X. Die kirchlichen Verhältnisse

Der Bezirk Cannstatt ist unstreitig einer von denjenigen, in dem das Christentum schon frühe Wurzeln gefasst hatte. Die Kirchen der Stadt Cannstatt gehörten zu den ältesten des Landes und die Kirche in Zazenhausen wird schon ums Jahr 789 genannt. Der ganze Oberamtsbezirk gehörte ursprünglich zum Bistum Constanz. Die Bistümer selbst waren die Archidiakonate und diese wieder in Landkapitel eingeteilt. Ein solches Kapitel bildete auch Cannstatt mit seiner Umgebung. Der Umfang dieses Kapitels erstreckte sich über den ganzen Remsgau und umfasste gegen 60 Pfarreien. Auch die Pfarrei Uffkirche gehörte hiezu, während aber der Ort Uffkirch längst abgegangen,  ist die "Unserer lieben Frauen" gewidmete Kirche im Cannstatter Kirchhofe noch vorhanden.  Ausser Rotenberg, Schmiden, Obertürkheim und Uhlbach war auch Fellbach in diese Uffkirche eingepfarrt. Das Patronatsrecht von der Uffkirche hatte im 13. Jahrhundert das Kloster Steinheim, später das Haus Württemberg, das es aber im Jahr 1446 an das Stift Stuttgart um 1200 Gulden verkaufte. Neben dieser Uffkirche war in Cannstatt noch die Altenburger Kirche vorhanden, in welche auch Stuttgart eingepfarrt war und die Stadt-Kirche, zu welcher Pfarrei Untertürkheim gehörte. Mit der Reformation, welche unter dem Widerspruch des Konstanzer Stifts nur allmählich erfolgte, aber in allen jetzigen Bezirksorten Eingang fand (mit Ausnahme von Oeffingen und Hofen), veränderte sich alles.

Die Uffkirche und Altenburger Kirche gingen im Jahr 1535 als eigentliche Pfarreien ein und das ganze geistliche Personal verminderte sich. Der letzte Pfarrer der Uffkirche war Michael Schöffer von Bonlanden, der sich schon 1 Jahr vorher heimlich zur ev. Lehre bekannte und nachher Pfarrer in Mögglingen wurde, worauf dann die meisten seither zur Uffkirche gehörenden Filiale eigene Pfarrstellen erhielten. Es scheint zwar, dass Fellbach schon vor der Reformation eine eigene Pfarrei besass; denn im Jahr 1504 wurde ein Vertrag geschlossen zwischen Joh. Kohler "derzeit Pfarrer in Fellbach" und dem Domkapitel Constanz, wornach letzteres den Neubruchzehnten fernerhin behielt, dagegen dem Pfarrer jährlich 9 Eimer Wein aus der Kelter im "Immenrod" und zwar "nicht den besten und nicht den schlechtesten", oder im Falle des Misswachses 22 Gulden reichen solle. Unter Herzog Ulrichs Regierung, der nach der Reformation ein Verzeichniss der Kirchenstellen aufnehmen liess, kommt sogar neben der hiesigen Pfarrstelle eine Frühmess- oder Kaplanstelle vor; das Recht der Besetzung hatte bei ersterer Württemberg, bei letzterer das Domkapitel Constanz. Weil dieses Kapitel für beide Stellen die Besoldung reichen musste, hatte es auch so viele Zehnten und Gefälle im Ort zu beanspruchen. In der ersten Zeit nach der Reformation, 1540-1560, war der Pfarrer zu Fellbach zugleich Spezial von Cannstatt. Der erste evangelische Pfarrer wird wohl Jakob Tytenmann gewesen sein, der im Mai 1542 "mit dem württ. Kriegsvolk an die Türken zog"; das Einkommen sollte ihm mittlerweile bleiben und ein Nachbar die Pfarrei versehen.

Unsre Fellbacher Kirche, einst der h. Maria geweiht, steht am nordwestlichen Teile vom Ort. Früher war die Kirche mit Schulhaus von einem Wassergraben und einer Ringmauer umgeben; 1801, beim Schulhausbau, gingen Mauern und Graben zum Teil ein, nur an der nördlichen und östlichen Seite blieb der Graben noch lange Zeit erhalten und wurde winters von der Schuljugend als Eisbahn benützt; doch später mussten auch diese letzten Wahrzeichen weichen und zwar erst der Graben an der nördlichen Seite und vor ca. 6 Jahren auch der übrig gebliebene alte See gegenüber der Traube. Nördlich von der Kirche wurde dann vor 2 Jahren ein schöner Ziergarten und auf der Stelle des aufgefüllten Sees ein Obstgarten angelegt.

Kirche mit Schulhaus

Kirche mit Schulhaus

 

Der Bau unsrer Kirche scheint in die Zeit am Anfang des 16. Jahrhundert zu fallen. An einem Chorpfeiler steht nämlich die Jahreszahl 1524 und man nimmt an, dass die beim Chor verwendeten Steine von der alten in den Weinbergen zwischen Fellbach und Rothenberg gestandenen Kapelle herrühren. Der Turm wurde im Jahr 1519 erbaut. Diese Zahl steht im Gewölbe des Glockenhauses zugleich mit dem Wappen und dem Namen des Erbauers "Meister Peter von Lahn"; es scheint, nach Stadtpfarrer Klemms Untersuchungen, dass dieser auch der Erbauer der Waiblinger Stadtkirche war. Chor und Turm ist schön spätgotisch; der Chor, innen netzgewölbt, hat aussen eine eigentümliche Strebepfeilerbildung, der Turm zwei rechte, von Spitzsäulen besetzte Satteldachgiebel. Ueber dem Turmeingang befinden sich 2 Wappen, das eine stellt eine Schore dar, das andere ist entweder ein Steinmetzzeichen oder das Wappen der alten Herrn von Fellbach, 3 Anker in gelbem Feld. Das äussere der Kirche hat schon mehrere Veränderungen erfahren. Im Jahr 1593 wurde das obere Türmchen aufgesetzt und das sog. Osterglöcklein aufgehängt. 

Eine vorgefundene Urkunde von damals enthält folgende Namen: Schultheiss Hans Seibold, Pfarrer Pfiz, Bürgermeister Hans Aldinger, Gerichtsschreiber Thusnit, Schulmeister Lilienfein und noch weitere 14 Namen. Die Urkunde besagt weiterhin, dass in diesem Jahr 1593 1 Scheffel Kernen 7 Gulden 30 Kr., 1 Scheffel Dinkel 3 Gulden, 1 Scheffel Haber 2 Gulden, ein Fuder alter Wein 108 Gulden kostete.

Eine spätere Urkunde vom Jahr 1661 heisst: Am 24. Mai wurde dieses obere Türmchen wieder neu gedeckt, und erneuert, der Knopf darauf samt Hahnen übergoldet, der Stern aber allerserst von neuem drauf gemacht. Dann folgen wiederum die Namen des Spezials von Cannstatt, des Pfarrers, Schultheissen und der Gerichtspersonen. Zum Schluss steht die Notiz, dass in demselben Jahr Nachts 9 Uhr ein schreckliches Hagelwetter über unsern Ort hereinbrach. Der Eimer Wein kostete selbiges Jahr 18-26 Gulden, 1 Scheffel Dinkel 2 Gulden 26 Kr., 1 Scheffel Haber 1 Gulden 40 Kr. 

Eine weitere Urkunde vom 30. Juli 1721 besagt: An diesem und den folgenden Tagen wurde dieses obere Türmchen abermalen umgedeckt und renoviert; der Knopf darauf samt Stern und Hahnen abgehoben und wieder aufgestellt durch Joh. Heinrich Bonninger, Schieferdecker aus Heidelberg. Es folgen wiederum die Namen von Pfarrer, Schultheiss, der 3 Bürgermeister und der Gerichtsverwandten und Ratsmitglieder. In einer am Schluss angeführten Anmerkung heisst es dann: Jakobine Veronika Zaissin geborne Thusnitin, damaligen Gerichtsschreibers Gattin, welche schon 33 Jahre die Hostien zum hl. Abendmahl gebacken, wünscht, dass Gott dieses sein heilig Haus bis an den jüngsten Tag bei reiner Lehr erhalten wolle. 4 Jahre später Nachts 12 Uhr schlug in dieses Türmchen der Blitz, doch erlitt es keinen Schaden, dagegen hat es im Jahr 1756 durch einen heftigen Sturm notgelitten. Das Innere des Hauptturmes selbst wurde renoviert im Jahr 1764 durch die Zimmermeister David und Daniel Neef. Wie der Turm so hat auch die Kirche manche Veränderungen erfahren.

Im Jahr 1585 wurde sie im Innern ausgemalt und verziert; 1627 erfuhr die Sakristei und der Chor eine Verschönerung. Die alte steinerne Kanzel wurde im Jahr 1683 entfernt und durch eine hölzerne ersetzt und zwar durch einen Künstler Namens Kutteroff. Infolge der Bevölkerungszunahme musste das Schiff im Jahr 1727 erweitert werden; Fellbach hatte damals schon 2000 Einwohner. Diese Erweiterung genügte aber nicht lange und so wurde am Osterdienstag des Jahres 1779 das ganze Schiff abgebrochen und in der jetzigen Breite mit 2 Emporen wieder aufgebaut. Am 14. Sonntag nach Trinitatis fand die Einweihung statt. Die letzte Renovierung geschah im Jahr 1884, Wände und Decken erhielten eine einfache Verzierung, ebenso erhielten Emporen, Kanzel und Altar, die vorher ein bläulich-weisses Aussehen hatten, den jetzigen eichenen Anstrich. Der damalige Kostenaufwand betrug 2935 Mk. Die jetzige Länge des Schiffes beträgt 23 m, die Breite 16 m, die innere Höhe 8 1/2 m; der Chor ist 12 m breit und 7 1/2 m lang. Sitzplätze sind gegen 1500 vorhanden; der Turm hat bis zur Spitze eine Höhe von 40 Meter. Früher wurden die Kirchstühle verkauft und wurden im Jahr oft über 300 Mk. eingenommen. Seit 16 Jahren sind sie freigegeben, doch dürfen die früheren Besitzer ihre Stühle bis zu ihrem Ableben noch benützen. Das innere der Kirche ist schön, aber einfach ausgeschmückt. An den Wänden hängen 7 Oelgemälde, welche die Leidensstationen des Herrn darstellen und in Jahr 1843 durch Kaufmann Im. Wilh. Auberlen in Augsburg, Sohn des verstorbenen Oberlehrers Auberlen gestiftet worden. Die weiteren 2 Bilder, Luther und Melanchton, entspringen ebenfalls einer Stiftung und zwar anlässlich der Lutherfeiern Jahr 1883. Eine Metalltafel endlich trägt die Namen der im Kriege 1870/7l gefallenen 4 Bürgerssöhne. Ueber dem Sakristei-Eingang hängt ein grosses hölzernes Kruzifix. 

Mit der Erbauung der Kirche wurde auch die erste Orgel aufgestellt; nach über 100jähriger Dienstleistung wurde dann im Jahr 1658 eine neue angeschafft, welche im Jahr 1678 und 1698 je 2 neue Register erhielt. Die dritte Orgel, von Orgelbauer Schmahl von Heilbronn verfertigt, erhielt die Kirche im Jahr 1742. Mit der Erweiterung und Vergrösserung des Gotteshauses im Jahr 1779 wurde dann die 4. Orgel aufgestellt, welche heute noch steht. Sie hat 2 Manuale und zeigt mit ihrem äusseren Gehäuse ein schönes Aussehen. Nun ist sie aber nahezu 130 Jahre alt, so dass es kein Wunder ist, wenn sie hie und da altersschwach und wetterwendisch sich zeigt. Zu einer neuen Orgel wurde vor einigen Jahren ein Orgelbaufonds gegründet. An die Kirche angebaut ist die Sakristei, sie ist schön netzgewölbt und trägt oben die Inschrift: Wenn die Welt vergeht, Gottes Wort besteht. Das an der Wand aufgehängte Gemälde, das von der Gemeinde gestiftet ist, stellt die Auferstehung Christi dar und das Brustbild von Pfarrer Maicler, der während des 30jährigen Kriegs hier wirkte, mit seinen 4 Frauen und Kindern. Ein kleineres Bild, die Trauer um Christi darstellend, ist eine Stiftung von Herrn Kraft in Ulm. Endlich befindet sich in der Sakristei eine grosse hölzerne Tafel mit folgenden Namen der evang. Geistlichen Fellbachs:

1. Kilianus Lilienfein 1540,
2. Petrus Bartler, 1546,
3. Johs. Hummel, 1572,
4. Conrad Zasius, 1574,
5. Georg Pfiz, 1575,
6. Johs. Comentarius, 1602,
7. Joh. Conrad Vischsess, 1605,
8. Ehrenfried Gräter, 1608,
9. Gg. Conrad Maikler, 1610,
10. Ulrich Beringer, 1647,
11. Melchior Wagner, 1656,
12. Philipp Gräter, 1659,
13. Ehrenfried Antea, 1670,
14. Johs. Keterlinus, 1679,
15. Joh. Jak. Kercher, 1701,
16. Joh. Fr. Faber, 1726,
17. Chr. Fr. Sack, 1758,
18. Gg. Leonhardt Seiz, 1762,
19. Joh. Gg. Müller, 1763,
20. Fr. Will. Kohler, 1798,
21. Joh. Christoph Elble, 1805,
22. W. Fr, Stockmaier, 1816,
23. Karl Fr. Werner, 1849,
24. Joh. Jm. Paulus, 1872,
25. Titus Hönes, 1876,
26. G. Burkhardt, 1885,
27. Albrecht Bengel, 1902

Auf letzteren folgte im Jahr 1907 unser jetziger Seelsorger Pfarrer Gustav Krauss, vorher Pfarrer in Korb. Neben dem Ortsgeistlichen ist auch ein ständiger Vikar hier angestellt. - Die Gottesdienste werden fleissig besucht; an Festtagen, an denen der hier bestehende Kirchenchor meist ein Lied zum Vortrag bringt, fehlt es oft an Plätzen. Für die Kinder besteht eine Kindersonntagsschule, die unter Leitung des Ortsgeistlichen von mehreren Sonntagsschullehrern- und Lehrerinnen gehalten wird.

Auf dem Kirchturm befinden sich 4 Glocken und die Turmuhr. In dem oberen Türmchen hängt das sog. Osterglöcklein das im Jahr 1419 von Sebastian Bolden in Esslingen gegossen wurde und einer Stiftung gemäss nur an Ostern geläutet wird; ausserdem schlägt es die Viertelstunden; sein Ton ist silberhell. Die 3 andere Glocken sind in dem erst in diesem Jahr 1908 reparierten Glockenstuhl aufgehängt. Die kleinste, die sog. Schulglocke, hat Pantleon Siedler in Esslingen gegossen. Ihr Durchmesser ist 75 cm, ihr Gewicht ca. 5 Ztr. Die mittlere Glocke, sog. Sturmglocke, trägt den Namen der 4 Evangelisten und die Jahreszahl 1459; bei einem Durchmesser von 85 cm hat sie ein Gewicht von etwa 8 Ztr. Die grosse Glocke endlich wurde gegossen im Jahr 1625. Sie hat einen Durchmesser von 1,25 m und ein Gewicht von 25 Ztr. Rings um den Kranz zeigt sie folgende eingegossene Inschrift:

Zur Predigt und Gebet ich sag,
Zur Hochzeit sing, zur Leich’ ich klag,
Weck auf zur Arbeit, Feierabend mach,
Verkünd die Stund, scheid’ Tag und Nacht.

Dann folgen die Namen: Gg. D. Maicler, Pastor zu Fellbach; Simon Thusnit, Schultheiss; Hans Aldinger, Hans Pfisterer, Bürgemeister; Martin Brodbeck, Michael Seibold, Heiligenpfleger.

Die Turmuhr, ein Messingwerk und von Turmuhrmacher Hörz in Ulm verfertigt, ist eine im Jahr 1903 gemachte Stiftung von dem noch lebenden Privatier von Vloten. Die frühere Uhr hatte ein Eisenwerk und war zuletzt nicht mehr ganz zuverlässig.

Wie zählet man oft Zeit und Stunde
Erwartend manche frohe Kunde,
Wie sehnt man oft den Glockenschlag
Herbei, wenn schwül und heiss der Tag;
Wie wird die Zeit oft gar so lang,
Beim Abschied zu dem letzten Gang. –
Wohl dem, dem Freud das Herz bewegt,
Wenn ihm die letzte Stunde schlägt.

Die Kirche selbst steht im Eigentum der Kirchengemeinde, doch so, dass die bürgerliche Gemeinde die Unterhaltung des Turmes mit Glocken und Uhr mit zu unterhalten hat.

Von jeher wurden der Kirche grosse und kleine Stiftungen gemacht. Im Jahr 1886 belief sich das Vermögen der Kirche auf ca. 1 9686 Mark, im letzten Jahr war der Vermögensstand derselben ca. 32000 Mark, welcher von einem besonderen Kirchenpfleger, derzeit Kaufmann Johs. Pfander, verwaltet wird. Zur Beratung der kirchlichen Angelegenheiten besteht ein Kirchengemeinderat, dessen Vorsitzender der Ortsgeistliche ist. Ausser dem Ortsvorstand und dem Kirchenpfleger gehören zur Zeit demselben folgende Männer an:

Gottlob Pfander, Johs. Haug, Jakob Seibold, Gottlob Sailer, Ph. Ad. Seibold, Phil. Rieger, Wilh. Hess und K. Rienth.

Um die Kirche herum lag früher den Kirchhof. Im Jahr 1665 wurde er verlassen und der jetzige, an der Westseite des Orts gelegene in Benützung genommen. Derselbe ist mit einer mit gewölbten Nischen versehenen Mauer umgeben. Am obern Eck steht ein 8eckiges Türmchen mit einer Glocke, die bei Beerdigungen geläutet wird. Im Jahr 1858 wurde der Friedhof um 12,28 Ar erweitert. Im allgemeinen wird auf die Unterhaltung der Gräber viel Sorgfalt verwendet und fast auf jedem Grab steht ein schöner Grabstein. Die Gräber werden der Reihe nach gegraben in 3 Abteilungen; für den Ankauf von Familiengräbern ist eine Taxe von 69 Mk. angesetzt. Früher wurden die Särge zum Kirchhof getragen, seit 1863 ist ein Leichenwagen angeschafft. Mitten im Friedhof erhebt sich ein sinnreiches Denkmal, nämlich das im Jahr 1611 durch Pfarrer Maicler gestiftete, steinerne Kruzifix. Am Fusse des Kreuzes liegt ein sterbender Mann, mit der rechten Hand einen Apfel haltend; neben ihm schaut die Eva, eben falls einen Apfel in der Hand haltend, auf zu dem Gekreuzigten. 

Grabdenkmal auf dem Kirchhof

Der liegende Mann ist der alte Adam und es ist, als ob der Herr vom Kreuze herabspräche: Adam, was sträubst du dich? Es ist kein anderer Weg als durchs Sterben zum Leben. 

Und auf der Vorderseite des Kreuzes stehen die Worte 1, Kor. 15,22:

Gleichwie sie in Adam alle sterben, also werden sie in Christo alle lebendig gemacht.

Derselbe Spruch steht auch auf dem hölzernen Kruzifix in der Kirche. Unten am Fuss des

Kirchhofturm.
(Aus den Blättern des Schwäbischen Albvereins.)

 Kreuzes sind die Wappen und Namensfolge der damaligen Gerichtspersonen angebracht. Pfarrer Maicler selbst ist 1574 geboren in Endersbach als Pfarrerssohn; 1616 kam er von Schorndorf, wo er Helfer war, hieher.

 

Etliche Jahre vor seinem Amtsantritt war im hiesigen Ort ein grosses Sterben, das 316 Personen hinwegraffte. Um seinen Pfarrkindern die grosse Wahrheit recht vor Augen zu führen: ,,Was wir in Adam verloren haben, das hat uns der neue Adam durch sein Leiden und Sterben wieder gebracht", liess er dieses Denkmal erstellen. Maicler selbst war ausser einem tüchtigen Seelsorger auch ein grosser, preisgekrönter Dichter; er starb 1647 an einem Schlagfluss in Cannstatt, wo er etliche Tage weilte, um den Unruhen des abziehenden Kriegsvolks auszuweichen. Am Sonntag nach dem Himmelfahrtsfest wurde er hier beerdigt, wobei Spezial Liess von Cannstatt unter Zugrundelegung von 1. Thess. 2,10 die Grabrede hielt. Zum Andenken an ihm liess die Gemeinde das bereits erwähnte Gemälde in der Sakristei anfertigen.

Ausser diesem grossen Denkmal finden wir auf dem hiesigen Kirchhof noch eine Menge Grabdenkmäler verdienter Männer. So das von Pfarrer Werner + 1872 Leiter des Gemeinschaftsblattes (Lebensbeschreibung siehe Württ. Väter), von Pfarrer Paulus + 1876, von Pfarrer Burkhardt + 1901, von Pfarrer Bengel + 1907, ferner von Philipp Paulus + 1878, Gründer der hiesigen Dienstbotenheimat; angeführt seien auch noch die Gedenksteine der Familien Auberlen, Kugler, Friz und Sayler, worunter auch das von dem im Jahr 1906 verstorbenen Notar Sayler, langjährigen Vorstands der Weingärtnergesellschaft. Ein grosser Gedenkstein bedeckt die Ruhestätte des Gründers unserer Kleinkinderschule, des Wilh. Christian Weimer, geb. in Tübingen 1781, gestorben hier im Jahr 1846. Auf seinen Grabstein steht folgender Vers:

Weil Dir Erbarmung widerfahren,
So war es deine Lust allhie
Die Kinderherzen zu bewahren,
Dem Herrn hier zuzuführen sie.
Erbarmung war dein letztes Wort,
Der wirst du dich erfreuen dort.

Von ihm hat die Weimerstrasse ihren Namen.

Erwähnt sei ferner das Denkmal von Joh. Kaspar Kraft, geb. den 17. Nov. 1781, gestorben 25. Okt 1841. Es wurde errichtet von seinen Söhnen August und Hermann in Philadelphia. Renovieren liessen es im Jahr 1878 zwei andere Söhne, nämlich Karl und Heinrich. Auf dem Grabstein stehen folgende Worte: "Sandhügel, du birgst einen Mann, einen Freund, einen Vater. Söhne im fernen Abendland, ein August und Hermann, weinen Thränen des Dankes dir nach." Von der Kraft’schen Familie rührt bekanntlich die Kraft’sche Stiftung für Gewerbelehrlinge her. Noch erwähnt sei der Grabstein des langjährigen Vorstehers der hiesigen Hahnschen Gemeinschaft, Friedrich Daubenschmied geb. 8. April 1811, gestorben 7. Juli 1887.

Damit verlassen wir die Stätte des Todes in der Hoffnung dass alle, welche auf ihr ihre Ruhestätte gefunden haben und noch finden werden einer fröhlichen Auferstehung entgegengehen dürfen.

Ausser unsern allgemeinen regelmässigen sonntäglichen und werktäglichen Gottesdiensten und Bibelstunden wird hier das religiöse Leben noch gepflegt durch mehrere religiöse Gemeinschaften. Am bekanntesten und ausgebreitesten ist in Fellbach die Michael Hahn'sche Gemeinschaft. Dieselbe besitzt mehrere eigene Häuser, worunter einen erst vor 2 Jahren durch eine Stiftung ermöglichten grossen Versammlungssaal zwischen Neugasse und Lutherstrasse. Sie gliedert sich in 7 Abteilungen je nach Alter and Geschlecht. Ihre Anfänge reichen zurück ins Jahr 1746-1756 und war der äussere Anlass folgender: 

Hahnsches Gemeinschaftshaus

Ein Fellbacher Bürger Namens Ulrich Heusser kam auf einer herzoglichen Frohnjagd mit einen christlich gesinnten Mann von Oberesslingen in die gleiche Herberge zusammen. Abends zog letzterer sein Neues Testament heraus, las einen Abschnitt vor and knüpfte an das Gelesene einige einfache Bemerkungen. Heusser hörte aufmerksam zu und auf den Rat des Oberesslingers machte Heusser den Versuch, in seinem Hause in Fellbach regelmässige Zusammenkünfte mit Freunden and Bekannten zu halten, um mit ihnen Gottes Wort zu betrachten. Der damalige Pfarrer Sack in Fellbach unterstützte sie in ihren Bestrebungen, ebenso dessen Nachfolger Pfarrer Seiz. Der gute Same blieb nicht ohne Frucht und in vielen Häusern wurden regelmässige Andachtsübungen abgehalten. Es wuchs zwar auch etliche Frucht nicht ohne Spreu und bei manchen regten sich namentlich in Hinsicht der Kriegsdienstpflicht, vielfach separistische Bestrebungen, die vornehmlich durch den Separisten Rapp von Iptingen genährt wurden. Als aber der Vater der Gemeinschaft, Mich. Hahn von Sindlingen, selbst nach Fellbach kam, verlor sich der separistische Sinn, und als die Denk- und Anschauungsweise Hahns mehr und mehr bekannt wurde, gaben die Mitglieder auch ihre schroffe Haltung zur Kirche auf, so dass die Gemeinschaft zu der jetzt noch bestehenden grossen und treu zur Kirche haltenden Hahn’schen Gemeinschaft heranwuchs. Unter den leitenden Brüdern seien angeführt: Ulrich Deile + 1831, Johannes Schnaitmann + 1817, Johann Gg. Heid + 1841, Johannes Schmid, + 1851 auf einer Bruderreise in Thamm; Johannes Deile, + 1846, David Maile, + 1852 und sein Bruder Johannes Maile, + 1827. Erwähnt sei noch die Gemeinschaftsschwester Elisabeth Margarethe Daubenschmid, geboren 1776, + 1858. Sie war ein leuchtendes Vorbild für viele. Den Sinn der Mutter hat ihr Sohn Friedrich Daubenschmid angenommen. In seinem 29. Jahre wurde ihm sein ganzes Leben als ein sündiges dargestellt ; dies machte ihm viel Seelenkummer, bis ihm der Herr den Kummer wegnahm und ihn der Vergebung seiner Sünden versicherte. Anfangs lebte er mit seiner Mutter zusammen nach dessen Hingang führte er mit seinen 2 Schwestern eine gemeinsame Haushaltung, verkaufte aber später den grössten Teil seiner Güter, um sich so ganz der Leitung der Gemeinschaft zu widmen, zuerst als Beihilfe für den fast erblindenden Schnaitmann und dann nach dessen Tod in eigener Selbstständigkeit. Wegen seiner Weitherzigkeit war er auch bei auswärtigen Gemeinschaftsgliedern beliebt und geachtet. Er starb im Jahr 1887 im Alter v. 76 Jahren. Sein Nachfolger in der Leitung der Gemeinschaftsgeschäften wurde der noch jetzt lebende Christian Zerweck.

Ausser der Hahn’schen Gemeinschaft besteht hier noch ein Häuflein der Herrnhuter Brüdergemeinde; ebenso giebt es Anhänger der Methodisten, die in der Burggasse eine eigene Kapelle haben und ferner 2 Richtungen der Pregizerianer, wovon die eine eigene Sakramentsverwaltung ausübt. Neben diesen befindet sich hier unter Leitung von Prediger Giebler noch eine besondere Evangelisationsgemeinschaft, die zwar ihre eigenen Versammlungen abhält, aber dennoch treu zur Kirche steht.

Wir schliessen unsre religiösen und kirchlichen Betrachtungen mit den Worten des tiefsinnigen Dichters, Angelus Silesius, genannt schlesische Nachtigall, welche heissen

 

Mensch, werde wesentlich: denn wenn die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg; das Wesen das besteht.
Des’ Seelen Morgenrot’ ist Gott in dieser Zeit:
Ihr Mittag wird er sein im Stand der Herrlichkeit.
Wie selig ist der Mensch, der alle seine Zeit
Mit anders nicht verbringt als mit der Ewigkeit.