III. Geschichtliches.

1. Ältere Geschichte. 

Die Frage wer die älteren Herren oder Besitzer eines Orts waren, ist immer eine schwierige, denn das Verhältnis dieser Herren zum Landesherrn war in früherer Zeit ein höchst  eigenartiges und die Bande zwischen beiden waren ziemlich locker. Deshalb erklärt sich auch, warum eine so lange Zeit nach Chr. Geb. v. Cannstatt nur sehr wenig, von Fellbach oder v. dem bei Fellbach gelegenen, 1285 abgegangenen Dorf "Immenrode" gar nichts bekannt ist.

Sicher ist nur, dass bei Cannstatt eine grosse, römische Niederlassung war, dass also in unserer Gegend sich früher die Römer niedergelassen hatten, wie aus den zahlreichen römischen Ausgrabungen und Funden ersichtlich ist, die in verschiedenen Bezirksorten, namentlich aber in Cannstatt beim Staigfriedhof (Römerkastell) schon gemacht worden sind. Auch in und bei Fellbach hat man Spuren von Römeransiedlungen gefunden. Zunächst ist es die alte "Römerstrasse". Diese führt von Aldingen, Oeffingen und Schmiden östlich an Fellbach (Esslinger Weg) vorbei und mündet in die "Hochstrasse". Von dort führt sie auf den Kappelberg, wo sie sich in 2 Arme teilt, von denen der eine sich als "Kaiserstrasse" über Hohengehren gegen den Hohenstaufen hinzieht, der andere über den Götzenberg und die Katharinenlinde nach Oberesslingen führt. Besonders aber ist ein zwischen den Fellbacher und Rotenberger Weinbergen schon vor vielen Jahren vorgefundenes Götzenbild, ein sog. Mithrasbild ein Beweis von einer römischen Niederlassung in der Nähe des hiesigen Orts.

Mithra war eine alt arische Gottheit, die später auch von den Römern verehrt wurde. Auf dem genannten Bilde, das aus weissem Werkstein ausgehauen ist, kniet der jugendIiche Gott Mithras mit dem linken Bein auf einem Stier; mit der linken Hand fasst er ihn an den Nüstern, mit der rechten stösst er ihm den Dolch in den Hals. Rings umher befinden sich als symbolische Tiere ein Rabe, ein Hund der an den Hals des Tieres springt , ferner ein Löwe, ein Skorpion und eine Schlange. Neben dem Stier steht ein Altar, über seinem Kopf hängt eine Lampe. Die Mithrasbilder, die das Symbol des Kampfes darstellen sollen, wurden v. den Römern in besonderen Höhlen und Grotten aufgestellt, wo dann besondere Feste, meist am 25. Dez., die sog. Mithrasmysterien, gefeiert wurden. Unser Bild hat eine Höhe von 1,36 m und eine Breite von 1,15 m und ist der Altertumssammlung in Stuttgart einverleibt.

Nach Vertreibung der Römer (9 n. Chr.) rückten die Deutschen in ihre Wohnsitze und das herrschende Volk wurden die Franken. Die spätere Völkerwanderung (375-568 n. Chr.), die ganz Europa in Bewegung setzte, hat wohl auch in unsrer Gegend Veränderungen gebracht und wahrscheinlich ist, dass in dieser Zeit die alten Herzoge wie in Cannstatt so auch hier begütert waren. Zuverlässiges aus dieser Zeit ist von hier, wie bereits erwähnt, nichts bekannt und selbst von der Stadt Cannstatt verliert man von Karl dem Grossen (866 n. Chr.) an bis zum 12. Jahrhundert jede Spur. Erst um diese Zeit dringt in das Dunkel der Geschichte Cannstatts und Fellbachs wieder etwas mehr Licht und zwar durch verschiedene Urkunden der Klöster und Edelleute, die den Tausch und Verkauf von Gütern, Zehnten u.s.w. betreffen. In jener Zeit fand eine Umgestaltung aller öffentlichen Verhältnisse statt. Die Gauverfassung wornach das Gebiet des jetzigen Württemberger Landes in 43 Gaue eingeteilt war, denen die Gaugrafen vorstanden, löste sich im Feudal- oder Lehenswesen auf und es entstanden in der Bevölkerung neue Klassen, nämlich Ritter und Bürger oder Städtebewohner. "Lehen" nannte man ein Gut, welches jemand von einem andern unter gewissen Bedingungen mit Vorbehalt des Eigentumsrechts zur Nutzung überlassen wurde. Der Eigentümer hiess Lehensherr, der Nutznieser Lehensmann. Dies Lehenswesen erstreckte sich von den höchsten Verhältnissen allmählich bis zu den kleinsten. Die grossen Reichslehen waren die Herzogtümer und Grafschaften, die kleinen Lehen waren teils Ritter- und Amtslehen, teils Bauernlehen; die mit dem Ritterlehen übernommene Verpflichtung bestand in Kriegsdiensten und der Lehensmann hiess Vasall; mit dem Amtslehen aber waren Amts- und Ehrendienste verbunden; die Belehnten hiessen Dienstmannen oder Ministerialien, und die mit einem Bauernlehen verbundene Verpflichtung bestand in der Abgabe von einem Teil des Ertrags und in bäuerlichen Diensten (Frohnen). Das Bauernlehen konnte erblich sein oder auf Lebenszeit oder nur auf eine bestimmte Zeit, mit allen war aber ein gewisser Grad von Unfreiheit (Hörigkeit) verbunden.

Die ältesten Grundbesitzer von Fellbach scheinen nun die Herzoge von Calw und die Herzoge der Welfen gewesen zu sein. Aus einer Urkunde vom Jahr 1121 entnehmen wir nämlich, dass ein Herzog von Calw dem Kloster Zwiefalten einen Wald und 20 Jauchert Weinberg bei Türkheim und Velbach vermacht habe und 1185 bestätigt Herzog Welt mit seiner Gemahlin Uta  dem Kloster Adelberg eine demselben gemachte Schenkung eines Gutes zu Velbach. Auf solche Weise gabs nicht nur hier sondern auch anderwärts fortwärende Aenderungen im Grundeigentum. Die Ritter verloren in den fortwährenden Kriegszeiten oft das Leben und ihre Güter kamen dann in andre Hände, oder mussten sie solche aus Not verkaufen; die Leibeigenen, welchen das Feld zur Bebauung überlassen war, schalteten wie sie wollten und manche Grundstücke fielen ihnen gegen geringes Entgelt als Eigentum zu, und was diese nicht bekamen, rissen die Klöster und Stifte an sich, die ohnehin durch die religiöse Meinung, dass man durch Verschenkungen und Stiftungen an die Klöster u.s.w., die Seligkeit erlange, immer reicher und begüterter wurden. So bekamen auch in Fellbach eine grosse Anzahl von Klöstern und Stiften manchen Grundbesitz und viele Einkünfte. Es waren z. B. hier begütert die Klöster Bebenhausen, Zwiefalten St. Blasien, Propstei Nellingen, Denkendorf, Sirnau, Lorch, Maihingen (Nördlingen), Salem (Esslinger Pflege), Weil (b. Esslingen), ferner die Stifte Backnang, Esslingen, Heidenheim (am Hahnenkamm), Stuttgart und das Domstift Constanz. Das Kloster Maihingen besass bis 1673 hier ein eigenes Haus (wahrscheinlich beim Platzbrunnen) und ausser den hier begüterten Predigermönchen, Barfüssermönchen und Augustermönchen war auch ein Beguinenkloster hier für weibliche Insassen, die sich in Deutschland durch Aufnahme verlassener Frauen und Mädchen, durch Krankenpflege und Kindererziehung sehr nützlich erwiesen und deshalb gewöhnlich "Seelenweiber" genannt wurden. (Ihr Haus stand ohne Zweifel hinter den Rathaus). Um jene Zeit des 11. und 12. Jahrhunderts nahmen die Grafen von Württemberg immer mehr an Bedeutung und Ansehen zu und hatten ihren Sitz von 1086 his 1321 auf ihrer in der Nähe gelegenen Stammburg "Wirttenberg". Die Herren v. Fellbach (Anm.: In den alten Urkunden kommt nur die Schreibweise "Velbach" vor. ) sind wohl Dienstmannen (s. o.) dieser Grafen gewesen. Ein solcher war auch ein Herr v. Stein. Die Herren vom Geschlechte der v. Stein hatten wahrscheinlich ihren Sitz auf der Altenburger Höhe bei Cannstatt, beim sog. grossen Stein, wo die Landgerichte abgehalten wurden, waren aber hier in Fellbach begütert und führten als Wappen drei Anker in gelben Felde, wie ein solches über dem Eingang der Kirchturmtüre heute noch zu sehen ist.

Ein Wolf von Stein heiratete 1318 eine Adale von Echterdingen. Weitere solche Herren von Fellbach, die wahrscheinlich ein Zweig des Geschlechtes von Stein waren und ohne Zweifel ihren Sitz um die befestigte Kirche herum hatten, war ein Heinrich von Fellbach, der (1258) den Brühlhof beim Kloster Marchtal an dieses Kloster verkaufte, ferner Reinhold und Gerold von Fellbach, welche (1270) in einer wirtenb. Urkunde bei den Grafen Eberhard und Ulrich als Zeugen aufgeführt sind; genannt werden weiter die Brüder Berthold und Heinrich von Fellbach, die (1289) vom Domkapitel Constanz mit dem Widdumshof in Cannstatt belehnt wurden. Auch die adeligen Frauen Gertrud, Emsa und Regina (1299) und Irmenburg von Fellbach (1342), welche ihre Güter "am Holzweg gen Waiblingen "dem Kloster Sirnau vermachten, werden angeführt. Zu den wirt. Dienstmannen gehört ohne Zweifel auch Wolfrad von Rems, der (1286) die Hofstätten in Fellbach, genannt "Modils Gut", an das Kloster Sirnau verschenkt. Der letzte Herr von Fellbach war Heinrich, Ritter von Fellbach und Ordensmönch des Klosters Bebenhausen, der (1351) all sein Gut zu Fellbach an den Grafen Ulrich von Württemberg verkauft. So ist unser Fellbach allmählich mehr und mehr in den Besitz der württ. Grafen übergegangen, und wie die meisten umliegenden Ortschaften, so zählt auch Fellbach zu den ersten Besitzungen Württembergs.

Vorübergehend, vom Jahr 1522-1534, nach der Vertreibung Herzog Ulrichs durch den Städtebund, war Württemberg und also auch Fellbach österreichisch. Damals verkaufte, wie schon früher erwähnt, Erzherzog Ferdinand v. Oesterreich die staatlichen Waldungen auf dem Kernen und der Beiburg von insgesamt 926 Morgen für 46 Pfund 6 Heller jährlichen Zins und zwar an die Gemeinde Fellbach (288 Morgen), Obertürkheirn (105 M.), Rotenberg (53 M.), Uhlbach (126 M.), Stetten (212 M.) und Rommelshausen (148 M.). Dagegen kaufte später (1616) der Herzog v. Württemberg von dem Kloster Zwiefalten dessen sämtlichen Besitz in Fellbach, Rotenberg, Uhlbach , Ober- und Untertürkheim um 13500 Gulden.


2. Schicksale und Ereignisse bis zum 30-jährigen Krieg.

Die Stadt Cannstatt wurde schon seit uralter Zeit wegen der zentralen Lage am Eingang ins Neckar- und Remstal immer als sehr wichtiger Pass angesehen und war deshalb fortwährend die Zielscheibe der kriegführenden Heere. Darunter hatten selbstverständlich auch die umliegenden Ortschaften zu leiden, namentlich auch Fellbach, das nach Cannstatt eingepfarrt war. Truppendurchzüge, Einquartierungen, Aushebungen und Brandschatzungen waren nichts seltenes. Schon das Jahr 1287, in dem Kriege Kaiser Rudolfs mit den württ. Grafen Eberhard dem Erlauchten, dessen Wahlspruch war: "Gottes Freund und aller Welt Feind", mochte für Fellbach nichts Gutes gebracht haben ; denn verheerend zog der Kaiser ins Remstal und Neckartal, zerstörte mehrere Burgen und legte Cannstatt mit seinen Vororten in Schutt und Asche. Ohne Zweifel fällt in diese Zeit auch die Verwüstung und der Untergang des Dorfes Immenrode, das zwischen dem jetzigen Fellbach und Rotenberg gelegen war und wovon heute noch das dortige Gewand "Simonrot" oder richtiger "Immenrod" seinen Namen hat. Die Bewohner haben sich in Fellbach niedergelassen, weil sie hier sicherer waren, denn schon in Jahr 1305 findet man Fellbach mit Mauern befestigt. Schon damals gehörte der grösste Teil Fellbachs den württembergischen Grafen und es hat deshalb der Ort jedenfalls auch zu leiden gehabt in der im Jahr 1291 ausgebrochenen Fehde zwischen Graf Eberhard und dem Grafen von Hohenberg, der wiederholt ins schwäbische Gebiet einfiel und u. a. die Burgen Berg, Waiblingen and Endersbach zerstörte.
Besonders hart mitgenommen wurde Fellbach und seine Nachbarorte in den beständigen Kriegen der württ. Grafen mit den Reichsstädten, unter welchen Esslingen und Reutlingen an der Spitze standen. Der erste Städtekrieg brach im Jahr 1311 aus. Weil nämlich Graf Eberhard von Württemberg gegen Kaiser Heinrich VII. sich trotzig benahm, rückte letzterer zu des Grafen Züchtigung mit einem Reichsherr in das damals noch aus einem kleinen Gebiet bestehenden Württemberg ein. Die Reichsstädte, die auf Eberhard nicht gut zu sprechen waren, weil er sie zu Landstädten herabdrücken wollte, vereinigten sich mit den Kaiser, zogen "Esslingen an der Spitze" gegen die Stammburg Wirtenberg and zerstörten sie von Grund aus, wie auch die umliegenden württemb. Burgen und Besitzungen nicht verschont wurden. Auch das Stift Beutelsbach, wo die Ahnherrn der württ. Grafen beigesetzt waren, verwüsteten sie, indem die Gebeine zerstreut und die Grabsteine zerschlagen wurden. Erst im Jahr 1316 kam mit Esslingen und den andern Reichsstädten ein Friede zustande.

Die Zerstörung des Schlosses Wirtenberg und des Stifts in Beutelsbach hatte zur Folge, dass Graf Eberhard 1320 seinen Sitz und 1321 auch das Stift Beutelsbach nach Stuttgart verlegte, so dass Stuttgart, das bisher ein Filial von Cannstatt gewesen, nun Landeshauptstadt wurde. Doch wohnten die Grafen dennoch lange Zeit noch abwechselnd auf verschiedenen Burgschlössern, ehe sie sich beständig in Stuttgart niederliessen; auch das Schloss Wirtenberg, das inzwischen wieder aufgebaut wurde, selbstverständlich durch Frohndienste, ersahen sie immer wieder zu ihrem Sitz, daher auch dieses Schloss dem Kaiser und den Städten fortwährend ein Dorn im Auge war. Die Fehden dauerten deshalb mit kurzen Unterbrechungen fort und es wurden dieselben für unsern Ort, wo in Jahr 1335 auch das Schloss Fellbach, das später eine wirkliche Festung wurde, ebenfalls an Württemberg überging, immer verhängnisvoller, was sich besonders in dem im Jahr 1340 erfolgten Ueberfall zeigte, durch den die Schutzmauern um den Ort Fellbach vollständig zu Grunde gerichtet wurden. 20 Jahre später wurde das Schloss Wirtenberg zum drittenmal zerstört, dagegen finden wir um das Schloss Fellbach (Kirche und Schulhaus) eine starke, schützende Ringmauer aufgeführt, über deren Portal aussen neben dem Wappen der württ. Hirschhörner die Jahreszahl 1423, innen die Zahl 1471 zu lesen war, auch ein schützender Wassergraben, über den man auf 2 Fallbrücken in den innern Hof gelangen konnte war angelegt (Siehe Bild). Dass durch solche immerwährenden Streitigkeiten, namentlich auch unter Graf Eberhard dem Greiner, endlich das ganze Ländchen erschöpft wurde, lässt sich denken. Ums Jahr 1400 lagen nicht weniger als 1200 Dörfer in Asche, die Weinberge waren ausgerodet , die Aecker mit Unkraut bewachsen. Dazu kamen noch schreckliche Landplagen; 1338 traten Heuschrecken auf, 1340 war ein mehrere Tage währendes Erdbeben, durch das viele Menschen das Leben verloren; endlich kam noch der schwarze Tod, eine pestartige Krankheit, die in einer Zeit von 5 Jahren alle damals bekannten Länder durchzog und 40 Millionen Menschen hinwegraffte. Es waren das schreckliche Strafgerichte Gottes, die notwendig zu tieferem Ernst und zur Erkenntnis der überall zu Tage tretenden Sündhaftigkeit führen mussten.

Und gottlob! Eine Iängere Friedenszeit trat ein und Land und Volk atmete frisch auf. Kaum waren aber 60 Jahre vorüber, so entstand 1449 wieder ein neuer Krieg zwischen den Fürsten, Edelleuten und Reichsstädten, welch letztere immer stärker und wohlhabender wurden und auf Fürsten und Adel herabsahen. In diesem Kriege wurden zwar die Esslinger geschlagen, allein weil dieselben auf dem bei Obertürkheim errichteten Wartturm einen sicheren Stütz- und Ausguckspunkt hatten, war es ihnen leicht, am 14. Aug. unerwartet die Cannstatter zu überfallen und das Kloster Weil zu plündern, wobei ihnen auch der hölzerne "Palmesel" der Klosternonnen in die Hände fiel. Graf Ulrich und Markgraf v. Baden belagerten zwar nun die Stadt mit 800 Reitern und 5000 Fussgängern und beschoss sie, aber es müssen schlechte Schützen gewesen sein, denn "von 81 Schüssen habe einer nur einen Vogel getroffen" und so konnten die Esslinger ohne Schwierigkeit am 23. Januar 1450 abermals einen Ausfall wagen, um Obertürkheim, Uhlbach und Untertürkheim zum grössten Teile niederzubrennen; auch nach Fellbach kamen sie , zogen aber unverrichteter Dinge wieder ab, weil sie einesteils auf Widerstand stiessen, andererseits sie ihre Wut bereits an den Nachbarorten abgekühlt hatten. Am 22. Juni 1450 erreichte endlich  dieser Städtekrieg sein Ende und Ruhe kehrte wieder ins Land. Es ist dies namentlich auch Kaiser Maximilian zu verdanken, der im Jahr 1495 auf dem Reichstag zu Worms den ewigen Landfrieden zustande brachte; eben auf demselben Reichstag erhielt Graf Eberhard den Herzogstitel und damit unser Land Württemberg die Herzogwürde. Trotz der Ruhe war das Land damals dennoch in grosser Trübsal. 1591 trat wieder die Pest auf; von 1508 - 1517 wuchs so wenig Getreide , dass eine Teuerung sich einstellte und der Scheffel Dinkel, der vorher 21 Kreuzer galt, nun auf 2 Gulden stieg. So wuchs die Not mit jedem Tag und leider auch die Unzufriedenheit des Volks, die hauptsächlich durch die Misswirtschaft des Herzogs Ulrich hervorgerufen wurde. Um für sein üppiges Hofleben mehr Geld zu bekommen, beschloss er, das Gewicht und Mass zu verringern und auf Fleisch, Wein und Früchte eine Steuer zu legen. Dies machte beim Volk allgemein böses Blut, so dass es im Jahr 1514 zu einem Aufruhr kam, der im Remstal in Beutelsbach seinen Anfang nahm und bekannt ist unter dem Namen "armer Konrad" d.h. Koan Rat, unter welchem Namen sich daselbst eine Anzahl lustiger armer Gesellen zu einem Verein zusammengetan hatten. Obwohl die Cannstatter und Fellbacher von diesem Aufruhr nicht berührt wurden, sei dennoch etwas Näheres davon erzählt. 

Einer von obigen Gesellen, Gaispeter genannt, kam mit einigen seiner Kameraden in die Metzig, wo das neue Gewicht erstmals in Anwendung kommen sollte und nahm die herzoglichen Gewichtssteine weg; dann zogen sie unter Trommeln und Pfeifen an die Rems hinab , um durch eine Wasserprobe ein Gottesurteil herbeizuführen. Gaispeter hob mit scheinbarer Feierlichkeit den Stein in die Höhe und warf ihn in das Wasser mit den Worten: "Haben die Bauern recht so falle zu Boden hat aber der Herzog recht , so schwimm oben. Der Stein sank natürlich zu Boden und die Bauern glaubten nun im Recht zu sein. In andern Orten des Remstals verfuhr man ebenso und bald stand ein Haufen von 2000 Aufrührer unter den Waffen. Auch in andern Gegenden des Landes brachen Unruhen aus. Auf der "Kirbe" zu Untertürkheim, am 19. Mai, hielten sämtliche Unzufriedenen eine grosse Zusammenkunft ab, um in die Sache einigermassen Plan zu bringen. Gleich am andern Tag erhob sich das ganze Amt Waiblingen. Zum Ruhm sei es gesagt, dass Cannstatt und Fellbach sich nicht am Aufruhr beteiligten, ja Herzog Ulrich hatte sogar so grosses Vertrauen zu den Bürgern dieser Gemeinden, dass er sie beauftragte, sein Stammschloss Wirtenberg vor etwaigen Angriffen der Aufrührer zu beschützen; die Untertürkheimer dagegen fühlten sich weniger dem Herzog zugetan, denn den von denselben gesandten Hilfstruppen verweigerten sie den Uebergang über die Neckarbrücke. Um die Misstände zu regeln, wurde dann am 26. Juni in Tübingen ein Landtag gehalten. Das Land erbot sich für den Herzog zu einer Geldhilfe von 800 000 Gulden und ausserdem noch zu einem Beitrag von 150 000 Gulden für die "wachenden" Schulden, d.h. für diejenigen, die täglich eingefordert werden können. Dagegen musste der Herzog versprechen, ohne Willen der Stände keinen Krieg anzufangen, kein Stück Landes zu verpfänden, keine neue Steuern einzuführen und ein Schutzgesetz wegen der Kriegslasten zu verwilligen. Im ganzen Lande musste dem Herzog aufs neue gehuldigt werden. Allein die Remstäler, die heute als die unschuldigsten und gefügigsten Bürger gelten, verweigerten die Huldigung und als der Herzog erschien, bereiteten sie ihm einen solch schmählichen Empfang, dass er wieder abzog. Unterdessen bemächtigten sich die Aufrührer der württ. Stadt Schorndorf und zogen in grossen Haufen auf den Kappelberg (bei Beutelsbach). Einige allerdings hatten nun an dem Treiben genug, sie sagten: "Lasst uns den amen Konzen dort vergraben, wo er aufgestanden ist und dann wieder heim ziehen. " Die meisten aber blieben hartnäckig und beschlossen aufs neue die Verweigerung der Huldigung. Als nun aber der Herzog zum zweitenmale erschien und zwar mit 1800 Reitern, da liefen sie auseinander wie der Butter an der Sonne. Die Wohnungen der Rädelsführer wurden geplündert und verwüstet und gegen 1600 Remstäler wurden als verdächtig oder schuldig erklärt und zum Teil zum Tode verurteilt, zum Teil mit Ruten gestrichen und gebrandmarkt. So endete dieser Remstalaufruhr.

Dass sich Fellbach nicht an diesen Unruhen beteiligte, vielmehr treu zu seinem Herzog hielt, gefiel natürlich den Reichsstädten und den übrigen Feinden Ulrichs nicht und bald liessen sie es Fellbach entgelten. Im Jahr 1519 brach zwischen Herzog Ulrich und dem Schwäbischen Städtebund, den nicht nur die Reichsstädte sondern auch Fürsten, Ritter und Adelige zugehörten und die den Emporblühen der "Wirtenberger" schon lange mit scheelen Augen zusahen abermals ein Krieg aus. Die Reichsstadt Reutlingen hatte nämlich den herzogl. Burgvogt v. Achalm erschlagen. Sofort brach Ulrich mit einer Kriegsschar auf, nahm die Reichsstadt am 28. Jan. 1519 ein und wollte sie zu einer Landstadt machen. Allein Reutlingen war Mitglied des Schwäb. Bundes und so hatte Ulrich sofort diesen ganzen Bund gegen sich. Ohne weiteres rückte das Bundesheer von Ulm her in das herzogliche Gebiet ein und richtete furchtbare Verheerungen an. Unsre Gegend bekam vornehmlich wieder von der alten Reichsstadt Esslingen zu leiden; die Esslinger überfielen am 3. April (Sonntag Lätare) mit 600 Landsknechten ganz unverhofft das Kloster WeiI, Untertürkheim und Fellbach, konnten aber hier wegen des befestigten Kirchhofs wieder nicht viel ausrichten. Inzwischen rückte das Bundesheer unter Führung von Georg von Frundsberg immer näher; am 5. Mai lagerte es sich bei Cannstatt und tags darauf am 6. Mai kamen die Truppen auch nach Fellbach, das ihnen wegen seiner Festung schon Iängst ein Dorn in Auge war. Sie raubten und plünderten und was von diesen Bundessoldaten in allgemeinen gesagt ist, nämlich dass sie das Gut des Landes aufzehrten und vieles mit fortgenommen "und dem Lande eine nicht geringe Platte geschoren haben", das gilt auch in Bezug auf ihre Tätigkeit in hiesigem Ort. Dieweil aber Herzog Ulrich Miene machte, mit einen neuen geworbenen Heer das Neckartal heraufzuziehen, schlug das Bundesheer rasch sein Lager zwischen Hedelfingen und Wangen auf. Nun standen die Feinde einander gegenüber, bis es an 14. Okt. zu einer Entscheidungsschlacht kam, in dem das Bundesheer siegte. Ulrich floh und soll, wie die Sage erzählt, seinen Verfolgern dadurch entgangen sein, dass er mit seinem Pferde über die Brücke bei Köngen in den Neckar sprengte und dann bei dem Pfeifer von Hardt OA. Nürtingen sich verborgen hielt. Nun waren die Bündischen Herren im Lande. Zunächst kühlten sie ihre Wut an dem Stammschloss Wirtenberg, das auf Befehl des bayerischen Herzogs Wilhelm unter Führung von Jörg von Stauffenberg am Samstag den 15. Okt. vollständig in Asche gelegt wurde. Die Esslinger machten sich wieder hinter ihre alten Feinde und verbrannten Obertürkheim und Uhlbach. 3 Tage später am Dienstag den 18. Okt. 1519, rückte eine Abteilung des Bündischen Exekutiv-Heeres, meist aus Bayern bestehend, auch in Fellbach ein, wo sie sich wie überall "so wohl begrasten und nichts liegen liessen, als was sie nicht haben tragen oder führen können". In demselben Monat wurde auf dem Bundestag in Esslingen beschlossen, alle festen Plätze und Mauern, die dem württ. Herzog gehören, niederzureissen; sofort machten sich die Bundessoldaten an dieses Zerstörungswerk; auch die festen Mauern des Fellbacher Kirchhofs, die so manchen Angriff zurückhielten, wurden zerstört, die Kirche selbst aber, die mitten im Kirchhof stand, musste auf ausdrücklichen Befehl verschont bleiben. Ebenso sollten die noch übrigen Mauern des verbrannten Schlosses Wirtenberg "gar niedergelegt und abgetan werden", welches Geschäft den Esslingern angetragen wurde. Das Land Württemberg wurde vom Schwäb. Bunde dem Kaiser v. Oesterreich als Geschenk übergeben und dieser trat es an seinen Bruder Erzherzog Ferdinand v. Oesterreich ab. (s.o.)

In diese Zeit (1525) fällt auch der Schwäb. Bauernkrieg. Das drückende Joch der Leibeigenschaft, Misshandlungen durch Gutsherren und Beamte, grosser und schädlicher Wildstand, Frohnen, Zehnten und Steuern, dann noch die falsche Deutung von Luthers Lehre über die "geistige Freiheit": Alles das führte die Bauern zum Aufstand. Er dauerte allerdings nur wenige Monate, denn schon am 4. Juni desselben Jahres wurde der Aufstand durch das Bundesheer gedämpft, nachdem er sich von Vaihingen und Stuttgart bis nach Waiblingen verpflanzt hatte. Auch in diesem Bauernkrieg haben sich die Fellbacher ruhig verhalten; sie taten auch recht daran , denn durch solches aufrührerisches Treiben wurde im Zustand des Volkes nichts gebessert, ja die Zügel wurden nachher desto strenger angezogen.

Württemberg blieb unter österreichischer Herrschaft bis zum Jahr 1534, in welchem Jahr der vertriebene Herzog mit Hilfe Philipps v. Hessen durch die Schlacht bei Lauffen sein Land wieder gewann. Später schlagen diese beiden Heere ihr Lager in der Gegend von Untertürkheim auf, 8 Jahre später finden wir vom 28-36. April in Fellbach und Plüderhausen 3000 Spanier einquartiert, welche auf dem Marsche zum Krieg gegen die Türken sich befanden. Auch Württemberg sollte an diesem Türkenkrieg teilnehmen und es fand zu diesem Zweck am 16. Mai desselben Jahres zu Cannstatt eine Musterung statt.

Dass die Gegend um Cannstatt and also auch unser Fellbach in dem im Jahr 1546 ausgebrochenen Religionskrieg, den man den Schmalkaldischen nennt, durch Einquartierung, Truppendurchzüge usw. manches zu leiden hatte, ist nach der ganzen Sachlage sicher anzunehmen; ganz Schwaben war damals von den kaiserlichen Heeren überschwemmt und am 21. Dez. 1546 rückte unter Führung des Herzogs Alba ein spanisches Heer in Cannstatt ein, auch Untertürkheim und die umliegenden Orte hatten spanische Besatzung und am 2. Januar des folgenden Jahres hielt Herzog Alba die alte Burg Wirtemberg besetzt.

Nach dieser Zeit hatte das Land wieder ein halbes Jahrhundert Ruhe, um nachher in dem im Jahr 1618 aus gebrochenen 30jährigen Krieg desto mehr zu leiden und zu dulden. Hätte damals manches Herz gewusst, welchen Jammer unser Deutschland and Württemberg noch zu erwarten hatte, es würde sicherlich mit feuchten Augen in den Vers eingestimmt haben:

Willst grosser Herrscher du denn nicht
Mit Frieden uns erlaben ?
Ja, dürfen wir am Friedenslicht
Nicht wieder Freude haben?
0 dass doch rief der Herr uns zu
Des Krieges Schluss, der Waffen Ruh,
Das Unglück ist zu Ende!

3) Der 30 jährige Krieg. 

Dieser unglückselige Religionskrieg hat im Jahr 1618 in Böhmen angefangen und sich nach und nach über ganz Deutschland verbreitet. Auch unser Land Württemberg, das damals schon 445 000 Einwohner zählte, hatte während des 30jährigen Verlaufs des Krieges schrecklich zu leiden und keinen Ort wird es geben, der nicht von Jammer und Elend heimgesucht worden wäre.

Die Schicksale Fellbachs in jener Zeit hat der damalige Pfarrer Maicler im hiesigen Kirchenbuche ausführlich niedergeschrieben und der selige Pfarrer Werner hat sie im Jahrgang 1855 der "Basler Sammlungen" veröffentlicht. Aus diesen ist auch meist das Folgende entnommen.

Im Anfang des Krieges blieb Württemberg zwar verschont, aber nicht mehr lange dauerte es, so wurde unser armes Ländchen mit feindlichen Heeren aller Art ganz überschwemmt und mit Raub, Mord, Brand, Verwüstung und Verderben so überschüttet, dass es heute noch ein Wunder ist, wie es nach solchen Schlägen durch Gottes Barmherzigkeit wieder aufgerichtet wurde. Auch unser Fellbach bekam von diesem bitteren Leidenskelch sein redlich Teil zu trinken und mit ihm auch sein Seelsorger Pfarrer Maicler. Vorerst kam Seuche und Teurung über das Land, am stärksten im Jahr 1626. Ganz bedeutend war die Seuche (Pest) in Schwaikheim; von diesem Ort wurde sie nach Fellbach verschleppt. Das ging so zu. Bei einem Hans Pfister in Fellbach diente als Weinbergknecht der ledige Michael Niethammer von Schwaikheim. Diesem starb sein Vater und Bruder und er ging heim und wohnte der Beerdigung bei. Als er wieder zurückkam, erzählte er von der schrecklichen Pest in seinem Ort. Die Kinder seines Herrn wurden darüber so erschrocken und geängstigt, dass sie sofort an der Pest erkrankten und auf einen Tag starben, ein Knabe von 9 und ein Töchterchen von 7 Jahren. Nun verbreitete sich hier die Pest sehr Rasch und dauerte 19 Monate lang; in dieser Zeit wurden 550 Personen hinweggerafft. Der Knecht, welcher die Pest hereingeschleppt hatte, starb nach 5 Monaten, auch in Pfarrers Maiclers Haus kehrte der Tod ein. Zuerst starb seine Hausmagd Margareta Laipple und dann seine Gemahlin im Alter von 46 Jahren. Die Zahl der Sterbenden wuchs mit jedem Monat; im Oktober 1626 starben 163, im November 161 Menschen, oft wurden an einen Tage 8, 9 und 10 Personen zu Grabe getragen. Am Ende des Jahres 1626 waren bereits 536 Personen gestorben. In Anbetracht dieser schrecklichen Einkehr legte Maicler an Neujahr 1627 seiner Neujahrspredigt den Text zu Grunde: "Ach dass ich Wasser genug hätte in meinem Haupte und meine Augen Thränenquellen wären, dass ich Tag und Nacht beweinen möchte die Erschlagenen in meinem Volk" (Jerm. 9,1). Am 11. Jan. wurde auch ihm wieder eine Wunde geschlagen, indem seine 22jährige Tochter starb. Am 17. April stand endlich die Seuche still. Gar viele Ehen wurden in diesem schrecklichen Sterbejahr aufgelöst, viele grossen und kleinen Kinder standen als Waisen da. Es ist deshalb nicht zu verwundern, wenn in dem einzigen Jahr 1627 so viele Hochzeiten geschlossen wurden; es traten in den Ehestand 39 Witwer, 46 Witwen und 39 Waisen. Auch Maicler verehelichte sich zum zweitenmale mit Agnes Wieland, Tochter des Pfarrers von Betzgenried, aber schon nach 4 Jahren wurde die Ehe durch den Tod der Pfarrerin wieder aufgelöst. In dieser Zeit wurden in Fellbach in 19 Monaten 45 milde Stiftungen gemacht für Kirchen-, Schul- und Armenzwecke, die alsbald verwendet wurden, denn Arme gab es in dieser teuren Zeit gar viele. Unterdessen kamen immer mehr feindliche Truppen ins Land und hausten wie gierige Wölfe. Da viele Leute auswanderten, erliess Herzog Friedrich eine Verordnung, dass man die Leute vom Auswandern abmahnen solle, damit das Land nicht gar entvölkert werde. Das Erscheinen Gustav Adolfs von Schweden hat zwar Erleichterung gebracht, weil sich nun die kaiserlichen Truppen mehr nach dem nördlichen Deutschland bewegten; allein als Gustav Adolf in der Schlacht bei Lützen 1632 zwar wohl den Sieg errang aber sein Leben verlor, begann erst eine rechte Leidenszeit für die Evangelischen, besonders auch in Württemberg; denn nicht nur die kaiserlichen, sondern auch die schwedischen Heere, von welchen nach Gustavs Tod die strenge Kriegszucht eben falls wich, trieben es so arg, dass heute noch das Gebetssprüchlein sich erhalten hat: "Vor Schweden und Türken uns bewahr." Raubend, sengend und brennend zogen sie im Ländchen umher und als vollends die Evangelischen die Schlacht bei Nördlingen (1634) verloren, in welcher auch 4000 Württemberger umkamen, über strömten die kaiserlichen Truppen gleich einem Strome unser Land. Was fliehen konnte, entfloh, selbst unser Herzog Eberhard verliess sein Land und floh nach Strassburg. Der Kaiser Ferdinand kam nun selbst nach Stuttgart, liess sich huldigen, setzte einen Statthalter ein und liess überall kaiserliche Befehle und Wappen anschlagen.

Auch für uns kam eine traurige Zeit. In nächster Nähe hatte ganz besonders Waiblingen zu leiden; dieses Städtchen hatte mit dem dazu gehörigen Amte damals 2530 Bürger; allein nach der ersten Verheerung, welche gleich nach der NördIinger Schlacht erfolgte, blieben nur noch 145 Bürger übrig. Weiber und Kinder ertranken auf der Flucht in der Rems, an den Uebrigen kühlten die Soldaten ihre Wut, andere kamen in den Flammen um, wieder andere wurden als Gefangene fortgeführt und hingemordet. Den Fellbachern ging es bis ins Jahr 1634 erträglich, wiewohl es an Truppendurchzügen und Einquartierungen nicht fehlte. Von diesem Jahre an sind aber auch in Fellbach viele Bürger von den Feindlichen getötet worden. Ueber 32 wurden erschlagen im Haus und Garten, auf dem Gottesacker, in den Weinbergen und Strassen. Besonders hatten es die Feinde auf die Pfarrer, Ortsbeamte und Schuhllehrer abgesehen. Der Gerichtsschreiber Ulsheimer wurde schändlich verstümmelt. Sein Schwiegersohn, Schulmeister Hohl, wurde weggeschleppt und in Hochberg in des Pfarrers Studierstube erschossen. Pfarrer Maicler entgieng dem Tod durch die Flucht nach Esslingen, kam aber nach 2 Monaten wieder zurück. Einmal war bei einer Witwe ein Profos im Quartier; dieser glaubte, in ihr eine Hexe zu erkennen, führte sie hinaus auf die Strasse, schlug sie tot und suchte ihren Leichnam zu verbrennen; die Frau des Büttels Schnaitmann wurde von einem bayerischen Wachtmeister vergiftet. Kein Haus war sicher vor den Feinden und kein Wunder ists, dass im Jahr 1635 446 Personen teils natürlich, teils durch Gewalt und Schrecken gestorben sind; 1638 und 1639 wurden nur 4 Kinder geboren, dagegen starben während der 37jährigen Amtszeit Pfarrer Maiclers 2566 Personen und nur 1583 Kinder wurden getauft; da war unser Ort, wie das ganze Land, nahe daran ganz entvölkert zu werden. Unter den Verstorbenen befand sich auch des Pfarrers dritte Gattin "Anna", mit der er nur 3 Jahre vorher in die Ehe getreten war, sowie sein 18jähriger Sohn Konrad. Am 27. April 1636 trat Maicler dann zum 4ten mal in die Ehe mit der Witwe des Pfarrers Binder in Rosswälden, nachdem sich vorher seine Tochter, die ihm Haus hielt, mit dem Pfarrer in Münster verheiratet hatte. Das schwere Sterbejahr war nun vorbei, allein auch die späteren Jahre brachten nichts Gutes; Truppendurchzüge und Lagerungen der feindlichen Trappen dauerten fort und mancher erschütternde Todesfall ereignete sich. Damals kamen viele armen Leute aus fremden Orten nach Fellbach und suchten Unterhalt in diesem fruchtbaren Flecken. Aber wie ausgehungert and todesmatt kamen sie oft an! Oft fand man ganz unbekannte Männer oder Weiber, Söhne oder Töchter tot auf der Strasse, in einem Garten oder Hof, in einer Scheuer oder im Stall, die meisten waren verhungert oder verschmachtet, andere in der Winterkälte erfroren. Ein andermal wurden auch Fellbacher, die etwa nach Brot gegangen waren, tot von Cannstatt heraufgebracht. Am 10. Sept. 1636 starb der Schultheiss Simon Thussnit, erst 47 Jahre alt, ein frommer und wohlgesinnter Mann; einige Monate später, ehe die Stelle besetzt war, starb auch der Amtsverweser. Man kann sich denken, wie es in diesen Zeiten, wo nirgends Gesetz and Ordnung war, an solchen Männern gefehlt haben mag. - Einmal lesen wir von einem Verstorbenen: "Seine Töchter haben ihn selber begraben". Ein andersmal heisst es: "Jakob, der Sohn einer 70jährigen Witwe, ist bei der Uffkirche zu Cannstatt gestorben, welchen dann Jerg Schnaitmann gegen die Ordnung und des Pfarrers Befehl gleich also warm, so bald er heraufgebracht worden, hat begraben lassen."

Im Jahr 1638 kam Herzog Eberhardt wieder in sein Land zurück. Aber das Elend war damit noch nicht zu Ende, die Not stieg immer höher, zumal als nicht lange hernach die kämpfenden Herren Württemberg zum eigentlichen Kriegsschauplatz machten. In Fellbach waren nacheinander Spanier, Lothringer, Kroaten, Bayern, Pfälzer, Oesterreicher und Franzosen einquartiert. Wie es da zuging, kann man aus einzelnen Zügen schliessen. Einmal wird ein Pfälzischer Reiter von einem andern erstochen, ein zweitesmal ein Oesterreicher und ein drittesmal heisst es: "Matthias Sailer wurde von einem Schorndorfischen Soldaten mörderisch erschlagen." Im Jahr 1643 hatte der bayerische General Mercy mit grossem Heer sein Lager aufgeschlagen auf dem Schmidener Feld zwischen Fellbach und Schmiden, teilweise auf dem Schnee; General Bernhard v. Weimar hatte sein Quartier im hiesigen Pfarrhaus. Am 26. Jan. kam dann das Hauptquartier, bestehend aus 12 Generälen, 4000 Pferden und 3 Brigaden Fussvolk, nach Cannstatt. In der Stadt und um die Stadt wurden alle Vorräte aufgezehrt und zur Unterhaltung ihrer Wärme-, Wach- und Kochfeuer benützten sie Schreinwerk, Fussböden, Fässer, Keltergeschirre and Tausende von Obstbäumen. Im Jahr 1645 standen die bayerischen Trappen wieder in der Gegend und im Jahr 1646 waren die Bayern hier im Quartier (26. Mai). Am grössten war die Kriegsnot, nachdem der französische General Türenne in das Herzogtum einrückte und nun Schweden, Franzosen, Bayern und die Kaiserlichen sich dann schlugen. Von den französischen Truppen bekam auch Fellbach sein zugemessenes Teil, wie eine Klagschrift sagt. In dieser wird gemeldet, es seien, als die Türenne'schen Soldaten ihr Winterquartier bezogen, 3 Regimenter unversehens nach Fellbach gekommen, die dem Ort "eine solche Letzte gelassen und ihn dermassen ausgesogen und ausgemergelt, dass solches unsre Nachkommen noch zu empfinden haben werden."

Noch 1647 waren Franzosen in Stadt und Bezirk Cannstatt, bis endlich im Jahr 1648 der Friede geschlossen und das Land befreit wurde. Aber wie sah es in diesem aus? In Stadt und Amt Cannstatt wurden in der Zeit von 1638 bis zum Friedensschluss nicht weniger als 350 000 Gulden Kriegskontributionen bezahlt, ohne die Quartierkosten; die Einwohnerzahl in den Bezirksorten war von 16538 auf 2831 herabgesunken; im Cannstatter Amt lagen 1900 Morgen Weinberge, 3200 Morgen Aecker und 1560 Tagwerk Wiesen leer und unangebaut und 2 Dörfer mit 2 Kirchen, 4 Pfarr- und Schulhäuser, 3 herrschaftliche und 997 bürgerliche Gebäude waren zerstört und abgebrannt. Trotzdem atmete beim Friedensschluss alles frisch auf und in Kirchen und Häusern, auf Strassen und Gassen stimmten Tausende ein in den Vers:

Lob, Preis und Dank sei Dir
Du Herrscher, reich an Gnaden,
Dass du das Vaterland
Von Kriegslast hast entladen,
Dass du uns blicken lässt
Des goldnen Friedens Zier;
Drum jauchzet alles Volk:
Herr Gott, dich loben wir!

Freilich nicht alle kamen in dieser traurigen Zeit zu ernster Einkehr und Busse; Verrohung und Frechheit, Unglaube und Aberglaube fanden auch beim Volk mehr und mehr Eingang; es konnte aber auch nicht anders sein, wenn man 30 Jahre lang nichts hört und sieht als Krieg und Kriegsgeschrei, Blutvergiessen und Morden, Rauben und Plündern, Sengen und Brennen. Besonders steigerte sich in jener Zeit der uralte Hexenwahn und in Stadt und Land forderte derselbe gar manche Opfer. Auch Fellbach war nicht befreit davon. So wird von hier berichtet, dass im Jahr 1663 die 65jährige Witwe eines Gerichtsverwandten (Gemeinderats) wegen angeschuldigter Hexerei mit glühenden Zangen gerissen, so dann mit dem Schwert hingerichtet und ihr Körper verbrannt worden sei. Aehnliches wird berichtet aus andern Orten z B. Sillenbuch, Rohracker, Rotenberg u.a. Nicht als Hexenmeister, sondern wegen "liederlicher und gottloser Aufführung" kommt 1746 ein Bürger von Fellbach ins Zucht- und Arbeitshaus nach Ludwigsburg. Derselbe suchte auf "gar unterschiedliche Art ein Geldmännle zu bekommen und gab dabei höchst vermessene Reden von sich."
Damals regierte in Württemberg Herzog Karl Alexander, der bekanntlich zur katholischen Kirche übergetreten war. Trotz seiner Tapferkeit war er kein glücklicher Regent. Anno 1735 grassierte im Land und in Fellbach die von den fremden Soldaten eingeschleppte Seuche. In Fellbach fiel ihr Schultheiss Thomas KugIer zum Opfer. Eine ärgere Landplage als die Pest war aber des Herzogs gewissenloser Günstling, der Jud Süss, der Württemberg aufs schändlichste aussaugte. In einem Kirchenbuch wird von dem damaligen Fellbacher Pfarrer Faber erzählt, dass am 9. Februar 1737 der Gerichtsschreiber Joseph Ebensperger, ehe er als erster Amtmann den Fellbachern präsentiert wurde, auf Befehl des Jud Süss "sich vorher habe beschneiden lassen müssen, welches harte Traktament auch denen Kugler'schen Erben (des oben erwähnten Schultheissen) widerfahren." Letztere mussten ferner auf eine erfolgte Denunziation, als ob durch den Schultheissen dem Herzog und der Landschaft Nachteil zugefügt worden wäre, obwohl er unschuldig war, 3500 Gulden an die Kabinetts Amtskanzlei bezahlen; 10 Eimer Wein, den die Erben ausserdem dem Jud Süss hätten schicken sollen, wurden wegen Todesfall des Herzogs rechtzeitig noch zurückbehalten. Nun wurde auch dem Süss, der, wie er sagte, nur mit grossen Herren umging, der Prozess gemacht. Nachdem er längere Zeit auf dem Neuffen gefangen gehalten worden war, wurde er am 4. Febr. 1738 hingerichtet und der Bann, unter dem das Land litt, war gehoben, zumal seine Helfershelfer aus dem Lande entflohen oder ausgewiesen wurden.

Nur den Süssen
Liess man's büssen,
Ist er gern bei grossen Herrn
Vornehm an dem Tisch gesessen,
Hat mit ihnen Kirschen gessen,
Lassen sie ihm nun den Kern,
Werfen sie dem amen Tropf
Nun die Steine an den Kopf.
An den Steinen kann man's lesen
Dass die Kirschen gross gewesen.
 

4. Die Franzosenkriege. 

Durch die von König Ludwig XIV. von Frankreich heraufbeschworenen Franzosenkriege, dann durch den spanischen Erbfolgekrieg und die späteren Revolutions- und Napoleonskriege bekam unsre Gegend abermals viel zu leiden. Damals standen alle Völker und Länder auf gespanntem Fusse zu einander. Zunächst kündigten die Türken 1663 dem Reiche den Krieg an; Schrecken bemächtigte sich der Bevölkerung und man hatte vor den Türken eine solche Angst, dass man das Läuten der Türkenglocke und die monatlichen Busstage einführte. In dem 10 Jahre später ausgebrochenen Franzosenkrieg blieb zwar im Anfang unser Land verschont, aber die verheerenden Truppendurchzüge und massenhaften Einquartierungen wollten kein Ende nehmen. In 4 Jahren betrug in Württemberg der erlittene Kriegsschaden mehr als 3 Millionen Gulden.

Schrecklicher noch waren die nächsten Franzosenkriege, besonders war es der französische General und Mordbrenner Melac, der in den Jahren 1688 -1693 unser Ländchen in höchst grauenhafter Weise verheerte und brandschatzte. Es wurden zwar 1689 dem franz. Feind Reichstruppen entgegengeschickt, auch Württemberger kamen an die badische Grenze, um die Franzosen aufzuhalten, sie wurden aber mit den andern bei dem Städtchen Bretten, das die Franzosen anzündeten, überrumpelt und gefangen genommen und in die Gefangenschaft nach Frankreich bis in die Champagne hinein geschleppt. Auch 31 Fellbacher, 20 Ehemänner und 11 Ledige, waren dabei. Die wenigsten kamen wieder nach Hause und noch im Jahr 1766 schreibt ein französischer Feldprediger an den Spezial in Cannstatt über die in Frankreich dienenden Fellbacher, Untertürkheimer und Uhlbacher. Nur von einem Fellbacher, dem Joh. Bernhard Aldinger, wird erzählt, dass er den 23. Dez. 1690 wieder hieher gekommen sei. Als er nämlich ausgeschickt wurde, um auf dem Felde Lebensmittel zu holen, sei er desertiert und bis nach Madrid in Spanien gekommen. Dort habe er von der spanischen Königin Unterstützung erhalten, sei dann als Kammerdiener des Churbayerischen Gesandten bis nach München gekommen, von wo aus er dann seinen Weg mit Betteln und Fechten heimgesucht und gefunden habe. Mit Psalm 4,4: "Erkennet doch, wie der Herr seine Heiligen so wunderlich führt" schliesst der damalige Pfarrer Ketterlin seinen diesbezüglichen Bericht im Kirchenbuch.

Nachdem Melac sein Unwesen in Esslingen getrieben, zog er nach Schorndorf; weil man ihm aber dort grossen Widerstand entgegensetzte, der vornehmlich durch die Weiber mit der Bürgermeisterin Künkelin an der Spitze ins Werk gesetzt wurde, zog er grollend, sengend und brennend das Remstal herab und überfiel auch Fellbach. Da die von ihm verlangten Geisseln (Bürger als Pfand) zu lange ausblieben, steckte er am 9. August 1693 den hiesigen Ort in Brand, so dass 178 Häuser in Asche gelegt wurden, worunter auch das Schulhaus. Ausserdem beraubten die Feinde der Kirche alle silbernen Gefässe für Abendmahl und Taufe im Wert von 300 Gulden. Auch die meisten Kirchenbücher zerrissen sie und so sind die 11 Namen die damals von den Feinden niedergemacht wurden auch die ersten in dem im Jahr 1693 neu angelegten Totenregister. "Ist auch deren keiner auf dem Kirchhof begraben, sondern liegen teils in ihren Gärten, hinter ihren Häusern, ohne Bahre und Bretter, wie denn auch viel der Franzosen in Feld und Flecken eingescharrt worden und nicht geringen Stank verursacht haben" heisst es in dem Register. Wie Fellbach so erging es noch andern 10 Ortschaften. Ausser den Brandschatzungssummen, die Melac sich von den Gemeinden entrichten liess, legte er namentlich den Pfarreien grosse Kriegskosten auf. So musste der Pfarrer in Fellbach 1035 Gulden, der Spezial in Cannstatt 800 Gulden, der geist. Verwalter dort 1384 Gulden und der Pfarrer in Obertürkheim sogar 2406 Golden bezahlen. Die Gesamtsumme, die Melac von den Pfarreien in Stadt und Land Cannstatt einkassierte, belief sich auf 16416 Gulden oder rund 28 000 Mk.

Später brach der spanische Erbfolgekrieg aus, bei welchem im Jahr 1707 die Franzosen in Stadt und Land ebenfalls schrecklich hausten, und im österreichischen Erbfolgekrieg 1740, in dem die meisten grösseren Staaten gegen Oesterreich zu Felde zogen, hatte Prinz Karl von Lothringen, der auf dem Marsch vom Rhein nach Donauwörth war, am 31. August 1711 hier in Fellbach sein Hauptquartier aufgeschlagen. Welchen Jammer und Schaden solche Quartiere ganz fremder Truppen mit sich brachten, lässt sich begreifen.

Ueber Württemberg, namentlich über unsern Bezirk sollten aber noch schwerere Zeiten kommen. Der Ausbruch der französischen Revolution (1789) war das Signal dazu. Fast unglaublich erscheint es, was das Land und die einzelnen Orte während mehr als 26jähriger Kriegszeit durch Einquartierungen, Durchmärsche und Kriegskontributionen von den herrschsüchtigen, gewalttätigen Franzosen zu dulden hatten. Man stelle sich vor, 10-15 Mann Soldaten, deren Sprache man nicht verstand, in einem Hause; bei Reicheren stieg die Zahl oft auf 20 und 30, ja einigemal bis gegen 100. Konnten die Privathäuser die Menge nicht fassen, so wurden, was nicht auf dem Felde lagerte, die Soldaten in Scheunen und öffentlichen Gebäuden einquartiert und von den Bürgern auf freiem Felde oder offenem Platze gespeist. Die Generale bis zum Feldwebel und Gemeinen herab hatten meist auch ihre Frauen und Kinder bei sich, für die ebenfalls gesorgt werden musste und war hiefür eine eigene Taxe festgesetzt.

Als am 2. Juni 1796 die Franzosen unter ihrem General Moreau den Kniebis erstürmt und das Land plündernd durchzogen hatten, rückten sie am 18. Juni in Stuttgart ein. Ein österreichisches Heer mit 80 000 Mann unter dem Kommando des Erzherzogs Karl, einem Bruder des Kaisers Franz von Oesterreich, rückte heran, um den Franzosen sich entgegenzustellen und sie am Weiterdringen zu verhindern. Am 19. Juli wurde zwischen Fellbach und Schmiden gelagert und erstreckte sich das ganze Lager von der Dietbachkelter bis nach Schmiden und Oeffingen; das war am 19. Juli, unmittelbar vor der Ernte! Das Hauptquartier war in Fellbach und der Erzherzog selbst und mit ihm der ganze Generalstab hatte sein Quartier im Pfarrhause. Am 22. zog die Armee wieder ab und marschierte gegen Schorndorf. Am andern Tag rückten dann französische Jäger zu Pferd ein; das ganze Feld und der Ort war mit Franzosen gefüllt; mancher Bürger musste 10 bis 30 und noch mehr zu essen und zu trinken geben. Am 25. Juli, dem Feiertag Jakobi wurde wegen der ausserordentlich grossen Unruhe kein Gottesdienst gehalten. Manche Gewalttätigkeiten kamen vor; so wurde z.B. einer der ersten Magistratspersonen, Johann Georg Schäfer, Zoller , 73 Jahre alt, von den Soldaten die er im Quartier hatte, zu Boden geworfen und totgeschlagen, weil er nicht weiter Wein aus dem Keller holen wollte. Nachdem die Reiter am 28. Juli unser Dorf verlassen hatten, rückten 2 Tage darauf französische Infanteristen ein; diese zogen aber andern Tags wieder weiter. So dauerten Durchzüge und Einquartierungen wochenweise fort, bis nach der Schlacht bei Amberg und Würzburg 1797 die Franzosen besiegt und aus dem Lande getrieben wurden. Allein wenn in den nächsten paar Jahren die Gegend um Cannstatt auch gerade nicht direkt mit Krieg heimgesucht wurde, so waren die Standquartiere und Durchzüge mehr als hart und die Verpflegungs- und Kriegskosten stiegen ins unendliche. Was die Verpflegungskosten betrifft, so ist in einem hiesigen Steuerbuche vom Jahr 1812 folgende Aufzeichnung zu finden: Bezahlt musste werden

    1) Für einen Divisionsgeneral: Für Logis allein im Winter 2 Gulden, (1 Mk. 70 Pfg.), im Sommer 1 Gulden 24 Kreuzer (2 Mk. 40 Pfg.); Kost ohne Logis 4 1/2  Gulden (7 Mk. 65 Pfg.) Für die Frau des Generals war 2/3 dieser Taxe angesetzt.

    2) Für Oberst bis Major: Logis allein im Winter 2 Mk. 15 Pfg., im Sommer 1 Mk. 50 Pfg.; Kost ohne Logis 5 Mk. 20 Pfg.; für deren Frauen für Logis 90 Pfg., für Kost 3 Mk. 40 Pfg.

    3) Für Hauptmann bis Leutnant: Logis allein im Winter 1 Mk. 50 Pfg., im Sommer 1 Mk.; Kost ohne Logis 3 Mk. 15 Pfg., für deren Frauen für Logis 45 Pfg., für Kost 1 Mk. 70 Pfg.

    4) Von Feldwebel bis zum Gemeinen: Kost ohne Logis 1 Mk. 10 Pfg.; für eine Frau 65 Pfg., für ein Kind 30 Pfg.

Betrachten wir den grösseren Geldwert in der damaligen Zeit, so verursachte die Verpflegung eines Regiments ganz enorme Kosten. Im Jahr 1797 kamen die Franzosen wieder ins Land, das damals wegen den ungeheuren Kriegskosten nur durch die Bemühungen und Anstrengungen des Herzogs und nachmaligen Königs Friedrich sich politisch und finanziell noch erhalten konnte. In Stadt und Amt, damals etwa 3000 Bürger, belief sich bis 1798 der Kriegsschaden schon auf 1 Mio. Gulden und von 1798 bis 1811 mussten 800 000 Gulden Amts- und Gemeindeschaden umgelegt werden. Unterdessen hatte sich Napoleon zum Kaiser von Frankreich gemacht und es kam wieder zu einem Krieg mit Oesterreich. Am 4. Okt., kam Napoleon, den sich auch die Württemberger anschliessen mussten, nach Cannstatt und ritt auf die Fellbacher Höhe, um das Feld in Augenschein zu nehmen, auf dem 1796 Erzherzog Karl sich gelagert hatte. Napoleon I. hat also wenn nicht unsern Ort so doch unser Feld mit seiner Gegenwart beehrt, freilich eine Ehre, auf die wir und auch die Cannstatter, denen er gleich 4 Wochen nachher von Ulm her 24000 gefangene Oesterreicher zur Bewirtung schickte, gerne verzichtet hätten. Später wurden Cannstatt und die umliegenden Orte mit durchziehenden russischen Truppen belegt und zwar in einer solchen Menge, dass selbst Rotenberg mit Einquartierung bedacht und die Pferde dort in der Kirche untergebracht wurden. Endlich in der Schlacht von Leipzig 1813 wurde Napoleon geschlagen und war damit der französischen Herrschaft ein Ende bereitet. Wohl ist aus diesem Kriege Napoleons unser württembergisches Land bedeutend vergrössert hervorgegangen, indem durch den Länderzuwachs von 1806-1809 die Bevölkerungszahl von 650000 auf 1400000 sich erhöhte, allein die Opfer waren desto grösser und der Wohlstand des Landes war durch die Jahrzehnte hindurch auferlegten Kriegskosten tief gesunken.
In was eigentlich die Kriegskosten bestanden, zeigt folgende Zusammenstellung, die Stadt und Amt Cannstatt im Jahr 1800 zu leisten hatte:

1. Quartier und Vorspann - 61000 Gulden oder 103700 Mk.

2. Kais. österr. Natural-Requisitionen und zwar

1608 Untzen Haber a 3 Gulden = 1824 Gulden oder 8200 Mk.
1960 Ztr. Heu a 3 Gulden 20 Kr. 5533 Gulden oder 9400 Mk.

3. Naturalien-Transport nach Hechingen 3470 Gulden 39 Kr. = 5900 Mk.

4. UImer Schanzkosten 2502 Gulden = 4253 Mk.;

5. Philippsburger Festungskosten 1060 Gulden = 1742 Mk.

Dies macht im Jahr 1800 zusammen 146638 Gulden oder nahezu 250000 Mk. Neben diesen Kriegskosten war noch eine besondere Kriegssteuer angesetzt, welche auf die einzelnen Bürger je nach Vermögen umgelegt wurde. Nach einer Aufzeichnung in einem älteren Fellbacher Steuerbuch beliefen sich die Kriegskosten in Fellbach

im  Jahr  1810 auf 800 Gulden
" " 1812 " 2807 "
" " 1813 " 1398 "
" " 1815 " 9802 Gulden  51 Kreuzer

Dazu kam noch die öffentliche Kriegssteuer, welche betrug 

im  Jahr  1811 7600 Gulden
" " 1812 5248 2807
" " 1813 3499 1398
 

und im Jahr 1815, in welchem die Kriegssteuer in Stadt und Land 145000 Gulden betrug, musste Fellbach nach dem steuerfussmässigen Satz sogar 24327 Gulden Kriegssteuer entrichten, neben den obigen 9862 Gulden 51 Kr. Kriegskosten, die von der Gemeinde aufzubringen waren. In diesen Jahren waren deshalb im Steuersatz stets auch Kriegssteuern angesetzt.
Der Fellbacher Steuer-Etat vom Jahr 1811/12 lautet z.B. folgendermassen:

Staatssteuer  5026 Gulden oder 8544 Mk.
Amtsschaden  2799  " " 4760 "
Kriegssteuer  5248  " " 8421 "
Gemeindeschaden 7164  " " 12178 "

Da die Last für die einzelnen Ortschaften zu drückend wurde, hat man im nächsten Jahr von der Umlage eines Amtsschadens Abstand genommen. Hiernach stellte sich der Etat pro 1812/13 wie folgt:

Staatssteuer 7597 Gulden oder 12761 Mk.
Kriegssteuer  3499  " " 5950 "
Gemeindeschaden  5179 " " 8804 "

Wenn man bedenkt, dass der Gemeindeschaden in Fellbach vor 20 und 30 Jahren ebenfalls nur 10-12000 M. betrug, so muss man nur staunen wie früher, da die Geldverhältnisse ganz andere waren, solche riesige Summen aufgebracht werden konnten.  Möchte uns Gott vor ähnlichen Zeiten und Umständen bewahren; möchten aber auch die Bürger unsre jetzigen gegen früher goldenen Verhältnisse in Staat und Gemeinde in rechter Weise würdigen und Steuern und Abgaben, die im Vergleich zu dem, was unsre Voreltern leisten und bezahlen müssen, kaum zu vergleichen sind, gerne und mit Freuden entrichten.

Heut' gelobe ich aufs neue,
Fest zu stehn zu Fürst und Land,
Unentwegt in Lieb und Treue
Ihm zu widmen Herz und Hand,
Dass der Wunsch stets bleibe rege:
"Hie gut Württemberg allwege!"

Nun kehrte eine lange Friedenszeit ein; es war aber auch notwendig zur Erholung von Land und Volk nach so vielen Kriegs- und Jammerjahren. Eine kleine Unterbrechung brachte nur das Jahr 1848 mit seinen freiheitlichen Bestrebungen. In manchen Gegenden und Orten gieng es damals recht rebellisch und aufrührerisch her, Fellbach schien sich aber auch damals ruhig verhalten zu haben. Ernstere Zeiten kamen dann im Jahr 1866 mit dem Kriege Preussens gegen Oesterreich und 1870/71 im Kriege Deutschlands gegen Frankreich. Da Württemberg mit Preussen in einem Schutz- und Trutzbündnis stand, wurden auch die württ. Soldaten zum Kampf gegen den Erbfeind unter die Waffen gerufen. Wacker kämpften sie an der Seite ihrer deutschen Kameraden und auch sie haben mitgeholfen, den stolzer Feind, der vor 200 Jahren über unser Land so viel Jammer und Elend gebracht hat, zu demütigen und Deutschland zum Sieg zu verhelfen. Von Fellbach beteiligten sich gegen 60 junge Männer an diesem Feldzug und seien zum ehrenden Gedächtnis ihre Namen hier angeführt. Bei der Kavallerie: Unteroff. Lipp, Serg. Vögele, J. Lidle, F. Hess, J. Kohler, K. Laipple, W. Idler, W. Schnaitmann, G. Seibold, K. Seibold, Unteroff. König, Fr. Rieger, A. Pfander, W. Gräber, D. Ott, K. Traber, Ph. Bährle, Fr. Bährle, Fr. Schnaitmann, J. Sailer, Fr. Sailer. Bei der Infanterie: Unteroff. Hermann, J. Pfund, W. Ebensperger, J. Maile, G. Gräber, K. Zerweck, K. Mergerthaler, Fr. Felger, F. Ernst. J. Schür, G. Rube, J. Hermann, G. Hausser, G. Hess, G. Maile, K. Ebinger, J. Egelhof, K. Hausser, P. Hummel, G. Rienth, W. Schäfer, W. Hofmeister, G. Stoll, G. Schnaitmann, W. Ebinger, G. Beck, Johs. Off, G. Schnaitmanh, K. Maile, G. Friz, G. Weller, J. Höfer, G. Häussermann, W. Pfund, J. Hösch, K. Schnaitmann, J. Off und H. Schächterle. (Siehe Gedächtnistafel v. Siegel z. Krone). Die 4 letzten haben am 2. Dez. 1870 bei Champigny ihren Tod gefunden; auch von den übrigen sind seither viele, teils an den Folgen der Strapazen, teils durch sonstige Krankheiten ihren Kameraden im Tode nachgefolgt. Wohl hat dieser Krieg viel Leid verursacht und manche Thräne gekostet, aber wir haben mit ihm ein längst herbeigewünschtes Kleinod errungen, nämlich die deutsche Einigkeit. Seither leben wir in Frieden; möchte dieser uns noch recht lange beschieden sein!

 

Zieh ein zu allen Toren
Du starker, deutscher Geist,
Der aus dem Licht geboren
Den Pfad ins Licht uns weist,
Und gründ' in unsrer Mitte -
Wahrhaft und fromm zugleich -
In Freiheit, Zucht und Sitte,
Dein tausendjährig Reich!