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Ein Artikel aus der Fellbacher Zeitung vom März 1996


4. Fellbacher Spaziergang der Kulturgemeinschaft in Schmiden

Erster Bürkle kam aus Fellbach

Vierzig interessierte Bürger standen am Samstag nachmittag vor dem Schmidener Rathaus und blinzelten erwartungsvoll in die Sonne. Dr. Roland Jäger von der Fellbacher Kulturgemeinschaft freute sich über den regen Zuspruch, den die "Fellbacher Spaziergänge" finden. Ein "echter" Schmidener und Hobby-Historiker, Sproß einer alteingesessenen Schmidener Familie, führte zweieinhalb Stunden lang durch den alten Kern des zweitgrößten Fellbacher Ortsteils: der Dipl.-Ing. Hans Kauffmann, sonst beschäftigt im Stuttgarter Regierungspräsidium.

Das fruchtbare Schmidener Ackerland wurde schon von alters her geschätzt. Bereits die Kelten siedelten an den heutigen Sportanlagen, und auch Alemannengräber wurden auf Schmidener Gemarkung gefunden. Wahrscheinlich war zur Zeit der Karolinger hier eine Waffenschmiede, daher stammt der Ortsname.

Eine der beiden großen Schmidener Sippen, die Kauffmanns, stammen ursprünglich aus Cannstatt, ihr Stammvater hat nach dem 30 jährigen Krieg ins große Haus eingeheiratet. Der erste Bürkle kam schon etwas früher, nämlich 1608, aus Fellbach nach Schmiden, sein Spitzname war "Krummholz", weil er von Beruf Wagner war. Die Bürkles waren sehr fruchtbar, einer hatte mit zwei Frauen 28 Kinder, von denen aber weniger als die Hälfte überlebten. Nach dem Dreißigjährigen Krieg gab es nur noch acht Familien in Schmiden. 1890 waren es wieder 900 Einwohner, die sich die erkleckliche Zahl von 9 Gasthäusern teilen konnten. Die Schmidener waren zwar als etwas schwerfällig, aber auch als wohlhabend bekannt. Im Remstal hatten sie den Spitznamen "Wackelbäuch" weg.

Der Turmstock der Dionysiuskirche ist wohl das älteste Gebäude der Gegend, er stammt aus der Karolingerzeit. Der Turm war ursprünglich ein Profanbau; vor 1150 wurde er zur Chorturmkirche umgebaut. 1350 wurde dann der heutige Chor und 100 Jahre später das Kirchenschiff gebaut. Der Turm wurde in der Folgezeit noch zweimal erhöht. Der Chor wurde um 1480 vollständig ausgemalt, in der Reformationszeit wurden die Fresken aber alle überputzt und erst 1960 wiederentdeckt und mühevoll freigelegt.

"Geschichte und Ortskunde ergänzen sich wie Zeit und Raum", so Hans Kauffmann, Moltke zitierend. Man erfuhr von ihm vieles von der Historie und manches "Histörchen" von den alten Schmidener Höfen und ihren Bewohnern. Der "Papsthof", der zum Kloster Lorch gehörte und um 1300 erstmals erwähnt wurde, war einst der größte Hof in Schmiden mit 210 Morgen Land. Auch eine Kelter gab es hier- sie wurde allerdings um 1800 abgebrochen. Ebenfalls stattliche Höfe waren der "Kälbleshof", zu dem als Besonderheit je zwei Wohnhäuser und Scheunen gehörten, der "Butterhof" sowie der vordere und hintere "Schnitzbiegel". Der Name kommt von gedörrten Birnenschnitzen, die die Bäurein gerne an die Schulkinder verteilte. Die riesige Zehntscheuer von 1596 wurde im Jahr 1960 abgebrochen.

Unumstrittenes Schmuckstück von Schmiden ist das Große Haus, das von der Stadt aufwendig restauriert wurde. Der Erbauer Hans Frech - die Familie starb im Dreißigjährigen Krieg aus - war wohl Weinhändler, der große Gewölbekeller faßt Fässer mit insgesamt 50.000 Liter Wein.

Zum Abschluß dieser überaus lebendigen Geschichtsstunden war noch ein gemütliches Zusammensitzen im Gasthaus Hirsch vereinbart. Dort wußte der eine oder andere noch manch Interesantes oder Weiteres von seinen Vorfahren zu berichten.

Brigitte Hess


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