II. Die natürlichen Verhältnisse

Fellbach wurde in ganz alter Zeit „Velbach” geschrieben (abstammend  wohl von velwe, velbe, oder felbe - Weidenbaum); manche wollten den Namen auch ableiten von dem Umstand, dass hier ein grösserer Bach oder ein Flüsschen fehlt, daher traf man früher auch die Schreibweise  „Fehlbach’’. Heiter klingt in dieser Hinsicht eine in Fleischlins Jahrbücher angeführte kleine Erzählung über Fellbach: All da lauft kein fliessend Wasser oder Bach, darum man zu Cannstatt und Waiblingen mahlen muss, darum es „Fehlbach“ heisst. Die Bauern aber hören es nicht gern, darum als einer vor Zeiten sie deshalb vexierte, haben sie ihn geschlagen, bis er das Dorf „Tiefenbach“ genannt hat.

Die Markung Fellbach ist eine sehr ausgedehnte und umfasst 1335,20 har (= 4236 Morgen) in ca. 14000 Parzellen. Am weitesten vorgerückt ist die Markung gegen Waiblingen und Rommelshausen; gegen Cannstatt dehnt sie sich aus bis rechts und links vom sog. Cannstatter Lindle und gegen Untertürkheim und Rotenberg bis zum Diebach und herüber zur korrektierten Staige und dem nördlichen Abhang des Kappelbergs. Die Markungsgrenze gegen Schmiden bildet teils die Bahnlinie, teils läuft sie über dieselbe hinaus oder herein. So steht z.B. das Gärtner Schneck’sche Haus beim Bahnübergang schon auf Schmidener, das Jörg’sche Haus noch auf hiesiger Markung. Ebenso auf Schmidener Markung steht auch das Bahnwärterhaus im Weidach, während das in der Teschen zu Cannstatter Markung gehört, wo dieselbe links der Bahn weit in die hiesige Markung hereingreift. Uebrigens ist ein grosser Teil des Feldes der angrenzenden fremden Markungen im Besitz der Fellbacher, wie auch viele Waiblinger Wiesen an der Rems den Fellbachern gehören. Der grösste Teil unserer Markungsfläche ist ein ebenes Feld- und Obstbaumgebiet; die einzelnen Höhenunterschiede auf dieser Ebene sind ganz gering, so liegt z.B. die Bodenfläche am Fusse des Kirchturms 286 m, die Schienenfläche beim Bahnhof 282 m, das Teschenfeld 283 m, die Dorfkelterfläche 314 m, die Fläche der früheren Haldenbacherkelter 319 m ü. d. M. Nur in dem Wiesental, das sich rechts vom Unterdorf nach Osten zieht, befindet sich eine Furche, der sog. Schüttelgraben, der das Abwasser Fellbachs aufnimmt und in die Rems führt und der bei der Einmündung des Erbach noch eine Höhe von 261 m aufweist. Während sich so gegen Osten, Süden und Westen eine schöne Ebene ausbreitet, die den Betrieb der Landwirtschaft ohne Schwierigkeit ausüben lässt, erhebt sich nördlich vom Dorf der Kappelberg als letzter Ausläufer des Schurwalds; er hat eine Höhe von 469 m, gemessen am sogen. Cassinistein, so genannt nach dem Franzosen Cassini, der hier für seine Aufnahme der Gegend einen Hauptdreieckpunkt bestimmte, 1755; auch die Cassinilinde auf dem Berg hat von ihm ihren Namen. Der vordere westliche Teil des Kappelbergs ist kahl und wird vielfach als Fest- und Spielplatz verwendet und gerne besucht. Die östliche Fortsetzung des Berges ist dicht mit Nadel- und Laubholzbäumen bewachsen und endet an der Rommelshäuser- und Stettener Waldgrenze mit dem zu hiesiger Markung gehörigen Kernen oder Kernenbuckel. Derselbe hat seinen Namen wohl nicht von Kern oder Keller, vielmehr von dem Namen „Kern“ in seiner Bedeutung als Haupt- und Mittelpunkt, um den die andern Höhen sich schützend gruppieren. Er hat eine Höhe von 513 m und ist nur 1 m niederer als der höchste Punkt des Schurwalds (Mäderswies bei Oberberken). Auf ihm steht der von der Stuttgarter Ortsgruppe des Schwäb. Albvereins im Jahr 1896 erbaute 26 m hohe Aussichtsturm mit seiner herrlichen Rundsicht.

In klimatischer Beziehung zeichnet sich Fellbach aus durch milde Temperatur und mässige Niederschläge. Wohl ist das Neckartal verhältnismässig etwas milder, aber die daselbst vielfach auftretenden Nebel sind auf unserer Hochebene seltener, wie auch die Schwüle, die Sommers im Tal sich häufig merklich macht, bei uns wegen den fast fortwährend anhaltenden, leichten Luft­bewegungen, weniger lästig erscheint, vielmehr macht die Temperatur im Sommer den Aufenthalt auf unserer Hochebene zu einem höchst angenehmen. Nach gemachten langjährigen Beobachtungen ist die Zahl der Nebeltage im Tale 30-50 jährlich, bei uns nur 19-20; ebenso weist die Statistik nach, dass wir im Sommer eine durchschnittliche Tagestemperatur von 17,7 °C haben, während dieselbe in Cannstatt 18,2 °C, in Rotenberg 17,2 °C in Schanbach 16,6 °C beträgt. Da der Weinstock eine mittlere Sommertemperatur von 17 °C nötig zu haben scheint, so würde die hiesige Durchschnittstemperatur von 17,7 °C den Anforderungen des Weinbaus vollauf genügen, wie auch die Zahl der Sommertage, die sich hier im Durchschnitt auf 49 berechnet, Cannstatt 52, Rotenberg 46, Schanbach 44,) für einen guten Wein, der durchschnittlich 45 Sommertage erfordert, die beste Bürgschaft gibt. Was die Regenmenge betrifft, so ist dieselbe durchweg im Cannstatter Bezirk und somit auch in Fellbach geringer als im Lande überhaupt. Nach angestellten Messungen stellt sich der Niederschlag hier auf 700 mm im Jahr (in Cannstatt 659, Rotenberg 708, Schanbach 763) wobei erklärend bemerkt wird, dass die Regenhöhe von 1 mm einer Niederschlagsmenge von 1 Liter auf 1 Quadratmeter entspricht. Die regenreichsten Monate sind im Juni und Juli, dann August und hernach der Mai, der niederschlagsärmste Monat ist der Februar. Die Zahl der Schneetage beträgt hier durchschnittlich 34 (Cannstatt 30), die Zahl der Frosttage 84 (Cannstatt 80, Rotenberg 90, Schanbach 95). Auch Gewitter sind nicht selten: dieselben stossen sich meistens am Vorsprung des Schurwaldes und können für unsre Gegend oft verhängnisvoll werden. Namentlich wird durch die vom Berg herabkommende Wassermasse häufig der Bach im Unterdorf überfüllt und damit die ganze Strasse unter Wasser gesetzt, so dass in jener Gegend die bereits beschlossene Kanalisation zuerst zur Ausführung kommen wird. Vom Jahr  1828 -1895, also in einem Zeitraum von 67 Jahren hatte Fellbach 9 Hageljahre, Rommelshausen und Stetten ebenfalls, die anderen Bezirksorte weniger; auf 100 Jahre würden also bei uns 13,6 Hageljahre entfallen, während dieselben in Cannstatt nur 12, in Rotenberg 10 und in Schanbach nur 6 betragen würde.

Die ausserordentlich günstigen klimatischen Verhältnisse mit einer mittleren Jahrestemperatur von 9,8 °C in Verbindung mit einer dem Pflanzenwuchs ebenfalls günstigen Bodenbeschaffenheit lassen von vornherein eine gute Entwicklung in der Pflanzenwelt erwarten. Die hier angebauten Getreidearten wie Dinkel, Gerste, Weizen, Haber gedeihen vortrefflich, die Brach- und Futtergewächse zeigen jedes Jahr prächtigen Stand; Gras wird 2-3 mal, Klee in der Regel 3 mal gemäht, die Gartenerzeugnisse sowohl in den vielen Gärtnereien als auch bei den Privaten haben üppiges und rasches Gedeihen. Die vor den Häusern angelegten Hausgärten sind vielfach geziert mit Pfirsichen und Aprikosen und aus den Gärten grüsst uns herrlicher Rosen- und anderer Blütenschmuck entgegen. Die zahlreichen Obsthalden, die den Ort umgeben, gleichen in der Blütezeit einem wahren Blütenmeer und die Abhänge des Kappelbergs liefern uns den köstlichen Wein. Im Walde, wo die jungen Triebe der Fichten und Forchen ihren balsamischen Duft verbreiten, trifft man im Frühling liebliche Blümlein, wie Waldmeister, Maiblümchen Schlüsselblume und im Sommer die süssen Erd-, Heidel- und Brombeeren. So ist in der Tat wahr, was Gustav Schwab über die Fruchtbarkeit und Schönheit unsrer Gegend ausgesprochen: „Es scheint, als ob eine südlichere Natur das Füllhorn ihres Segens über diese Landschaft ausgegossen habe.“

Auch die Tierwelt zeigt Abwechslung, wenn auch nicht in dem Masse, wie in Gegenden mit grösseren Unterschieden des Terrains und des Klimas. Die Hasen finden in Feld und Wald gute Unterkunft und reichliche Nahrung; hie und da hüpft auch ein schüchternes Reh durch das Waldgebüsch; auch wurden von den Jägern schon manche Füchse erbeutet und vor einigen Jahren entdeckte man im Walde einen grossen Dachsbau, dessen Bewohner in der Herbstzeit sich an den Weinbergfrüchten recht gütlich getan hatten. Munter hüpfende Eichhörnchen sind ebenfalls nicht selten; von den Vogelarten kommen am häufigsten vor Spechte und Eichelheher und auch der Kuckuck verrät sich durch seinen Frühlingsruf. An Rainen und im Gebüsch begegnen wir der flinken Eidechse und der unschädlichen Ringel- und Schlingnatter, und in Berg und Tal summen Käfer und flattern Schmetterlinge aller Art in grosser Menge und geben dem Sammler willkommene Beute.