Das Altwürttembergische Forstkartenwertk des Kriegsrats Andreas Kieser

im Besitze der Königlichen öffentlichen Bibliothek zu Stuttgart.

Ein Beitrag zur Geschichte des Vermessungswesens

von Inspektor C. R e g e l m a n n.

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Die K. öffentliche Bibliothek bewahrt in 8 stattlichen Holzkisten ein  ehrwürdiges und hochinteressantes Kartenwerk. Der Katalog spricht sich darüber nur sehr kurz aus mit den Worten: 

,,Württembergische Forstkarten von Oberst Kieser (17. Jahrhundert) in 8 Kisten; im Dachstock über der Südhalle, neben dem Fahnenhalter." 

Im Jahre 1889 veranstaltete das K. Statistische Landesamt in der Jubiläumsausstellung der graphischen Künste, zu Ehren Sr. Majestät des höchstseligen Königs Karl, eine Übersicht über die Geschichte des württembergischen Kartenwesens. Bei der Auswahl der hiezu geeigneten Werke, welche von seiten der K. öffentlichen Bibliothek beigesteuert werden sollten, hatte Herr Oberstudienrat Dr. von Heyd die Güte, den Verfasser dieser Zeilen aufmerksam zu machen auf die zahlreichen Holztafeln der Waldkarte im Bühnenraum. 
Das sofort unternommene Studium des großartigen Werkes fesselte ungemein und eine Zusammenstellung von Karten desselben aus der Tübinger Gegend wurde zu einem Hauptstück der Ausstellung 1) aus der älteren Zeit, dessen wirkungsvolle farbige Ausführung viele Besucher überraschte.

1) Schon früher, im Juli 1885, hatte Herr Ober-Steuerrat Schlebach der reichen Ausstellung der Erzeugnisse des schwäbischen Vermessungswesens, welche der 14. Hauptversammlung des deutschen Geometer-Vereins zu Stuttgart dargeboten wurde, auch einige Kiesersche Karten einverleibt.
Der angeheftete Titel lautete nach dem damaligen Stand der Forschung: 

Acht Tafeln vom Tübinger Vorst. Durch geschworene Feldmesser in Grund gelegt auf Befehl des Herzogs Friedrich Carl zu Württemberg nach den ordres des Andreas Kieser, Herzoglich Württ. Kriegs-Rats und Obrist - Lieutenants. 1683. 

Die Notiz hiezu im Ausstellungs-Katalog hieß: "Probe aus dem großen zusammenhängenden Werk der Herzoglichen Spezial-Vorstkarten, im ganzen mehrere hundert Holztafeln, in 7 je einen Forst enthaltenden Kisten, welche vermutlich teilweise schon von Gadner, also aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, herstammen"
Es mußte damals unentschieden bleiben, ob Kieser das Kartenwerk neu hergestellt hat, oder ob es im wesentlichen von Gadner herstammt und Kieser nur die Renovation und die Erhebung der Flächenmaße für die "Vorst-Beschreibung" besorgt hat. Rösler 2) bezeichnet diese Tafeln ausdrücklich als "Gadner'sche Charten", andere Gründe standen dem aber entgegen.

2) Rösler, Beyträge zur Naturgeschichte Württembergs, Heft 1, 5. 6 u. öfters handschriftlich; so insbesondere auf den sofort zu erwähnenden 7 Delineationen. 
Seit 3 Jahren mußte die Angelegenheit ruhen. Die Versuche, in der Litteratur Aufklärung über die dunkle Sache zu finden, hatten kein Ergebnis. Auch eine Anfrage an den besten Kenner der württembergischen Forstgeschichte, Oberforstrat Fischbach in Sigmaringen, brachte keinen vollen Aufschluß. Er schrieb dd. 19. Januar 1890 folgendes: 
,,Auf Ihre sehr geschätzte Zuschrift vom 17. d. M. habe ich ganz ergebenst zu erwidern, daß ich zu meinem großen Bedauern Ihre an mich gerichtete Frage bezüglich der Forstkarte von 1683? nicht beantworten kann. Das Vorhandensein einer solchen war mir bisher gar nicht bekannt. Bei meinen sonstigen Nachforschungen kam mir keinerlei Andeutung darüber zu Gesicht; obgleich ich eine andere nahe damit zusammenhängende Frage stets im Auge behielt, nämlich die über das erstmalige Vorkommen von Feldmessern, wofür ich das Datum 15. September 1595 gefunden habe (Reyscher, Finanz-Ges. 1. Teil 5. 96). In der zweiten Canzleiordnung von 1553 (Reyscher, Reg.Ges. 1. 5. 255 u. 591) ist sodann wohl von einer 10 Jahre dauernden Renovation die Rede, aber es ist kaum denkbar, daß damit eine Vermessung und gar eine Vermessung der Landesforste sollte in Verbindung gebracht worden sein. In Herdegen, Schmidlin, Tessin, Wagner u. a., wo ich wegen Ihrer Anfrage nachsah, fand ich keinerlei Andeutungen."
Auch mannigfache weitere Nachfragen des Verfassers haben kein Ergebnis geliefert. 
Im Mai 1892 gestattete das K. Statistische Landesamt die Wiederaufnahme der Studien, mit Rücksicht darauf, daß dieses Kartenwerk ein wertvolles Hilfsmittel für die Landestopographie bilde. Die Direktion der K. öffentlichen Bibliothek erteilte am 3. Mai 1892 bereitwilligst die Ermächtigung, ihren wertvollen Besitz eingehend zu untersuchen und zu würdigen, wofür derselben auch an diesem Orte der ehrerbietigste Dank ausgesprochen sein soll. Vor allem wurde nun das nachstehende Verzeichnis sämtlicher Holzplatten aufgestellt, um eine Übersicht über die Ausdehnung des Werkes zu gewinnen und durch neue Einordnung die Benützung desselben zu erleichtern. Das Verzeichnis selbst bildet nunmehr einen Spezialkatalog. 
Ein glücklicher Fund in der Kartensammlung des K. Statistischen Landesamtes kam dieser Arbeit zu Hilfe. In einer kleinen buntscheckigen Mappe mit der Aufschrift: "Karten und Risse, ad Histor. Naturalem Württembergiae" fand der Verfasser 7 Bogen vom gewöhnlichen Kanzleiformat, welche in äußerst sorgfältiger Handzeichnung den hydrographischen Hauptinhalt der Kieserschen Karte wiedergeben und in roten Linien die Sektionseinteilung aller Blätter darstellen. 
Sie tragen folgende Aufschriften: 
 
1. Delineation des Kirchheimer-Forsts, wie solcher auf 39 großen Karten von Gadner verzeichnet und im Herzoglichen Archiv befindlich ist. Ins Kleine gebracht 1771. Aug. 

2. Delineation des Böblinger-Forsts, wie solcher auf 29 großen Karten von Gadner verzeichnet und im Herzoglichen Archiv befindlich ist. Ins Kleine gebracht 1771. Aug. 

3. Delineation des Stromberger-Forsts, wie solcher auf 41 großen Karten von Gadner verzeichnet und im Herzoglichen Archiv befindlich ist. Ins Kleine gebracht 1771. Aug. 

4. Delineation des Reichenberger-Forsts, wie solcher auf 40 großen Karten von Gadner verzeichnet und im Herzoglichen Archiv befindlich ist. Ins Kleine gebracht 1771. Aug. 

5. Delineation des Leonberger-Forsts, wie solcher auf 39 großen Karten von Gadner verzeichnet und in dem Herzoglichen Archiv befindlich ist. Ins Kleine gebracht 1771. Aug. 

6. Delineation des Tübinger- und Bebenhauser Forsts, wie solcher auf 38 großen Karten von Gadner verzeichnet und in dem Herzoglichen Archiv befindlich ist. Ins Kleine gebracht 1771., Aug. 

7. Delineation des Schorndorfer-Forsts, wie solcher auf 46 großen Karten von Gadner verzeichnet und in dem Herzoglichen Archiv befindlich ist. Ins Kleine gebracht 1771. Aug. 


Die eingehende Untersuchung hat ergeben, daß diese Übersichtskarten in der That genau das Werk umfassen, welches Gegenstand dieser Studie ist. Der Maßstab derselben ist etwa 1:108000; ihr Reichtum an Bach- und Quellennamen geradezu erstaunlich. Leider hat dieser fleißige Zeichner nirgends seinen Namen beigefügt. Wir werden aber kaum fehlgreifen, wenn wir Rösler, G. F. (Professor am Gymnasium in Stuttgart, gestorben 1790) als den Zeichner ansehen und die Arbeiten selbst, als tüchtige Vorstudien zu seinem wertvollen Werke: ,"Beyträge zur Naturgeschichte des Herzogthums Wirtemberg. 3 Hefte. Tübingen. 1788-1791."
Die Sektionen wurden nun auf Grund dieser ältesten Urkunden mit fortlaufenden Nummern versehen, in der obigen von Rösler festgehaltenen Reihenfolge der Forste. Sobald nun eine Holztafel aus dem Innern der Kisten mit Hilfe dieses Schlüssels erkannt war, wurde die zugehörige gedruckte Laufnummer auf die Ecke rechts oben aufgeklebt und schließlich das ganze Werk hiernach neu geordnet. Dieser neueste Sturz ergab das Vorhandensein von 280 Tafeln, worunter 8 fast leere, während Rösler 272 aufführt. 
Vom August 1771 bis heute ist also von dem Kieserschen Werke nichts abhanden gekommen. Es folgen nun die einzelnen Verzeichnisse. Hieran reihen sich sodann, eine eingehende Beschreibung des Vermessungswerkes und die Vorführung einiger Aktenstücke, welche den geschichtlichen Hergang bei dieser Landesaufnahme aufklären.