Die Arbeiterbewegung in zwischen 1890 und 1945 (4)

Kulturvereine und Waldheimverein

Des Vereinsleben vor dem Ersten Wettkrieg - Nach 1918 stärkerer politischer Einfluß


Neben den politischen, gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Organisationen bildeten Arbeiterkulturvereine eine weitere organisatorische Stütze der Arbeiterbewegung. Wenn man heute von Arbeiterkultur spricht, so denkt man vor allem an Elemente des Alltagslebens der Arbeiterschaft wie Wohnverhältnisse Gewohnheiten des Lebens und Arbeitens und Formen der Freizeitgestaltung. Dazu gehört auch das Arbeiter-Vereinswesen. Gemeinsame Erfahrungen am Arbeitsplatz, ein grundsätzliches Einverständnis über politische Ziele sowie das Gefühl, in bürgerlichen Vereinen und überhaupt in der wilhelminischen Gesellschaft isoliert zu sein, führten viele Arbeiter dazu, in spezielle Arbeitervereine einzutreten, so in Arbeitergesang- oder Arbeitersportvereine. Dort suchte und fand man Geselligkeit, Entlastung von den Strapazen der Arbeitswelt, Stärkung des Selbstbewußtseins und des Solidaritätsgefühls, Erleichterung gegenüber der täglichen sozialen und politischen Diskriminierung und auch ein Stück politische Heimat.
Der erste Arbeiterverein in war der im September 1905 gegründete Radfahrerverein "Frisch-Auf", der sich dem nationalen Radfahrerverband "Solidarität" anschloß. Schwerpunkte der Vereinsarbeit waren Mannschaftssportarten im Touren- und Wanderfahren, aber auch im Kunstfahren, etwa im Reigenfahren, oder in Rad-Akrobatik. Man bevorzugte das Langsamfahren. Sowohl Einzelwettbewerbe als auch die "egoistische Rekordjagerei" der schnellen Wettfahrten lehnte man - wenigstens vor dem Ersten Weltkrieg - ab. Als wichtiges Nahverkehrsmittel der Arbeiter galt der Sozialdemokratie das Rad auch gleichzeitig als ein bedeutendes Vehikel zum Zweck politischer Agitation, auch zur Verbreitung von Informationen und Meinungen.
Ein zweiter Arbeiterverein war der im April 1906 im Gasthaus "Kernenturm” gegründete Gesangverein "Vorwärts". Er ist Vorgänger des heutigen Singchors und hat sich dem Württembergischen Arbeitersängerbund und seit 1909 dem Deutschen Arbeitersängerbund angeschlossen. Laut den Vereinsstatuten konnte, jeder unbescholtene Mann aufgenommen werden, jedoch soll derselbe gewerkschaftlich oder politisch organisiert sein. Außerdem wollte der Verein "ein eifriges Glied für die Sozialdemokratie” werden. Somit war wohl der Hauptgrund für die Bildung dieses Vereins der, daß man sangesfreudigen Arbeitern auch gleichzeitig eine politische Heimat bieten wollte. 1912 zählte dieser Verein bereits 140 Mitglieder - darunter zeitweise ein Damenchor. Er bildete damit eine echte Konkurrent zu dem schon seit längerer Zeit bestehenden bürgerlichen Gesangverein. Die Vereinskultur und Geselligkeit solcher bürgerlichen Gesangvereine ahmte man allerdings auch hier im Arbeiterverein sehr stark nach. Das Gesangsprogramm orientierte sich weitgehend am traditionellen Liedergut, und auch die Feste und Feierlichkeiten entsprachen im allgemeinen denen der bürgerlichen Kulturvereine. Eine Fahnenweihe im Jahr 1912 war entsprechend mit Festrednern und Festzug, vielen Festjungfrauen und einem Festbankett verbunden. Zur Weihnachtsfeier desselben Jahres sang man zwar zur Eröffnung zwei modernere Lieder, die damals zum festen Repertoire eines jeden Arbeitergesangsvereins gehörten, nämlich "Tod Felesons" und "Walther von der Vogelweide", danach aber folgten Chöre wie: "Am Wörthersee" und "Die Mühle im Tal” sowie die Aufführung der Komödie "Die Schatzgräber”. 
Der dritte Arbeiterverein s, der 1909 gegründete Turnerbund, erklärte zu seinem Ziel "die Pflege des Geräte- und volkstümlichen Turnens zur Erziehung und Ausbildung der Mitglieder sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht”. Seine Turnabende mußte er zunächst in einem Schuppen hinter dem Gasthaus "Linde" veranstalten. Neben den sportlichen Zielen verfolgte man ähnlich wie bei den Radsportlern politische Ziele. So hieß es in einem Bericht aus dem Jahr 1910: "Hinein in den Turnerbund, denn nur in dem Arbeiterturnerbund werden die Interessen eines Arbeiters gewahrt” 1911 zahlte der Verein, der Mitglied des Deutschen Arbeiterturnerbundes war, schon 153 Mitglieder. Im Oktober 1913 wurde in ein weiterer Arbeiterverein gegründet, der den Sozialdemokraten nahestehende Arbeitersamariterbund, ein Sanitäterverein. Er übernahm außer der Unfallverhütung und Ersten Hilfe am Arbeitsplatz die medizinische Betreuung bei Versammlungen und Festzügen - einen Rot Kreuz-Verein gab es um diese Zeit in noch nicht. Der Arzt Dr. Wagner übernahm die medizinische Ausbildung der Arbeitersanitäter - im wilhelminischen Deutschland keine Selbstverständlichkeit unter Ärzten. Zwischen diesen Arbeiterkulturvereinen und der er Sozialdemokratie bestanden enge Beziehungen. Viele Sozialdemokraten waren Mitglieder und sogar häufig im Vereinsvorstand tätig. Auch wurden Veranstaltungen und Feste gemeinsam begangen, wie das alljährlich stattfindende Sommer- und Kinderfest der Arbeitervereine mit großem Festumzug und anschließendem bunten Treiben in Salzmanns Garten. Gemeinsam nahm man auch an den Veranstaltungen zum 1. Mai teil. Als Festtag für die internationale Solidarität der Arbeiter - gesetzlicher Feiertag allerdings erst ab 1933 - diente er der Arbeiterbewegung dazu, soziale Reformen zu reklamieren, wie vor allem den Achtstundentag. Er war Kampf und Agitationstag, aber zugleich auch Festtag, der den Arbeitern die Erfahrung eines kollektiven Selbstbewußtseins vermittelte. Nur ein Teil der Arbeiter aber konnte es wagen, an diesem Tag der Arbeit fernzubleiben. Solche Arbeiter sammelten sich schon morgens zu einem Demonstrationsausflug in die nähere Umgebung, etwa nach Strümpfelbach. In der Regel fand jedoch erst am Abend eine große Maifeier im "Adlersaal" statt, wobei alle Arbeitervereine beteiligt waren. Anläßlich des 1. Mai 1914 veranstalteten die Arbeitervereine am Sonntag darauf zum ersten Mal einen Festzug durch den Ort. Die Genehmigungsbehörde hatte strenge Auflagen gemacht, der Umzug mußte wegen des Gottesdienstes nach 13 Uhr stattfinden, und vor der Kirche durfte die Musikkapelle nicht spielen. Dennoch wurde dieser Festzug zu einer eindrucksvollen Demonstration der  Arbeiterbewegung in .
Im Mai 1913 gründeten alle er Arbeitervereine zusammen einen Waldheimverein. Er bot den Genossen Anteilsscheine zum Kauf an, und aus dem Erlös wurde ein  Gelände im Bühlwald auf dem Kappelberg gekauft. Mit tatkräftiger Hilfe der Vereinsmitglieder wurde dieses Gelände planiert, eine offene Halle gebaut und Spielplätze angelegt. Noch Jahre später wurde es von den Genossen als das schönste Waldheim Württembergs bezeichnet. In dieser Begegnungsstätte fand, wie es in einem Bericht hieß, "der durch stumpfsinnige Arbeit geschwächte Geist des Arbeiters wieder neue Lebenskraft”.

Vereinsfahne "Gesangverein Vorwärts"

Die Waldheimbewegung bildete zweifellos den Höhepunkt in der politischen und kulturellen Bewegung der er Arbeiterschaft vor dem Ersten Weltkrieg, barg aber bereits den Keim des Niedergangs in sich. Finanzielle Schwierigkeiten, vor allem aber die politische Spaltung der Arbeiterschaft, führten 1919 zur Auflösung des Waldheimvereins und damit zum "Aus" für das Waldheim selbst, das 1920 verkauft und schließlich abgerissen wurde. Die Mobilmachung und Kriegserklärungen 1914 scheinen die er Sozialdemokraten ziemlich jäh aus der trügerischen Idylle von Sommerfestvorbereitungen herausgerissen zu haben. Eine eilig für den 1. August einberufene öffentliche Protestversammlung gegen den drohenden Weltkrieg wurde vom Schultheißenamt im Auftrag der Militärbehörden, die Zensur ausüben konnten, verboten. Die Sozialdemokraten im Reich, mitgerissen von der nationalen Begeisterung auch in den Reihen der Arbeiter, gewährten die ersten Kriegskredite im Reichstag. Dies war der Beginn der sogenannten "Burgfriedenspolitik" im Deutschen Reich. Man hoffte, die Arbeiterschaft für einen hingebungsvollen Einsatz im Feld und an der Heimatfront in diesem Krieg zu gewinnen, der von der SPD bis 1917 zum großen Teil mitgetragen wurde. Auch in bemühten  sich Gemeindeverwaltung und Gemeinderat um die Sozialdemokratie: Eingaben der SPD an den Gemeinderat wurden bei der Beschlußfassung berücksichtigt. Die Teilnahme des Sozialdemokratischen Vereins an einer vaterländischen Kundgebung anläßlich des Kaisergeburtstages im Jahr 1917 kann als sichtbarer Erfolg dieser Bemühungen gewertet werden. In einer auch von den Sozialdemokraten gebilligten Resolution erklärten die Teilnehmer, "daß auch wir Männer des arbeitenden Volkes hinter der Front einig

Waldheim auf dem Kappelberg


mit unseren kämpfenden Brüdern an der Front gewillt sind, . . . den aufgezwungenen Kampf bis zu seinem siegreichen Ende durchzukämpfen”. Man hofft auf einen "den ungeheuren Opfern entsprechenden Frieden”. Es war für die Partei nicht leicht, im Laufe des Jahres 1917 von dieser Position eines Siegfriedens zum Gedanken des Verständigungsfriedens zu gelangen.
1918 wird auf Vorschlag des Sozialdemokratischen Vereins im Juni eine Lebensmittelkommission gegründet, der sieben Kommissionsmitglieder, darunter zwei Sozialdemokraten, angehörten und deren Vorsitzender ebenfalls Mitglied des Sozialdemokratischen Arbeitervereins war. Sie bemühten sich in der Zeit der Lebensmittelknappheit um eine bessere Versorgung der er mit lebensnotwendigen Gütern. Damit hat der Sozialdemokratische Verein auch politische Verantwortung übernommen und leistete einen wichtigen Beitrag zur Kanalisierung des Unmuts breiter Bevölkerungskreise über die schlechte Lebensmittelversorgung.
Das Kriegsende und die Revolution im November 1918 scheinen in ohne politische Unruhen abgelaufen zu sein. Schultheiß und Gemeinderat blieben im Amt. Ein im Dezember 1918 gebildeter Arbeiter- und Bauernrat war lediglich als Kontroll- und Beratungsgremium für Gemeindeverwaltung und Gemeinderat gedacht. Die Arbeiterbewegung in hat sich aber im November 1918 in Anhänger der SPD und der USPD gespalten.
Diese "Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands" berief für den 8. Dezember in eine öffentliche Versammlung ein, auf der vier Arbeiterräte gewählt wurden - allem Anschein nach je zwei Mitglieder der SPD und der USPD. Bürgerverein, Bürgerbund, Gewerbeverein und Güterbesitzerverein wählten schließlich in einer Versammlung am 17. Dezember drei Bauernräte. Vorsitzender dieses neugebildeten Arbeiter- und Bauernrates war ein Sozialdemokrat. Somit schien Ende 1918 die Arbeiterbewegung, die vorher durch das auf örtlicher Ebene gültige Wahlrecht so stark unterrepräsentiert war, den ihrer wirklichen Stärke entsprechenden politischen Einfluß gewonnen zu haben. Zugleich war sie nun auch zur Zusammenarbeit mit dem bürgerlichen Lager bereit.


Fortsetzung
Inhaltsverzeichnis
back home