Schwäbische Heimat 1995/1

Ralf Beckmann    

Fremde in Fellbach 1939-1945

Ein wichtiger Aspekt lokaler NS-Geschichte ist die Behandlung der Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen durch Betriebe und Bevölkerung. In Fellbach stammte im April 1945 jeder fünfte Beschäftigte aus dem Ausland. Insgesamt waren es 1575 Fremdarbeiter und Kriegsgefangene, von denen die allerwenigsten freiwillig nach Deutschland gekommen waren. Viele waren aus den vom Dritten Reich besetzten oder einverleibten Staaten zwangsverschleppt worden - unter falschen Versprechungen, unter Anwendung von Gewalt, unter Androhung von Sippenhaft gegen die Familienangehörigen. Die SS und der Reichsbeauftragte für den Arbeitseinsatz gingen dabei vor allem im Osten brutal vor.

Die schlimmen Erfahrungen von Entbehrung und Unterdrückung, die diese Menschen in unserem Land machen mußten, entluden sich nach dem Einmarsch der Amerikaner - wie andernorts auch - in tagelangen Plünderungen von Fellbacher Geschäften. Zehn Fellbacher und eine unbekannte Zahl von Fremdarbeitern verloren bei den teilweise bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen ihr Leben. Nach Kriegsende kehrten die Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen zum größten Teil in ihre Heimatländer zurück.

Das lokale Beispiel zeigt, daß die Menschen, die als Arbeitskräfte kamen, von vielen Einheimischen, aber auch von den kommunalen Behörden meist mit großer Verständnislosigkeit und Hartherzigkeit aufgenommen wurden. In den Jahren nach Kriegsende sollte sich daran nur wenig ändern. Während das den Juden angetane Unrecht nach und nach zu einem breiten Umdenken führte, fehlte den Fremdarbeitern offenbar eine Lobby. Im Osten wie auch z. B. in den Niederlanden blieben sie als «Kollaborateure» beargwöhnt und verfolgt. Und wer in Deutschland zu bleiben versuchte, hatte mit heftigen Anfeindungen zu rechnen. Erst in den achtziger Jahren setzte sich die Ansicht durch, bei den Fremdarbeitern handle es sich um Opfer nationalsozialistischer Politik.

Polnischer «Nachschub» für die hiesige Landwirtschaft

Eine «praktische» Denkweise zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Fremdarbeiter vor Ort. Sie beginnt in Fellbach bereits vier Wochen nach Kriegsbeginn. Der vom SA-Führer zu Jahresbeginn 1938 zum Bürgermeister aufgestiegene Emil Adelhelm war auf der Höhe der Zeit, als er - in Zeiten des Arbeitskräftemangels und der weiteren Mobilmachung - bereits am 29. September 1939 die Zuweisung von 50 polnischen Kriegsgefangenen für die hiesige Landwirtschaft beantragte. Das Stuttgarter Arbeitsamt konnte dem Antrag entsprechen, nachdem ein großer Nachschub von Gefangenen aus dem Durchgangslager Heuberg eingetroffen war. Viele dieser Polen sollten lange Jahre auf den ihnen zugewiesenen Höfen bleiben. Sie wurden im Heim der Sportvereinigung Fellbach, einer primitiven Holzbaracke, untergebracht. Der Ortsbauernführer konnte, wenn auch nicht mehr rechtzeitig zum Herbsten, den Weingärtnern und Landwirten die dringend benötigten Arbeitskräfte zuteilen. Nicht der Wehrmacht, sondern der Ortsbauernschaft oblag die Polizeiaufsicht und Bewachung des Lagers.

Weitere Zuweisungen von Kriegsgefangenen folgten; auch viele der Zwangsarbeiter aus Polen wurden so genannt. Nachdem Hitlers Wehrmacht schließlich die Sowjetunion überfallen hatte, erschloß sich der Diktator damit zugleich ein Riesenheer künftiger Arbeitssklaven. Unter welchen Umständen diese Menschen gekommen waren, ob freiwillig oder gezwungen, diese Frage wissen die befragten Fellbacher Wengerter und Landwirte heute nicht mehr zu beantworten. Einem Landwirt war immerhin aufgefallen, daß «sein» Pole ohne Koffer kam, nur mit einer hellen Flanellhose und Slippern bekleidet; ihm schien dies damals nicht die passende Ausstattung für einen Arbeitseinsatz zu sein.

Einen Hinweis gab schließlich ein Niederländer, selbst Zwangsarbeiter in Fellbach, der sich an die Russin Anna M. erinnerte. Er hatte sie nach ihrem Schicksal gefragt. Sie hat manchmal plötzlich angefangen zu weinen, denn sie hatte in einem kleinen Dorf gewohnt, in der Nähe von Dnjepropetrofsk. Dort wurde eines Tages die ganze Gemeinde aufgefordert, zum Marktplatz zu kommen. Es hat geheißen, es gibt ein extra Essen. Die alten Leute hat man getrennt, alle anderen, auch die Babys, hat man zum nächsten Bahnhof fortgetrieben. Dort sind sie in Waggons wie Vieh und bei Nacht ins Dritte Reich gefahren worden.

Der Bildberichterstatter der Wehrmacht schreibt zu dem Foto: «Am 31. Oktober 1939 traf der erste Transport gefangener Polen auf der Durchreise zum Ernteeinsatz auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof ein».

 

Eingesetzt waren die Fremdarbeiter zunächst in landwirtschaftlichen Betrieben, dann aber auch im Handwerk und in der Industrie. Die Arbeitskräftepolitik der Nationalsozialisten war sehr stark nach rassistischen Kriterien abgestuft: Russen und Polen galten als Untermenschen; sie hatten, vergleichbar dem Judenstern, ein deutlich sichtbares Zeichen «OST» bzw. «P» zu tragen. Auf die Vorschriften, wie man sich diesen Kriegsgefangenen gegenüber zu verhalten hatte, machten Aushänge am Fellbacher Rathaus aufmerksam.

Diskriminierung - fein abgestuft

Als schließlich weitere Kriegsgefangene sowie sogenannte «Freiwillige» aus Frankreich und anderen Staaten im Verlauf des Krieges dazukamen, mußten diese in großem Maßstab in der Rüstungsindustrie arbeiten. Je nach Art der Arbeit und der Unterbringung erwartete sie ein sehr unterschiedliches Schicksal. Die «Westarbeiter» aus Frankreich und den Niederlanden genossen erheblich mehr Freiheiten als die Arbeitskräfte aus Polen und der Sowjetunion. Aber auch Niederländer, denen doch «germanische Abstammung» bescheinigt wurde, und Franzosen mußten in den Gaststätten in Hinterzimmern verschwinden und waren in der Straßenbahn nicht gern gesehen. Das Untertürkheimer Werk von Daimler-Benz machte diese Abstufung in einer lebenswichtigen Hinsicht sinnfällig, nämlich in bezug auf die Schutzräume beim Luftalarm. Die unterste (d. h. sicherste) Ebene war den deutschen Arbeitskräften vorbehalten und die mittlere Niederländern, Belgiern, Franzosen und Tschechen, während «Ostarbeiter» nur zur obersten Ebene Zutritt hatten. Alle Personen, ob sie nun in menschenunwürdigen Lagern untergebracht waren oder sich privat ein Zimmer mieten durften, unterlagen strenger polizeilicher Aufsicht und hatten Arbeitszeiten von 60 bis 84 Stunden pro Woche.

Die in der Landwirtschaft eingesetzten Fremdarbeiter hatten es in der Regel recht gut. Sie mußten zwar hart arbeiten, aber dies war für die Bauern selbstverständlich. Dafür wurden sie jedoch reichlich verpflegt nach dem Prinzip: Eine gute Arbeitskraft braucht auch kräftige Nahrung. Die Fremdarbeiter saßen beim Essen meist mit der Familie am Tisch zusammen und waren als Arbeitskraft, manchmal sogar als Mensch, anerkannt und beliebt. Sonntags hatten sie frei.

Ein Hof im Fellbacher Ortsteil Oeffingen z. B. hatte über sechs Jahre hinweg einen Polen. Man war zufrieden mit Jan T.; er galt als fleißig, pflegte sich sehr und tanzte gern. Im Jahr 1941 wurde er wegen eines unerlaubten Wirtshausbesuchs bestraft, wobei die Strafe auf grund seines guten Rufes recht mild ausfiel. Beim schweren Luftangriff am 16. Juli 1944 nahm er eine Badewanne über den Kopf und flüchtete ins offene Feld. Der hatte ja nichts zu verlieren, so der Tenor des verständnisvollen Kommentars heute. Nach Kriegsende blieb er auf dem Hof und handelte auf dem Schwarzmarkt mit Schnaps. Jan T. hatte sich mit einer aus einem auswärtigen Lager kommenden Polin angefreundet, deren Umsiedlung in ein Schmidener Lager ihm schließlich gelang. Dort heirateten beide. Das Paar zog daraufhin nach Polen.

Untergebracht waren die auf Bauernhöfen eingesetzten Fremdarbeiter vielfach bei den Bauern, jedoch in erster Linie in primitiven Lagern und Baracken. In einem Gespräch erinnert sich eine Fellbacherin: Die Kriegsgefangenen waren in einem Käfig auf dem alten Sportplatz, beim heutigen Freibad. - Im Käfig, sagen Sie? - Ja, da war ein Zaun außen 'rum, wie im Tiergehege. Wir waren damals noch stolze Jungmädel, machten das Sportleistungsabzeichen, und die Gefangenen, die gerade nicht arbeiteten, schauten uns zu. Ich kann mich noch genau erinnern. Diese Frau fand damals die Zuordnung der Russen und Polen als «Untermenschen" in Ordnung; sie war allerdings nicht damit einverstanden gewesen, daß man ihnen körperliches Leid zufügte. Andere Jugendliche jener Jahre hingegen empfanden die Behandlung dieser Menschen als Unrecht: Ich mußte dem Franzosen einmal Essen in die Unterkunft an der alten Kelter bringen, die dort stand, wo heute das Freibad ist. Dort waren sie eingepfercht wie die Schafe. Dieser Anblick! Die Männer! Es war schon schmerzlich.

Die Turnhalle der
Sportvereinigung
Fellbach wurde im
Oktober 1939 mit
Stacheldraht umgeben
und diente als Lager zur
Unterbringung der
ersten 60 polnischen
Kriegsgefangenen.

 

Eine Inspektion dieses Lagers durch die Wehrmacht stellte erhebliche Mängel und gesundheitliche Risiken fest: Das Lager gehört zu den schlechtesten. Ein Umbau wurde gefordert, um der Seuchengefahr vorzubeugen. Auch wenn die Franzosen durch russische Kriegsgefangene ersetzt werden sollten, müsse der Umbau dennoch unter allen Umständen gemacht werden. Diese Bemerkung spielt auf die nationalsozialistische Hierarchie der Rassen an: Ein Lager, das zur Unterbringung von Franzosen untauglich ist, kann demnach für russische «Untermenschen» ohne weiteres ausreichen. Sicherlich mehr als drei Viertel der Fremdarbeiter Fellbachs waren in solchen Baracken untergebracht, Privatunterkünfte dagegen die Ausnahme.

In einem kleinen Betrieb im Fellbacher Ortskern herrschten andere Verhältnisse. Die Inhaberin führte den Betrieb, eine Bäckerei, während ihr Mann an der Front war. Sie war eine energische Frau, die entgegen allen NS-Parolen ausschließlich daran interessiert war, die kleine Brotfabrik gut durch die Kriegszeiten zu bringen. Sie kann sich noch heute sehr gut an einzelne Ausländer erinnern. Ladio B. aus der Tschechoslowakei war bereits 1938 gekommen: Das war ein Pfundskerl, den konnte man zu allem brauchen, der hielt zu uns, der war nicht falsch. Er war immer für uns da, bis er gehen mußte.

Die acht oder neun Fremdarbeiter des Betriebs mußten hart arbeiten, doch dies war für die Betriebsinhaberin selbstverständlich. Dafür stand sie ein mit guter Verpflegung, mit Quartier und Schutz vor Verfolgung. Ladio B. etwa lebte über Jahre mit einer Polin unter ihrem Dach zusammen - «gemischtrassig», ohne Trauschein, ohne daß die Polin arbeitete, ohne Lebensmittelkarten. In der zweiten Kriegshälfte waren dies unglaubliche Zustände. In einer Bäckerei gab es eben neben dem Brot auch immer genug zu essen: Sie wurden doch bei mir verköstigt! In dieser Zeit gab es doch wenig Fleisch. Deshalb hat meine Schwiegermutter immer ein Schwein gefüttert, und wenn das geschlachtet wurde, hat man immer noch eins mitgeschlachtet, daß man für die Kerle etwas zum Essen hatte. Bei Besuchen der Ortspolizei ließ die Betriebsinhaberin keinerlei Einmischung zu. Sie hatte sich erstaunlich viel Freiraum erkämpft, der auch ihren Arbeitern zugute kam. 

Der Rohbau der Fellbacher Hans-Schemm-Schule, in dem über 500 Zwangsarbeiter untergebracht waren. Fenster und Licht gab es nicht, zur Lüftung sind die Rolläden teilweise hochgezogen.

Aus anderen Fellbacher Kleinbetrieben sind erheblich schlechtere Lebensbedingungen überliefert. Vor allem im Gartenbau und in den Gewerbebetrieben gab es immer wieder Auseinandersetzungen und Reibereien. Mehrfach wurde angebliche Faulheit als Sabotage gewertet und mit Arbeitserziehungshaft oder der Einweisung in ein Konzentrationslager geahndet. Die Verweigerung von Sonntagsarbeit hatte ferner die Androhung solcher Strafen zur Folge. Die Aufsichts- und Gesundheitsbehörden der Nationalsozialisten mußten sogar gelegentlich zugunsten der Ostarbeiter einschreiten; so etwa, als ein Pole durch einen Fellbacher Gärtner arbeitsunfähig geprügelt oder als ein anderer unter Alkoholeinfluß mit dem Gewehr erschossen wurde. Die Überwachung fremdvölkischer Arbeitskräfte beinhaltete immer wieder Razzien und Kontrollen in den Ausländerbaracken. Lediglich das Gesundheitsamt sorgte für ein Minimum an Hygiene, um der Seuchengefahr vorzubeugen.

Massenhafter Einsatz von « Westarbeitern» in einem nahen Rüstungskonzern

Neben Landwirtschaft und Gewerbe war es mit Fortdauer des Krieges zunehmend die Rüstungsindustrie, die ausländische Arbeitskräfte anforderte. Mehrere tausend Zwangsarbeiter arbeiteten im Werk Untertürkheim der Firma Daimler-Benz, 500 davon waren seit 1942 im Rohbau der heutigen Fellbacher Silcherschule untergebracht. Es waren vor allem «Westarbeiter» aus Frankreich und den Niederlanden. Ein Holländer erinnert sich: Die Unterbringung war hunds-, hundsmiserabel, (...) diese Schule war in Bau. Es gab keine Fenster, es gab keine Türen, es gab keinen Platz, also gar nichts. Nur kaltes Wasser, drei Betten übereinander, Strohsäcke, Läuse und morgens natürlich waschen bei 20 Grad unter Null. Es war ja Winter. Dem entsprach die Verpflegung: Das Essen war so schlecht, daß wir es gar nicht gegessen haben. Es gab nur gekochte Erbsen ohne irgendetwas dazu, die Erbsen hatten schon grüne Auswüchse, so erinnert sich ein anderer Niederländer an die Verpflegung. Er konnte dann in ein privates Zimmer ausweichen und mit seinen Marken auch in Gaststätten essen. Der Vermieterin stellt er heute noch ein gutes Zeugnis aus; sie habe ihn wie ein Familienmitglied aufgenommen.

Die Stadt Fellbach hatte den Rohbau der Silcherschule an die Firma Daimler-Benz als Arbeitgeber der Zwangsarbeiter vermietet. Die Vertragsverhandlungen sind in den Gemeinderatsprotokollen gut nachzuvollziehen. Die einzigen Bedenken der Ratsherren zielten darauf, daß nach den gemachten Erfahrungen die Ausländer überhaupt keine Schonung des Gebäudes kennen würden. Auch der Gesichtspunkt der Ordnung solle mit einem deutschen Lagerverwalter oder einer Lagerwache durchgesetzt werden. Nach einer Weile hieß es, unter dem derzeitigen holländischen Lagerverwalter würden die Insassen sich jetzt schon als Herren des Gebäudes fühlen und aufführen. Ein selbst organisierter Unterhaltungs- und Tanznachmittag im Lager wurde im September 1944 untersagt; und als einige Franzosen die Landung der Alliierten in der Normandie feierten, ließ der Lagerführer die Franzosen durch den Volkssturm verprügeln. Andererseits blieben zwei Briefe des Lagerverwalters an die Stadt unbeantwortet. In ihnen hatte sich dieser für eine Belohnung derjenigen Lagerinsassen ausgesprochen, die durch besonders mutiges Verhalten dazu beigetragen hatten, daß das kommunale Gebäude bei den schweren Luftangriffen vom 26. November 1943 und 3. März 1945 nicht vollständig abbrannte. Die Stadtverwaltung Fellbach war nicht bereit gewesen, dies öffentlich zu loben.

 

Schutzraumausweis bei Daimler-Benz, Kategorie «A", d. h. für
Ausländer, denen nur der oberste von drei Bunkerräumen zugänglich
war.

Werksausweis von Daimler-Benz für einen in der Fellbacher
Hans-Schemm-Schule untergebrachten Niederländer.


Zur Arbeit ins Untertürkheimer Werk fuhren die Zwangsarbeiter meist mit der Straßenbahn, allerdings auf den Plafonds, den unverglasten Außenbereichen, da sie drinnen nicht gern gesehen waren. Die Arbeit beim Daimler war zunehmend gekennzeichnet durch überlange Arbeitszeiten, ständige Luftalarme und Schikanierung durch die Vorgesetzten. Geholfen haben sich die Fremdarbeiter verschiedener Nationalitäten vor allem gegenseitig. aber auch von Deutschen wurde ihnen immer wieder einmal etwas Brot zugesteckt. Diese von Zeitzeugen heute mehrfach mitgeteilten Hinweise zeigen deutlich, daß die «Ostarbeiter» in Baracken und Betrieben Hunger litten. Auf indirekte Weise erinnerte sich ein Wengerter wohl auch an dieses Faktum, als er erzählte, ein Russe sei an seinen freien Tagen öfters zu ihnen arbeiten gekommen, um vor und nach der Arbeit einmal satt zu essen zu haben.

Neben allen positiven Erfahrungen menschlicher Hilfe und freundlicher Umgangsformen, die hier im einzelnen nicht auszuführen sind, ist eine erschreckende Kälte und Teilnahmslosigkeit bei den lokalen Behörden festzustellen wie auch bei vielen derjenigen, in deren Möglichkeiten Hilfe gelegen hätte. Als bezeichnendes Beispiel der Denkweise gegenüber den ausländischen Arbeitskräften sei der Weihnachtsgruß von 1942 des stellvertretenden Fellbacher Bürgermeisters an die Arbeitskameraden im Felde zitiert: Seit längerer Zeit haben wir hier viele ausländische Arbeiter, gegenwärtig etwa 1000 Franzosen, Belgier, Italiener, Polen, Zivilrussen usw. Sie sind in kriegswichtigen Betrieben tätig, und wir sind auf ihre Mitarbeit angewiesen, wenn auch durch ihre Anwesenheit viel Schererei, Mehrarbeit für die Verwaltung und auch sonst noch Unangenehmes entsteht. Ein paar hundert Franzosen sind in unserer neuen Hans-Schemm Schule untergebracht, die zu diesem Zweck behelfsmäßig ausgebaut wurde. Das Kriegsende und die folgenden Monate sollten leider zeigen, daß die Verantwortlichen im Ort an dieser Denkweise festhielten.

 

Die Amerikaner nannten sie «slave laborers».

Bereits in den letzten Kriegsmonaten hatten die Alliierten Flugblätter u. a. in polnischer und französischer Sprache abgeworfen, in denen sie die Zwangsarbeiter zur Sabotage aufforderten. Die deutschen Arbeiter sollten sich dem zur schnelleren Beendigung des Krieges anschließen. Beim Einmarsch der 100. U5-Division kam die Stunde der Befreiung der ausländischen Arbeitskräfte, von den Amerikanern slave laborers genannt. Die US-Militärs ließen ihnen in den Tagen der Befreiung eine besondere Fürsorge zukommen. Auch der Historiker Paul Sauer nennt sie später rechtlose Arbeitssklaven. War die Stunde der Befreiung für sie zugleich eine Stunde der Rache?

Den verbliebenen Antifaschisten war gegen Kriegsende klar, daß die Gruppe der Zwangsarbeiter nun versuchen könnte, sich für jahrelang erlittenes Unrecht schadlos zu halten. Ein ehemaliges SPD-Mitglied z. B. hatte seine Frau aus Fellbach fortgeschickt, weil beide mit harten Auseinandersetzungen rechneten. In der Tat gab es vielerorts Ausschreitungen und Plünderungen durch die zuvor Entrechteten. Auch in Fellbach wurden Geschäfte und Lager nach dem Einmarsch mehrere Tage lang ausgeraubt. Heute zeigen nur wenige Zeugen dafür Verständnis, bei genauerem Hinsehen ergeben sich jedoch interessante Differenzierungen.

Da ist in den Gesprächen immer wieder zu hören, man habe «seinen» Russen stets gut behandelt und beim «Umsturz», in den rechtsfreien Tagen vor und nach dem Einmarsch der Amerikaner, nichts zu befürchten gehabt. Vielfach wird auch erzählt, der «eigene» Russe habe sich bei Plünderungen der Ausländer oder bei Hausdurchsuchungen der Amerikaner für den früheren Arbeitgeber eingesetzt und Schlimmeres verhütet. Bei der Entnazifizierung waren auch ihre «Persilscheine» gefragt, die eine gute Behandlung bestätigten. Interessant ist der Hinweis, daß einige der ehemaligen Betriebsführer verurteilt wurden, weil sie Zwangsarbeiter beschäftigt hatten. Immerhin zeigt dies ein Bewußtsein des massenhaften Unrechts.

Von den Aktionen der Russen und Polen nach Kriegsende wird des öfteren nach dem Sprichwort Wie man in den Wald hineinruft, ... berichtet. Wer sich in der Kriegszeit als Herrenmensch aufgeführt habe, dessen Leben sei später natürlich nicht sicher gewesen. In dieser indirekten Ausdrucksweise ist ein Bewußtsein des Unrechts, das den Zwangsarbeitern angetan worden ist, schon vorhanden. Noch deutlicher wird das vorhin angesprochene Empfinden des Unrechts an den Ausländern in der Ausdrucksweise jetzt sei ja der Umsturz da, und die Ausländer seien die neuen Herren.

Interessant ist die Darstellung der Seniorchefin eines Bekleidungshauses: Als der Krieg aus war, ging eines Tages ein Gejohle auf der Straße los. Wir sahen zum Fenster raus. Es waren die Gefangenen aus der Funkerkaserne. Es hieß, sie dürfen den Menschen nichts antun, aber es hieß auch, die Juden dürfen sie plündern. Mein Schwiegervater hat die Ladentüre aufgemacht, und es kam Männlein und auch Weiblein mit Säcken. Sie holten alles, was sie kriegen konnten. (...) Wir standen daneben und konnten nichts tun. (...) Es war einfach ein furchtbarer Haß da. Man mußte ruhig sein und zusehen. Da stand man nun vor den Trümmern im Laden, die Spiegel und alles Glas war zertrümmert. Das ging so lange, bis der Laden leer war. Dieser Frau und ihrer Familie war bewußt, daß mit dem Ende der NS Herrschaft deren Opfern nun neue Rechte zustanden. Auf die Frage, warum diese Leute so einen Haß hatten, antwortete sie: Die waren zuerst in der Gefangenschaft, und nun waren sie frei, da haben sie halt geplündert. (...) Wir waren einfach sprachlos und hatten nur einen Gedanken: Der Krieg ist aus!

Doch diese Stellungnahme bleibt klar die Ausnahme. Der städtische Amtmann Steimle war vom Brotfabrikanten Wörner auf die Plünderungen aufmerksam gemacht und gebeten worden, wieder für Ordnung zu sorgen. Hilfeersuchen bei den Amerikanern fruchteten nichts, sie anerkannten die Zwangsarbeiter beim Einmarsch als «slave laborers», als Opfer der NS-Politik, gegen die sie nicht vorgehen wollten. Der Rathauschef Steimle suchte nun, so seine Ausdrucksweise in einem Bericht, diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Er trieb die plündernden Ausländer mit Hilfe einer mit Stöcken bewaffneten Bürgerwache zurück in ihre Lager. Bei dieser stundenlangen «Schlacht» kamen drei Einheimische und eine unbekannte Zahl von Ausländern zu Tode. Die diesem Ereignis folgende Verbitterung auf beiden Seiten kann man sich vorstellen. Für die Einheimischen blieben die Ausländer fortan eine Gefahr, auch wenn man nicht mehr in den rassistischen Kategorien der Jahre zuvor dachte. Plausibel scheint, daß die Ausländer den Einheimischen feindlich gesinnt waren, wenn sie in diesen nicht sogar weiterhin Nazis sahen.

Ein erschreckender Bericht haftet in der Erinnerung

Der erwähnte Bericht des Amtmannes zeigt in keinerlei Hinsicht Verständnis für die andere Seite, sondern hebt ausschließlich die Gesetzlosigkeit der Handlungsweise hervor. Leider ist es dieser Bericht gewesen, der in die Ortschroniken der Nachkriegsjahrzehnte übernommen wurde, der den Ortsbewohnern am intensivsten in Erinnerung geblieben ist. Das Bild von den Horden plündernder Ausländer, das dieser Bericht bestimmt hat, gibt dem vom Studienkreis Deutscher Widerstand herausgegebenen Heimatgeschichtlichen Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945 Anlaß zu herber Kritik: Erschreckend an solchen Darstellungen ist die vollständige Verdrängung der Tatsache, daß die ausländischen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen jahrelang, oft in der unmittelbaren Nachbarschaft, hungern und arbeiten mußten und zugrunde gerichtet wurden: Statt dessen wird die Gewaltjustiz der aufgeschreckten Bürger beschrieben, als sei sie völlig normal und alltäglich.

Nach der Befreiung der ehemaligen Zwangsarbeiter erging die Verordnung durch die US-Militärs, daß sie in ihren Arbeitsverhältnissen und Unterkünften bleiben sollten und daß nun die Arbeitgeber ihnen einen Lohn zu zahlen hätten. Arbeitgeber und Kommune sollten auch für Verbesserungen von Unterkunft und Versorgung aufkommen. Zugleich liefen die Maßnahmen zur Rückführung an, die beiden Arbeitern aus dem Osten unter Anwendung von Zwang durchgeführt wurden. Im Unterschied zum Beispiel zu den Franzosen, die sich bereits vor dem 8. Mai mit den letzten verbliebenen Vehikeln auf den Heimweg gemacht hatten, winkte den Menschen aus der Sowjetunion ein ungewisses Schicksal. Ende 1945 hielten sich immer noch achtzehn Menschen polnischer und einer russischer Staatsangehörigkeit in Fellbach auf.

Noch während der Rückkehrphase hatte es bei der Zuteilung von Lebensmitteln heftige Angriffe der Landwirte und der Nachbarn auf die Gemeinschaftsunterkünfte der Fremdarbeiter gegeben -Angriffe, denen durch die Stadtverwaltung meist recht gegeben wurde. In der Tat gestanden die US Behörden den ehemaligen Zwangsarbeitern höhere Rationen zu als den Deutschen. Wenn man sich jedoch deren Gesundheitszustand vor Augen hält, dürfte dies sofort verständlich sein. Die neue Studie zur Zwangsarbeit bei Daimler-Benz hat das Durchschnittsgewicht der männlichen Zivilarbeiter der Firma - dies schließt Kriegsgefangene und KZ Häftlinge aus - mit 55 kg, das der weiblichen mit 44 kg angegeben. Demgegenüber konnten die Deutschen im Schnitt als gesund gelten.

Die Anfeindungen der Ausländer betrafen deren scheinbar privilegierte Versorgung, aber auch deren Unterbringung. Der Sprachgebrauch verrät, daß man sie schlicht als Plage sah: wegkommen war das meistgebrauchte Verb in diesem Zusammenhang. In einem Brief an den Landrat schrieb der Fellbacher Bürgermeister, ein Kommunist, am 23. November 1945 zur Räumung des ehemaligen Russenlagers: ...tatsächlich kamen auch ca. 25 von den dort ansässigen Polen weg, während die übrigen bis heute noch einen großen Teil der Ziegelei besetzt halten.

Die United Nations Relief and Rehabilitation Association (UNRRA), eine UNO-Hilfsorganisation für die Zwangsverschleppten, richtete in Fellbach schließlich ein Lager für baltische Verschleppte ein und mußte hierfür ganze Straßenzüge ausquartieren. Neben allem verständlichen Ärger der Betroffenen zeigten die Härte und Dauer, mit der diese Organisation und die von .ihr Betreuten angegriffen wurden, jedoch deutlich, wie wenig man es im Ort verstanden hatte, nach dem Ende des NS-Staates ein neues Verhältnis zu Fremden zu entwickeln. Zu spüren bekamen dies im übrigen auch die Vertriebenen, deren Zugehörigkeit, deren Anerkennung als Deutsche mit gleichen Rechten und Pflichten in den ersten Jahren durch die Besatzungsbehörden mit durchgesetzt werden mußte.

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen mit der US-Militärbehörde faßte der Fellbacher Gemeinderat am 16. Juli 1947 den Beschluß, daß wir in unserer politisch und wirtschaftlich sauberen Stadt Fellbach kein Interesse daran haben, solche Leute noch weiterhin zu beherbergen. Der Gemeinderat mußte diesen Beschluß, der eine völlige Verständnislosigkeit gegenüber diesen Menschen zum Ausdruck brachte, offiziell zurücknehmen. Entschärft werden konnte der Konflikt schließlich nur durch persönliches Erscheinen von Ministerpräsident Reinhold . Maier vor dem Gemeinderat.

Wiedergutmachung nach fünf Jahrzehnten?

Die Aufarbeitung des Unrechts gegenüber den Juden hat in fünf Jahrzehnten zu zahlreichen fundierten Veröffentlichungen geführt. Das Thema «Fremdarbeiter» steht demgegenüber erst am Anfang, doch für die Befragung von Zeitzeugen ist es fünf vor zwölf. Statt genauer Untersuchungen und einem Bemühen um Wiedergutmachung war die Beschäftigung mit diesem Thema nach 1945 vielmehr sehr stark durch Rechtfertigungen und Ausgrenzungen gekennzeichnet. Die Beziehungen zu den Staaten des «Ostblocks» standen in den fünfziger Jahren, im Unterschied etwa zu Israel, im Zeichen des Kalten Krieges. Schon von daher war Wiedergutmachung in keiner Weise ein Thema. Noch heute, fünf Jahrzehnte später, haben Zwangsarbeiter aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks Mühe, von deutschen Behörden Bescheinigungen zu ihrer Rentenberechnung zu erhalten. In den westlichen Nachbarstaaten wurden inzwischen allerdings zahlreiche Tabus gelockert. Die im Mai 1994 erschienene Studie Zwangsarbeit bei Daimler-Benz gibt, bezogen auf einen der wichtigen Rüstungskonzerne, neuerdings einen guten Überblick. Die Arbeit steht auch für das Bemühen um ansatzweise Wiedergutmachung durch einen Konzern, der seine heutige Weltgeltung nicht zuletzt  dem massenhaften Einsatz von Zwangsarbeitern verdankt.

Neben politischen Voraussetzungen waren es auch oftmals die alten Denkschemata, die in der Bundesrepublik einen Neuanfang erschwerten. Rassismus und Grauen des Dritten Reiches - das war noch lange etwas, von dem man erst hinterher erfahren haben wollte, das gehörte nach Auschwitz oder Treblinka, aber nicht nach Schwaben. Ein bereits erwähntes Beispiel kann dieses Verdrängen verdeutlichen. «Ostarbeiter» sind vielfach an Unterernährung und Auszehrung gestorben, auch im Raum Stuttgart. Davon will man oft nichts mehr wissen. Aber an das Stückchen Brot, das man den russischen Kollegen am Arbeitsplatz zusteckte, er innern sich noch viele. Nur in Form der Ausnahme hat man die Tatsache in Erinnerung, daß diese Menschen zum Hungern verurteilt waren; meines Erachtens ein Beispiel für die geistige Ausgrenzung von Unrecht und Unmenschlichkeit. 

Auch von der rassistischen NS-Gesetzgebung wollen viele nichts mehr wissen, obwohl diese doch immer wieder mit harten Strafen durchgesetzt wurde. An die öffentliche Kahlscherung einer jungen Frau aus Fellbach z. B., die von einem Polen schwanger war, können sich noch viele erinnern. Statt dessen redet man jedoch lieber von den Ausnahmen, als seien diese der Beweis, die Vorschriften selbst habe es nicht gegeben.

Einen letzten Hinweis darauf, daß das Schicksal der «Fremdvölkischen» auch heute noch beileibe nicht von allen als Unrecht empfunden wird, gibt die Beschwerde von Landwirten über einen an sich fleißigen Polen, der es später aber an Dankbarkeit hat fehlen lassen: Leider hat er nach Kriegsende nichts von sich hören lassen, erst vor etwa zwei Jahren, als es um seine Rente ging, wollte er eine Bescheinigung. Werden da nicht alle Parteien vertauscht? 

Ulrich Herberts Bilanz der Nachkriegszeit, es gebe kein Schuldbewußtsein, kein verbreitetes Gefühl, daß es sich bei der Zwangsarbeit um Unrecht oder ein Verbrechen gehandelt habe, kann auf lokaler Ebene leider nur bestätigt werden. Da die Fremdarbeiter und Gefangenen in den Jahren nach Kriegsende fast ausnahmslos in ihre Heimatländer zurückkehrten, sind sie bei unserem Beispiel Fellbach - mit Ausnahme der unrühmlichen Schilderung der «Plünderungen» - aus der Stadtgeschichtsschreibung völlig verschwunden. Bei der heutigen Gefährdung von Fremden ist es an der Zeit, mit diesem Mißstand aufzuräumen.

QUELLEN UND LITERATUR:

Im Rahmen der Reihe Als der Krieg zu Ende war findet am 26. April 1995 in Fellbach ein Podiumsgespräch zum Thema Zwangsarbeiter der Firma Daimler-Benz in Fellbach statt. Dabei berichten Zwangsarbeiter aus den Niederlanden über ihre Erlebnisse und diskutieren zusammen mit einer Autorin der Studie zur Zwangsarbeit bei Daimler-Benz sowie Vertretern der Firma Daimler-Benz und der Stadt Fellbach über die Frage, warum das Thema Zwangsarbeit vier Jahrzehnte lang fast als Tabu behandelt wurde. Prospekt und Informationen: Telefon (0711) 585 1391

 

Russische «Hiwis» bei Schanzarbeiten an der Schmidener Flak.