 an der Untertürkheimer Straße eine kleine Turnhalle einweihen. Selbstbewußt verkündete er schon 1921, man kämpfe für Frieden, Volksfreiheiten und Volksrechte, die Arbeiterturner seien Kämpfer fürs Proletariat. 
Rivalität herrschte zwischen den Arbeiterparteien auch bei der Erfassung neuer Gruppen. So gab es zwei Verbände, die sich von seiten der Arbeiterparteien um die Kriegsbehinderten kümmerten, zwei Jugendverbände und 1930 auch noch einen kommunistischen Arbeitersportverein (Rote Sportler) neben dem Turnerbund. Neugegründete Verbände wie der Freidenker- und Monistenverband (1923), die Naturfreunde (1924), eine Esperantogruppe (1924) und ein Arbeiterradiobund (1929) scheinen eher zur KPD geneigt zu haben. 
Nach Abspaltung der KPO-Gruppe 1929 und der Auflösung des örtlichen Kartells der Gewerkschaften 1930 verlor die KPD ihren Einfluß zugunsten der KPO und der SPD. Ab 1930 konkurrieren zwei Arbeiter Sport- und Kulturkartelle um Einfluß bei den Arbeitern. Der Kampf gegen den Nationalsozialismus - die NSDAP agitierte seit 1929 mit Erfolg in - wurde durch die Spaltung der Arbeiterbewegung erheblich erschwert. Nach dem Erfolg der NSDAP bei den Reichstagswahlen von 1930 und dem nationalen Zusammengehen von NSDAP und Deutsch-Nationalen in der sogenannten Harzburger Front war auch ein Teil des Bürgertums in den Nationalsozialisten zugeneigt. Das beweisen die Listenverbindungen zwischen Weingärtnerbund, Gewerbeverein und NSDAP bei der Gemeinderatswahl von 1931 und auch die Unterstützung eines nationalsozialistischen Bürgermeisterkandidaten 1932 durch den Weingärtnerbund. Doch gab es innerhalb des Weingärtner- und Bauernstandes auch Widerstände gegen die Nationalsozialisten, als Beleg dafür sei die kurzfristige Verhaftung des Landwirts, Gemeinderats und Landtagsabgeordneten Johannes Kugler im April 1933 erwähnt. 
Die Arbeiterbewegung konnte sich auch in auf ein einheitliches Vorgehen gegen die NSDAP nicht einigen. Der der SPD nahestehende Wehrverband Reichbanner, seit 1928 in , verband sich Anfang 1932 mit den Gewerkschaften und den Arbeiterkultur- und Sportvereinen zur Eisernen Front, die, wie es in einem Aufruf hieß, "die deutsche Republik und ihre Verfassung bis zum letzten Blutstropfen schützen will" und in der NSDAP und KPD die Feinde der Republik sah.
Die Machtergreifung Hitlers 1933 konnte die Arbeiterbewegung in nicht zur Einheit zwingen. Die KPO plante für den 11. Februar eine einheitliche Protestdemonstration aller Arbeitsvereine gegen die Machtergreifung Hitlers. Doch die SPD forderte den Anschluß an die Eiserne Front, die KPD den Anschluß an die "Antifaschistische Aktion" unter der revolutionären Führung der KPD. Resigniert stellte die KPO schließlich fest, "daß das Verständnis für eine einheitliche Aktion bei SPD und KPD noch nicht vorhanden sei". Ein einheitlicher Protest der Arbeiterbewegung hätte sicherlich ein Signal gesetzt, aber ob es noch etwas bewirkt hätte? Beide Parteien machten nun in getrennten Kundgebungen letzte Versuche, das Verhängnis eines totalitären NS-Staats aufzuhalten. Die Eiserne Front organisierte eine Massenveranstaltung am 25. Februar 1933, an der auf dem Cannstatter Platz - ab 1. Mai 1933 hieß er Hindenburgplatz - über 600 Personen teilnahmen und ein Bekenntnis für ein freies Volk und den Sozialismus ablegten. Es sollte die letzte große Veranstaltung in im Sinn der Arbeiterbewegung sein. Am 2. Mai wurden mehrere Wohnungen kommunistischer Genossen durchsucht, Druckschriften beschlagnahmt und ein kommunistischer Arbeiter vorläufig festgenommen. Unter diesem Druck fanden die Reichstagswahlen vom 5. März 1933 statt. Die NSDAP erhielt in 45,3 Prozent der Stimmen (1932: 32,6 Prozent) und profitierte hauptsächlich von der höheren Wahlbeteiligung und von Verlusten des Bauern - und Weingärtnerbundes. Die SPD hatte absoluten Zahlen gesehen Stimmengewinne und profitierte vermutlich von den Verlusten der KPD.
Nach der Wahl begann im Reich und auch in die systematische Zerschlagung der Arbeiterbewegung. Die KPD- und KPO-Gemeinderäte mußten im März, die SPD-Gemeinderäte im Juni den Gemeinderat verlassen. Am 10. Mai wurden die Akten und das Vermögen der SPD beschlagnahmt und vernichtet, die Partei kam einem Verbot ihres Ortsverbandes durch Selbstauflösung, vermutlich im Juni zuvor.

Aufruf zur Maikundgebung vom 30.04.1927


Die übrigen Arbeitervereine wurden im Laufe des Jahres 1933 aufgelöst, die Turnhalle des Turnerbundes beschlagnahmt. Auch die Verfolgung der bekanntesten kommunistischen und sozialdemokratischen Genossen begann im Jahre 1933. Am 7. April verließ ein Auto mit 31 in Schutzhaft genommenen Genossen in Richtung Stuttgart. Die Liste der Verhafteten existiert noch. Unter den Verhafteten war auch Hermann Kramer. Er war KPD-Mitglied und Naturfreund und fand nach seiner ersten Entlassung 1933 Arbeit in einer Cannstatter Firma, wo er einer Widerstandsgruppe angehörte. Er wurde 1936 erneut verhaftet, konnte in die Schweiz fliehen und nahm am spanischen Bürgerkrieg teil. Im Zweiten Wettkrieg begann er wieder mit dem Kampf gegen den Nationalsozialismus. 1944 sprang er aus einem englischen Flugzeug über der Schwäbischen Alb ab, wurde aber von der Gestapo wenig später verhaftet und im KZ Sachsenhausen umgebracht.
Nach 1945 wurde in eine Straße nach Hermann Kramer benannt, 1951 wurde dieser Vorgang wieder annulliert. Die Stadt ehrte letztes Jahr den Widerstand des Pfarrers Sturm durch die Benennung einer Straße nach ihm. Gebührt diese Ehre nicht auch einem Widerstandskämpfer aus  den Reihen der Arbeiterschaft, auch wenn dieser Widerstand nicht spektakulär in geleistet wurde?
In der Gestalt des Heinrich Schnaitmann, der bis 1919 der SPD, dann der KPD und schließlich der KPO angehörte, der 1933 in Schutzhaft kam und schließlich von 1945 bis 1948 Bürgermeister in war, symbolisiert sich wohl am ehesten Entwicklung und Problematik der Arbeiterbewegung. Die Entwicklung dieser Bewegung aus der Vergessenheit der Geschichte wieder hervorzuholen, war Anliegen dieser Arbeit.


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