(Aus der Beilage der Fellbacher Zeitung zum Fellbacher Herbst 2001 )


Gerhard Aldinger: Entwicklung des Weinbaues im 19. Jahrhundert

Not führt zu einer Auswanderungswelle


Gerhard Aldinger, Seniorchef des Fellbacher Weingutes und ehemaliger Stadtrat, zieht ein Resümee zur Entwicklung des Weinbaues in 19. Jahrhundert:

Eine Häufung von Missjahren, ausgelöst durch Frost, Hagel, Dürre oder verregneten Perioden, führten zu einer unvorstellbaren Armut. Durch die Krautfäule fiel die Ernte beim Hauptnahrungsmittel Kartoffel meist mager oft sogar ganz aus. Die in Württemberg übliche Realteilung ließ bedingt durch die meist kinderreichen Familien mit oft zehn und mehr Kindern die ohnehin kleinen Betriebsflächen schnell unter das Existenzminimum sinken. Die Abgaben über den "Zehnten" (bis 1849) schmälerten zusätzlich das Einkommen. Deshalb kam es des öfteren auch zu Notverkäufen.
Handwerk, Handel und Gewerbe deckten den Arbeitskräftebedarf meist aus den eigenen Familien ab. Industrie gab es kaum, dadurch war eine Alternative zur Arbeit in der Landwirtschaft kaum gegeben.
All dies löste eine unglaubliche Auswanderungswelle aus. Zwischen 1800 und 1850 suchten mehr als 600 Fellbacher ihr Heil im Ausland, vor allem in Amerika und Russland. Während die Russland-Auswanderer allermeist in die Alte Heimat zurückgedrängt wurden, leben heute allein aus der Sippe Aldinger 400 Nachkommen in den Vereinigten Staaten.

Die 1906 erbaute Gemeindekelter hatte schon 3 hydraulische Pressen.


Wenn auch der gewonnene Krieg gegen Frankreich den Weinkonsum kurzfristig belebte, gaben die Entwicklungen im Weinbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht gerade Anlass zur Euphorie. Die vermutlich aus Amerika eingeschleppten Pilzkrankheiten Oidium und Peronospora führten immer häufiger zu Fehljahren. Die Tatsache, dass man in Fellbach von der "Krankheit", im Remstal gar von der "Seuche oder Pest' sprach, zeigt deutlich, welche Gefahren auf den Weinbau zugekommen waren. Da insbesondere gerade der bäuerliche Kreis im damaligen Marktflecken stark vom Pietismus geprägt war, wurde die ersten Spritzversuche zur Bekämpfung der Krankheit massiv gebrandmarkt. Doch schon bald zeigte sich, dass es ohne nicht mehr ging. Schultheiß Lipp und Alt-Traubenwirt Off kommt hier eine besondere Vorreiterrolle bei diesen Versuchen zu.
1868 wurde in Weinsberg die erste deutsche Weinbauschule gegründet. Von ihr gingen auch wesentliche Impulse zur wissenschaftlich fundierten Bekämpfung dieser Rebkrankheiten aus. Im Jahre 1858 gründete der damalige Fellbacher Oberlehrer Auberlen die Weingärtnergesellschaft. Die Mitgliedschaft war freiwillig und vielfach nur parzellenbezogen. Das erklärte Ziel war, durch den Anbau höherwertiger Rebsorten und späte Lese die Qualität zu steigern.
Im Bereich der Kelterung vollzog sich im 19. Jahrhundert ein starker Wandel. Die früher dezentral am Hangfuß angesiedelten Kelterplätze wurden aufgelassen und durch attraktive Kelterbauten am Ortsrand versuchte man zugleich das Prestige einer Gemeinde zu demonstrieren. Ein Paradebeispiel wurde hier 1906 die wohl größte Gemeindekelter erbaut. Schon damals mit drei hydraulischen Pressen ausgerüstet musste die Einweihung dieses Prachtbaues um ein Jahr verschoben werden, weil die Rebkrankheiten wieder einmal alle Hoffnungen zerstörten.


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