100 Jahre Fellbacher Bank, 1890-1990

Eine kleine Sozialgeschichte von Hans-Volkmar Findeisen

[Auszug]


Von der Gründung bis zum Ersten Weltkrieg

Mit schwarzen Käppchen und fromm gesenktem Blick

Nicht nur im geistlichen, auch im Irdischen bemühten sich die Pietisten, ihr "Sach" für den jüngsten Tag zusammenzuhalten. Die Abbildung zeigt das auch in Fellbach populäre "Fünfbrüderbild" mit der Führungsriege der Hahnschen Gemeinschaft in letzten Jahrhundert: ganz rechts der Gemeinschaftsgründer Michael Hahn, ganz links Johannes Schnaitmann aus Fellbach 

 

Über ihren Köpfen schwebt ein Schriftzug aus der Offenbarung des Johannes, Kapitel 3, Vers 11: "Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, daß niemand deine Krone nehme." Fünf ältere Männer sitzen um einen ovalen Tisch herum. Im Hintergrund sieht man eine hübsch gestreifte Tapete, wie sie ehedem in guten Bürgerhäusern üblich war. Vier der Herren tragen einen rabenschwarzen Rock und ein rundes, schwarzes Käppchen auf dem Kopf. Sie studieren in den Büchern, die vor ihnen auf dem Tisch liegen. Der fünfte im Bunde trägt eine Bauerntracht und beschreibt mit Tinte und einem Federkiel ein Blatt Papier. Mit schiefen Köpfen oder fromm gesenkten Blicken und perspektivisch etwas mißlungen präsentiert sich das gemalte Herrenquintett dem Betrachter.
Das Bild heißt das "Fünfbrüderbild". In der Mitte des 19. Jahrhunderts von einem unbekannten Maler aus einzelnen Portraits zusammen montiert, ist es eine Art Kultbild der pietistischen Gemeinschaften in Württemberg geworden. Es zeigt das Collegium der "Gründungsväter" der Michael Hahnschen Gemeinschaft: Michael Hahn, Anton Egeler, Johann Martin Schäffer, Immanuel Gottlieb Kolb und Johannes Schnaitmann.
 

Schnaitmann war Fellbacher und im letzten Jahrhundert "bischöfliches" Oberhaupt der größten Pietistengemeinschaft im ganzen Deutschen Reich. Der Pietismus drückte der Gemeinde über viele Generationen hin weg seinen Stempel auf. Und das Bild von den fünf Brüdern schmückte die ansonsten bewußt schlicht gehaltenen Stuben vieler Fellbacher Wengerter und Handwerker noch bis weit in dieses Jahrhundert.

"Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, daß niemand deine Krone nehme." Dieser Satz, er thront nicht umsonst über den Köpfen der Hahnschen Väter. In ihm verbirgt sich das geheime innere Leitmotiv der Geschichte einer ganzen Gemeinde während der letzten zwei Jahrhunderte.

Das festzuhalten, was man hat, zu warten auf den baldigen Anbruch des göttlichen Friedensreiches, diese Worte enthielten zum einen ein eigentümliches geistliches Bekenntnis zu "Tradition und Fortschritt". Zum an deren dachte man auf dem Lande das Geistliche ganz praktisch, waren doch die Anhänger des Pietismus einfache Leute. Für sie spielten Sparsamkeit, Bescheidenheit, Fleiß und der Besitz, das "Sach", eine große und überlebenswichtige Rolle.

Gerade im Materiellen, wenn man arbeitsam war und es zu etwas brachte, zeigte sich, ob "der Segen" beim Geschäft dabei war, ob man zu den Auserwählten für die Ewigkeit gehörte oder nicht.

Und nicht immer war dem nur Positives abzugewinnen: 1894 verfertigte der Fellbacher Pfarrer Immanuel Gotthelf Burkhardt für das Konsistorium in Stuttgart einen Bericht, in dem er sozusagen die alltägliche Kehrseite des Pietismus beschrieb: "Der weitaus überwiegende Teil der Bevölkerung betreibt Feld- und Weinbau und zeichnet sich durch Fleiß und Sparsamkeit aus... Fleiß und Sparsamkeit geht aber oft auch in Härte und Geiz über..."

Im Verhältnis zu den Unbekehrten, den "Weltleuten", konnten Pietisten hin und wieder auch ein etwas ungnädiges Geschäftsgebaren an den Tag legen. Der große Soziologe Max Weber sprach in diesem Zusammenhang von "doppelten" Moral solcher Gemeinschaften.

Szenenwechsel: Als der Pfarrer diese Zeilen niederschrieb, zogen sich dunkle Gewitterwolken über dem Haupt von Schullehrer Eppinger zusammen. Dabei hatte alles ganz harmonisch angefangen. Doch als der Aufsichtsrat, das oberste Kontrollorgan des Darlehenskassenvereins Fellbach, drei Tage nach Heiligabend, am 27. Deze 1893, zur Revision der Bücher zusammentrat, gab es zum erstenmal Krach. "Zu was die Summe von 4.40 Mark für sogenannte Representation verwendet wurde?"" schrieben die sechs gestrengen und sichtlich verärgerten Herren dem Vereinsrechner und Schullehrer Georg Eppinger ins Stammbuch. Im Frühjahr 1894 kam es dann zum Eklat. Böse Zungen ziehen den Lehrer sogar der Unterschlagung. Einige Mitglieder verübelten ihm sein "schroffes und ungebührliches Benehmen" und weigerten weiterhin mit ihm zu verkehren. Der Aufsichtsrat verlangte von dem Rechner 6 Mark und 50 Pfennig für Mehrkostenaufwand, der ihm bei der Revision der Rechnungsbücher entstanden sei. Schließlich zog Schullehrer Eppinger, der Gründungsvater des Vereins, die Konsequenzen und Ließ sich von seinem Amt entbinden. Er kam damit einer schriftlichen Abmahnung des Vorstands wegen vereinsschädigenden Verhaltens zuvor. Schon ein Jahr später hatten sich die Wogen wieder geglättet. Eppinger kandidierte erfolgreich für den Aufsichtsrat und fand so eine offenbar bequemere Aufgabe.

Die Gründungsurkunde des Fellbacher
Darlehenskassenvereins vom 25. März 1890

 

"Representation" war nicht gefragt beim Fellbacher Darlehenskassenverein. Das war so seit seiner Entstehung am 25. März 1890, als 32 ehrenwerte Fellbacher Bürger im ehemaligen Gasthaus Traube, dem heutigen Wienerwald, zur Gründung des rechtlichen und rechtmäßigen Vorgängers der Fellbacher Bank zusammenkamen. Ganz sicher hat jeder damals seine Zeche selbst bezahlen müssen. Eppinger führte den Vorsitz der Gründungsversammlung. Sie wählte den Wirt Karl Elsässer zum Vorsteher des Vereins, einem Amt, das ungefähr gleichbedeutend ist mit dem heutigen Vorstandsvorsitzenden. Gärtner Johannes Mergenthaler wurde zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats bestellt. Das schwere Amt des Rechners, dem die Geschäftsführung oblag, über nahm der Schulmeister persönlich. Nicht lange, wie wir gehört haben. Existierte nicht ein Gründungsprotokoll, man wüßte heute kaum etwas über die Anfänge der Fellbacher Bank. Fast konspirativ ist man damals im Saal der Gaststätte zusammengekommen. Denn eine offizielle Einladung, die es jedem Fellbacher erlaubt hätte, bei der Versammlung zu erscheinen, gab es damals nicht. Schon gar nicht eignete sich die Gründung eines örtlichen Darlehenskassenvereins für das weibliche Geschlecht.
Über so gewichtige Dinge abzustimmen, das war reine Männersache. So jedenfalls wollte es Wilhelm Raiffeisen, der Ahnvater der ländlichen Kreditgenossenschaften, in Veröffentlichungen wie der "Kurze Anleitung zur Gründung von Darlehenskassenvereinen und öffentlichen Vorträgen. Einen dieser Vorträge hatte Raiffeisen im Oktober 1880 in der Stuttgarter Liederhalle gehalten. Obwohl oder vielleicht gerade weil Raiffeisen ein schlechter Redner war und, wie der Schwäbische Merkur in feiner Zurückhaltung schrieb, "jeden rhetorischen Schmuck verschmähte", strömten Vertreter der bäuerlichen Bevölkerung aus allen Teilen des Landes nach Stuttgart, um die Ausführungen dieses Pioniers des Genossenschaftswesens zu hören.
Neben Raiffeisen verdanken die deutschen Genossenschaften ihren Ursprung im vorigen Jahrhundert der Initiative einer weiteren Persönlichkeit: Hermann Schulze aus Delitzsch. Raiffeisen, der ehemalige Bürgermeister von Neuwied, und Schulze, der Amtsrichter, hatten in ihren Berufen die Überzeugung gewonnen, daß die "industrielle Revolution", die Bauernbefreiung und die Einführung der Gewerbefreiheit für die Bevölkerung eine Vielzahl negativer Auswirkungen nach sich zogen. Dem wollten sie nicht tatenlos gegenüberstehen.
Mit der Auflösung der alten grundherrschaftlichen Verfassung im Laufe des 19. Jahrhunderts waren die Bauern zu völligen Eigentümern des von ihnen bewirtschafteten Bodens geworden. Aber sie mußten an ihre ehemaligen Herren über Jahre hinweg Ablösegelder bezahlen. Das verschlechterte ihre wirtschaftliche Lage aufs Äußerste, ganz zu schweigen von den Mißernten und Hungersnöten die 1846/47 das Land überzogen.
Nicht anders sah es bei den Handwerkern aus. Die Gewerbefreiheit ermöglichte einerseits die Ausbreitung eines kapitalkräftigen Unternehmertums. Auf der anderen Seite jedoch erschütterte sie die wirtschaftlichen
Grundlagen des Handwerks und der Kleinbetriebe. Die Handwerker verschuldeten sich immer mehr und wurden dadurch von privaten Kreditgebern abhängig. Sie verloren, wie die Bauern, ihre wirtschaftliche Existenz und Freiheit.

Um die akute Not auf dem Lande zu lindern, rief Friedrich Wilhelm Raiffeisen 1847 in Weyerbusch im Westerwald den ersten Hilfsverein zur Unterstützung der notleidenden kindlichen Bevölkerung ins Leben. Die erste "richtige" Genossenschaft gründete der Bürgermeister nach mehreren Zwischenstufen 1864 in Heddesdorf als "Heddesdorfer Darlehenskassen Verein". Sie wurde zum Vorgänger der Raiffeisenkassen.

Zur gleichen Zeit und unabhängig von Raiffeisen rief Hermann Schulze Delitzsch eine Hilfsaktion ins Leben, ebenfalls als Antwort auf die Notjahre 1846/47. Schulze erkannte frühzeitig, daß in dieser Situation den in Not geratenen Handwerkern mit Almosen allein nicht geholfen werden konnte. Nach den Grundsätzen der Selbsthilfe gründete er seine ersten "Rohstoffas sociationen für Tischler und Schuhmacher" und 1850 den ersten "Vorschußverein", einen Vorläufer der Volksbanken.

Unter dem Einfluß Schulze-Delitzschs verankerte Raiffeisen Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung und Freiwilligkeit als Grundprinzipien der Genossenschaften. "Einer für alle, alle für einen" lautet bis heute ihr Leitspruch. Jedes Mit glied haftete mit seinem gesamten Vermögen. Das alles setzte außer der Gleichheit der Genossen und den Verzicht auf Konkurrenz und persönliches Profitstreben noch ein weiteres voraus: Nach Raiffeisen konnten die Genossenschaften auf Dauer nur in lokal begrenzten, nicht von einer fernen Zentrale abhängigen Organisationsformen bestehen.

Deshalb bildete die räumliche Begrenzung der Genossenschaften auf den überschau- und kontrollierbaren Pfarrbezirk, auf das örtliche Kirchspiel, ein weiteres wichtiges Grundprinzip des Raiffeisenschen Modells. In seiner Stuttgarter Rede vom Oktober 1880 betonte er, daß die Idee gemeinschaftlich betriebener Spar- und Darlehenskassen nur dort Früchte tragen könne, wo "man die Creditfähigkeit der einzelnen Mitglieder kennt" und wo "durch Kirche und Schule, Verwandtschafts- und Freundschaftsverhältnisse alle Einwohner untereinander bekannt sind".

Große gesellschaftspolitische Ziele verband der konservative Reformer Raiffeisen mit der Zukunft der genossenschaftlichen Hilfsvereine. Nicht den Klassenkampf und eine vermeintliche Gleichmacherei, wie sie die "Socialdemokratie" propagierte, sondern eine neue und gerechtere Art des wirtschaftlichen und sozialen Ausgleichs strebte er an. Der Zusammenschluß der vielen Kleinen sollte ein Gegengewicht zur Macht der wenigen Großen und ein Mittel gegen das Auseinanderbrechen der Gesellschaft in Arm und Reich bilden.

"Die Vereine sind im Stande", so Raiffeisen in Stuttgart, "die große Kluft, welche zwischen Wohlhaben den und Armen sich gebildet, auszufüllen. Sehen die Armen, daß die Wohlhabenden nicht an sich allein denken, sondern in liebevoller Weise auch für ihr Wohl bedacht sind, dann wird den Aposteln der Socialdemokratie der Boden ihrer Wirksamkeit entzogen."

Dabei war sich Raiffeisen bewußt, daß gerade die Verarmung der Landbevölkerung und die Abwanderung des ländlichen Proletariats in die Städte der sozialdemokratischen Agitation zugute kamen. Dagegen würde ein wirtschaftlich gesundes Bauerntum dem Anwachsen der Städte Einhalt gebieten und verhindern, daß deren sittlich und politisch schlechtes Vorbild auf das Land ausstrahlte.
Solche Gedanken mußten gerade in Württemberg bei den sozialpolitisch Interessierten auf offene Ohren stoßen. Das Agrarland stand, als Raiffeisen nach Stuttgart kam, gerade erst an der Schwelle zur Industrialisierung. Mit gutem Grund konnte der Pionier der Genossenschaften deshalb auch in seiner Stuttgarter Rede die Ressentiments der Landbevölkerung gegen das Städtische aufgreifen und sein "Lokalprinzip" gegen das alte System zentraler Sparkassen in den Oberamtsstädten ausspielen.

"Müßig liegende Gelder", so steht es übrigens auch in der ersten Satzung des Fellbacher Darlehenskassenvereins, sollten am Ort sinnvoll gebunden werden, nicht nur um den Kreditbedarf für Modernisierungen der Land wirtschaft zu decken. Aufgabe der Kassen war immer auch die "Hebung der Sittlichkeit": Der produktive Einsatz der "müßig liegenden Gelder" sollte auch den "Müßiggang" und die Verlockungen des städtischen Lebens vom Ort fernhalten. Denn, so Raiffeisen, "die in den Städten bestehenden, von den Dörfern entfernt liegenden Sparkassen geben nicht Gelegenheit, jeden Pfennig nutzbar anzulegen. Geht man zur Stadt, so geht auf dem Wege manches verloren."

Noch im Spätjahr 1880 entstanden in Württemberg die ersten zwölf Darlehenskassenvereine unter dem Dach des 1881 gegründeten "Verbandes landwirtschaftlicher Kreditgenossenschaften in Württemberg". Seinen Sitz hatte der Verband in der Urbanstraße in Stuttgart.

Und nach dem Inkrafttreten des Reichsgenossenschaftsgesetzes vom 1. Mai 1889 kam es in Württemberg zu einer zweiten Gründungswelle ländlicher Kreditgenossenschaften. Ihre Zahl war bis dahin auf weit über zweihundert Kassen angewachsen. Und erst jetzt zog auch Fellbach nach. Am 28. März 1890, drei Tage 

nach der Gründungsversammlung, erklärte die Fellbacher Genossenschaft ihren Beitritt zum Landesverband und übernahm dessen Einheitsstatut. Drei Wochen später konnte der Verein endlich seine Geschäfte aufnehmen:

"Es wird beschlossen", heißt es im Protokollbuch des Vorstands, "den Verein am Montag d. 21. April d.J. in Thätigkeit treten zu lassen und die Eintrittsgelder einzuziehen."

Warum hatten die Fellbacher mit der Gründung ihres Darlehenskassenvereins so lange zugewartet? Bei Neuerungen im landwirtschaftlichen Bereich hatte die Gemeinde bislang nicht gezögert. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts war in Fellbach als einem der ersten Orte Altwürttembergs die Weidewirtschaft abgeschafft und auf Stallfütterung umgestellt worden. In den Landes- und Oberamtsbeschreibungen wurden die Fellbacher für diese agrartechnische Fortschritts tat noch jahrzehntelang hoch gelobt. Die 1857 von dem pietistischen Schullehrer Auberlen gegründete Weingärtnergesellschaft zählte mit zu den ältesten Weingartnergenossenschaften Deutschlands.

Doch mit dieser Gründung der Weingärtnergesellschaft scheint der Bedarf an Vereinen und Verbänden für eine Weile vollauf gedeckt gewesen zu sein.

Das hatte seinen Grund, gab es doch in Fellbach schon einen großen Verein: die pietistischen Gemeinschaften, allen voran die Hahnsche Gemeinschaft. Die Gemeinschaften organisierten im 19. Jahrhundert fast das gesamte Dorfleben. Rund 700 Mitglieder zählten sie in ihren besten Zeiten, mehr als jede andere Gemeinde im gesamten Deutschen Reich. Wer nicht zu den Stundenleuten zählte, konnte sich auf Dauer in öffentlicher Stellung nicht halten. Politik im eigentlichen Sinne gab es nicht, die pietistischen Gemeinschaften lenkten das Schicksal der Gemeinde über ein feinmaschiges Netz, dessen Kapillaren bis in jede Familie und jede Amtsstube hineinreichte, ganz diskret aus dem Hintergrund.

Der eine große Verein, der die Pietistenhochburg wie ein Ring umschloß und von der Umwelt absonderte, diente zugleich als eine Art gro0e Genossenschaft. Denn aus wirtschaftlichem und sozialem Blickwinkel besehen waren die pietistischen Gemeinschaften selbst Hilfsverbände. Aufgebaut auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit bildeten sie Vorformen des modernen Genossenschaftswesens. Gelehrte Geister, wie etwa der Sozialdemokrat Karl Kautsky, haben schon vor der Jahrhundertwende auf diesen Zusammenhang hingewiesen.

"Konkurrierende Unternehmen" gab es nur, wo der Pietismus, wie etwa bei der Weingärtnergenossenschaft, selbst die Hand im Spiel hatte. Andere Genossenschaften hätten hier nicht existieren können. Und einen Darlehenskassenverein brauchte man in Fellbach schlechterdings nicht.

Die pietistischen Gemeinschaften in Württemberg verdankten ihre Entstehung im IX. Jahrhundert der Not. Damals taten sich Handwerker, Bauern und Weingärtner zusammen und setzten gegen die Verschwendungssucht und Verderbnis der städtischen, bürgerlichen und höfischen Kultur den Zusammenhalt der pietistischen Gemeinschaft. Er fand besonders dort viele Anhänger, wo noch jeder jeden kannte und man mehr als anderswo darauf angewiesen war, zusammenzustehen: auf dem Dorf. Dort, wo das Geld fehlte, sprang die gemeinschaftliche Kasse oder die Einzelhilfe der pietistischen Brüder und Schwestern ein.

Einen Konflikt mit dem Ortspfarrer Johann Georg Müller verdankte der Fellbacher Pietismus seine Entstehung. Dabei stand weniger Müllers geistliches Amt zur Debatte als sein etwas ungewöhnlicher Nebenberuf:

Der steinreiche Pfarrer, ein Vorfahre Ottilie Wildermuths und von dieser etwas biedermeierlich in den "Pfarrhausgeschichten" beschrieben, verlieh an seine Schäfchen Geld. Der halbe Flecken stand bei ihm in der Kreide, und er machte sich ein gutes Leben. So nimmt es kaum Wunder, daß sich die Kirche leerte und gleichzeitig die Gemeinschaften sich mit den Unzufriedenen füllten.

Die erzürnten Gemeinschaftsleute kündigten nicht nur den Kirchgang auf oder rügten ihren Widersacher nächtlings mit lautstarken "Katzenmusiken" vor dem Pfarrhaus. Man griff auch zu Gegenstrategien, um das materielle Gleichgewicht im Dorf wie der ins Lot zu bringen.  

Noch ganz barock gedacht war ein Projekt, das die Fellbacher Pietisten in den Anfangsjahren in die Wege leite ten. In Zuffenhausen engagierten sie einen Alchemisten, der ihnen versprach, in seinem Labor eine Tinktur aus Zementstaub zu mixen, mit der man Gold und Silber machen könne. Viel Geld verpulverten die Fellbacher mit dem Versuch und mußten die bittere Erfahrung machen, daß naturwissenschaftliche Erkenntnisse damals nur teuer zu haben waren...

Der Pietismus hat wie keine andere Bewegung in der Geistesgeschichte den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gedanken der alten ländlichen Solidargemeinschaft bewahrt und in die Moderne herübergerettet. Sein Hilfs- und Versicherungssystem verschaffte seinen Anhängern im 19. Jahrhundert einen in der Regel gesicherten und ordentlichen Wohlstand. Und seine Prinzipien setzten sich nicht zuletzt in den Utopien der Frühsozialisten fort.

Die Fellbacher Geschichtsschreibung hat lange Zeit vergessen, daß gerade der radikale Flügel des Pietismus, die Separatisten, zu Vorläufern frühsozialistischer Ideen geworden sind. Viele von ihnen kehrten in der napoleonischen Zeit Fellbach den Rücken und wanderten nach Nordamerika aus. Die Auswanderer schlossen sich mit anderen Separatisten zu sogenannten "Harmonien" zusammen und gründeten Siedlungen, in denen nach dem Vorbild eines urchristlichen Liebeskommunismus Privatbesitz ab geschafft und auf gemeinsame Rechnung gewirtschaftet wurde. Eine dieser württembergischen Separatisten Siedlungen in Nordamerika, und hier lebte die eben auch wirtschaftliche Zielsetzung des Pietismus fort, hieß bezeichnenderweise "Oeconomie". Sie wurde später von dem Frühsozialisten Robert Owen aufgekauft, der die mittlerweile dort florierende Spinnerei weiterbetrieb.

Die Zeiten ändern sich. Mit der Industrialisierung und der Entstehung eines Industrieproletariats im 19. Jahr hundert veränderten sich notwendigerweise auch die Konzepte des Pietismus. Den kindlichen Gemeinschaften fiel es schwer, eine Antwort auf die "soziale Frage" zu finden. Zumal die Not der verarmten Stadtbevölkerung vermochten sie nicht wahrzunehmen. 

Während der Revolution von 1848 etwa schrieb der Fellbacher Pietist Friedrich Daubenschmid, ein Weingärtner und nach dem Tode Johannes Schnaitmanns oberster Leiter der Hahnschen Gemeinschaft, in sein Tagebuch, das " Lumpengesindel" solle nur von Cannstatt herüberkommen. Man werde es schon mit Hacken und Kärsten zum Flecken hinausschlagen.

Daneben hat es aber unter pietistischen Theologen oder Pfarrern zu dieser Zeit immer wieder Persönlichkeiten gegeben, denen soziale Unterstützung und Bekehrung der verarmter Bevölkerungsschichten ein großes An liegen gewesen sind. Für sie stehen Gustav Werner, der Gründer des Reutlinger Bruderhauses, und Philipp Paulus, der 1874 in der Fellbacher Pfarrstraße die erste württembergische Dienstbotenheimat, ein Altersheim für Dienstmägde, gründete.

Wie Raiffeisen suchte Paulus, Enkel des Pietistenpfarrers und Technikers Philipp Matthäus Hahn, nach Lösungen für die "soziale Frage". Auch er suchte den Ausgleich zwischen Arm und Reich, den Erhalt der christlichen Familie und Gesellschaftsordnung

und war ein scharfer Gegner der Sozialdemokratie. Auch er siedelte sein Reformkonzept auf dem Lande an.

Diese sozial- und kulturgeschichtlich in Württemberg auf ihre Art einmalige Einrichtung, die heute "Evangelische Altenheimat" heißt, interessiert in diesem Zusammenhang vor allem wegen ihrer ursprünglich genossenschaftlichen Organisationsform. Sie war der letzte einer Reihe karitativer Vereine, die Paulus nach den Hungerjahren 1847/48 im Schwarzwald und im Schwäbischen Wald ins Leben gerufen hatte. Aus einem der Vereine im Schwäbischen Wald entstand später eine bekannte Bausparkasse.

Anders jedoch als seine früheren Vereinsgründungen konzipierte Paulus den Fellbacher Trägerverein als Selbsthilfeeinrichtung nach wirtschaftlichen und genossenschaftlichen Prinzipien. Stolz berichtete Paulus im Februar 1875 in einem Brief an den württembergischen König:

"Der Eintritt in den Verein ist gleichbedeutend mit dem Eintritt in eine besondere Art von Lebensversicherung für Dienstboten. Ebendaher bedarf auch die Dienstboten-Heimath eigentlich keiner freiwilligen Beiträge."

Nach Paulus Modell finanzierte der von ihm geleitete Verein, der aus anfangs 1500 Dienstboten, Herrschaften und "anderen Menschenfreunden" bestand, durch seine Beiträge die künftigen Heimplätze den "Pfleglinge" vor. Der Heimat angegliedert war eine kleine "Hausindustrie", deren Erlöse ebenfalls in die Vereinskasse flossen.

Der Tagesablauf in den Dienstbotenheimat unterlag den Zucht einer gestrengen Hausmutter, und es bestand Arbeitspflicht. Wen wunderts, daß die Dienstbotengenossenschaft nicht nach jedermanns Geschmack ausfiel. Aus den Frühzeit der Dienstbotenheimat ist eine Geschichte überliefert, wonach einige "Pfleglinge" in den Flecken liefen und sich bitter beklagten: "Die Dienstbotenheimat ähnle einem Zuchthaus.

Nun, gegen Ende des letzten Jahrhunderts, begann der Pietismus seine monopolartige Stellung langsam einzubüßen. Andere Stimmen verschaff ten sich Gehör. Der Drucker Wilhelm Weller bringt am 16. Man 1890 erstmals ein eigenes Fellbacher Intelligenz- und Anzeigenblatt, den " Boten vom Kappelberg", auf den Markt. Trotz aller Einschränkungen, die sich aus den, wie er selbst dem geneigten Publikum anzeigt, konservativen und "christlich-nationalen Gesinnung" der Zeitung ergeben, bildet sie das erste Diskussionsforum für die aufstrebende Fellbacher Öffentlichkeit.

Fast schon einer Revolution glich die Gründung eines bürgerlichen Turnvereins im selben Jahr, des heutigen Sportvereins Fellbach 1890 e.V. Denn die frommen Gemeinschaften lehnten jede sportliche Betätigung als nutzlosen Zeitvertreib ab. Aus dem selben Grund waren auch die Anfangsjahre des eigentlich unverdächtigen und bibelfesten Jünglingsvereins (CVJM) nicht gerade auf Rosen ge bettet. Gerade die Hahnschen wollten nichts von ihm wissen. Erst ab 1889 ging es mit ihm bergauf, und er wurde auf Dauer lebensfähig.

Mit den Jahren fanden sich die einzelnen gesellschaftlichen Interessengruppen zunehmend in eigenständigen Zirkeln zusammen. Nach dem Fall von Bismarcks Sozialistengesetz 1890 entschlossen sich zwanzig Männer ein Jahr später zur Gründung eines sozialdemokratischen Vereins. Die Kirchentreuen reagierten prompt und rufen zur Gegengründung auf. Noch im selben Jahr entstand ein monarchisch gesinnter evangelischer Arbeiterverein. Ein 1898 gegründeter Gewerbeverein vertrat mit dem Schloßfabrikanten Andreas Maier an seiner Spitze die Interessen der Handwerker, kleinen Fabrikanten und Kaufleute und stand anfangs den Liberalen nahe. Weingärtner und Bauern schlossen sich 1900 unter dem Vorsitz von Johannes Kugler im Güterbesitzerverein zusammen, der sich politisch am konservativen württembergischen Bauernbund orientierte.

Im Hintergrund dieser Veränderungen stand ein fast dramatischer Anstieg der Ortsbevölkerung. Zwischen 1895 und 1910 wuchs die Einwohnerzahl Fellbachs von 3995 auf 6780 Personen an. Nur vorübergehend gebremst durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs stieg sie bis 1919 nochmals auf 8027 Personen an. Innerhalb von 25 Jahren hatte sich da mit die Bevölkerung verdoppelt. Die bebaute Fläche Fellbachs dehnte sich nach und nach von der Lutherkirche über die Stuttgarter Straße zu der 1861 in Betrieb genommenen Eisenbahnlinie Stuttgart-Wasseralfingen aus.

Es waren hauptsächlich Arbeiten. die zwischen ihren vergleichsweise billigen Wohnungen in Fellbach und ihren Betrieben in Stuttgart oder Cannstatt hin- und herpendelten und den neuen Bevölkerungsteil stellten. Ein zweigeteiltes Dorf wuchs heran: Fellbach war eine Bauern- und Arbeitergemeinde geworden. Bald taucht in den Landesbeschreibungen sogar den Begriff einer ländlich geprägten "Arbeiterwohngemeinde" auf an der sich die Fellbacher bis heute nicht gewöhnen konnten. Die Stuttgarter Straße mit "Salzmanns Kegelbahn" bildete die Demarkationslinie, die Alt-Fell bach von Neu-Fellbach trennte. Der Schnitt schied Welten. Einer von Weinbau und Pietismus geprägten Kultur des alten Ortskerns

stand unvermittelt die mehr städtisch geprägte K ultur der Arbeiterbevölke rung gegenüber. Die Zeitgenossen spürten plötzlich im eigenen Ort die Näherrückung der Großstadt", eines Fremden und anderen Fellbach. Alte Anschauungen und über Generationen hinweg eingespielte Lebensweisen wurden zunehmend in Frage gestellt.

Alt-Fellbach fand eine naheliegende Antwort auf die Herausforderungen der Zeit: Es grenzte die "Fabrikler" vom kulturellen und politischen Le ben in den Gemeindegremien einfach aus und verhinderte die Ansiedlung fremder Industriebetriebe. Die Sozialdemokratie galt in den Augen der "Oberdörfler" als "Verschwenderpartei". Bis zur Jahrhundertwende gab es im Ort praktisch keine Fabrik, die den Namen tatsächlich verdient hätte. Die Fellbacher Bauern zögerten lange Zeit die Verstädterung der Gemeinde hinaus durch eine gezielte Grundstückspolitik, die den Verkauf von Bauland an Industriebetriebe ausschloß und im Gemeinderat die Ausweisung von Gewerbegebieten verhinderte. Erst 1911 wurde zum ersten Mal ein Bebauungsplan für ein Gewerbegebiet von der Gemeinde aufgestellt.

Schon im eigenen Interesse spekulierte dagegen das örtliche Gewerbe auf eine eher umgekehrte Lösung, die Ausdehnung von Handwerk, Handel und Industrie. Die "Näherrückung der Großstadt" konnte ihm nur recht sein, und man suchte nach einer engeren Anbindung an die Residenzstadt Stuttgart. So propagierte schon kurz nach der Jahrhundertwende Fabrikant Maier, seit 1891 Mitglied des Darlehenskassenvereins und damals auch eine der Haupttriebkräfte im Gewerbeverein, 

Alt-Fellbach - eine trügerische Idylle
Wohlstand und Luxus genoß in Fellbach um die Jahrhundertwende nur eine Minderheit. Richtige lndustriebetriebe gab es damals noch kaum. Viele Wengerter Familien mußten sich mit ärmlichen Erträgen begnügen. Die Darlehenskasse half ihnen zu günstigen Krediten .
Das Photo zeigt die Vordere Straße um 1910: Ganz links das kleine Backsteinhäuschen mit dem Friseurgeschäft Erb. Hier richtete die Bank 1924 ihr erstes Ladenlokal ein, nachdem bis dahin die Kassengeschäfte noch im Wohnzimmer des Rechners abgewickelt worden waren. Neben dem sogenannten "kleinen Haus" befand sich das Betten- und Aussteuergeschäft von Vorsteher Heinrich Frey (1910- 1919). Das Gebäude, die heutige Traubenapotheke, beherbergte von 1936 his 1958 die Hauptstelle der Genossenschaftsbank.

den Anschluß Fellbachs an die Stuttgarter Straßenbahnlinien. 
Politisch suchte der Gewerbeverein zunächst die Verbindung mit dem sozialdemokratischen Arbeiterverein, um die konservative Mehrheit der Weingärtner auf dem Rathaus zu brechen. Allein dem ersteren nutzte das Bündnis, der mehrere Kandidaten bei den Wahlen zum Gemeinderat und Bürgerausschuß durchsetzen konnte. 
Publizistisches Sprachrohr der liberalen Reformer war der 1855 in Köngen geborene Lehrer Georg Eppinger. Die Absicht seines in Fellbach hoch in Ehren gehaltenen Heimatbüchleins ist vielfach mißverstanden worden. Eppinger verstand sich nicht als der erste Heimatpfleger und Chronist der Gemeinde. Dazu hatte man ihn erst später gemacht. Seine Schrift diente in erster Linie der Werbung für die Ideen der Modernisierer und wollte eine Visitenkarte des "städtischen" Fellbach sein. 
Eppinger schrieb aus der Position der kritischen Minderheit und ging ernstlich mit dem Fellbacher Charakter und dessen "Abneigung gegen Neuerungen" ins Gericht. Im Vorwort schrieb der Autor, er hoffe, mit seinem Büchlein gerade bei den Auswärtigen "das Interesse für unsere schöne, aufblühende Gemeinde wachzurufen und zu erhalten". Und nicht aus Zufall ließ der Verfasser den Erlös der Publikation dem örtlichen Verschönerungsverein zugute kommen. 
Die Beschreibung des Orts fiel mehr als wohlwollend aus. Eppinger verwies auf die ersten "Cementtrottoirs", eine zeitgemäße Infrastruktur und vor allem auf eine Vielzahl von Restaurationen, die er selbst sehr schätzte. Alles in allem glaubte er, daß sich Fellbach jeder grössern städtischen Gemeinde würdig an die Seite stellen" könne eine wirklich wohlwollende Einschätzung, wenn man bedenkt, daß bis in die Zwanziger Jahre hinein Klagen von Arbeitern die Zeitung füllten, die den unbeleuchteten Weg zum Bahnhof als einziges Schlammloch bezeichneten.

Schullehrer Eppinger (1855-1911), der erste Rechner des Fellbacher Darlehenskassenvereins. Er und seine Gesinnungsgenossen in Handel und Gewerbe wünschten, daß das Industriezeitalter auch in Fellbach Einzug halte. Die pietistisch­konservativen Weingärtner im "Oberdorf" hielten dagegen.

 

Die Modernisierung Fellbachs und die Entwicklung der heimischen Wirtschaft waren nicht umsonst zu erhalten. Fellbach zählte 1890 rund zweihundert Handels- und Gewerbetreibende, die vor allem eines brauchten: Geld und eine Einrichtung, die ihnen die notwendigen Kredite verschaffte. Georg Eppinger hat dieses Problem mit der Gründung des neuen Darlehenskassenvereins gelöst.

Noch bis in die Nachkriegszeit trug die Fellbacher Bank das Image einer "Bauern- und Wengerterbank". Es gehört zu den kleinen Sensationen dieser Untersuchung, daß ihre Vorgängerin, der Darlehenskassenverein, genau genommen eher als eine "heimliche Gewerbebank" denn als bäuerliche Genossenschaft gegründet wurde.

Zwar sind Mitgliederlisten mit Berufsangaben für die Frühzeit nicht mehr vorhanden. Wohl aber wissen wir aus den Berufsangaben der Verwaltungsmitglieder, daß die überwiegende Mehrheit von Eppingers Mitstreitern den Kreisen des aufstrebenden Fellbacher Gewerbes entstammte. Einige von ihnen gehörten auch dem Gemeinderat oder dem Bürgerausschuß an. 

Karl Elsässer, der Vorsteher des Vereins, firmierte in den Protokollen als "Wirt" oder "Privatier", Wilhelm Riehle, sein Stellvertreter, war Schmiedemeister. Unter den drei übrigen Mitgliedern des Gründungsvorstands befand sich nur ein einziger Weingärtner: Gottlob Bäuerle. Seine Vorstandskollegen Gottlob Sailer und Karl Siegel verdienten ihr Geld als Kaufmann bzw. als Bäcker und Kronenwirt. Ganz ähnlich setzte sich der Aufsichtsrat zusammen.

Das gehobene Selbstbewußtsein und der gestiegene Kapitalbedarf des Fellbacher Gewerbestandes hatten bei der Gründung der Kreditanstalt Pate gestanden. Der Hilfestellung des Pfarrers oder Schultheißen oder Lehrers, wie es einst einer der Pioniere des württembergischen Genossenschaftswesens, der Pfarrer Samuel Layer. in einer Anleitung zur Errichtung von Darlehenskassenvereinen vorgeschlagen hatte, hatte man hier nicht mehr bedurft. Selbst das Mitglied mit der Nummer 10, der Lehrer Georg Eppinger, mußte dem geballten Selbstbewußtsein seiner ehemaligen Mitstreiter aus dem Gewerbestand auf die Dauer weichen. Nach ein paar Jahren wurde sein Platz im Aufsichtsrat mit einem anderen besetzt. Es ging auch ohne ihn. Seine Kaution, die er einst für das Rechneramt einbezahlt hatte, bekam er erst nach vielen Jahren vom Verein zurück. Man ließ sich Zeit. Nicht ohne Tragik ist das weitere Schicksal des Gründungsvaters der Fellbacher Bank. Schullehrer Eppinger, ohnehin schlecht besoldet und mit familiären Problemen belastet, fühlte sich zeitlebens in Fellbach als Fremder. Wohl nicht zu unrecht wußten die Pfarrberichte dieser Zeit von der eigentümlichen und ablehnenden Haltung der Fellbacher gegenüber Auswärtigen und Zugezogenen zu erzählen. Mit zunehmender Verbitterung stieg auch Eppingers Bedarf an alkoholischen Getränken. Er blieb abends immer länger im "Bären" sitzen. Im November 1911, wenige Tage nachdem er beim Jahresessen der Weingärtnergesellschaft in der Krone einen Schlaganfall erlitten hatte, starb der Gründer des Darlehenskassenvereins.


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