VI. Gewerbe und Fabriktätigkeit

Während die Landwirtschaft und der mit  derselben zusammenhängende Betrieb im kleinen Rückgang begriffen ist, nimmt Gewerbe, Handel und Fabriktätigkeit immer grösseren Umfang an. Im Jahr 1877 betrug die Zahl der Gewerbe- und Handelstreibenden noch 197, im Jahr 1894 schon 209 und heute 260 mit nahezu 70 verschiedenen Geschäftszweigen. Rechnet man noch dazu die Nebengewerbe, sowie die Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen, so ist die Zahl noch höher, wie denn auch bei der im letzten Jahre stattgefundenen Berufszählung 270 Gewerbekarten und 46 Gewerbebogen ausgefüllt wurden. Bekannt war früher Fellbach durch seinen Wagenbau; ebenso wurden seiner Zeit hier die ersten sog. Neef'schen Traubenraspeln und Obstmühlen angefertigt, die nun allgemein eingeführt sind und heute noch von einigen hiesigen Firmen als Spezialartikel fabriziert werden. Mehrere Gewerbe dagegen, die vor ca. 25 Jahren hier noch gar nicht vertreten waren haben sich nun eben falls gut eingeführt, so z. B. Uhrmacher und Goldwarenlager, von welchen 3 am Platze sind. Ferner haben wir jetzt 3 Friseure mit schön eingerichteten Cabinetten, auch einige Mützen- und Hutlager und in neuester Zeit mehrere Gas und Wasserleitungsgeschäfte mit entsprechenden Niederlagen. So sind mit geringer Ausnahme hier sämtliche Gewerbe vertreten und in vielen Werkstätten, namentlich in solchen der Schreiner, Dreher, Glaser, Schlosser, Schmiede, Wagner, Zimmerer sind die neuesten Maschinen mit Dampf- und Motorbetrieb eingerichtet; auch die übrigen Gewerbe halten sich auf der Höhe der Zeit, so haben z.B. die meisten Gärtnereien, deren Zahl sich in den letzen Jahren rasch von 10 auf 16 vermehrt hat, für Blumen- und Gemüsezucht praktisch gebaute, mit Dampf und Heissluft erwärmte Gewächshäuser, wovon verschiedene geradezu mustergütig sind. Von den Gewerben sind am meisten vertreten die Bedürfnisgewerbe der Bäcker, Metzger und Wirte. Die Zahl der Bäckereien ist in folge der raschen Ausdehnung des Orts in wenigen Jahren von 10 auf 20 gestiegen. Sie liefern jeden Tag schmackhaftes Brot und befassen sich nicht nur mit der Bereitung gewöhnlichen Brotes, sondern auch auch feineren Backwaren; einige sind mit Heissluftbacköfen versehen. Das aIte Bäckerzunftwesen, wornach am Samstag nach 16 Uhr Vormittags keiner mehr backen durfte, als nur derjenige, an welchem mit dem Brotverkauf am Sonntag die Reihe war, ist selbstverständlich verschwunden, obwohl an einheitlichen, amtlich kontrollierten Gewichten und Preisen des Brotes festgehalten wird. Derzeit ist der Brotpreis folgender: 1 Kilo weisses Brot 25 Pfg., 2 Kilo schwarzes Brot 52 Pfg., 1 Paar Wecken wiegen 100-110 Gramm.

Die Zahl der Metzgereien beträgt 8. Dieselben haben ebenso wie die Bäcker schöne Verkaufsläden und ist der Konsum an Fleisch- und Wurstwaren , die mit städtischer Ware leicht konkurrieren können, ziemlich bedeutend. So wurden ins letzten Jahre geschlachtet 7 Ochsen, 102 Kühe, 418 Rinder, 298 Kälber, 826 Schweine und 19 Ziegen, ohne die vielen Schweine, die jährlich Winters ins Haus geschlachtet werden.

In früherer Zeit scheint der Fleischkonsum hier bedeutend geringer gewesen zu sein, was aus folgendem, aus dem Jahr 1761 stammenden Gemeinderatsprotokoll ersichtlich ist, worin es heisst: "Weil die Metzger oft wochenweise nicht und nur nach Willkür metzgen, so dass man selten im Ort ein Stücklein Fleisch bekommt, wird den Metzgern eröffnet, dass, wenn nicht geändert, in den Nachbarorten ausgeschrieben wird, dass jedem auswärtigen Metzger erlaubt sein solle, Fleisch herein zubringen und nach Gefallen zu verkaufen; ferner wird bestimmt, dass wenigstens 1 mal in der Woche frisch Fleisch anzuschaffen ist und die Metzger wochenweise abwechseln." Wie haben sich auch in dieser Hinsicht die Zeiten und Verhältnisse geändert! Zum Zwecke der Fleischbeschau sind 2 Fleischbeschauer angestellt; die Gebühren entfallen hälftig auf die Metzger, hälftig auf die Gemeinde. Die Fleischpreise sind derzeit folgende: Rindfleisch 74 Pfg., Schweinefleisch 80 Pfg,, Kalbfleisch 80 Pfg. per Pfund.

Stark vertreten ist auch das Baugewerbe; es befinden sich ausser einem Geometer und einigen Werkmeistern noch mehrere Baumeister, Baugeschäfte und Bauunternehmer hier, die fortgesetzt eine rege Bautätigkeit entfalten.

Wirtschaften sind es 25, in den meisten kommt Bier und Wein zum Ausschank, einige führen nur Wein und zwar ausschliesslich Fellbacher Gewächs. In den Wirtschaftslokalen trifft man pünktliche Reinlichkeit und aufmerksame Bedienung, wie auch jeder Wirt bestrebt ist, seinen Gästen jederzeit nur mit reellem Getränke aufzuwarten. Dies, sowie die guten Küchen, die anzutreffen sind, üben auf die Fremden grosse Anziehungskraft aus und so kommt es, dass namentlich an den Sonntagen von einer Masse von Fremden, einzeln und in Gesellschaft , unser Fellbach als Ziel ihres Ausflugs ausersehen wird. In den grösseren Wirtschaften sind geräumige Säle mit Pianinos vorhanden, auch mehrere Gartenwirtschaften und Kegelbahnen (Bahnhofrestauration, z. Garbe, z. Hasen und z. Linde) sind anzutreffen. Das Gasthofsrecht zum logieren haben ausser der Bahnhofrestauration E. Off z. Traube, A. Dinkelacker z. Hirsch, K. Schächterle z. Ochsen, E. Heid z. Krone und W. Frey z. Rössle. Des geräumigen Saales wegen sei auch noch der Adler namentlich angeführt. Die namentliche Benennung der übrigen Wirtschaften, die sämtlich zu empfehlen sind, würde hier zu weit führen. Dass bei so viel Wirtschaften und dem starken Orts- und Fremdenverkehr auch der Consum an Getränken nicht gering ist, lässt sich denken. So wurde in dem letzten Jahre bei den hiesigen Wirten zusammen 180000 Liter Wein und Obstmost eingelegt mit einem Gesamtwert von rund 80000 Mk. und die Biereinfuhr betrug 588385 Liter im Gesamtwert von ca. 120000 Mk. Nehmen wir noch dazu den in den meisten Haushaltungen eingelegten Most mit zus. 2000 Eimern oder 600000 Liter in Berechnung, so ergiebt sich ein Gesamtquantum von über 1 Mill. Liter Getränk, das hier jährlich eingelegt und wohl auch getrunken wird. Dabei muss aber ausdrücklich betont werden, dass der Gesamtkonsum nicht allein den Fellbachern zur last fällt, vielmehr von dem in den Wirtschaften konsumierten Getränk mindestens die Hälfte von fremden Gästen zu Gemüte geführt wird. Ausserdem befinden sich hier mehrere Brennereien, in denen die Weingärtner einen Weintrester zu Tresterbranntwein bereiten. Eine grössere Brennerei besitzt G. Schall; dieselbe ist mit den neuesten Brennapparaten versehen und hat Absatz auch nach auswärts. Ebenso existieren hier einige Mostereien, Fleischhackmaschinen, Schrot- und Häckerlingsmaschinen mit elektrischem Betrieb, sowie eine fahrbare Holzsäge und Spaltmaschine, deren Motor auch zum Betrieb einer Dreschmaschine verwendet wird.

Offene Kaufläden haben wir 32; in den meisten werden Spezerei- und Colonialwaren verkauft; die grösseren Geschäfte befassen sich dabei auch noch mit Kleider- und Bettzeugen, Tuch- und Ellenwaren, Eisen- und Stahl waren, Haushaltungs- und Feldgeräten, Glas- und Porzellanwaren, Leder- und Galanterieartikeln, Korb- und Bürstenwaren, Farbwaren u.s.w., so dass hier alle Bedürfnisse so gut befriedigt werden können wie in der Stadt. Vertreten sind ferner Butter- und Eierhandlungen, Holz- und Kohlenhandlungen, Obst-, Gemüse- und Getreidehandlungen, Ofen- und Herdgeschäfte, Weinhandlungen, Milchhandlungen und 2 Milchkuranstalten, Niederlagen von Klavier- und Musikinstrumenten, von Möbeln, Baumaterialien, Fahrrädern u.s.w. Auch 2 Wurstniederlagen und ca. 15 Flaschenbierhandlungen befinden sich am Ort.

Ins Handelsregister eingetragen sind folgende grösseren kaufmännischen Geschäfte:

Seit einem 1/2 Jahr besteht hier auch eine Filiale des Consumvereins Cannstatt-Feuerbach, ebenfalls handelsgerichtlich eingetragen.

Erwähnt sei noch die Buchdruckerei von W.Weller. In derselben wird die 3mal wöchentlich erscheinende Zeitung "Bote vom Kappelberg", Amtsblatt für Fellbach, gedruckt und herausgegeben. Auch ist sie für alle vorkommenden Druckarbeiten mit den neuesten Maschinen und Schriften ausgerüstet.

Wie das Gewerbe so hat sich auch die Fabriktätigkeit einer immer grösseren Ausdehnung zu erfreuen. Vor 30 Jahren bestand hier nur eine einzige Fabrik, nämlich die Hopp'sche Beschlägfabrik im Ujnterdorf, in welcher später Fr. Dinkelacker seine jetzige mechanische Schmiedewerkstätte einrichtete. Einige Jahre nachher wurden dann von Gebr. Gärtner beim Bahnhof eine Tonwarenfabrik errichtet, die später in die Hände des Bauunternehmers Rapp überging, nach dessen Tode von Werkmeister Bihl und nach dessen Ableben im Jahr 1902 von der Firma Haller  und Zeltwanger in Cannstatt käuflich erworben wurde, in deren Besitz sie heute noch ist. Zum Fabrikgebäude gehört ein ziemlich grosses Feld- und Bauareal, wie auch die Bahnhof-Restauration Eigentum des Teilhabers der Firma, Emil Haller, Werkmeister in Cannstatt ist. Neben dieser Ziegelei steht die Möbelfabrik vom Kar1 Wagner. Dieselbe hat Dampfbetrieb und ist mit 32 der neuesten Spezial-Maschinen und Werkstatteinrichtungen versehen. Neben der Fertigung von Möbeln aller Art und der Spezialanfertigung von hölzernen Modellen und Riemenscheiben unterhält die Fabrik noch ein reichhaltiges Lager selbstangefertigter, feinster Aussteuer- und Salonmöbel. Auf der andern Seite des Bahngeleises, welch letzteres an die Fabrikbetriebe angeschlossen ist, steht die Isolierfabrik von Graner und Friesinger, ferner stehen dort die 2 grossen Gebäude des Ziegelwerks Fellbach Hangleiter und Com. G.m.b.H. Es entstanden diese Werke aus der früheren Haubensak'schen Ziegelei und der voriges Jahr neuerbauten Ziegelei des Hofwerkmeisters A. Hangleiter in Stuttgart. Beide Gebäude sind je mit einem Ringofen von 18 Kammern und den nötigen Arbeitsmaschinen versehen, welch letztere durch eine Dampfmaschine von 120 Pferdekräften angetrieben werden. Die Fabrikation selbst besteht in der Anfertigung v. Backsteinen aller Art, Kanalsteinen und Drainageröhren , porösen Deckensteinen und naturroten Dachdeckungsmaterialien. Die jährliche Leistungsfähigkeit ist auf 8 Mill. Steine und 2 Mill. Dachziegel berechnet, das Lehmfeld hat eine Mächtigkeit von 12-15 Meter. Auf derselben Seite steht auch die Dampfsägerei und Holzhandlung von G. Schwegler, ebenfalls mit den neuesten Maschinen ausgestattet.
In Bau begriffen ist dort ferner die Malzfabrik von Fabrikant Scharrer in Cannstatt; dieselbe wird mit den neuesten technischen Einrichtungen versehen und soll bis Oktober 1908 in Betrieb gesetzt werden. Neben dieser Fabrik hat sich auch die Firma Walter und Fahr einen Platz erworben, um ihre Genauzieherei-Fabrik, die vorerst noch in Cannstatt ist, hieher zu verlegen. In der äusseren Bahnhofstrasse hat Karl Ernst eine mechanische Drahtflechterei erstellt; links an derselben Strasse steht die Motorenfabrik von Gültig und Reichert. Dieselbe befasst sich neben den allgemeinen Maschinenbau und der Ausführung von Transmissionen aller Art hauptsächlich mit der Anfertigung von Gas- und Benzinmotoren, die sich hauptsächlich für landwirtschaftliche und kleinere gewerbliche Betriebe eignen. Absatz in Württemberg und den Nachbarländern. Im Ort selbst in der Bahnhofstrasse befindet sich die sehr ausgedehnte Flanschen-, Rohrschellen- und Schraubenfabrik von Carl Wüst. Sie verfügt über 150-200 Pferdekräfte mit mächtigen Press- und Stanzwerken, hat Facondreherei, eigene elektr. Verzinkung und Vernicklung und beschäftigt gegen 100 Arbeiter und Angestellte. Im Jahr werden ca. 2 Millionen Kilo Eisen, Stahl und Messing verarbeitet mit einem Absatz nach allen europäischen Ländern. In der Nähe, zwischen Bahnhof- und Cannstatterstrasse, steht die Schlossfabrik von Andreas Maier. Dieselbe beschäftigt ca. 40-50 Arbeiter, besitzt die leistungsfähigsten neuesten Maschinen und ist im Stande, per Tag gegen 400 Schlösser anzufertigen. Absatzgebiete sind deutsche und ausserdeutsche Länder.

Fabrik- und Wohngebäude von Carl Wüst, Fellbach

 

So zählt Fellbach nun 10 grössere und kleinere Fabriken, die für die Gemeindekasse eine schöne Steuerquelle abgeben. Hoffen wir, dass mit der Zeit weitere Fabriken hier sich niederlassen; die Bedingungen, nämlich annehmbare Grundstückspreise, Wasserleitung, elektrisches Licht und elektrische Kraft und Gas sind gegeben, Kanalisation ist in allernächster Aussicht.

Wohl schwillt mir hoch die Brust mit raschem Klopfen,
Seh ich im Angesicht des Schweisses Tropfen
Die junge Zeit, wie sie gewaltsam ringt,
Wie sie bewegt die Räder und Maschinen
Und ihr die Kräfte der Natur so willig dienen,
Und Wunderbares stets vollbringt.