V. Landwirtschaft

Wenn auch in Fellbach seit ca. 20 Jahren, namentlich aber seit Errichtung der Wasserleitung, Gewerbe und Industrie immer mehr an Bedeutung und Ansehen zugenommen hat, so hat sich dennoch an dem eigentlichen landwirtschaftlichen Charakter der Gemeinde nur wenig geändert. Wohl ist eine Verschiebung und ein teilweiser Rückgang der Produktionsweise teils durch die Verwendung schönen Ackerlandes zu Bauplätzen, teils durch den vermehrten Anbau von Gemüsen und sonstigen Handelspflanzen nicht zu verkennen, aber trotzdem wird die Landwirtschaft auch in der nächsten Zukunft den Hauptbetrieb ausmachen. Von der gesamten Markungsfläche mit 1334 ha wird etwa 1054 ha oder 3200 Morgen zur Landwirtschaft benützt und zwar 600 ha zum Ackerbau, 166 ha zum Wiesenbau und 258 ha zum Weinbau, während 211 ha mit Wald bedeckt ist. Dem Staat gehören 11 ha, der Gemeinde 61 ha und der Kirche und Schule 5 ha, so dass im Besitz der Bürger noch 977 ha oder ca.3000 Morgen verbleiben.

Die gesamte landwirtschaftlich benützte Flache teilt sich in ca. 14 000 Parzellen und zwar sind die mittleren bäuerlichen Betriebe (von 2-10 ha) die vorherrschenden, während die kleinbäuerlichen Betriebe (1-2 ha) in der Minderheit sind und Grossbetriebe (von 10—20 ha)  ganz fehlen. Von der  Fläche des Ackerlandes sind 3/5 dem Getreidebau widmet; es wird hauptsächlich Dinkel, Gerste, Haber und Weizen angepflanzt, Roggen nur in geringern Umfang.

Der Anbau von sog. Hackfrüchten, wie - Kartoffeln, Angersen usw., nimmt etwa 1/3  der Anbau von Futterpflanzen wie dreiblättriger und ewiger Klee, etwa 1/14 des Ackerlandes ein. Als Handelsgewächse werden seit geraumer Zeit hauptsächlich Frühkartoffeln angebaut, die meist in Cannstatt and Stuttgart im Hausieren verkauft werden und eine schöne Frühjahrseinnahme geben. Die früher angebauten Gewächse wie Raps, Hanf und Flachs kommen seit ca. 26 Jahren nicht mehr zum Anbau, dagegen legt sich seit einigen Jahren ein grosser Teil der Landwirte auf den Anbau von Einmachgurken, von welchen jährlich ca. 26-36 Mio. Stück erzeugt werden. Dieselben geben bei 30-40 Pfg pro Hundert eine sehr schöne Einnahme, und kommen von den hier aufgestellten Sammlern während der Pflückzeit an die Konservefabriken Esslingen, Heilbronn, Mannheim usw. waggonweise zum Versand. Ausserdem greift der Anbau von Gartengewächsen wie Bohnen, Salat, rote und gelbe Rüben u.s f. immer mehr um sich und es bringen diese Gemüse, die in den nahen Städten Cannstatt und Stuttgart leicht Absatz finden, ebenfalls für viele Familien eine laufende Einnahme. Erleichtert werden diese verschiedenen Anbauweisen durch die auf der ganzen Markung durchgeführte Feldbereinigung, wodurch der Zwang der Dreifelderwirtschaft aufgehoben ist und jeder nach seinem Bedürfnis anbauen kann.

Die Wiesen , die auf der Markung hauptsächlich Baumwiesen sind , sind grösstenteils 3-mähig; ein grosser Wiesenbesitz der Fellbacher befindet sich auch an der Rems auf Waiblinger Markung. Wiesenbewässerungen kommen nicht mehr vor. Die Schafweide, welche schon vor 200 Jahren bestund und mit 250-300 Schafen befahren war, für die man hier in der Burggasse ein eigenes Schafhaus hatte, hat gar manche Wandlungen durchgemacht; mehrmals wurde sie aufgehoben, mehrmals wieder eingeführt. Das letztemal kam sie im Jahr 1861 wieder zur Einführung, war dann längere Zeit um 500 Gulden, später um 900 Mk. verpachtet, bis sie dann vor ca. 16 Jahren vielleicht für immer wieder aufgehoben wurde. Statt Pferchdung hat man andere Dungmittel, namentlich ist es die Stuttgarter and Cannstatter Latrine, die in Hunderten von Wagen and Tausenden von Eimern hier Verwendung findet; daneben wird selbstverständlich auch noch viel Stalldung, eigener und zugeführter und in bescheidenem Masse auch Kunstdünger verwendet. Was den Absatz der Ackerfrüchte betrifft, so kommen jährlich ca. 6-8000 Ztr. Getreide und 8-10000 Ztr. Kartoffel zum Verkauf; auch viel Heu und Stroh wird verkauft, dagegen werden Malzkeime, Treber, Welschkornmehl und andere Kraftfuttermittel eingeführt.

Der Weinbau Fellbachs ist altberühmt. Wo in früheren Jahrhunderten die guten Weine des Landes aufgezählt sind, ist auch Fellbach genannt. So versendet im Jahr 1559 Herzog Christoph Wein aus Fellbach und Wangen, und in dem dem Herzog im Jahr 1556 vorgelegten Verzeichnis der Weine im Stuttgarter Hofkeller, so "wie er gewachsen ist", ist auch der Fellbacher zu lesen, auch unter dem "Burgundischwein" d.h. nach Burgundischer Art hergerichteten Wein und unter dem "neuen Gewächswein" ist Fellbach genannt. Auch bei der Hochzeit Herzogs Ulrichs wart Fellbacher Wein getrunken. Dass der hiesige Wein gesucht war, das beweisen die vielen Weinberge, die in früherer Zeit die Klöster, geistliche Kapitel und adelige Herrn und Grafen hier inne hatten und es haben sich aus jener Zeit die Weinbergnamen "Mönchberg", "Mönchweinberg", "Frauenweinberg", "Bainde" (Kloster) usw. noch bis heute erhalten.

Während in andern Weinbaugebieten die dem Weinbau gewidmete Fläche vielfach etwas zurückging, hat Fellbach seinen ursprünglichen Umfang so ziemlich behauptet. Im Jahr 1830 zählte die Weinbaufläche 283 ha , im Jahr 1892 260 ha und heute 258 ha. Alle Bauern sind hier zugleich Weingärtner; es ist dies insofern von Wert, als bei einem Weinfehljahr der Weingärtner dann doch wenigstens von seinem Ackerfeld eine Einnahme zu hoffen hat. Unsre Weinberge befinden sich am südlichen und südwestlichen, zum Teil auch nordwestlichen Abhange des Kappelberg. Dieser Vorsprung des Schurwaldes, als was der Kappelberg anzusehen ist, bildet rechts und links gleichsam einen Talkessel, der, sowie das oben mit Wald besetzte Gebirge, den Weinbergen Schutz gewährt vor allen kälteren Winden. Zu den besten Weinberglagen gehören die südlich gelegen "Lämmler", (vielleicht von Cam- Schlucht oder Camel-Klinge), ferner der "Vordere Berg" und der "Hintere Berg", beide ebenfalls in geschützter, südlicher Lage. Auch sonst gibt es noch eine Menge guter Berg- und Mittelfeldlagen. 

Die Gesteinsformation der Weinberge ist der Keuper mit Ausnahme der Abdachung gegen das Neckartal, wo schon der Muschelkalk erscheint. Der obere Boden genannter Formation besteht hauptsächlich aus Mergel- oder Tonboden, der teils leichter und loser, teils strenger ist, immerhin aber zu den guten, warmen Weinbergböden gehört. Der Untergrund besteht zunächst aus Ton und Gerölle, unter dem sich aber bald der Mergel (Leberkies) und ganz oben am Gebirge der weisse Sandstein zeigt. Am häufigsten werden gepflanzt Trollinger, Sylvaner, Riesling, Portugieser, auch schwarz Riesling, St. Laurenz, blauer Sylvaner. Zur Kelterung der Weine befinden sich hier 3 Keltern. Eine, die Dorfkelter, liegt am Wege zum Kappelberg; die andern liegen an der Strasse nach Untertürkheim; die daselbst rechts liegende wird von der Weingärtnergesellschaft benützt, die andere ist die erst vorigen Herbst zum erstenmale benützte neue Gemeindekelter, welche nach dem Plane des Landwirtschafts-Architekten Friz von Stuttgart mit einem Kostenaufwand von ca. 120000 Mk. erbaut wurde, 94m lang und 30 m breit ist und ca. 400 Bütten fasst. Im innern, das sich durch kunstreiche Balkenkonstruktion auszeichnet, stehen 4 hydraulische und 4 Spindelpressen, so dass für die Weinkäufer die Bedienung eine rasche und vorzügliche ist. Für die hiesigen Weine werden im Herbst meist gute Preise erzielt und es werden dieselben nicht nur von Wirten und Weinhändlern, sondern vielfach auch von Privaten aus den nahen Städten gerne aufgekauft. Bei einem halbwegs guten Herbst können hier 9-10 000 hl Wein erzeugt werden mit einem Gesamterlös von über ½ Mill. Mark. 

Die Weingärtnergesellschaft, von Oberlehrer Auberlen im Jahr 1858 gegründet, klassifiziert die Weine nach Lage der Weinberge und Farbe der Trauben in mehrere Klassen und bringt sie sofort nach beendigter Lese in der Kelter zur Versteigerung. Im letzten Jahre erzeugte sie 442 hl mit 34032 Mk Erlös. Der höchste Preis für Klasse I weiss war 391 Mk. für Klasse I rot 283 Mk. für Klasse II durchschnittlich 211 Mk pro Eimer; Abnehmer für die besseren Weine waren hauptsächlich den Württ. Weinbauverein, den Stuttgarter Ratskeller, einige Weinhandlungen und Gasthofbesitzer von hier und auswärts.

Ausserhalb der Gesellschaft waren die Weinpreise unter den Kelter in den letzten 8 Jahren folgende:

Jahrgang

1900

Mittelfeld

130-145 M.

Bergwein

180-200 M.

1901

"

100-120 M.

"

140-150 M.

1902

"

95-110 M.

"

130-135 M.

1903

"

100-115 M.

"

140-145 M.

1904

"

120-140 M.

"

170-180 M.

1905

"

96-115 M.

"

130-140 M.

1906

Kelter nicht geöffnet

1907

"

190-210 M.

"

250-260 M.

 

Der Obstbau wird immer ausgedehnter. Die Zahl den Apfelbäume beträgt ca. 9000, die der Birnbaume 3500, der Pflaumen- und Zwetschgenbäume 3700 und der Kirschbäume ca. 800, also zusammen 17000 Bäume, das sind 2750 Stück mehr als im Jahr 1892. Baumschulen werden hauptsächlich unterhalten von den hiesigen Gärtnern, die in Bäumen grossen Absatz haben; auch einige Private sind im Besitz von kleineren Baumschulen. Die Kirschen sind am nordöstlichen Abhang des Kappelbergs angepflanzt, auch die Gemeinde hat daselbst ein grosses Areal mit Kirschen angelegt. Ebenfalls an den nördlichen Abhängen des Berges haben Gemeinde und Private mehrere Stücke mit Hopfen bestockt, doch wurden dieselben in letzter Zeit wegen Unrentabilität zum grössten Teile wieder herausgehauen und teils zu Baum- und Rebschulen, teils zu Beeren- und Weidenkulturen umgewandelt.

An Waldungen besitzt die Gemeinde ca. 207 ha (-640 Morgen) mit Hochwaldbetrieb, hievon gehören ca. 50 ha dem Laubholz-, der Rest den Nadelholz- und gemischtem Bestande an. Das aus dem Wald gewonnene jährliche Erträgnis beträgt ca. 350-400 Festmeter und 10000 Wellen, wodurch der Gemeindekasse 8-10000 Mk. zufliessen. Einen grossen Teil des jetzigen Gemeindewaldes, nämlich 288 Morgen, hat die Gemeinde im Jahr 1522 erworben und zwar von dem damals in Württemberg regierenden Erzherzog Ferdinand von Oesterreich. In einer noch vorhandenen Urkunde aus diesem Jahr heisst es: 

"Ferdinand von Gottes Gnaden. Erzherzog von 0esterreich bekennen öffentlich mit diesem Brief für unsere Erben und Nachkommen, dass wir an unsere Untertanen, getreuen Schultheiss, Gerichts and Gemeinde unseres Dorfes Fellbach, den Erben und Nachkommen, diese nachbestimmten Wäld und Hölzer eines steten, ewigen Kaufs, recht und redlich verkauft und zu kaufen geben haben, nämlich 288 Morgen Holz auf der Beiburg, stossend an den von Rommelshausen, Stettener und Rotenbergerwald u.s.w."

Die Privatwaldungen betragen 41/2, ha. Die Jagd auf der Gemeindemarkung ist um jähr1ich 1600 Mark verpachtet.

Fellbach gehört zum Forstamt Schorndorf und zum Revieramt Geradstetten. Waldfrevel müssen früher häufiger gewesen sein als jetzt; im Jahr 1810 wurde vom Forstamt, das früher auf dem Engelberg war, ein Scharfschütze gegen 30 kr. Taggeld hieher kommandiert zur Verhütung von Waldexcessen, auch musste zur Aufstockung eines Herrschaftshundes zur K. Forstkasse jährlich 12 Gulden 48 Kr. Surrogatgeld bezahlt werden.

Was die Viehaltung betrifft, so ist dieselbe seit einigen Jahren im Abnehmen begriffen. Jüngere Landwirte, die in den ersten Jahren ihres Hausstandes meist in Taglohn ihren Unterhalt finden, bleiben längere oder kürzere Zeit ohne Viehbestand, während ältere, namentlich wenn die Haushaltung kleiner wird, meistens ihr Vieh abschaffen. Bei der letzten Viehzählung waren vorhanden 737 Stück Rindvieh, worunter 577 Kühe, ferner 76 Pferde, 4 Esel, 637 Schweine, 323 Ziegen, 95 Gänse, 64 Enten, 5704 Hühner und 56 Bienenstöcke. Vergleicht man diese Zahlen mit dem Ergebnis vor 25 Jahren, so ist das Rindvieh um 260 Stück zurückgegangen, ebenso hat abgenommen die Zahl der Gänse um 292, die der Enten um 136 Stück; dagegen haben zugenommen die Ziegen um 87 und die Hühner um 1225 Stück, während die Zahl der Schweine dieselbe geblieben ist. 

Eigentliche Schweineaufzucht wird nur in bescheidenem Masse betrieben; die meisten jüngeren Schweine werden von fremden Schweinehändlern, die jede Woche einigemal mit ihrer Herde hieher kommen, aufgekauft. Was den Viehschlag betrifft, so wir insbesondere bei den Kühen weniger auf Rassenreinheit als auf ergiebigen Milchertrag gesehen; auch die Aufzucht von Jungvieh ist gering, die meisten Kälber, und solche sind im letzten Jahre 338 geboren, werden an den Metzger verkauft. Farren sind es 7, dieselben stehen im Eigentum der Gemeinde, sind aber an Farrenhalter in Kost gegeben. Die Milchproduktion ist neben den 2 bestehenden Milchkuranstalten eine ziemlich bedeutende. Berechnet man lt. Landw. Wochenblatt den Milchertrag einer Kuh auf jährlich 1700 Liter, so gibt dies bei 577 Kühen eine Gesamt-Milchmenge von 980900 Liter; rechnet man für 1 Liter 15 Pfg., so ergiebt sich für den hiesigen Ort insgesamt ein jährlicher Milcherlös von 147135 Mk., abgesehen von den 323 Ziegen, deren Milchnutzen ebenfalls noch ca. 20000 Mk. ausmacht. Aufgekauft wird die Milch von hiesigen Privatleuten und von Milchhändlern von hier und den Nachbarorten, welche sie in Cannstatt, Stuttgart usw. wieder absetzen. Seit dem Bestehen eines Kaninchenzuchtvereins wird hier auch umfangreiche Kaninchenzucht getrieben. Im gesamten hiesigen Viehbestand steckt ein grosses Kapital und lässt sich dasselbe immerhin auf 1/2 Mill. Mark taxieren. Zur Entschädigung für notgeschlachtete Tiere hat sich vor geraumer Zeit ein Viehversicherungsverein gebildet, dem ca. 180 Mitglieder angehören und der 60% des wirklichen Schadens vergütet.