IX. Gemeindeverhältnisse

Dass es im Laufe der Zeit auch in den hiesigen Gemeindeverhältnissen gegenüber früheren Jahrzehnten manche Veränderungen gegeben hat, lässt sich leicht begreifen und so ist denn auch mit der Entwicklung und Ausdehnung Fellbachs, mit den verschiedenen Anschauungen und Lebensweisen, der Näherrückung der Grosstadt und der Einfluss derselben auf alle Erwerbszweige und Schichten der Bevölkerung in der Tat die Aufgabe der Gemeindeverwaltung eine viel umfangreichere, vielseitigere und verantwortungsvollere geworden. An der Spitze jeder Gemeindeverwaltung steht bekanntlich der Ortsvorstand.

Unser Ortsvorsteher, Schultheiss August Brändle geb. den 24. Nov. 1881 in Dornstetten OA. Freudenstadt, früher hier Notariatsassistent, dann Hilfsgerichtsschreiber in Stuttgart, hat bei der am 14. Jan.1908 stattgefundenen Ortsvorsteherwahl von 15 Kandidaten die meisten Stimmen (557 von abgegebenen 984) auf sich vereinigt und wurde damit nach erfolgter Bestätigung durch die Kgl. Kreisregierung Ludwigsburg am 7. März 1908 durch Regierungsrat Nick in Cannstatt feierlichst in sein Amt eingesetzt. Sein Vorgänger, Schultheiss Friz, ist am gleichen Tage aus dem Amte geschieden, nachdem er vom Jahr 1872-1878 das Amt eines Ratschreibers und von 1878 bis 1908, also 30 Jahre lang die Ortsvorsteherstelle hier begleitet hatte. Die den älteren Bewohnern noch in Erinnerung stehenden Ortsvorsteher vor ihm waren Schultheiss Lipp, Schultheiss Sayler und Amtmann Friz. Von Ortsvorstehern aus früheren Zeiten sind aus Urkunden und Inschriften folgende bekannt: 

Schultheiss Simon Thusnit, dessen Name man vom Jahr 1625 in der grossen Glocke eingegossen findet, ferner Schultheiss Max Frey, dessen Name aus dem Jahr 1721 im Knopf des Kirchturms zu lesen war, dann Schultheiss Hans Seibold, unter dem im Jahr 1592 das Rathaus erbaut wurde und Schultheiss Philipp Seibold aus den Kriegsjahr 1681. Ein bekannter Schultheiss war auch der im Jahr 1735 verstorbene Thomas Kugler, dessen Erben, wie schon früher erwähnt, es bekanntlich mit dem Jud Süss zu tun hatten und dessen Name mit der Jahreszahl 1727 über dem Kellereingang des jetzigen J. Kugler'schen Hauses noch zu lesen ist; sein Nachfolger war der Gerichtsschreiber Joseph Ebensperger, der als erster Amtmann hier angestellt wurde. Derselbe hat das früher Koch'sche Haus beim Platzbrunnen (alte Apotheke) erbaut, wie folgende Inschrift ausweist: "Im Jahr 1716 ist dies Haus durch Gottes Hilf erbaut worden von Joseph Ebensperger und seiner Hausfrau Anna Margaretha.

Im Leiden wollen wir hoffen,
Geht es glücklich so ists getroffen,
Kommt uns aber das Widerspiel
So gescheh, was Gott haben will,"

Man könnte fast meinen, der Erbauer habe geahnt, mit welchem Widerspiel er noch zu kämpfen habe; denn bekanntlich musste er, wie schon bemerkt, auf Befehl des Jud Süss, vor seiner Amtseinsetzung im Jahr 1737 sich beschneiden lassen. Noch ist bekannt Schultheiss und Amtmann Gg. Dav. Ditting, dessen Name auf dem alten Platzbrunnen zu lesen war und der als Nachfolger von Amtmann Zaiss im Jahr 1763 durch Regierungsrat Reinhardt in sein Amt hier eingesetzt wurde. Neben den Schultheissen werden in früheren Zeiten auch vielfach die Gerichtsschreiber und Gerichtsverwandte genannt. Letztere entsprechen den jetzigen Gemeinderäten. Mit dem Ortsvorsteher teilt sich die Gemeindeverwaltung bekanntlich der Gemeinderat und der Bürgerausschuss.

Fellbach hat 12 je auf 6 Jahre gewählte Gemeinderäte, wovon je nach 2 Jahren ein Drittel ausscheidet und durch eine neue Wahl ersetzt wird. Die Namen derselben sind: 

Die Zahl der je auf 4 Jahre gewählten Bürgerausschussmitglieder beträgt 13, von welchen je nach 2 Jahren die Hälfte der Mitglieder ausscheidet und durch eine neue Wahl ersetzt wird; dieselben wählen unter sich alle 2 Jahre den Bürgerausschussobmann, solcher ist derzeit Weing. Gottlob Seibold. Für die regelmässigen Sitzungen und Beratungen hat der Gemeinderat auf Diäten verzichtet; dagegen ist für anderweitigen Zeitaufwand, wie etwa als Waisenrichter, Steuer und Gebäudeeinschätzer, oder als Mitglied irgend eines ständigen oder zeitweiligen Ausschusses ein Taggeld von 5 Mk. angesetzt.

Der Ortsvorsteher, der einen festen Gehalt von 5000 Mark bezieht, ist zugleich Standesbeamter. Für das Steuer- und Versicherungswesen ist mit einem Gehalt von 2200 Mark eine besondere Steuerratschreiberei (Ratschreiber Glück) geschaffen, ebenso ist für den Steuereinzug ein besonderer Gemeindepfleger (Kaufmann W. Sayler) angestellt, welcher einen festen Gehalt von 1800 Mk. bezieht. Dem Ortsvorsteher ist zu seiner Unterstützung ferner ein von der Gemeinde honorierter, geprüfter Verwaltungsassistent und ein ungeprüfter Verwaltungsgehilfe beigegeben.

Für die Besorgung der Geschäfte eines Verwaltungsaktuars ist seit 1. Dezember 1907 für die Gemeinden Fellbach, Schmiden und Oeffingen ein besonderer Verwaltungsaktuar angestellt, der hier seinen Sitz hat (Kanzlei in der alten Apotheke) und zu dessen Besoldung die hiesige Gemeinde einen jährlichen Beitrag von 1570 Mk. zu leisten hat. Ebenso ist Fellbach der Sitz eines Bezirksnotariats, dem die Bezirksorte Fellbach, Schmiden, Rommelshausen, Stetten und Schanbach zugeteilt sind; auch die Führung des Grundbuchs der Gemeinde Fellbach ist dem Bezirksnotar zugewiesen.

Zur Besorgung der Amtsgeschäfte, wie Vorladungen, Zustellungen usw. ist ein Amtsdiener angestellt. Das Amtszimmer des Ortsvorstehers befindet sich im ersten Stock des Rathauses; nebenan ist die Kanzlei des Assistenten und Gehilfen, gegenüber vom Ersteren der Sitzungssaal mit einem kleinen Nebenzimmer; im Erdgeschoss ist ausser dem Wachlokal die Kanzlei der Steuerratschreiberei und des Bezirksnotariats untergebracht. Bis vor einigen Jahren hatte hier auch der Amtsdiener seine Wohnung.

Was das Rathausgebäude selbst betrifft, so trägt es, wie noch verschiedene Häuser in Fellbach, den Charakter eines altwürtt. Riegelbau-Gebäudes mit verzierten Unterstöcken aus der Renaissancezeit. Zum ersten Stock führt eine bedeckte Aussentreppe mitAltes Rathhaus Fellbach originellen Früh-Renaissanceformen. Eine an der Treppe angebrachte Inschrift trägt die Namen der beim Bau des Rathauses amtierenden Gerichts- und Amtspersonen und der ausführenden Maurer. Die Inschrift heisst: Nikolaus Kraus, Vogt von Cannstatt, Schultheiss Hans Seibold, Bürgermeister Hans Schnaitmann und Jakob Pfisterer; dann folgen 12 weitere Namen und zum Schluss Michael Haug, Maurer in Fellbach und Jörg Flach, Maurer in Esslingen.

Die Zeit des Rathausbaues scheint ins Jahr 1592 zu fallen. Diese Zahl steht nämlich im Gewölbe des geräumigen Kellers; fast in die gleiche Zeit fällt auch der Bau des benachbarten Hauses von  Karl Bauerle, wo die Jahreszahl 1588 und der Namenszug H S (wahrscheinlich obiger Schultheiss Hans Seibold) zu lesen ist, wie auch die Amtszeit oben genannten Vogtes Kraus in die Zeit fällt von 1588-1610. Da aber im Haus von K. Bauerle früher Beguinen (Klosterfrauen) wohnten, die schon ums Jahr 1499 genannt werden, ist anzunehmen, dass die Jahreszahl 1588 nur den Umbau zum jetzigen Wohn- und Oekonomiegebäude angibt, welcher nach Abgang der Beguinen von dem neuen Besitzer H. S. ausgeführt wurde.

Dem Ortsvorsteher ist auch die Verwaltung der Orts-Polizei übertragen. Dabei wird er unterstützt durch mehrere Polizeiunterbeamte, nämlich einem Wachtmeister (Gehalt 1200 Mk.) and 3 Schutzleuten. Besondere Nachtwächter, wie solche den älteren Bewohnern noch bekannt sind und welche durch "Rufen" die Zeit verkündigten und dabei die nächtliche Runde machten, gibt es nicht mehr, obwohl in der stillen Nacht, namentlich für Kranke und Bekümmerte, der Nachtwächtersruf eine angenehme Unterbrechung brachte. Der erste Ruf geschah Winters gewöhnlich Abends um 9 Uhr und lautete:

Hört ihr Leute, lasst Euch sagen,
unsre Glock hat neun geschlagen,
Nein undankbar blieben sind,
Fleuch den Undank, Menschenkind !
Wohl um die neun!

Jede Stunde hatte ihren besonderen Ruf; der letzte Ruf war morgens 4 Uhr; derselbe hiess:

Hört ihr Leute, lasst Euch sagen,
Unsre Glock' hat vier geschlagen:
Vierfach ist das Ackerfeld
O Mensch, wie ist dein Herz bestellt
Wohl um die vier!

Um die Weihnachts- und Neujahrszeit oder bei sonstigen Zeiten und Gelegenheiten sang der Nachtwächter auch noch andere sinnige Verse. Jetzt wird der Nachtwächtersdienst durch die Polizeimannschaft ausgeübt. Die Polizeistunde zum Besuch der Wirtschaften auf Nachts 12 Uhr festgesetzt.

Zur Beaufsichtigung der Unterhaltung der Ortsstrassen und Wege, die sich mit der Ausdehnung des Orts fortwährend vermehren und stets der Neuzeit entsprechende Verbesserungen bedürfen, ist gegen eine Belohnung von 800 Mk. ein Wegmeister angestellt (Gemeinderat Fr. Seemüller). Früher hiess er Frohnmeister, weil ihm die Aufsicht bei den Frohndiensten übertragen war, welche die Bürger bei Gemeindearbeiten, namentlich bei Strassenbauten zu leisten hatten. Die letzten Frohndienste bestanden noch aus dem Entfernen und Abführen des Strassenmorastes; seit ca. 10 Jahren ist auch dieser letzte Frohndienst aufgehoben. Dem Wegmeister beigegeben ist ein Wegknecht. In früheren Jahrhunderten waren selbstverständlich nicht nur die Ortsstrassen, sondern auch die Land- und Verbindungsstrassen zwischen den einzelnen Ortschaften höchst mangelhaft ; es waren eben Feldwege. So wurde die Landstrasse gegen Waiblingen erst 1750 richtig angelegt und zwar musste hiezu Fellbach einen Beitrag leisten von 12 Gulden per Ruthe, was bei 378 Ruthen 4536 Gulden oder 7711 Mk. ausmachte; Schmiden musste 105, Rommelshausen 117 Ruthen bezahlen. Im Jahr 1771 wurde dann diese Strasse vom Staat übernommen gegen einen Gemeindebeitrag an die Staatskasse von jährlich 40 Gulden und zwar bis zum Jahr 1808. Das Ausschlagen der Gräben musste die Gemeinde
besorgen, bis im Jahr 1861 dies ebenfalls der Staat übernahm, aber wiederum gegen eine entsprechende Entschädigung seitens der Gemeinde.
Die Strasse nach Rommelshausen wurde 1807, die nach Schmiden 1845 angelegt. Die Strasse nach Untertürkheim hat im Jahr 1903 eine notwendige Correktion erhalten, indem der Strassenstich, auf dem schon manches Unglück geschehen, beseitigt wurde, so dass jetzt, zumal schon früher die alte Untertürkheimer Staige durch eine neue Strasse ersetzt wurde, die Verbindung mit Untertürkheim eine bequeme ist.
Die genannte Correktion kostete 20000 Mk., woran Fellbach 8000 Mk., Untertürkheim 2000 Mk., die Amtskorporation den Rest zu bestreiten hatte.

Für den ca. 650 Morgen umfassenden Gemeindewald insbesondere zur Beaufsichtigung der Wald- und Holzarbeiten, ist ein Waldmeister angestellt (Gemeinderat Fr. Felger), der für seinen Zeitaufwand eine Belohnung von 400 Mk. erhält. Der Schutz des Waldes ist einem Waldschützen übertragen, der 800 Mk. bezieht und zum Schutz des Feldes ist ein Flur- und Feldschütz aufgestellt mit einem Gehalt von 1000 Mk. Die Feld- und Waldjagd ist wie schon früher bemerkt gegen 1640 Mk. verpachtet; früher stand die Ausübung der Jagd der K. Hofdomänenkammer zu, bis sie im Jahr 1848 der Gemeinde zur freien Verpachtung überlassen wurde. Damals betrug die jährliche Pachtgebühr 15 Gulden oder 25 Mark.
Zur Ausübung der örtlichen Feuer- und Bauschau war in der Person von Gottlob Gräber ein besonderer Controlleur angestellt ; derselbe hat nach 29jähriger Tätigkeit sein Amt auf 1. Oktober 1908 niedergelegt und so wurde in Uebereinstimmung mit dem neuen Baugesetz vom Gemeinderat beschlossen, einen besonderen Ortsbaumeister anzustellen mit einem Anfangsgehalt von 3000 Mk., und einem nach 6 Jahren erreichenden Endgehalt 3600 Mark. Für diese Stelle wurde am 1. Okt. vom Gemeinderat Werkmeister Aichinger gewählt.

Was die öffentliche Gesundheits- und Krankenpflege betrifft, so hat Fellbach auch in dieser Hinsicht Fortschritte gemacht. Früher waren nur Wundärzte hier ansässig und sind die Namen Nägele, Irion und Koch noch den meisten Bürgern in Erinnerung,  letztere zwei hatten das jetzige Gärtner Funk'sche Haus inne und betrieben darin zugleich eine kleine Privatirrenanstalt. Nach dem Tode von Wundarzt Koch in Jahr 1891 liessen sich dann einige praktische Aerzte hier nieder, so Dr. Klopfer, dann Dr. Niess, bis im Jahr 1892 unser jetziger Ortsarzt Dr. Mayer von der Gemeinde angestellt wurde und zwar mit einem Wartgeld von 800 Mark. Noch fehlte aber eine Apotheke und man musste sich bequemen, die Arzneien in Cannstatt, Waiblingen oder Untertürkheim anfertigen zu lassen. Im Jahr 1894 kaufte dann die Gemeinde das früher Koch'sche Haus beim Platzbrunnen um die Summe von 18000 Mk., worauf nach den nötigen baulichen Aenderungen von Apotheker Marggraf von Waiblingen am 1. Dez. 1894 in diesem Haus eine Filialapotheke eingerichtet wurde. Später im Jahr 1905 erlangte diese Apotheke ihre Selbstständigkeit und die Konzession zum Betrieb derselben erhielt der seitherige Apothekenverwalter Gustav Dölker. Dieser errichtete dann in gleichen Jahr bei der Kirche einen Neubau und verlegte die Apotheke dorthin. Infolge der raschen Vergrösserung des Orts hat sich im Jahr 1907 in der Person von Dr. Frank noch ein zweiter praktischer Arzt hier niedergelassen ; auch ein Zahnarzt, Herrn Schulze, übt hier seine Praxis aus.

Zur richtigen Ausübung der Krankenpflege besteht seit mehreren Jahren hier ein Krankenpflegeverein, dem über 400 Mitglieder angehören und der eine ausgebildete Krankenschwester, Marie Schächterle, von hier angestellt hat. Dieselbe hat eine sehr umfangreiche Arbeit, was folgende Zahlen beweisen. Im letzten Jahre machte sie 1654 Krankenbesuche bei Tag und 23 bei Nacht, ferner pflegte sie die Kranken in 128 3/4 Tagen und 112 1/4 Nächten, einmal auch 1 Tag und Nacht; bei Nichtmitgliedern wurden 75 Tag- und 5 Nachtbesuche gemacht. Ausser der Schwester besitzt der Verein mehrere Utensilien, z.B. Badewannen, Fahrstühle, Liegestühle, Wasser- und Luftkissen, Irrigateure, Spritzen, Thermometer, Eisbeutel , Inhalationsapparate usw. Da die Arbeit für eine Schwester zu gross ist, wird demnächst eine zweite angestellt werden. Der Vereinsbeitrag den Mitglieder beträgt 1, 2 und mehr Mark, je nach Belieben. Kassier ist Kaufmann J. Pfander. Ein eigenes Krankenhaus besitzt Fellbach nicht; lt. Vertrag wird bis auf weiteres das in Besitz von Stuttgart übergegangene Cannstatter Bezirkskrankenhaus benützt gegen eine von der Krankenkasse zu leistende Entschädigung. Im Genuss von Unfallrente stehen gegenwärtig hier 101 Personen, der Invaliden-Rente 58 Personen und der Altersrente 6 Personen. Von der Gemeinde sind ferner angestellt 3 Hebammen mit einem Wartegeld von je 52 Mk.

Zur Ausübung der tierärztlichen Pflege ist zwar kein eigener Ortstierarzt angestellt aber dem Oberamtstierarzt wurde aus der Gemeindekasse ein Wartgeld von 350 Mk. angesetzt wofür er alle zwei Tag und ausserdem bei jedesmaligem Verlangen hieher zu kommen hat; ihm ist auch die Oberaufsicht über die örtliche Fleischbeschau übertragen; sonst wird diese von 2 vom Gemeinderat gewählten Laien Fleischbeschauern ausgeübt, die den staatlichen Fleischbeschaukurs absolvierten und gegenwärtig ihren Dienst bei monatlicher Abwechslung gegen je 500 Mk. Belohnung zur Ausübung bringen. Zur Aufzucht und Nachzucht von Tieren sind 7 Farren eingestellt, die im Eigentum der Gemeinde stehen, aber an einzelne Farrenhalter gegen 350 Mk. jährliches Futtergeld pro Stück in Verpflegung gegeben sind. Für die Eberhaltung gibt die Gemeinde einen Beitrag von 200 Mk., für die Bockhaltung 100 Mk. pro Jahr.

In früheren Zeiten lag die Farrenhaltung dem sog. Almosenhof ob. Dieser Hof war steuerfrei, musste aber dafür 1 Farren, 1 Eber und 1 Stier in Fütterung nehmen. Bei späterer Vermehrung der Farren gab dann die Gemeinde dem Almosenhof einen Beitrag und zwar für die Haltung eines vierten Farrens 48 Kreuzer, für einen fünften 40 Kr. und für einen sechsten 30 Kr. per Woche. Im Jahr 1853 hat dann die Gemeinde die Farrenhaltung selbst übernommen. Der Eberhof war zur Haltung von 1 Eber verpflichtet. Bekannt sind aus jener Zeit noch die Namen "Hommelswiesen", auf welchen noch lange Zeit Abgaben ruhten, und der "Ebergarten". Zur teilweisen Deckung der Farrenhaltungskosten wurde von den Besitzern von Kühen von jeher sog. Pfrundgeld eingezogen. Dasselbe betrug pro Stück ursprünglich 12 Kreuzer; 1853 wurde es auf 24 Kr., 1858 auf 36 Kr. and 1875 auf  1 Mk. 20 Pfg. erhöht. Der Einzug findet jährlich statt und betrug die Einnahme hiefür im letzten Jahr 702 Mark,

In Bezug auf das Feuerlöschwesen hat sich infolge des neuen Gesetzes auch hier manche Aenderung vollzogen. Mit der alten Einrichtung der Feuerwehr, die früher in verschiedene Rotten eingeteilt war, wurde gebrochen und im Jahr 1889 eine freiwillige Feuerwehr gegründet. Dieselbe zählt über 200 Mann, welche sämtlich uniformiert sind. Die Altersgrenze für die Mitgliedschaft ist das 25. bis 50. Lebensjahr. Innerhalb dieses Alters Nichtbeitretende zahlen je nach Einkommen eine Feuerwehrabgabe von 2, 3 oder 5 Mk., was eine jährliche Einnahme von ca. 1000 Mk. ausmacht. Ausgerüstet ist die Feuerwehr mit allen nötigen Gerätschaften; vor einigen Jahren wurde auch eine sog. Magirusleiter angeschafft. Das Feuerwehrmagazin befindet sich im Erdgeschoss des Gemeindehauses in der Schmerstrasse. Mit der Errichtung der Wasserleitung hat sich die Organisation etwas geändert, da künftighin bei Brandfällen der Hauptsache nach nur noch die Hydranten, deren Zahl gegen 150 ist, zur Anwendung kommen. Eingeteilt ist die Feuerwehr gegenwärtig in folgende Züge:

Zug 1: Steiger, Retter und Schlauchleger;
Zug 2: Hydrantenmannschaft;
Zug 3: Spritze 1;
Zug 4: Ablösung;
Zug 5: Spritze II;
Zug 6: Buttenmannschaft;
Zug 7 : Flücht- und Wachmannschaft.

Erster Kommandant war bis zum Jahr 1901 Gemeinderat Fr. Seemüller; jetziger Kommandant ist Gemeinderat W. Off. Seit Gründung der Feuerwehr exestiert auch eine Feuerwehr-Musikkapelle. Der früher zu stellende Feuereimer oder die Gebühr hiefür wurde im Jahr 1885 aufgehoben. Es hing diese Einrichtung zusammen mit der Erwerbung des Bürgerrechts. Bis voriges Jahr betrug für jeden, der das hiesige Bürgerrecht erwerben wollte, die Aufnahmegebühr als Vollbürger 20 Mk., bei Verzicht auf Bürgernutzungen (Waldstreu , Stiftungen) 10 Mk. Mit der im letzten Jahr in Kraft getretenen neuen Gemeindeordnung wurde dasselbe, wie überall, auf 2 Mk. herabgesetzt. Früher, etwa vor 200 Jahren, war das Bürgergeld beim Mann 10 Gulden 13 Kreuzer für die Gemeinde, 4 Gulden ins Zucht- und Arbeitshaus , l 1/2 Gulden für den Feuereimer und 1 Scheffel Dinkel an den Fleckenfruchtvorrat; für die Frau waren 5 Gulden angesetzt. Später, nach 1800, waren mit der Bürgerrechtsaufnahme für Mann, Frau und Kind folgende Ausgaben verbunden

Ausserdem musste der Mann einen Feuereimer stellen oder 2 Gulden 21 Kreuzer, später sogar 4 Gulden 15 Kreuzer extra bezahlen. Für Beisitzer war die Hälfte angesetzt.

Was das Armenwesen betrifft, so liegt das selbe in guter Pflege und man kann wohl sagen, dass für diesen Zweig der Wohltätigkeit hier sehr viel geschieht. Schon in früheren Zeiten wurden für Armenzwecke mancherlei Stiftungen gemacht die heute noch bestehen und auch jetzt noch sind solche nicht selten, so dass die Armenkasse eigentlich keine arme Kasse ist, vielmehr über ein Kapital von ca. 30000 Mk. verfügt. Zur Unterbringung von Armen wurde schon in früherer Zeit ein Armenhaus gebaut. Dasselbe stand anfänglich in der Weimerstrasse, die von diesem Armenhaus früher den Namen "Bettelgasse" führte. Jetzt steht das Armenhaus im Unterdorf. Ueber seinem Eingang ist folgende Inschrift zu lesen: "1735 wurde dieses Armenhaus erbaut von Thomas Kugler, Schultheiss allhier und seiner Ehefrau Margaretha Kuglerin. Spruch Sal. 24,27: Wer den Armen gibt, dem wird nicht mangeln." Ohne Zweifel ist dieser Stein vom früheren Armenhaus hieher versetzt worden.

Wie schon vorn erwähnt, ist Fellbach ein Marktflecken und zwar scheint es, dass die Marktgerechtigkeit schon ums Jahr 180 bestund. Zunächst wurde aber nur 1 Markt abgehalten, erst auf wiederholtes Ansinnen verschiedener Gewerbetreibender wurden im Jahr 1812 zwei Märkte eingeführt und zwar der erste am Dienstag nach Mariä Geburt, der zweite am Dienstag nach Georgii. Diese Märkte bestehen jetzt noch, 

Aus den Blättern des Schw. Albvereins
Alter Platzbrunnen 1738

ausserdem ist vor ca. 6 Jahren noch ein dritter (Viehmarkt) eingeführt worden, der am letzten Mittwoch im Januar abgehalten wird. Früher muss es auf den Märkten lebhafter zugegangen sein als heutzutage ; denn zur Aufrechterhaltung der Ordnung wurde zur Wacht 1 Korporal, 1 Tambour und 6 Gemeine aufgestellt. Um den Besuch zu steigern, hatte die Gemeinde sog. Viehpreise ausgesetzt und zwar für den höchsten Ochsenpreis 3 Gulden, für den höchsten Kuhpreis 1 1/2 Gulden. Später scheint die Frequenz der Märkte wieder nachgelassen zu haben, denn im  Jahr 1845 hat man wegen geringen Besuchs, jedoch mit Vorbehalt, den Georgii-Markt auf einige Zeit ausfallen lassen. Er wurde jedoch bald wieder eingeführt, aber heute noch lassen namentlich die Viehmärkte zu wünschen übrig. Mit dem Markt am Dienstag vor Mariä Geburt ist gewöhnlich die ortsübliche Kirchweihe verbunden, namentlich ist es der Sonntag vorher, an dem auf die "Kirbe" so viele Fremde hieher kommen, dass es auf den Strassen und in den Wirtschaften von Gästen wimmelt. Seit 3 Jahren haben wir auch einen Wochenmarkt; derselbe findet jeden Freitag auf dem Marktplatz statt und befasst sich hauptsächlich mit dem Verkauf von Gemüsen, Früchten, Eier, Butter usw.
An öffentlichen Gebäuden und Plätzen ist Fellbach nicht besonders reich. Ausser dem Rathaus und den Schulhäusern, von welchen später noch die Rede sein wird , gehört der Gemeinde das schon mehrfach erwähnte früher Koch'sche Haus beim Platzbrunnen, in dem Parterre eine Wohnung und ein Canzleiloka1, im ersten Stock die Wohnung des Ortsarztes und im Dachstock Wohnzimmer für zwei Lehrerinnen eingerichtet sind. Eine zum Haus gehörige Scheuer wurde mit dem Umbau des Hauses 1894 abgebrochen und an deren Stelle eine Remise erstellt, die zugleich zur Aufbewahrung der Marktmaterialien und als Freibank benützt wird. Unter dem Hause und unter der Remise befindet sich ein geräumiger Keller; über dem Eingang des letzteren steht die Jahreszahl 1621 und der Name Hans Knauss. Vor dem Hause ist der Marktplatz. Auf ihm stand bis zum Jahr 1903 der sog. Markt- oder Platzbrunnen. Derselbe hatte einen mit württ. Wappen geschmückten, 6 eckigen eisernen Brunnentrog, in dessen Mitte der mit 4 Röhren versehene, unten mit Masken, oben mit einem schildhaltenden Löwen im heraldischen Stil geschmückten Brunnenstock sich erhob und so dem Platze ein ehrwürdiges Gepräge verlieh. Der Trog trug die Jahreszahl 1738, die Brunnensäule 1765; ausserdem waren folgende Namen eingehauen: Amtmann und Gerichtsschreiber Gg. Dav. Ditting; Renoviert 1803 durch Gerichtsschreiber Friz; ferner: Joh. Gg. Kugler; Joh. Gg. Schäfer, Zoller; M. Ad. Pfund; K. Künkele, Amtsbürgermeister; Gottf. Knauss, Johs. Bauerle, Heiligenpfleger. Trotz vieler Bestrebungen, diesen alten Brunnen zu erhalten, musste er dennoch weichen, sogar in Versen wurde er besungen, wie folgender Reim zeigt:

Nehmt von mir ab des Hauptes Würde
Den grimm'gen Löw' aus hartem Stein,
Er war doch Fellbachs schönste Zierde
Drum soll er bleibend Denkmal sein:
Ein Angedenk für alle Zeit,
An dem sich alt und jung erfreut!

Neuer Platzbrunnen 1903

Um dieses alte Denkmal zu erhalten, liess Schultheiss Friz im gleichen Jahr 1903 aus eigenen Mitteln im Hintergrund des alten Brunnens eine in entsprechendem Stile ausgeführte Mauernische aufrichten und nach einer gründlichen Renovierung der alten Brunnensäule diese als laufendes Brünnlein wieder aufstellen; nebenan ist die mit dem herzoglichen Wappen gezierte gusseiserne Tafel angebracht und am Brunnenstock selbst steht vorn die Inschrift: Renoviert von Gerichtsschreiber Friz 1803 und darüber: Neuerbaut von Schultheiss Friz 1903; auf den übrigen Seiten stehen die gleichen Namen wie oben. Ein ähnlicher gusseiserner laufender Brunnen stand in der Burgstrasse beim Haus von Wilhelm Frey, ebenso einer in der Kappelbergstrasse beim Backhaus; ausser dem war noch ein kleiner Brunnen in der Untertürkheimerstrasse gegenüber von Schreiner Laipple, der jetzt noch besteht, einer in der Hinterenstrasse beim Haus von Metzger Mack, dann der sog. "Klingler" gegenüber dem Ochsen und endlich einer in der Cannstatterstrasse. Alle diese öffentlichen Gemeindebrunnen wurden von dem von Berg und Wald kommenden Quellwasser gespeist, das in den Brunnenstuben im Buchwald, Zinshölzle, Schaftrieb, Pfeiferhalde und Brönnlis gesammelt und durch Deichel den betreffenden Brunnen zugeleitet wurde. Ausserdem besass Fellbach eine grosse Menge privater Pumpbrunnen, die immer einer gewissen Anzahl benachbarter Bürger zu eigen gehörten. Nichtteilhaber mussten sog. "Brunnenschilling" bezahlen. Mit Einführung der Wasserleitung sind die meisten dieser öffentlichen und privaten Brunnen verschwunden oder ausser Benützung gesetzt worden.

Ausser dem Marktplatz befindet sich noch oben bei der Krone ein kleiner freier Platz, derselbe war früher ein See, wurde dann aufgefüllt und im Frühjahr 1908 liess der Verschönerungsverein eine kleine Anlage mit  einem Druckbrunnen dort anlegen.

Eigentum der Gemeinde sind auch die noch vorhandenen 5 Gemeindebackhäuser, die von den Bürgern zum Backen verwendet werden. Das älteste wurde anno 1837, das neueste in der Waiblingerstrasse anno 1871 erbaut. Auch 2 öffentliche Waschhäuser waren früher vorhanden, die gegen 4 Kreuzer Kesselgeld von jedermann benützt werden konnten.

Zu dem grossen Aufschwung, den Fellbach im letzten Jahrzehnt genommen hat, haben hauptsächlich die gemeinnützigen, öffentlichen Einrichtungen beigetragen. Unter diesen steht voran die Wasserleitung. - Wohl hatte unser Ort viele Privatbrunnen, aber öffentliche Brunnen waren es verhältnismässig wenig und so regte sich auch hier der Wunsch nach einer Wasserleitung. An Gegnern fehlte es zwar anfänglich nicht, allein in Anwesenheit des damaligen Oberamtmannes von Cannstatt Reg. Rat Nickel, der eine Wasserleitung energisch befürwortete, wurde von den Collegien die Ausführung beschlossen. Mehrfache Grabungen und Messungen unsres Quellwassers ergaben aber, dass unser eigenes Wasser nicht reichte und eine Leitung mit natürlichem Druck nicht möglich sei. So wurde nun beschlossen, gemeinsam mit Schmiden und Oeffingen eine Wassergruppe zu bilden unter den Namen "Fellbacher Wasserversorgungsgruppe" mit dem Sitz in Fellbach und eine gemeinschaftliche Leitung auszuführen.

Zn diesem Zweck wurde im Jahr 1900 bei Aldingen OA Ludwigsburg am Neckar eine 7 km von hier entfernte ergiebige Quelle aufgekauft und dann sofort mit den Arbeiten begonnen. Der erste Spatenstich geschah am 3. Jan, 1902 und schon am 21. Nov. desselben Jahres war das Werk vollendet. Der Gesamtkostenvoranschlag war 360 000 Mark. Die Baukosten wurden in der Weise verteilt, dass unter Berücksichtigung der damaligen Kopfzahl Fellbach mit 4/6, Schmiden und Oeffingen je mit 1/6 belastet wurden.  Das Pumpwerk, getrieben von zwei Generator-Gasmotoren mit je einen Sauggenerator-Apparat, steht bei Aldingen, OA. Ludwigsburg. In demselben befindet sich auch die Wohnung für den Pumpwärter. Die Quelle selbst ist sehr ergiebig und liefert zur Zeit in der Sekunde 10 Liter. Da diese Menge jedoch auch später für die 3 Ortschaften nicht ausreichend erschien, so wurden je etwa 30 m vom Quellschacht entfernt zwei Grundwasserschächte erstellt. Zunächst wurde nur einer von ihnen in Benützung genommen und mit dem Quellwasserschacht verbunden. Der andere wurde für spätere Zeiten reserviert. Aus der so erstellten Wassergewinnungsanlage können 30-35 Sekundenliter entnommen werden.

Pumpwerk bei Aldingen

Eine derartige Wassermenge war für die Bedürfnisse der 3 Gruppengemeinden keinesfalls notwendig und so konnte auf Ansuchen der Gemeinden Cannstatt und Untertürkheim im Jahr 1905 an dieselben Wasser abgegeben werden. Diese beiden Gemeinden sind nun ebenfalls an das Rohrnetz angeschlossen; sie sind aber nicht in die Ortsgruppe eingereiht, vielmehr zahlen sie für das Wasser eine Abgabe und zwar bei einer jährlichen Wasserentnahme bis zu 100000 cbm 19 Pfg., bis zu 200000 cbm 9 1/2 Pfg. und bei einer noch grösseren Menge 9 Pfg per 1 cbm. Die abgegebene Wassermenge wird jeden Monat kontrolliert.

Mit ganz wenig Ausnahmen sind die meisten Häuser der Gemeinde Fellbach an die Leitung angeschlossen und es gehen jährlich ca. 20000 Mark für Wasserzins ein. An Wasserzins ist angesetzt für 1 Zimmer je nach seiner Grösse 2 bis 3 Mark, 1 Küche 4 Mk., 1 Pferd 3 Mk., 1 Stück Rindvieh 2 Mk., 1 Stück Kleinvieh 50 Pfg. (Siehe gedrucktes Wasserzinsstatut, das am 24. Juni 1908 neu erlassen wurde). Die Zahl der Hydranten in Fellbach beträgt etwa 150. Das Reservoir steht am Aufstieg zum Kappelberg auf der rechten Seite, es hat eine grosse Ausdehnung, ruht auf 8 Betonsäulen und fasst 800 cbm oder 800000 Liter. Der Druck selbst ist ein so grosser, dass der Wasserstrahl über die höchsten Häuser hinausreicht. Die vollständige Uebernahme der Leitung geschah im Jahr 1904. Sämtliche hiesigen Vereine haben zum Ausdruck des Dankes am Abend des 6. Okt. 1904 einen prächtigen Fackelzug veranstaltet, in dem verschiedene Festwagen eingereiht waren und wobei auf dem Marktplatz durch Gesang, Rede und einen aufsteigenden, bengalisch beleuchteten Wasserstrahl das schöne Werk gefeiert wurde. Von dem dabei gesprochenen Gedicht seien einige Verse hier angeführt.

 

Das grosse Werk, es ist gelungen,
Ein Denkmal ist's für alle Zeit,
Und was die Alten heut gesungen
Wird tönen fort in Ewigkeit.
Ein Ruhmesblatt in der Geschichte
Von Fellbach ist's und wird es sein,
Ja fortan wird in gutem Lichte
Stehn Fellbachs Wasser und sein Wein,
Drum Dank wir allen heute sagen
Ja heut sei denen treu gedacht,
Die zum Gelingen beigetragen
Des schönen Werks, das nun vollbracht
Hochreservoir am Kappelberg

 

Das zweite schöne Werk ist die neue Gemeindekelter an der Untertürkheimerstrasse, welche im Jahr 1906 erstellt wurde. Sie ist ein Meisterwerk und gereicht Fellbach zur Zierde und seinem Weinbau zur Ehre. Gebaut wurde sie nach den Plänen von Bauinspektor Friz bei der K. Zentralstelle für die Landwirtschaft und unter Leitung von Werkmeister Aichinger hier. Sämtliche Arbeiten wurden von hiesigen Meistern ausgeführt, nämlich die Beton- und Maurerarbeit von den Maurern Bauerle, Bährle und Hägele, Zimmerarbeit von Kögel, Schmiedearbeit von Riehle jr., Malerarbeit von Karl Riegraf Witwe, Schlosserarbeit von W. Mergenthaler, Glaserarbeit von Kurrle und Kögel, Schreinerarbeit von Karl Neef und Flaschnerarbeit von Härle und Zerweck. Von der Grösse und inneren Einrichtung dieser neuen Kelter, deren Kosten samt der hydraulischen Pressen auf ca. 95 000 Mk zu stehen kam, war schon früher die Rede.

Das dritte grosse Werk ist die Gasfabrik. Ihr Bau erfolgte im Jahr 1907. Nachdem zuerst hiefür ein Platz erworben war bei der Ziegelei von Haller und Zeltwanger wurde das von Auberlen-Ostertag in Stuttgart feil gebotene Areal, Ecke der Eisenbahnlinie und Schmidenerstrasse, für geeigneter befunden und dann dieses ca. 130 Ar grosse Areal angekauft zu 3 Mark 50 Pfg. per Qm. Später hat die Gemeinde davon ca. 70 Ar wieder käuflich abgetreten. Die Ausführung der Gasfabrik wurde dem Stuttgarter Gas- und

Gaswerk

 Wasserleitungsgeschäft übertragen mit einem Gesamtkostenvoranschlag von ca. 200000 Mark. Die Arbeiten wurden so energisch betrieben, dass das Werk noch in demselben Jahr 1907 fertig gestellt und in Betrieb gesetzt werden konnte. Der Gasometer fasst 800 cbm, der Ofenblock enthält 10 Retorten. Ist die Anlage vollständig ausgebaut, so können pro Jahr 700000 cbm Gas erzeugt werden. Bei der Eröffnung des Werks betrug die Zahl der Abonnenten 450, Mitte 1908 waren es schon über 800 und war der Gasverbrauch im ersten Betriebsjahr 120000 cbm. Für Nutz- und Leuchtgas ist eine einheitliche Leitung vorhanden und ein Einheitspreis festgesetzt, nämlich im Winter 19 Pfg., im Sommer 17 Pfg. und für gewerbliche Zwecke 14 Pfg., per 1 cbm. Die Brenn- und Leuchtkraft ist eine vorzügliche und die im Ort mit 76 Flammen eingerichtete Strassenbeleuchtung, die durch ein besonderes Fernzündsystem vom Werk aus bedient wird, erweist sich als sehr solid und praktisch. Neben der Fabrik befindet sich ein Wohngebäude für den Gasmeister, der nebenbei auch den monatlichen Gaszins zum Einzuge bringt.

Nach  Uebernahme des schönen Werks im Oktober 1907 fand nach der Besichtigung desselben am Abend ein gemeinsames Festmahl in der "Traube" statt , an dem auch Oberamtmann Reg. hat Nick von Cannstatt teilnahm. Mit der Einweihung des Gaswerks wurde auch die Weihe der neuen Kelter verbunden und es wurde nach obigem Mahle an demselben Abend von sämmtlichen hiesigen Vereinen ein grossartiger Festzug veranstaltet. Die Sammlung geschah in der festlich beleuchteten und dekorierten Kelter, wo von Oberlehrer Eppinger in Fellbach eine mit grossem Beifall aufgenommene Festrede gehalten und von den beiden hiesigen Gesangvereinen zur Einleitung und am Schluss je ein Lied vorgetragen wurde. Unter Böllerschüssen und Feuerwerk setzte sich dann der Zug, in den die verschiedenen Vereine sinnreich geschmückte, mit Fackeln und Lampions begleitete Festwagen eingereiht hatten, in Bewegung. Vor dem Rathause, das wie die Häuser der Nachbarschaft schön illuminiert war, wurde Halt gemacht, worauf nach einem Musikvortrag Schultheiss Friz eine Ansprache hielt und auf die Gemeinde Fellbach ein Hoch ausbrachte. Nachdem noch die Mitglieder des Turnvereins und Athletenbundes die zahlreichen Zuschauer mit prächtigen Aufführungen erfreut hatten, löste sich der Zug auf und die Feier fand im "Hirsch" und im "Adler" ihre Fortsetzung und ihren Schluss. Noch selten wird Fellbach eine schönere Veranstaltung und eine so grosse einmütige Begeisterung gesehen haben.

Ausser der Gasbeleuchtung haben wir seit 1904 auch elektrische Beleuchtung. Von den Neckarwerken Altbach-Deizisau (jetzt Aktiengesellschaft Neckarwerke in Esslingen) ist nämlich der elektrische Strom hieher geleitet und sowohl in mehreren Wirtschaften und gewerblichen Betrieben als auch in Privathäusern ist elektrische Beleuchtung eingeführt; auch elektrische Kraft ist vorhanden und in den meisten Werkstätten und in mehreren landwirtschaftlichen Betrieben sind elektrische Motore aufgestellt. Bei der Einführung des Gases wollten manche auch die Wohltat dieser Beleuchtung geniessen und so kommt es, dass man in verschiedenen Lokalen Gas- und elektrische Einrichtung nebeneinander antrifft.

So hat unser Fellbach in der letzten Zeit sehr wertvolle und bedeutungsvolle Einrichtungen erhalten, so dass die Gemeinde stolz darauf sein kann und sie sich damit würdig an die Seite jeder kleineren Stadt stellen darf.

Dass durch solche gemeinnützigen, öffentlichen Anstalten und Einrichtungen die Gemeindekasse nicht wenig in Anspruch genommen wird, lässt sich begreifen. Früher hatte die Gemeinde ein ansehnliches Kapital, heute dagegen hat sie eine Schuldenlast von nahezu einer Million Mark. Freilich sind dafür auch die Werte vorhanden, die zum grössten Teile sich selbst verzinsen und amortisieren, wie die Wasserleitung und das Gaswerk. Auch die sonstigen Anforderungen an die Gemeindekasse steigern sich mit jedem Jahr und es ist deshalb nicht zu verwundern wenn der Gemeindeschaden, der vor 4 Jahren noch 25000 Mk. betrug nunmehr auf 70000 Mk angesetzt ist. Welche Anforderungen an die Gemeindeverwaltung und Gemeindekasse gestellt werden das ersieht man am besten aus der Gemeinderechnung und dem aufgestellten Etat.

Gemeinde-Etat 1907,08.

1. Einnahmen:

 Gesamteinnahme: 80047 Mk 55 Pfg.

2) Ausgaben:

1. Einnahmen:

Gesamteinnahme: 125811 Mk.

2. Ausgaben: 

Gesamtausgabe: 210 356 Mk. 

somit Defizit 84545 Mk.; dieses soll gedeckt werden durch Entnahme von 14545 Mk. aus vorhandenen Restmitteln und aus einer Gemeindeumlage von 70000 Mk., welche erhoben wird durch einen Zuschlag von 50% zu der staatlichen Einkommenssteuer und einer Umlage auf Grundeigentum, Gebäude und Gewerbe mit 10,3% der Ertragskataster (1907 7,4%).

Was die steuerlichen Verhältnisse betrifft, so sei hier folgendes angeführt. Trotz der mannigfachen Ausgaben und Anforderungen, die in den letzten Jahren an die Gemeinde und deren Bürger gestellt wurden, hat sich im grossen Ganzen trotzdem der Wohlstand bedeutend gehoben. Im Jahr 1881/82 betrug die an das Ortssteueramt Fellbach bezahlte Kapitalsteuer 5000 Mk.; im letzten Jahr 1907 dagegen auf 7155 Mk. Aus diesen Zahlen ist leicht das gesamte Kapitalvermögen, das hier vorhanden ist, herauszurechnen. Legt man dabei der Kapitalanlage 4% zu Grunde, so betrug das vor 25 Jahren vorhandene Kapitalvermögen ca. 2 180 000 Mk. Im letzten Jahre aber berechnete sich dasselbe auf nahezu 6 Mio. Mk. und nach den neuesten Stand sind hier annähernd 7 Millionen Mk. Kapital vorhanden und versteuert. Auch die andern staatlichen Steuern sind höher geworden. Vor 25 Jahren betrug die staatliche Einkommenssteuer hier 550 Mk., im letzten Jahr 35000 Mk. ; ebenfalls vor 25 Jahren betrug die Umsatzsteuer aus Gütern 3000 Mk., im letzten Jahr 22 000 Mark, das Umgeld 6000 Mk., im letzten Jahr 12000 Mk. Ueberall ist eine Steigerung vorhanden und es ist in Bezug auf den Aufschwung einer Gemeinde gewiss kein schlimmes Zeichen, wenn derartige Zahlen sich vergrössern.

Es sei übrigens bemerkt, dass früher der Prozentsatz bei Berechnung der Steuer ein anderer war als beim neu geschaffenen Steuergesetz. Zur Vergleichung seien noch einige Steuer-Etats angeführt.

Fellbacher Steuer-Etat 1886/87.

Grundkataster 179745 Mark, Steuer hieraus 9017 Mark.
Gebäudekataster 3677500 Mark, Steuer 3888 Mark.
Gewerbekataster 43717 Mark, Steuer 1248 Mark.
zusammen Staatssteuer 14154 Mk.; der Amtsschaden betrug 4218 Mark, der Gemeindeschaden 12666 Mark. Auf 1 Mark Staatssteuer kamen 29.7 Pfg. Amtsschaden und 84,4 Pfg. Gemeindeschaden. Damals betrug das Kapitalvermögen der Gemeinde 38 360 Mk., worunter 18958 Mk Grundstücksgelder.

Zur weiteren Vergleichung seien noch die neuesten Etats angeführt:

Steuer-Etat pro 1906/07.

Grundkataster 207 391 Mk., Staatssteuer hieraus 3022 Mk.
Gebäudekataster 6 275 400 Mk, Staatssteuer hieraus 3765 Mk.
Gewerbekataster 117 083 Mk., Staatssteuer hieraus 1225 Mk.
Somit Staatssteuer 8013 Mark; Gemeindeschaden 41590 Mark.

Steuer-Etat pro 1907/08

Grundkataster 207 143 Mark, Staatssteuer 3018 Mark
Gebäudekataster 6 937 100 Mark, Staatssteuer 4162 Mark
Gewerbekataster 141 377 Mark, Staatssteuer 1567 Mark
Staatsteuer 8688 Mk.; Gemeindeschaden 45 000 Mk. einschl. 13 482 Mark Amtsschaden.

Steuer-Etat pro 1908/09.

Grundkataster 206298 Mark, Staatssteuer 3006 Mark
Gebäudekataster ca. 7 400 000 Mk., Staatssteuer 4462 Mark
Gewerbekataster 163 492 Mark, Staatssteuer 1743 Mark
Die Staatssteuer beträgt also 9212 Mark, der Amtsschaden ist auf 13 500 Mark, der Gemeindeschaden auf 70 000 Mark festgesetzt.

O wohl dem Land, wohl der Gmeind'
Wo in der Liebe sind vereint
Die Obrigkeit und Bürgerschaft,
nur da ist Segen, da ist Kraft.

In früheren Zeiten gab es noch manch andere Steuern und Abgaben, die nicht nur vom Staat, sondern auch von Klöstern, Bistümern und geistlichen Kapiteln, Grundbesitzern, Adeligen and dem Heiligen eingezogen wurden und unter dem Namen Zehnten, Gülten, Gefällen, Lehen u.s.w. bekannt waren; anfänglich bestanden sie zum grössten Teile aus Naturalien später wurden manche in Geld umgewandelt. Bekannt ist vor allem der "Zehnten", d.h. die Abgabe des zehnten Teil's von den Früchten. Es waren zu diesem Zwecke besondere Zoller and Zehntknechte aufgestellt und verschiedene Zehntscheuern und Zehnthäuschen vorhanden. Ein grosse Zehntscheuer stand in der Schmerstrasse an der Stelle, wo jetzt die Industrieschule steht, eine alte Zehntscheuer ist auch die im Hof von Karl Bauerle, welche die Jahreszahl 1597 trägt und die von Küfer Bodemer mit der Jahreszahl 1589 und dem württ. Wappen. Bei dem Zehnten unterschied man den Gross - und Kleinzehnten. Ersterer umfasste 1816 Morgen und musste von allem, was der Halm trug, der zehnte Teil gegeben werden. Eingezogen wurde er hauptsächlich durch das Kameralamt Stetten und das Bistum Konstanz, auch die hiesige Pfarrei und die Geheimenmühle bezog einen kleinen Teil. Der Kleinzehnten bestand in der Abgabe von Obst, Raps, Welschkorn, Kartoffeln, Rüben, Angersen, Flachs, Hanf, Wickenfutter, Klee, Zwiebel usw. Ausserdem gab es noch einen besonderen, 474 Morgen umfassenden Heuzehnten. Zu diesem Zweck waren die Wiesen in 4 Klassen eingeteilt. Die in der ersten Klasse mussten vom Morgen 1 Gulden 46 Kreuzer, die in der zweiten 1 Gulden 30 Kr., die in der dritten 1 Gulden 12 Kr. un die in der vierten 48 Kreuzer bezahlen. Zu letzteren Klasse gehörte die Aucht , der Brühlwald, die Kaiser, die Wannen und die Buchwaldwiesen, sowie die Länder und Bandhecken. Heuzehnten bezog auch das Kloster Maria Mayhingen, das in dem früheren Amtmann Friz'schen Hause, jetzt Jakob Aldinger gehörig, ein eigenes Haus hatte.
Bekannt war auch der Weinzehnten, der 816 Morgen umfasste. Den sog. Bodenwein gaben die Weinberge im vordern Alten, Gruner, Hagelhalden, Staig, Gans, obere Reute, Schauschild, Raichberg, Frauenweinberg, in der Katz, Pfeifferhalde, Himmelreich, Pommerbohm, Glockhäusle, Grosslappen, Käuferle, Raise. Die Abgabe bestand aus 5-10 Mass Wein.  Der Bodenwein wurde später durch den Heiligen mit 703 Golden abgelöst.
Welchen Umfang in Fellbach die verschiedenen Gefälle, Gülten, Zehnten usw. hatten, das ersieht man am besten aus dem Ablösungsregister. Während die Konstanzer Einkünfte schon ums Jahr 1802 an Baden, 1806 durch Tausch an Württemberg und 1807 an die Hofkammer übergiengen, fand im Jahr 1848 bekanntlich eine allgemeine Ablösung statt und zwar meist mit dem 16 fachen Betrage auf 25 Jahre. Solche abgelösten Abgaben waren hier folgende:

  1. Das Stiftungslehengült, welches aus jährlich 1 Scheffel, 2 Simri, 3 Vierling und 4 Ecklen Roggen, 4 Simri, 4 Vierling Dinkel und 1 Scheffel, 4 Ecklen Haber bestund und mit einem Betrag von 227 Golden 28 Kreuzer abgelöst wurde mit einer jährlichen Zeitrente von 14 Gulden 33 Kreuzer; letztmals zu bezahlen 1874.
  2. Das Kastenkellerlehengült, Ablösungskapital 85 Gulden, jährliche Zeitrente 5 Gulden 28 Kreuzer, letztmals 1874.
  3. Das Hueblehengült; Ablösungskapital 112 Gulden, jährliche Zeitrente 7 Gulden 16 Kr. , letztmals 1874.
  4. Das Erbacherhof-Gült; Ablösungskapital 320 Gulden, Zeitrente 26 Gulden 28 Kr.
  5. Kleinroggen-Gült; Ablösungskapital 49 Gulden, Zeitrente 3 Gulden 8 Kr.
  6. Eberhof-Gült, Ablösungskapital 544 Gulden, Zeitrente 34 Gulden, 49 Kreuzer.
  7. Gültlehen der geistl. Verwaltung Cannstatt, Ablösungskapital 406 Gulden, Zeitrente 26 Gulden
  8. Gültgefälle der ehemals geistl. Verwaltung Cannstatt, Ablösungskapital 44 Gulden 48 Kr.,  Zeitrente 2 Gulden 52 Kr.
  9. Ehemals Wallersteinische Landacht, Ablösungskapital 56 Gulden, Zeitrente 3 Gulden 25 Kr.
  10. Zinslehen-Gült, Ablösungskapital 232 Gulden, Zeitrente 14 1/2 Gulden
  11. Auchtwald-Gült, Ablösungskapital 96 Gulden, Zeitrente 6 Gulden 9 Kr.
  12. Grossroggen-Gült, Ablösungskapital 448 Golden, Zeitrente 28 Golden 46 Kr.
  13. Bodenweingült, Ablösungskapital 5786 Gulden, Zeitrente 370 Gulden.
  14. Scheuhings-Lehen, Ablösungskapital 768 Gulden, Zeitrente 49 Gulden 8 Kr.
  15. Brühlhof-Ablösung (Brühlhof bei Marchtal) 10 Scheffel Roggen, 11 Scheffel D inkel, 14 Scheffel Haber; Ablösungskapital 2890 Golden, Zeitrente 188 Gulden.
  16. Mackenlehen, Ablösungskapital 508 Gulden, Zeitrente 32 Gulden.
  17. Almosenhof-Gült, Ablösungskapital 1499 Golden. 

Die gesamte Ablösungssumme von sämtlichen Zehnten betrug 93694 Gulden (159 280 Mk.), wovon der Fruchtzehnten mit 56298 Gulden (95706 Mk.) , den Weinzehnten mit 32099 Gulden (54568 Mk.) und der Heuzehnten mit 5296 Gulden (9003 Mk.) Die Hauptsumme der abgelösten Gefälle betrug 13842 Gulden (23 530 Mk.), welche in einem jährlichen Betrag von 886 Gulden innerhalb 25 Jahren an das Kameralamt Stetten zu entrichten waren. Mit der Ablösung gingen auch die 4 Herrschaftskeltern, nicht aber die Zehntscheuern an die Gemeinde über. Letztere wurden teils von Privaten, teils von der Gemeinde käuflich erworben, so z.B. die grosse Zehntscheuer in der Schmerstrasse, die Hofkameralamt Stetten gehörte, um die Summe von 1600 Gulden.

Im Vergleich zu den grossen und vielen Abgaben, die von der Gemeinde und den Bürgern in aller möglichen Form zu entrichten waren, waren die Verpflichtungen an die Gemeinde von auswärts nur klein. So musste das Spital Cannstatt an hiesige Armen jährlich eine geringe Gabe in Geld hieher schicken, welche Verpflichtung im Jahr 1874 ebenfalls abgelöst wurde. Ferner hatten verschiedene Rommelshäuser Bürger, die auf Fellbacher Markung Güter hatten, hieher zu Zinsen und sind hierüber noch verschiedene alte Urkunden vorhanden. So liegt ein Vertrag von Jahr 1479 vor, nach welchem mehrere Bürger von Rommelshausen 25 Morgen Weinberg im Rörach von Fellbach lehensweise erhalten, aber in Fellbachs Zwangen und Benden bleiben müssen und für jeden Morgen 1 Imi Wein im Herbst und 8 Schilling an Martini zu entrichten schuldig sind. Dieser Vertrag wurde 1490 erneuert, weil die Rommelshäuser mit der Reichung zurückhielten. Durch die Gemeinde Rommelshausen wurden diese Abgaben im Jahr 1852 mit 130 Golden abgelöst. 

Ein weiterer diesbezüglicher Vertrag stammt aus dem Jahr 1478, wornach die Gemeinde Rommelshausen 4 Morgen Wald an der Rotenbergerstaig empfangen mit dem Recht den Wald zu reuten und Weinberge anzulegen, von jedem Morgen aber jährlich im Herbst unter der Haldenbacher Kelter 1 Imi Wein und 8 Schilling zu entrichten haben, nebst der üblichen Steuer; ferner ein Vertrag vom Jahr 1540, wornach die Rommelshäuser Bürger, die Güter in Fellbachs Zwengen und Benden haben, für jeden Morgen 4 Heller Hutlohn zu entrichten schuldig sind. Endlich wurde in einem Vertrag von 1561 den Besitzern der Tiergartengüter, Michael Reuthlin, Hans Salm und Pauline Schmids Wittib von Rommelshausen, die 13 Achtel Weinberg im Erbach auf Fellbacher Markung hatten, zur Auflage gemacht, für jeden Morgen jährlich 2 Eimer Beetwein, wie die Fellbacher, zu entrichten.

Auch von dem hier bestehenden sog. Almosenhof hat die Gemeinde eine kleine Abgabe bezogen. Dieser Hof welcher dem Almosenhof in Stuttgart 4 teilig war, umfasste 2 Morgen Gärten, 136 Morgen Aecker, 8 Tagewerk Wiesen, 6 Morgen Wald und 4 Morgen Weinberg. Zu ihm gehörte laut vorhandener Urkunde vom Jahr 1663 "ein Wohnhaus mit Scheuer, Hof, 2 Keller, Ross-, Vieh-, Schweine- und Geflügelstall, kleines Küchegärtle. Er lag mitten im Flecken in der vordern langen Gasse beim Platzbrunnen zwischen Peter Vetter und Simon Marpach, vornen an die Vordergasse, hinten an den Gemeindeweg stossend. Ohne Zweifel lag also der Hof an der Stelle, wo jetzt das Haus von Kaufmann Frey steht und bis zur Waiblingerstrasse hinüberreichte. Ein in der abgebrochenen Mauer gefundener Stein mit der Jahreszahl 1539 ist jetzt noch vorhanden. Dieser Almosen-Hof gehörte ursprünglich Bernhard Sattler, Bebenhausen'schen Pflegers in Tübingen und. J. Adam Pletzger, Fürstlicher Hausküchenmeister in Stuttgart und ging dann teils beweis, teils durch Kauf an Hans Pfisterer, Bürger zu Fellbach und seine Hausfrau Elisabeth über. In diesen Hof, der 1634 von den durchgezogenen Soldaten fast ganz eingeäschert und nachher nur wieder teilweise aufgebaut wurde, hatten von hier 9 Bürger Abgaben zu bezahlen; umgekehrt aber hatte der Hof, der, wie schon vornen bemerkt, zur teilweisen Farrenhaltung verpflichtet war, ein Viertel der Früchte an den Almosenhof (Armenkasten) Stuttgart zu leisten, ebenso der Herrschaft Württemberg mehrere Scheffel Früchte, ferner der St. Sebastianspflege in Beinstein jährlich 2 Schilling, den hiesigen Heiligen 4 Schilling und der Gemeinde Fellbach jährlich 25 Gulden als Aversum. Der sog. Eberhof war der Hof von Karl Hess hinter der Traube.

Mehr als auswärtige Abgaben hat früher die Gemeinde, beziehungsweise die Bürgerschaft durch milde Stiftungen erhalten, die heute noch vorhanden sind und schon manchen erfreut haben. Solche sind: Zins von 655 Gulden für Brot (nicht Geld); 350 Gulden für Schulbücher; 300 Gulden zur Unterhaltung der Armen in teuren Zeiten; 100 Gulden zu Schul- und Lehrgeld für Kinder armer Eltern; 20 Gulden für Suppen für Arme und Durchreisende; 825 Gulden zur Mehrung des heiligen Fonds; 225 Gulden zur Haltung einer lateinischen Schule (Zins zum Kapital); 50 Gulden zur Kirchenmusik; 50 Gulden für Hauptarme am Margarethentag; 200 Gulden als Prämien für fleissige Schulkinder; 500 Gulden (Kraft'sche Stiftung) zur Unterstützung von Lehrlingen usw. Seither sind zu diesen früheren Stiftungen von denen einige durch Ansammlung des Zinses sich ordentlich vermehrt haben, noch weitere hinzugekommen, so dass z.B. die Stiftung für Brot jetzt zus. über 5000 Mk. beträgt; manche wurden auch an die Armenpflege ausgefolgt z.B. eine Stiftung zur Anschaffung von Kleidungsstücken für arme Kinder usw.

Dienstbotenheimat

Dem Sinn für Wohltätigkeit ist auch die hiesige Dienstbotenheimat entsprungen. Dieselbe, ein stattliches Gebäude in der äusseren Pfarrstrasse, wurde gegründet im Jahr 1876 und zwar auf Anregung des Armenfreundes Philipp Paulus hier, früheren Direktors auf den Salons bei Ludwigsburg. Es ist diese "Heimat" ein Asyl für ältere, arbeitsunfähig gewordene weibliche Dienstboten und beträgt die Zahl der Pfleglinge, denen 2 Diakonissinnen beigeben sind, ca. 35. Oben im Haus, das überall elektrische Beleuchtung hat, sind die Schlafzimmer der Insassen; unten die Arbeits- und Andachtssäle. Vorstand des die Anstalt leitenden Komites ist, nachdem der langjährige frühere Vorstand Vöhringer in vorigen Jahr gestorben, derzeit Herrn Krauss in Stuttgart.

Eine andere Anstalt war früher in der Seestrasse (im Haus v. + Notar Sayler).  Es war dies ein durch Pfarrer Völter gegründetes Asyl für bekehrte Israeliten.  Es ging aber nach kurzer Zeit wieder ein.

Neben dem Wohltätigkeitssinn ist in Fellbach auch ein grosser Sparsamkeitssinn zu finden; so betrug im letzten Jahre bei der Agentur der Württ. Sparkasse (Kaufm. Fr. Aldinger) der Jahresumsatz 278 471 Mark, bei der Ortsstelle der Oberamtssparkasse (derselbe Agent) 156651 Mark.

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