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Vorwort

Von jeher hat das ,,Altwürttembergische Forstkartenwerk” des Herzoglichen Württembergischen Kriegsrats und Obrist-Lieutenants Andreas Kieser einen besonderen Platz in der Reihe der alten, deutschen Landkarten eingenommen. Diese überaus vortreffliche topographische Arbeit war in den Jahren 1680-1687 während der Vormundschaftsregierung des damals noch im Kindesalter stehenden Herzogs Eberhard Ludwig (* 18. 9. 1676) auf Befehl seines Oheims und Obervormundes, des Herzogs Friedrich, Carl von Württemberg, entstanden. Der Zweck dieses Forstkartenwerks war, mit seiner Hilfe die durch den 30-jährigen Krieg zerrütteten, vielfach verwüsteten und schwer angeschlagenen Waldbestände des Landes wieder in Ordnung zu bringen. Damit sollte es der Übersicht zu den gleichzeitig hergestellten ,,Forstlagerbüchern” dienen.

Wenngleich die Kiesersche Arbeit, die als “die erste Landesvermessung Württembergs anzusehen ist”, nie ganz vollendet werden konnte und daher auch nur das Gebiet etwa zwischen Heilbronn and Reutlingen bzw. zwischen Herrenberg und Schwäbisch Gmünd umfaßt, so mindert diese Tatsache ihren Wert in keiner Weise, da diese einzigartige Forstkarte auch in Zukunft stets ,,das bedeutendste Vermessungswerk” des damaligen Herzogtums AIt-Württemberg bleiben wird.
So einmalig ihr hoher Wert in vermessungstechnischer Hinsicht ist, so einmalig ist auch ihre Bedeutung für die württembergische Landesgeschichte. Der historische Vorzug, den die Kieserschen Tafeln moderneren Karten gegenüber haben, besteht jedoch, darin, daß sie uns neben einer Fülle von Flurnamen das Bild der Städte und Dörfer des behandelten Gebiets mit seinen Schlössern, Klöstern und Kirchen, seinen Weilern und Höfen, seinen Ziegelhütten und Mühlen nicht im Grundriß, sondern in perspektivischer Ansicht vermittelt, die von den Zeichnern, “den Malerjungen”, mit einer geradezu liebevollen Gründlichkeit festgehalten und von ihnen - wie aus einer lustigen, bunten Nürnberger Spielzeugschachtel hervorgezaubert - mit geographischer Treue inmitten der sie umgebenden Wälder, Felder, Wiesen und Weinberge hineingestellt wurde. Selbst die heute längst verschwundenen Kapellen und Galgen am Wege sind dem Auge Kiesers und seiner beiden Mitarbeiter, den Hohentwieler Artilleristen Zeugwart Johann Niclahs Wittich und Büchsenmeister Joh. Jakob Dobler, nicht entgangen.
Nichts vermag eindringlicher die Umwelt vergangener Generationen zu schildern, als diese reizvollen Zeichnungen, die, soweit sie das heutige Kreisgebiet Waiblingen betreffen, mit Ausnahme der Ansichten von Schorndorf und Waiblingen,
für die noch frühere Bildnisse vorliegen, die ältesten Bilder der Städte und Dörfer des Kreisgebiets darstellen! Es sind Bilder einer für uns heute längst untergegangenen Welt, deren Angesicht sich unter dem Dröhnen und Hämmern der Maschinen des 20. Jahrhunderts beinahe von Tag zu Tag verändert. Umso aufrichtiger muß daher unser aller Dank Andreas Kieser und ,,seinen geschworenen Feldmessern” gelten, die dieses uns so kostbare Werk vor rund 300 Jahren schufen!

Überaus betrüblich ist es, daß auch in diesem Falle unverständlicher Neid und kleinliche Mißgunst das so hoffnungsvoll begonnene Werk eines von reinstem Idealismus getragenen Mannes vorzeitig beendeten, weil seine Gegner seiner nicht würdig waren! Allein deshalb sind die Karten Kiesers unvollendet geblieben! Seine letzte Arbeit war der Schorndorfer Forst, zu dem auch die Orte des unteren Remstals gehören. Dann zog sich Kieser tief enttäuscht zurück. Sein großartiger Plan, ,,welcher die Detailaufnahme der Wälder mit der Herstellung einer einheitlichen Landeskarte im Maßstab 1:8256 in genialer Weise zu verbinden wußte, hat daher niemals eine Fortsetzung gefunden!” Und nur so ist es auch zu erklärcn, daß dieses Meisterwerk alter Landkarten schon bald wieder in Vergessenheit geriet und fast hundert Jahre lang unbeachtet im Dachstock über der Südhalle der damaligen Königlichen öffentlichen Bibliothek in Stuttgart lagerte, wo die Karten trotz Sicherung durch zwei eigens für sie gebaute Stahlschränke in der Nacht vom 12./13. September 1944 einem der zahlreichen Bombenangriffe auf die Landeshauptstadt zum Opfer fielen.

Es in das große Verdienst des verstorbenen Inspektors C. Regelmann, dieses ,,hochbedeutsame Vermessungswerk” der Nachwelt in einer überaus gründlichen und gewissenhaften Beschreibung überliefert zu haben, die in den ,,Württembergischen Jahrbüchern für Statistik und Landeskunde”, Jahrgang 1890/1891, Bd. II, S. 185-224, veröffentlicht worden ist. Eine erneute Würdigung fanden die Kieserschen Forstkarten im Rahmen der Ausstellung während des Internationalen Geographenkongresses in Warschau vom 23.-31. Aug. 1934, für die die Tafel Strümpfelbach - Stetten - Aichelberg - Lobenrot in ihrer ganzen Buntheit faksimiliert wurde.

Obgleich jedes Blatt dieses sich aus 280 Einzelkarten zusammensetzenden Werks noch rechtzeitig vor seiner völligen Vernichtung auf Plattengröße 13cm*18cm photographiert werden konnte, wofür der württembergischen Landesbildstelle und ihrem Leiter, Direktor Eug. Ziegele, heute nicht hoch genug gedankt werden kann, sind die Kartenblätter als Quellenmaterial für Geschichte und Volkskunde immer noch wenig bekannt. Diese Tatsache veranlaßte mich daher zur Herausgabe dieser bescheidenen Schrift. Daß es mir ermöglicht wurde, die Kieserschen Bilder der Städte und Dörfer des Kreises Waiblingen in ihrer Gesamtheit hier erstmals zur Schau zu stellen, habe ich hauptsächlich Herrn Landrat Bertheau in Waiblingen, sowie dem Kreisverband Waiblingen und seinen Gemeinden zu verdanken, die mich in großzügiger Weise in meinem Vorhaben unterstützten und die Mittel zum Druck dieses Buches zur Verfügung stellten.

Ich bedauere hierbei, daß sich die Ansichten von Hanweiler und Welzheim nicht auf dem Forstatlas befinden, da beide Orte damals noch nicht zur Landschaft gehörten und von Andreas Kieser deshalb als “Ausland” behandelt wurden.
Ebenso brachte es die Eigenart der Karte mit sich, daß die Bilder von Kaisersbach und Schorndorf aus Randstücken zusammengesetzt werden mußten. Von ähnlicher Ungunst sind auch die Ansichten von Birkmannsweiler, Großheppach, Hebsack, Kleinheppach, Miedelsbach und Neustadt beeinflußt. Zwar befinden sich von einzelnen Orten zum Teil bessere Zeichnungen in den “Württembergischen Forstlagerbüchern” des Hauptstaatsarchivs in Stuttgart, auf die aber bewußt verzichtet wurde, da diese Schrift nur das verloren gegangene Forstkartenwerk des Andreas Kieser behandeln soll.
Die knappe Zusammenfassung der hauptsächlichsten gcschichtlichen Ereignisse der Kreisgemeinden, die auch die heraldische Beschreibung ihrer Wappen enthä1t und die Necknamen der einzelnen Orte - soweit bekannt - aufführt, will der zusätzlichen textlichen Untermalung der gezeigten Bilder dienen. Bei dem sehr ungleichen Vorkommen an historischem Quellenmaterial war eine scheinbar unterschiedliche Behandlung dieses Stoffgebiets trotz der von mir gewäh1ten Kurzform nicht zu vermeiden. Den hierbei angegebenen neuesten Einwohnerzahlen liegen die Angaben vom 1. Januar 1952 zugrunde. Bei den Einwohnerzahlen für das 19. Jahrhundert stützte ich mich hauptsächlich auf die Ergebnisse der Zollvereins bzw. der Vo1kszäh1ungen für das Deutsche Reich. Das oft sehr starke Absinken dieser Zahlen ist auf die Ab- oder Auswanderung in der damaligen Zeit zurückzuführen, soweit nicht die schwerwiegenden Folgen des 30 jährigen Krieges hierfür in Frage kommen.

Waiblingen, am 9 November 1952.

Erich Rummel.

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