IV. Bevölkerung

Was die Abstammung der hiesigen Bevölkerung betrifft, ob germanischer (altdeutscher) oder römischen Ursprungs oder ob sie aus einer Vermischung entstanden ist, darüber fehlen sichere Anhaltspunkte ; am meisten Anhaltspunkte in dieser Hinsicht geben bekanntlich die Ausgrabungen von menschlichen Skeletten, Schädeln usw aus ganz früheren Zeiten. Hier wurden aber derartige alten Funde, die auf die Abstammung der Fellbacher schliessen liessen, noch keine gemacht, darum müssen andere wenn auch weniger sichere Anhaltspunkte zu Grunde gelegt werden, nämlich die Farbe der Augen und des Haares. Die Menschenkunde lehrt nämlich, dass helle Augen und blonde Haare den germanischen, braune Augen und braune Haare den römischen Typen, und graue oder blaue Augen und braune Haare den Mischformen zuzurechnen sind. Nun liess Obermedizinalrat Dr. v. Hölder vor ca. 26 Jahren sämmtliche Schulkinder des Oberamts Cannstatt nach Augen und Haare untersuchen und es ergab sich, dass 3615 Schüler helle und 2073 braune Augen hatten, also 63% den germanischen Typus aufwiesen. In Fellbach zeigten 50% der Kinder helle Augen und blonde Haare, 16% braune Augen und braune Haare und 34% graue Augen und braune Haare, sonach sind die Fellbacher der Hauptsache nach Abkömmlinge der alten Deutschen oder Germanen.

Ursprünglich war die hiesige Bevölkerung nach Anschauungen, Sitten und Gebräuchen eine viel mehr einheitliche, in neuerer Zeit aber wird dieselbe ausser den Weingärtnern und einem Stamm von Handwerkern infolge des regen Familenzuzugs eine von Jahr zu Jahr gemischtere. Fellbach hat den Remstaltypus, wo schlanker, kräftiger Wuchs, blonde Haare und helle oder blaue Augen vorherrschen, während beim Neckarthypus die mittlere Grösse mit dunkler Haar- und Augenfarbe zu finden ist.

Dem Charakter nach ist die hiesige Bevölkerung als eine sehr tüchtige zu bezeichnen. Fleiss, andauernde Zähigkeit, Sparsamkeit, religiöser Sinn, daneben umgängliches, zutrauliches Wesen, namentlich mit Bekannten, bilden die hervorragenden Eigenschaften der Fellbacher; dagegen Abneigung gegen Neuerungen, zum Teil auch anfängliches Misstrauen gegen Fremde, hat Fellbach mit dem ganzen Remstal gemein. Das religiöse Leben wird sehr gepflegt, Kirche und religiöse Versammlungen werden fleissig besucht und Eifer für Religion und Sittlichkeit herrscht in den meisten Familien. Lobenswert ist auch die ausserordentliche Arbeitslust. Die Söhne arbeiten meistens im Taglohn hier oder in den Nachbarstädten, während der Vater und die übrigen Familienglieder in Feld und Weinberg die landwirtschaftlichen Arbeiten verrichten; mit Tagesgrauen gehts hinaus, mit einbrechender Nacht kehrt man heim. Dabei ist der Fellbacher mässig, genügsam und sparsam, lässt sich aber dennoch im Essen und Trinken nichts abgeben, wie denn auch in den meisten Familien Winters ein fettes Schwein ins Haus geschlachtet wird und im Keller die Fässer mit Most gefüllt werden; Wohlhabende legen auch Wein in den Keller. In bürgerlicher Hinsicht zeigt sich der Fellbacher als treuer Untertan, selbst in den unruhigsten Zeiten des Remstalaufruhrs und der 48er Jahre blieb er der Regierung treu und heute noch bewahrt den eingesessene Bürger Treue und Hingebung zu Fürst und Vaterland.

Eine weitere löbliche Eigenschaft ist der Wohltätigkeitssinn, der bei vielen Fellbachern sehr ausgebildet ist. Reichlich fliessen die Gaben für Arme, Kranke, Notleidende, für die Kirche und namentlich für die Mission; es werden deshalb hier auch manche Missionspredigten und Missionsfeste abgehalten und die anfallenden Opfergelder sind niemals gering. So entfielen z.B. auf die im letzten Jahr im Bezirk Cannstatt eingegangenen 20702 Mk. Missionsgelder auf Fellbach allein 5292 Mk., ohne die sonstigen jährlichen Opfer für hiesige und fremde Zwecke.

Die Bewegung der Bevölkerung war in den letzten Jahren eine grosse und kaum wird eine Landgemeinde eine ähnliche, rasche Zunahme zu verzeichnen haben. Nicht bloss Arbeiter, die teils hier, teils auswärts in Arbeit stehen, sondern auch viele Privatleute lassen sich hier nieder, namentlich seit wir die Wohltat einer Wasserleitung und der Gas- und elektrischen Beleuchtung zu geniessen haben. Wie bereits erwähnt, zählte Fellbach am 1. Dez. 1905 im Ganzen 4999 Einwohner, die Zahl der Wohnhäuser betrug 797, die der Haushaltungen 1124. Die am 15. Juni v. J. vorgenommene Berufszählung ergab 5561 Einwohner mit 1361 Haushaltungen; im Zeitraum von 1 1/2 Jahren hat also Fellbach um 562 Einwohner und 137 Haushaltungen zugenommen. Würde in den nächsten Jahren die Bevölkerungsziffer in derselben prozentualen Weise sich vermehren, so hätte Fellbach in 5-6 Jahren die Zahl 10000 erreicht und damit Stadtgerechtigkeit erlangt. Die Bevölkerungszunahme darf man aber nicht allein auf den Zuzug von auswärts zurückführen, sondern es kommt hiebei hauptsächlich auch in Betracht der Ueberschuss, der sich ergibt, wenn man die Zahl der Geborenen und der Gestorbenen in Betracht zieht. Hienach sind im Jahr

1901

geboren 162

gestorben 82

1902

        "       133

        "         79

1903

        "       138

        "         72

1904

        "       158

        "       106

1905

        "       150

        "         93

Zusammen sind also in diesen 5 Jahren 741 geboren und 432 gestorben, somit ist ein Geburtenüberschuss von 309 Personen vorhanden. Nun betrug aber die Einwohnerzahl im Jahr 1901 zusammen 4297, im Jahr 1905 dagegen 4999, somit ist in denselben 5 Jahren eine Gesamtbevölkerungszunahme von 702 Personen zu verzeichnen, zieht man nun den Geburtenüberschuss mit 309 von der Gesamtzunahme ab, so ergiebt sich eine reine Zunahme, also nur von auswärts Zugezogenen, von 393 Personen, das macht in dem Zeitraum von 1901-1905 pro Jahr durchschnittlich 78 Personen, die zugezogen sind. Legen wir die neuesten Zahlen zu Grunde, so betrug vom 1. Dez. 1905 bis 15. Juni 1907, also in 1 1/2 Jahren, die Zahl der Geborenen 244, die der Gestorbenen 126, das ergiebt einen Geburtenüberschuss von 118 Personen. In demselben Zeitraum von 1 ½ Jahren ist aber, wie wir oben gesehen, eine Gesamtbevölkerungszunahme von 562 Personen zu verzeichnen, folglich beträgt nach Abzug des Geburtenüberschusses in diesen 1 ½ Jahren die reine Zunahme, durch die von auswärts Zugezogenen, 444 Personen, was pro Jahr 298 Personen entspricht. Anders lagen die Verhältnisse in früheren Zeitperioden. So betrug z.B. in der Periode vom Jahr 1880-1885 die Gesamtbevölkerungszunahme 194, dagegen der Geburtentübehrschuss 321 ohne denselben wäre also ein Abmangel von 127 Personen vorhanden gewesen. In der Periode 1885-1890 betrug die Bevölkerungszunahme 110, der Geburtenüberschuss aber 205, ohne den letzteren wäre also ein Abmangel von 95 Personen eingetreten. Während also in früheren Jahren kein Zuzug von Fremden zu verzeichnen war, ja ohne Geburtenüberschuss sogar ein Bevölkerungsrückgang sich ergeben hätte, betrug der Zugang von Fremden in den Jahren 1901 bis 1905 durchschnittlich jährlich 78,in den letzten Jahren sogar jährlich 298 Personen, ein deutlicher Beweis von der grossen und raschen Bevölkerungszunahme der letzten Zeit.

Ausser den am 1. Dez. 1905 vorhanden gewesenen 1124 Haushaltungen gab es 91 einzeln lebende Personen, 27 männliche und 64 weibliche; die Zahl der weiblichen Bevölkerung ist um 69 grösser als die der männlichen, auf 199 männliche kommen demnach 163 weibliche Personen (im Jahr 1890: 107.) Zieht man die einzeln lebenden und die Anstaltsglieder der Heimat ausser Betracht, so kommen im Durchschnitt auf 1 Haushaltung 4 Personen, gegen 4,3 im Jahr 1905 und 5 im Jahr 1890. Die Zahl der Eheschliessungen ist schwankend und betrug in den letzten 5 Jahren 25-48 jährlich. Die Geburtsziffern steigern sich mit jedem Jahr (s.o.); die Zahl der Todesfälle unterliegen ebenfalls ziemlich Schwankungen, gestorben sind im letzten Jahr 94, vor zwei Jahren 79 im Jahr 1904 106 Personen. Die Kindersterblichkeit ist hier nicht grösser als anderwärts; unter 100 Kinder sterben durchschnittlich 21 unter 1 Jahr, während der Landesdurchschnitt 23 beträgt. Das hauptsächlichste Todesalter der Bevölkerung ist das mittlere, vom 40.-60. Lebensjahr, gar viele dürfen sich aber hier eines sehr schönen Lebensalters erfreuen und Bewohner mit 70 und mehr Jahren gibt es hier nicht wenige.

Was die alten Sitten und Gebräuche anbelangt, so gehören solche meistens der Vergangenheit an. Die Tracht der Männer: gelbe Lederhosen, langer Kittel, Dreispitz auf dem Kopf und lange Stiefel, ist verschwunden und moderne Kleidung hat Platz gegriffen, typisch ist nur noch der weisse Schurz, den die Männer am Werktag tragen.

Auch die Mieder und schwarzen Spitzenhäubchen der Frauen haben städtischer Mode Platz gemacht. Die alten Kirchweihgebräuche, wie z. B. das unter Gesang und Tanz erfolgte Herunterholen der an den "Wirtschaften ausgehängten Riesentrauben und das Vergraben der "Kirbe" werden immer einfacher und seltener; das uralte Pfeffern am Tage der unschuldigen Kindlein ist landesgesetzlich als Bettelei verboten und die sog. Fahrnächte an den dem Weihnachtsfest vorangehenden 3 Donnerstagen, wo der alte Klaus und das Christkindlein erschien, haben ihre Bedeutung verloren. Das alte vor 300 Jahren gefeierte Fest des "Rohrtrunkrechts", welches sich auf das alte Herkommen gründete, aus den öffentlichen Butten des Konstanzer Zehnten mittelst eines Rohres trinken zu dürfen, so viel man wollte, liessen sich die Fellbacher im Jahr 1604 gegen 1700 Gulden abkaufen und auch der an die Bürger verabreichte "Beedwein" wurde später abgeschafft. Dass das schon vor 300 Jahren hier abgehaltene, heutzutage in allen Städten und grösseren Landgemeinden bestehende Kinder- oder Maienfest, nicht beibehalten wurde, ist zu bedauern. Schon 1681 wurde solches mit der Schuljugend hier gefeiert. Die alte Chronik erzählt nämlich:

"Anno 1681, den 1. Mai, haben nach vorheriger Vereinbarung Pfarrer Ketterlin, Schultheiss Ph. Seibold und Fr. Stoll, Hans Leger und G. Hess, amtlicher Bürgermeistern, auch Gg. Fr. Thusnit, Gerichtsschreiber mit der ganzen Einwohnerschaft die liebe Jugend und Schulkinder auf das Feld in die Mai geführt und ist solches Fest also zugegangen: Die Sammlung war bei der Kirche, vor Abgang wurde gesungen: "Komm heilger Geist." Dann bewegte sich der Zug unter Führung der 2 Lehrer durch die Strassen zum Festplatz, "Kühegarten," genannt. Dort ist abwechslungsweise ihrer ein Paar Mägdlein und dann ein Paar Knaben von einem bestimmten Ziel bis zum Tisch, allwo obenbemeldete Herren gesessen, geloffen, da ist dann jedem 1 Ledernestel und 4, 3 und 2 Bogen Papier verehrt worden. Hernach haben sich die Kinder und die Alten in Ordnung gestellt, grüne Maien in den Händen getragen, daran Nestel und Papier gebunden and nach Absingung des Lieds: Nun lob mein Seel (Ps. 108) im Zug durch den Flecken singend in den Kirch- und Schulhof gegangen, allwo die Kinder mit einem Tränklein Weins erquickt wurden, der meist von mildtätiger Hand gespendet wurde, während den ledigen Söhnen und Töchtern inzwischen ein Ehrentanz auf dem offenen Platze des Kühgartens erlaubt worden."

Auch in den folgenden Jahren wurde das Maifest auf diese Weise gefeiert, nur wenn es am 1. Mai regnete, wurde es Sonntags gehalten, nach vollendeter Kinderlehre. Wegen der damaligen Kriegszeit unterblieb dann das Fest mehrere Jahre. Wie haben sich auch in dieser Beziehung Zeiten und Ansichten in Fellbach geändert! Von einem offiziellen Maifest ist keine Spur mehr vorhanden, noch viel weniger von einem Ehrentanz der ledigen Jugend. Auch die alten Gebräuche und Lustbarkeiten in der Weinlese blieben nicht bestehen und mit der Einführung der Traubenraspel ist auch das von den Buben bearbeitete Trettzüberle und das schallende "Butt voll" verschwunden und kaum noch hat das von Pfarrer Schmidlin von Uhlbach verfasste Verslein über das Herbstleben seine Geltung, wenn es heisst:

Sie schütten in Bütten,
Sie keltern, sie pressen,
Sie taumeln vergessen;
Sie lärmen, sie schwärmen
Heran, herbei
Von nah, von fern!
Juchhe, Juchhei,
O glücklicher Stern!