Unsere Heimat

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Die Kapelle und ihr Berg
Ein Beitrag zur Heimatgeschichte der Kappelbergstadt

Mit Geschichte, Natur und Kultur des Kappelbergs beschäftigt sich im Oktober eine heimatkundliche Veranstaltungsreihe des Fellbacher Stadtmuseums. Seinen Namen hat Fellbachs Hausberg von einer Kapelle in der Nähe des heutigen Waldschlössle. Mit der Geschichte dieser Kapelle hat sich im Vorfeld der Veranstaltungsreihe Dr. Ralf Beckmann, Leiter des FelIbacher Stadtmuseums und Stadtarchivs, intensiv beschäftigt und dabei auch neue Details zutage gebracht. Dem markanten Bauwerk des Spätmittelalters ist diese Ausgabe der Fellbacher Blätter gewidmet.

Fellbachs Grundschüler lernen heute, der Hausberg der Fellbacher sei nach einer Kapelle benannt, die früher am steilen Berghang zwischen Wald und Reben gestanden und im Mittelalter einmal Ziel einer Wallfahrt gewesen sei. Auch für Ortshistoriker war das Gebäude immer schon interessant. Kaum eine Ortschronik, die nicht auch über dieses Bauwerk etwas zu berichten weiß. Historisierende Karten und Zeichnungen geben dieser Erzählung heute recht: Angeschmiegt zwischen Wein und Wald, sieht man am steilen Berghang eine richtige kleine Kirche. Befragt man die Überlieferung auf ihre Quellen hin, so findet sich jedoch mancher Widerspruch. Vor allem ist nicht recht eindeutig, welche der beiden mittelalterlichen Kapellen zwischen Ort und Kappelberg Ziel der genannten Wallfahrt gewesen sein soll. Auch wird verschiedentlich eine Verbindung mit dem römischen Mithräum gezogen, dessen Kernstück, ein Relief aus Sandstein, vor 1600 am Hang des Kappelberg am Weg nach Esslingen gefunden wurde und das auf Empfehlung von Simon Studion in der herzoglichen Raritätenkammer Aufnahme fand.

Viel zitiert: Martin Crusius' Schwäbische Chronik

Nachdem die Kapelle im Jahre 1816 abgerissen wurde, blieben keine dinglichen Relikte als Zeugen. Auch die Fundamente sind heute vermutlich von Asphalt bedeckt. Es sind zwei Hauptquellen, aus denen meist zitiert wird: Die "Schwäbische Chronik" des Martin Crusius und eine schön kolorierte Ortsansicht des Kartographen Andreas Kieser. Ersterer schilderte 1596 die Hintergründe des Baus einer Wallfahrtskapelle in den Weinbergen bei Fellbach, letzterer lieferte dazu 1686 noch eine illustrative Bildvorlage.

Erstmals erwähnt ist die Kapelle vermutlich in einer Urkunde des Jahres 1473. Die Oberamtsbeschreibung Cannstatt (OAB) schreibt im Jahre 1895, ohne allerdings die Quelle zu nennen: "1473 zwei Kapellen: Eine südöstlich vom Ort gegen Rotenberg soll kurze Zeit vor der Reformation zum Bau des Chors der Kirche abgebrochen worden sein; die andere auf dem Kappelberg, der davon den Namen hat, zuletzt von einem Waldschützen bewohnt, 1818 abgebrochen; war einst eine berühmte Wallfahrtskapelle, gebaut, nachdem ein Knabe auf einem Kirschbaum sitzend eine Marienerscheinung gehabt und ein Mönch aus Esslingen diese verbreitet hatte ..." Die Marienerscheinung im Kirschbaum wird der OAB zufolge also der Kappelberg-Kapelle zugeordnet; eine weitere befand sich südöstlich vom Ort. Fast wörtlich übernimmt Ortschronist Georg Eppinger 1908 diese Darstellung. Daran knüpft schließlich ein heute in der Lutherkirche ausliegendes Faltblatt an: "1524 - Bau des Chores aus den Steinen einer Marien-Wallfahrtskirche am KappeIberg", so steht dort in einer Zeittabelle zu lesen. Diese Überlieferung beruht jedoch auf einer Verwechslung beider Kapellen. 

Der sorgfältige Inventarisator der Kunstdenkmale im Rems-Murr-Kreis, der Kunsthistoriker Adolf Schahl, schreibt die Marienerscheinung aus der Feder Crusius' 1983 der Liebfrauenkapelle zu, die beim "Frauenbronnen" und "Frauenweinberg" südlich der heutigen Alten Kelter ("gegen Rotenberg", so die OAB) gelegen sei. Er schreibt weiter zu dieser Kapelle: "1524 abgebrochen, Steine zum Bau des Chors der Lutherkirche verwendet. In dem auf 1555 zu datierenden Verzeichnis 'Was für fürneme Walfarten vor Jarn Im Fürstenthumb Würtemperg gewesen ...' heißt es: ' Zu Velbach hat der böse feindt Ein walfart Inn unser Frouwen Namen, uffgericht, Ist vor langem hinweg gerissen.''' Zur Kapelle auf dem Kappelberg schreibt Schahl hingegen: "Gelegen unmittelbar westlich des 'Waldschlößle'. In Kiesers Forstkartenwerk, 1686, das 'Cäppele' am Waldrand oberhalb von Dorfkelter und Schießhaus eingezeichnet, anscheinend ein Rundbau mit eingeschweiftem Kegeldach. Im frühen 19. Jh. abgebrochen." Das Heimatbuch bedauert 1958: "Mit dem Abbruch der Wehrmauer [der Pfarrkirche, in den Jahren 1800/01], kurz darauf auch der Kapelle auf dem Kappelberg, gingen Fellbachs Wahrzeichen und Denkmale aus mittelalterlicher Zeit verloren."

Für einen Kapellenbau "viel Geld und Leinwand geopfert"

Martin Crusius schildert in seiner in lateinischer Sprache verfaßten Historiographie des Herzogtums Württemberg den Hintergrund der Entstehung dieser Kapellen. In der Übersetzung heißt es: "Das Dorff Felbach ligt nicht weit von Canstatt, wo vor Zeiten ein Knab, ehe die Sonne des Evangelii die Finsternis des Aberglaubens vertrieben hatte, Urheber gewesen einer Walfart zu einem Kirschen-Baum, der (wie Georg Wiedemann schreibt) an dem Berge dieses Dorffs, in den Wein-Bergen stund. 

Zwischen Fellbach und Rotenberg an der Grenzlinie zwischen Wald und Reben: Die Kapelle bei Heinrich Schweickher 1575. In allen Kartenausschnitten ist Süden oben.

Dieser sagte stets, die Jungfrau Maria sey ihm erschienen, da er auf dem Baum saß und Kirschen asse, und habe ihm weiß nicht was befohlen, daß er den Leuthen verkündigen solle. Da sind die Leuthe häuffig zu dem Knaben geloffen, und wer ein Stücklein von dem Kirschen-Baum haben konnte, schätzte sich für glückseelig. So ist der KirschenBaum in kurtzer Zeit abgepflickt, verwüstet und biß auf die Wurzel weggetragen worden. Dazu kam noch ein ungelehrter Eßlingischer Mönch, und kühner Mensch, welcher den Knaben unterrichtete, was er zu denen, die dahin walfarteten, sagen sollte, als wenn es ihm von der H. Jungfrau wäre befohlen worden. Er, dieser ungeschickte Poet, machte eine närrische Fabel von dieser Walfart, und schreibt unter andern: dieser Knab sey von der H. Maria nach Jerusalem geführt, und ihm daselbst die Oerter, wo Christus gelitten, gezeigt worden; auch die Wohnungen der zween Märtyrer (die zwar, wie man lieset, niemals nach Jerusalem gekommen) St. Catharinä und St. Sebastians: In diesem Büchlein erzehlte er die Exempel derjenigen, die diesem Knaben 
keinen Glauben beymessen wollten, und deßwegen (nach der Ovidianischen Metamorphosie) in wilde Thiere verwandelt worden. So erschröckte er die Leuthe, daß sie von dieser Walfarth nichts widriges reden sollten. Man hat viel Geld und Leinwand geopfert. Davon man an dem Orthe, wo der Kirschen-Baum gestanden, zur Ehre der H. Jungfrau eine Capelle gebauet: Das übrige hat die Obrigeit für sich behalten. Diese Walfart dahin hat gewähret biß auf die Zeit des Bauren-Kriegs, da sie alsdenn aufgehört. War dann die Ankunfft Lutheri nicht nöthig ?" 

Diese Darstellung des Jahres 1596 ist aufschlussreich für die Entstehungszeit aller Kapellen und Bildstöcke auf der Markung. Mit der missverständlichen Ortsangabe für die Marienerscheinung und die spätere Kapelle "an dem Berge dieses Dorffs", in den Weinbergen legt Martin Crusius selbst den Grundstein einer Verwechslung zwischen den zwei Kapellen. 

Die Spätphase des Mittelalters war bestimmt von religiöser Schwärmerei in zahllosen, von der Kirche weitgehend unabhängigen Formen. Aberglauben, Ablaßwesen, Heiligen- und Marienverehrung waren Ausprägungen dieses Phänomens, das erst mit der Reformation und der sich daran anschließenden Durchsetzung der Kirchenordnungen im Verlaufe des 16. und 17. Jahrhunderts nachließ. Die Schwärmerei knüpfte immer wieder an heidnische und vorchristliche Überlieferungen an, etwa an die alamannische Verehrung von Göttern "im Feld". Sie schuf sich selbst Anlässe und Orte der Betätigung.

Spätphase des Mittelalters: Zeit religiöser Schwärmerei

Die Schilderung von Crusius über den Knaben im Kirschbaum legt beredtes Zeugnis darüber ab: Eine Marienerscheinung wird durch zweite und dritte Hand zur Legende; schließlich zum Wallfahrtsort, an dessen Stelle letztlich eine Kapelle gebaut wird, in welcher dieser Erscheinung gedacht wird. Grundstock hierzu sind zahlreiche Spenden, mit denen Gläubige sich ihr ewiges Heil zu sichern suchen. In Abgrenzung zu den "Pfarrkirchen" in den Flecken selbst hießen diese Kirchen außerhalb der Ortschaften "Feldkirchen", ganz gleich ob sie im Feld, auf einem Berg oder anderswo entstanden. Besonders aktiv waren die Gläubigen im 15. Jahrhundert, d.h. gegen Ausgang des Mittelalters bei der Errichtung solcher Kapellen. Die Fellbacher Wallfahrt war keineswegs etwas besonderes, sondern spiegelte nur den Zeitgeist wieder und führte zu einer von etwa zehn Feldkirchen des gesamten Schurwalds. Das Heimatbuch schrieb 1258 von "zahlreiche(n) Feldkapellen" auf  Fellbachs Flur. "Der fromme Sinn jener Zeit äußerte sich auch in Bildstöcken- und Bildsteinen mit religiösen Darstellungen. Sie waren an eindrucksvollen Stellen errichtet …" 

Adolf Schahl nennt folgende Gruppen solcher Feldkirchen: "Maria-Baum-Kirchen, Maria-Quell-Kirchen, Kirchen an Orten wunderbarer Geschehnisse, an Römerplätzen, an Gerichtsorten, zwischen Siedlungen oft im Schnittpunkt alter Totenwege -, an Pilgerwegen, Kirchen abgegangener, gewanderter oder verlagerter Siedlungen (Königshöfe, Edelhöfe, Burgen, Dörfer, Städte), Kirchen von Vieh- und Feldheiligen, Kirchen an der Stelle von Bildstöcken und Wegkreuzen. " Schahl verweist ferner auf die Tatsache, "daß etwa 80 Prozent aller altwürttembergischen Wallfahrtsorte in Weinbaugebieten liegen, somit in besonders dicht besiedelten, wirtschaftlich entwickelten Landesteilen. 

Oberamtsbeschreibung von 1473 erwähnt erstmals zwei Kapellen 

Beide Fellbacher Kapellen sind laut Oberamtsbeschreibung 1473 erstmals erwähnt. Auf Basis des reformatorischen Glaubens machte ein strenges Kirchenreglement in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts all jenen Formen der Volksfrömmigkeit außerhalb der Amtskirche ein Ende. Herzog Christoph bekämpfte mit seinen Kirchenordnungen der Jahre um 1555 die "Götzendienerei" an Heiligenbildern, Wegkreuzen und Feldkapellen. Dieser Tatsache verdanken wir ein bereits erwähntes Inventar jener Wallfahrtsorte von 1555 mit folgendem Titel: "Was fur furneme Walfarten vor Jahrn / Im Furstenthumb Wurtemperg gewesenn, / unnd auch an selbige Ort / Capellenn gebauwt wordenn." Das Wort "furneme" hat hier weniger Wertschätzung zum Inhalt als vielmehr, dass die wichtigsten Wallfahrten angeführt sein sollen. Der vollständige Eintrag in dieser Liste zu Fellbach lautet: "Zu Velbach, Hat der böß feindt Ein walfart Inn unnser frouwen Namen, uffgericht, Ist vor langem hinweg gerissenn." 

Um einen solchen Wallfahrtsort handelt es sich bei der Kapelle in diesem Verzeichnis. Er läßt sich über die Formulierung "Inn unnserfrouwen Namen" eindeutig der Frauenkapelle zuordnen, ist also eine Marienkapelle. "Ist vor langem hinweg gerissenn" diese Formulierung des Jahres 1555 passt mit den oben zitierten Beobachtungen Schahls zur Liebfrauenkapelle gut zusammen: ,,1524 abgebrochen, Steine zum Bau des Chors der Lutherkirche verwendet". Der Abbruch erfolgte also noch vor der Reformation. Das Heimatbuch schreibt ohne Quellenangabe: "angeblich wegen der Kriegszeiten abgebrochen". Mit dem "böß feindt" sind in der Liste von 1555 natürlich die Gegner der Reformation gemeint, all die Schwärmer, die es im Namen des neuen Glaubens zu bekämpfen galt, der sich strikt auf Gottes Wort in der Bibel beschränkte. Mit der Wallfahrtskapelle, so das Fazit, ist bei Crusius die Liebfrauenkapelle gemeint, auf die heute noch die Flurnamen "Frauenbronnen" und "Frauenweinberg" hinweisen. Helmut Schreiber erwähnt in seinem Verzeichnis der Fellbacher Flurnamen beim Stichwort "Frauenweinberg" auch diese Kapelle: "Sie gehörte den Beguinen, die im Volksmund 'Seelenweiber' genannt wurden und um 1500 in einem noch vorhandenen Gebäude hinter dem Rathaus wohnten. In einer Urkunde des Jahres 1299 erscheinen zum erstenmal Beguinen, die dem Kloster Sirnau ihre Äcker schenken". Die Landesvermessung von 1824 lokalisierte den "Frauenweinberg" in Form eines recht kleinen Teils der Dorfweinberge oberhalb des heutigen Kelterparkplatzes an der Untertürkheimer Straße. Der "Frauenbronnen" dürfte zum recht großen Feuerlöschsee beigetragen haben, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts an der Stelle der heutigen Alten Kelter angelegt wurde. Auch die Pfarrbeschreibung von 1828 fügt sich hier ein. Sie unterschied im historischen Rückblick korrekt "eine Kapelle und Wallfahrt zur l. Frauen auf dem Feld zwischen Weinbergen" und eine "zweite Kapelle, die am Kappelberg" war. Darüber hinaus berichtete sie vom Bau der Ringmauer der Wehrkirche, sie sei "nach einer alten Sage von Ablaßgeldern erbaut, welche von Wallfahrenden zu der zweiten Kapelle, welche auf dem Kappelberg war, bezahlt worden sind." Denn auch die zweite Kapelle war, wie alle Feldkapellen, als Wallfahrtsort angelegt. Doch außer "einer alten Sage von Ablaßgeldern", von der die Pfarrbeschreibung lange danach berichtet, so müssen wir eingestehen, wissen wir heute von dem Anlaß dieser Wallfahrt absolut nichts.

Das erwähnte Verzeichnis des Jahres 1555 über die durch Dekret des Herzogs Christoph abzubrechenden Kapellen ist eines der wenigen Zeugnisse zum Vorgehen der Reformation gegen die Orte des Aberglaubens. Die Frauenkapelle war zu diesem Zeitpunkt bereits abgerissen; die Kapelle am Kappelberg wird dort nicht erwähnt. Sie hat die Anweisung, "alle Feldkirchen sind abzureißen, in denen nicht gepredigt wird und wohin die Toten nicht begraben werden, die also keine Leiblege" haben, unbeschadet überstanden. Hatte man sie in der Liste vergessen? Denn es hat ganz den Anschein, als sei die Kapelle die einzige des gesamten Schurwaldes, die den Abrißbefehl überstand. Manfred Langhans zählt neun bis zehn Sakralbauwerke, die Opfer des Bauernkrieges oder der herzoglichen Säkularisation wurden, darunter eine "Wallfahrtskirche bei Fellbach". 

Die Kapelle am Kappelberg übersteht den Bildersturm

Der Preis ihrer Erhaltung war eine gravierende Entheiligung des Bauwerks. Bauern nutzten auch an anderen Orten die funktionslos gewordenen Kapellen zum Beispiel um ihr Ackergeschirr den Winter über zu lagern. Man sucht daher in den Heiligen-Rechnungen der Kirche heute vergeblich nach dieser Kapelle. Mit dem Funktions- muß zugleich ein Besitzwechsel des gesamten Grundstücks stattgefunden haben. Nur weil sie nach der Reformation ihrer religiösen Funktionen vollständig entkleidet wurde und in Gemeindebesitz überging - sie lag günstig für die gemeindliche Wald- und Allmandwirtschaft -, überstand die Kapelle also den herzoglichen Abrißbefehl wider die "abgöttischen Feldkirchen". Einige Jahrzehnte nach dem herzoglichen Befehl wider die "abgöttischen Feldkirchen" stellten die beiden Kartographen Georg Gadner und Heinrich Schweickher die Forstbezirke Württembergs kartographisch dar. Für unsere Geschichte der Kapelle sind dies wichtige Dokumente. Die frühen Kartenwerke von 1575 und 1589 erfassten mit einem Blatt jeweils ein Amt bzw. einen Forst. Es war das Jahrhundert nach einer Konsolidierung der landesherrlichen Forst- und Jagdhoheit. Eine Kartierung des Landes nach seinen Forstbezirken sollte diese neu errungene Hoheit sinnfällig vor Augen führen und stellte insofern auch einen politischen Anspruch auf Landesherrschaft dar. Andreas Kieser fertigte hundert Jahre später, im Jahre 1686, dann eine wesentlich genauere Landesaufnahme, ebenfalls orientiert an der Einteilung in Forste. Er hat sie ergänzt durch die heute vielfach herangezogenen Ortsansichten.

Auf einem angedeuteten Berg zwischen Fellbach und Stetten: 
Die Kapelle mit Kreuz bei Georg Gadner.



Kartographischen Darstellungen aus dem 16. Jahrhundert 

In den Karten zum "Schorndorfer Vorst" bzw. zum Amt Cannstatt haben Gadner und Schweickher ein Gebäude zwischen Fellbach und Stetten bzw. Rotenberg eingezeichnet. Es handelt sich um das einzige erkennbare Sakralbauwerk des ganzen Forstes außerhalb der Ortschaften, bei Gadner erkennbar am Giebelkreuz. Bei ihm steht es auf einem Hügel ziemlich genau zwischen Stetten und Fellbach, umsäumt von buschigem Wald und mehreren Rebhügeln mit feiner senkrechter Strichelung. Bei Schweickher ist es ziemlich genau zwischen Fellbach und Rotenberg positioniert, vergleichbar mit Kieser zwischen Wald und Reben. Gadner hat diese Lage zwischen Wald und Reben nur recht unbeholfen angedeutet (der Kapellenberg selbst ist nicht als Weinberg dargestellt). Doch eine kartographisch formengerechte Wiedergabe des Reliefs war zu jener Zeit noch nicht möglich. Anders als weitere ggf. noch vorhandene Feldkapellen im "SchorndorferVorst" zeichnet Gadner diese Kapelle in sein "Chorographia-Kartenwerk" ein, wohl wissend, dass sie lange schon profaniert worden war. Es muß die exponierte und weithin sichtbare Lage des Bauwerks gewesen sein und eine offensichtliche (ehemalige) Sakralnutzung, die ihn zur Kennzeichnung mit dem Giebelkreuz veranlaßt hat.

Der Wallfahrtsort wird zur Waldschützhütte

Aus dem Jahre 1744 stammt die erste Erwähnung einer profanen Nutzung des Baus. Auch wenn die Kapelle nicht mehr zu den Liegenschaften des hiesigen "Heiligen" gehörte, so fand der Pfarrer sie in den Visitationsakten zu Fellbach doch erwähnenswert. Nach dem Bericht über den Zustand der kirchlichen Liegenschaften fügt er als "PS" an: "Sonsten ist noch eine Capelle ohnweit deß Orths auf dem sogenannten KapellenBerg vorhanden, so aber dem Waldschützen zur Wohnung" eingeräumt ist. 

Die Bürgermeisterrechnung von 1802/3 bestätigt schließlich in der Rubrik "Einnahmen aus Häusern und Gebäuden", dass es sich um eine gemeindliche Liegenschaft handelt: "Auf dem sogenannten Kappelberg steht eine gar alte Kapelle, worin der Recken eine Wohnung einrichten lies, welche nach bisheriger Observanz ein Waldschüze zu seinen Diensten umsonst zu genießen ..."  Unter der gleichen Rubrik "Einnahmen aus Häusern und Gebäuden" notiert die Bürgermeisterrechnung von 1817/18 etwas detaillierter dieses alte Gemeindegebäude, welches "nach alter Observanz ein Waldschüz zu seinem Dienst umsonst zu genießen (hatte), dieses Gebäude wurde aber um seiner Baufälligkeit willen per 1816 abgebrochen und an dessen Statt eine steinerne Hüttin aufgebaut, damit Raißende, Weingärtner, und  überhaupt solche leute die sich in der Nähe davon befinden bei eintrettendem Gewitter darinnen Schuz finden können."

Wo der "Alte Bergweg" auch heute noch einen Knick macht: Die Lage der Kapelle bei Andreas Kieser, der sie hier allerdings im Gegensatz zu seiner Ortsansicht von Fellbach als Rundbau charakterisiert. Nach Westen (hier=rechts) erstreckt sich der Ausläufer des Kappelbergs, halb als Trifft, halb als Wald gekennzeichnet. Die gepunktete Linie deutet den Verlauf des Wildzauns bzw. Wildgrabens an.


Die Erwähnung zeigt den heute vielfach noch so genannten "alten Bergweg" als Reiseroute nach Esslingen. Heute mag dieser steil ansteigende Weg als Reiseroute völlig ungeschickt erscheinen. Doch bei der Anlage von Straßen orientierte man sich zu Postkutschenzeiten nicht wie heute an den Höhenlinien. Auch wenn man am "alten Bergweg" sicherlich immer wieder Vorspanndienste durch die Fellbacher Roßbauern anfordern mußte - dort hinauf ging es, wollte man nach Esslingen. Der "Esslinger Weg" führte dann von der Kapelle an weiter steil hinauf und durch den Wald. In der Rechnungsführung der Gemeinde wird der Abbruch der Kapelle und der Umbau zu einer Schutzhütte ausführlich ersichtlich. Die alte Kapelle wird nun "Kappelhäuslen" genannt. Ein Protokoll des Abbruchbeschlusses vom Februar 1816 zeigt den Zusammenhang mit einem Rathausanbau auf, für den die Steine der abgebrochenen Kapelle verwendet werden sollten. Zugleich zeigt es den Anlaß zum Abbruch. Eine Wand war tatsächlich bereits eingefallen. "Nachdem das Kappelhäuslen, welches viele Jahre ein 
jeweiliger Waldschüz zum Dienst genoßen, baufällig worden, und die Erfahrung gelehrt, daß der Aufenthalt eines Waldschüzen darinnen mehr schädlich als nüzlich worden seye, so hat man sich von Magistrats wegen entschloßen, (u.) dises Häuslen abzubrechen, jedoch um denen Personen, welche in denen Berg arbeiten und öfters bei schnell einbrechenden Gewitter den Ort nimmer erreichen können, einen Zufluchtsort zu verschaffen, beschloßen, eine Hüttin an die Wand hin von lauter Stein zur beständigen Dauer zu sezen, die Abbrechung des steinernen Stoks und die Heruntertransportierung der Steine, welche nicht zu dem neuen Häuslen oder der Hüttin nothwendig, hat man auf heute in Abstreich zu bringen: (...) Für die Heruntertransportierung der würklich von einer eingefallenen Wand im Weg schon ligenden Steine zum Rathaus (...)" .

1816 - die stattliche kleine Kapelle wird abgerissen

Als Waldschütz Ulrich Laiple, ein Veteran der Napoleonischen Kriege, aus der Kapelle ausgezogen war, bedeutete dies das Ende einer langjährigen Umnutzung. Die erste Erwähnung eines gemeindlichen Waldschützen geht auf das Jahr 1711 zurück. Ab wann die Waldschützen in der profanierten Kapelle wohnten, ist nicht dokumentiert. Es ist übrigens nicht nachvollziehbar, warum es im Abbruchbeschluss heißt, "die Erfahrung (habe) gelehrt, daß der Aufenthalt eines Waldschüzen darinnen mehr schädlich als nüzlich worden seye." Möglicherweise verkehrte aufgrund der abgelegenen Lage, die keinerlei Aufsicht durch die Ortsobrigkeit zuließ, allerhand lockeres Gesindel beim Waldschütz. 

Die Rechnungen der Handwerker lauteten neben anderem auf Abbruch eines "Hohlziegeldachs", eines "steinerner Stocks" und eines "steinerner Giebels". Zunächst wurden Steine zum Rathausumbau durch die Gemeinde abtransportiert, dann auch an Privat veräußert. 

Nach den genannten Details läßt sich auch die Darstellung im oben zitierten Denkmalsinventar präzisieren. Mit der Erwähnung des "Hohlziegeldaches", des "steinernen Stocks" und des "steinernen Giebels" in den Rechnungen des Zimmermanns ist nun ausreichend plausibel, daß die historische Gestalt des Gebäudes der Version in der Ortsansicht und nicht der groben Zeichnung im Forstkartenwerk entsprach: Die Kapelle war ein rechteckiges, bis in den Giebel aus Stein aufgeführtes Bauwerk mit Ziegeldach auf hölzernem Dachstock.

Mittelalterliche Sakralbauten waren üblicherweise "geostet", d.h. der Giebel verlief in Ost-West-Richtung mit Zugang von der westlichen Giebelwand. Dass dies auch hier der Fall war, läßt sich freilich nur als der wahrscheinlichste Fall unterstellen, nicht aber aufgrund von Baubefunden belegen. Kiesers Skizze in der Ortsansicht gibt Grundriß und Lage, nicht aber diese Ausrichtung der Kapelle wieder. Der Kartograph Kieser selbst blickte nach Süden auf Fellbach und Kappelberg. Der besseren räumlichen DarsteIlbarkeit wegen, d.h. um nicht den Frontalblick auf die talseitige Traufwand wiedergeben zu müssen, drehte er die vermutliche Ausrichtung des Giebels etwas. Er stellte die Kapelle also "auf die Ecke". 

Deutlich erkennbar ist ein Fenster in der Traufwand nach Fellbach zu; angedeutet sind Chorfenster an der nordöstlichen Giebelwand. Gedeckt war die Kapelle mit einem Hohlziegeldach. Diese Deckungsart, häufig mit "Mönch-Nonne" bezeichnet, war für das Mittelalter typisch und wurde erst in späterer Zeit durch die heute vielfach bei historischen Gebäuden erhaltenen Flachziegel abgelöst. Die meisten Baumaterialien wie auch einiges der Innenausstattung wurde beim Abriß verkauft, so Nägel, Holz, Hau- und Riegelsteine. "Ofen, Ofenhaffen, Krippen und Raufe" aus der Inneneinrichtung erbrachten bei der Versteigerung zusammen 15 Gulden. Die beiden letztren Objekte sind beides Fütterungsvorrichtungen für Tiere und weisen darauf hin, daß neben der Waldschützenwohnung auch ein Stall in der früheren Kapelle eingerichtet war. Vermutlich geschah dies für die Schafe von der angrenzenden gemeindlichen Schafweide. Die detaillierten Verkaufsprotokolle machen ferner deutlich, daß um 1816 von der ursprünglichen sakralen Einrichtung nichts mehr vorhanden war. In vorreformatorischer Zeit dürfte in unmittelbarer Nähe der Kapelle zudem ein Mesnerhäuschen gestanden haben. Dieser Mesner hatte vordem eigene Pfründe und war ursprünglich selbst auch zu eigenen gottesdienstlichen Verrichtungen berechtigt.

Einige Annäherungen an die Ausmaße dieser Kapelle seien erlaubt. Man hatte für etwa 40 Gulden etliche Steine der Kapelle zum Rathausanbau abtransportiert, auch ein Maurer hatte einiges erstanden. Dennoch blieben ausreichend Steine zum Bau der Schutzhütte, die für heutige Verhältnisse sehr gediegen gebaut wurde. Wenn schon die alte Kapelle nicht vermessen wurde, mit der neuen Schutzhütte war man genauer. Eine "Meß-Uhrkund" von 1816 gibt "Aufschluß über die neu gemachte gewölbte Hütte auf dem Kappelberg. Welche durch den Maurer und Steinhauer-Maister Joh. Michael Lipp gemacht. Welche dem gemeinen Flecken gehörig, und von dem abgebrochenen, baufälligen Kappel-Häußle die Steine zum Mauren, die Quader und Gewölbsteine genommen."

Die Kapelle als Rechteckbau mit Chorfenster in der 
bekannten Ortsansicht von Andreas Kieser


Abbruchmaterial wird zum Bau einer Schutzhütte erwendet

Der Neubau maß nun 24 auf 24 Fuß, also ziemlich genau 7 auf 7 Meter im Grundriß und 5,5 Fuß hoch (1 Fuß = ca. 29 cm). Bemerkenswert auch die Ausführung in Stein mit 50 Zentimeter dicken Wänden einschließlich der Decke. Es war nämlich eine gewölbte Hütte, d.h. als Dach verwendete man ein Tonnengewölbe aus 200 neu zurecht gehauenen Steinen der Kapelle. Vergleichbar den traditionellen Wengerterunterständen, war die Schutzhütte ganz in Stein erbaut. Man nahm eben die Materialien, die in näherer Umgebung verfügbar waren. Auch die lichte Höhe von nur 160 bis 1]0 Zentimetern erinnert an diese in unmittelbarer Umgebung vielfach vorhandenen Unterstände. Selbst nach der Zweitverwendung vieler Steine für die Rathauserweiterung sowie einem Verkauf an Privat waren noch ausreichend behauene Steine vorhanden für eine Schutzhütte in stabiler Ausführung. Auch wenn wir kein exaktes Aufmaß aus archivischen oder archäologischen Quellen angeben können, so folgt aus all dem: Die Kapelle am Kappelberg war kein gerade kleines Gebäude, sondern dürfte den Grundriß der Schutzhütte von 7 auf 7 Meter eher noch übertroffen haben. Sicherlich war sie auch nicht schmaler als die Schutzhütte, vielmehr dürften Kapelle und Schutzhütte die gleiche Breite von 7 Metern aufgewiesen haben, wobei die Kapellenlänge von 10, 12 oder gar 14 Metern beim Hüttenbau vielleicht halbiert wurde. Die Kapelle war also eine ansehnliche kleine Kirche gewesen. 

Die solid gebaute Schutzhütte war "an die Wand hin" gebaut worden, ein deutlicher Hinweis, dass Fundamente und eine Wand des Vorgängerbaus genutzt wurden. Noch in den achtziger Jahren hatte Kunsthistoriker Eduard Paulus "letzte Reste" der ehemaligen Kapelle an einer Steinhütte gefunden.

Die Schutzhütte stand also unzweifelhaft an der gleichen Stelle wie die ehemalige Kapelle. Sie hatte übrigens lange Zeit Bestand. Vermessen, verzeichnet oder kartiert wurde sie im Verlauf des 19. Jahrhunderts nicht ein einziges Mal. Im Jahre 1896 erhielt auch sie einen Nachfolgerbau. Im Jahre 1911 dann wurde das Waldschlößle in unmittelbarer Nähe erbaut. Dessen Bauakte weist eine Schutzhütte von knapp sieben Metern Länge auf an einer Stelle, die heute asphaltiert ist als Weg hinauf zum Kappelberg. Es spricht vieles dafür, daß dies der Platz der ehemaligen Kapelle gewesen sein dürfte. Der in der Kapelle untergebrachte Waldschütz war übrigens kein herrschaftlicher Forstknecht gewesen, sondern hatte als Gemeindebediensteter die Aufsicht über die gemeindeeigenen Waldungen inne. In ein und derselben Rechnung wird das Gebäude als Waldschützenhäußle und als Kappelhäußle angesprochen. Doch die Landschaft auf dem Kappeilberg sah bis weit ins 20. jahrhundert völlig anders aus als wir sie heute gewohnt sind und als welche Kieser sie uns in seiner 
Ortsansicht idealtypisch vorstellt.

Entwurf zu dem Gedenkstein, der an die Fellbacher Wallfahrtskapelle erinnern soll.

 

Vom Kappellenberg zum Kappelberg

Allgemein unstrittig ist die Benennung des Berges nach der Kapelle. Schahl schreibt von den abgegangenen Feldkirchen, sie seien fast spurlos verschwunden, "... höchstens, daß einmal irgendwo ein Flurname mit den Silben 'Kappel-' oder dergleichen von ihnen kündet." Auch die Formulierung im Visitationsprotokoll von 1744 - "auf dem so genannten Kapellen-Berg", hieß es dort macht plausibel, daß sich der Bergname ...  an das kleine Gotteshaus anlehnt. Der Kunsthistoriker Eduard Paulus nennt ihn 1889 "Kappelesberg. " Daß man den Berg nach dem Gebäude nennt, das hatte sich im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts eingebürgert. Erstmals namentlich genannt ist er als "Kappellenberg" in einem Güterbuch der Zeit um 1650. Bis ins 20. Jahrhundert herrschten die Formen "Kappelenberg" und "Kappelesberg" vor. Heut hat sich die Form verkürzt und die Akzentsetzung von Kapellberg auf Kappelberg verschoben, weil dies leichter auszusprechen ist.


Impressum

"Fellbacher Blätter": Beilage zum 
Stadtanzeiger vom 30. 
September 1999.
Herausgeber: Stadt Fellbach
Text: Dr. Ralf Beckmann
Layout und Schlussredaktion: Frank
Knopp, Pressereferat der Stadt 
Fellbach




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