Das Alte        

     stürzt    

anno 1796-1819

Mochte es nach den Friedericianischen Kriegen auch kurze Zeit so aussehen, als ob ruhigere Zeiten kämen - es war ein Trugschluß. Mit der französischen Revolution setzten neue Kriege und neue Heerzüge ein, und Fellbach rückte dabei sogar für einige Tage in den Mittelpunkt des Geschehens. Das war anno 1796, als Erzherzog Karl von Oesterreich sein Hauptquartier im Fellbacher Pfarrhaus aufschlug. Er war in der Nacht vom 18. auf 19. Juli bei Aldingen und Mühlhausen über den Neckar gegangen und hatte dann auf der Fellbacher Höhe Stellung bezogen. Das waren schwere Tage. Die Franzosen Maureau’s drängten nach. Drunten bei der Neckarbrücke in Cannstatt kam es zu einer wilden Schießerei, die hinüber und herüber ging und manches Opfer forderte. Am 23. Juli rückten die Oesterreicher wieder ab, und die Franzosen kamen hintendrein. Überall in der näheren und weiteren Umgebung wurde geplündert, wurden den Einwohnern die letzten Lebensmittel aus Küche und Keller geraubt und Kleider und Weißzeug mitgenommen. Sogar die Kirchen wurden nicht verschont. Drüben in Hedelfingen und drunten in Münster wurden die Kirchengeräte gestohlen. In Wangen rissen sie dem Pfarrer die Kleider vom Leibe, und in Fellbach schlugen etliche Soldaten den dreiundsiebzigjährigen Johann Schäfer tot - nur, weil er ihnen keinen Wein mehr aus dem Keller holen wollte. Man kam aus Angst und Sorge nicht hinaus, und die Lasten der endlosen Durchzüge und Einquartierungen lagen schwer auf dem Ort.

Dann kam das Jahr 1797 herauf. Herzog Friedrich II trat die Regentschaft über Württemberg an. Wer mochte damals ahnen, daß er schon anno 1803 die Kurwürde und anno 1805 gar das Königtum erlangen würde? Freilich geschah beides von Napoleons Gnaden. Aber Württemberg wurde damit größcr und reicher. Zu Alt-Württemberg kam Neu-Württemberg hinzu mit neun Reichsstädten und einer Reihe katholischer Stifte und Klöster. Die bisher reichsunmittelbaren Fürsten und Grafen wurden dem Land unterstellt. Man spürte, ein neues Jahrhundert brach an und mit ihm neue Ideen und neue Möglichkeiten für Handel und Wandel seiner Menschen.

Draußen in der Burgstraße war Philipp Bloß bei der Arbeit. Seine Glaserei hatte all diesen Zeiten stand gehalten. Zwar war er keiner von denen, die die neue Zeit vorbehaltlos umjubelten, aber er erkannte ihre Zeichen und brachte so die Gründung des Vaters glücklich durch alle Fährnisse.

Mutter Regina erlebte das neue Jahrhundert nicht mehr. Ein schweres Leiden hatte sie auf ihre alten Tage befallen. Als der Tod kam, war er eine Erlösung für sie. An einem der ersten Januartage des Jahres 1799 bewegte sich ein langer Trauerzug zum kleinen Friedhof hinaus. Er gab Regina das letzte Geleit.

Philipp Bloß war froh, daß die Mutter manches, was bevorstand, nicht mehr erleben mußte. Was hätte sie wohl dazu gesagt und wie hätte sie darunter gelitten, als sie auch in Fellbach daran gingen, dem neuen Geiste zu huldigen? Gewiß, das stattliche Dorf war größer geworden. Es brauchte eine neue Schule. Aber mußte man deshalb die alte Ringmauer, die die Dorfkirche seit Jahrhunderten umgeben hatte und zum schmucken Wahrzeichen des Orts geworden war, kurzerhand einreißen? Gab es nicht sonstwo Steine und Platz genug, das neue Schulgebäude zu errichten? Philipp Bloß dachte an den Vater, dachte an die Mutter und wußte, wie sie beide auf diese Wehrkirche stolz gewesen waren. Er stand darum mit etlichen gleichgesinnten Fellbacher Bürgern in der Opposition, als sie anno 1801 begannen, die alte, wuchtige Mauer Stein um Stein abzutragen. Sie war einst aus Ablaßgeldern von der Wallfahrt errichtet worden. Die berühmte Wallfahrtskapelle droben am Berg, wo ein Knabe vor langen Jahren in einem Kirschbaum eine Marienerscheinung gehabt hatte, stand noch. Sie war zwar verfallen, seit die Reformation Einzug gehalten hatte, aber sie diente dem Waldschützen noch als Wohnung und erinnerte zugleich an vergangene Zeiten wie diese trutzige Mauer, die sie nun abtrugen.

Philipp Bloß konnte den Gang der Dinge nicht aufhalten. Schon waren zahlreiche Hände am Werk. Türme, Tore und Mauern der alten Wehranlage wurden abgerissen, Steine fein säuberlich sortiert und von altem Mörtel gereinigt, damit daraus das Schulhaus erbaut werden konnte. Was wollte es da schon heißen, daß der alte Wassergraben mit den beiden Brücken und dem verwitterten Steinkreuz davor erhalten blieb? Philipp Bloß schien es, als ob sie die Kirche pludernackend ausgezogen hätten. Als aber das neue Schulhaus errichtet wurde und er selbst dafür die Fenster zu liefern hatte, war das ein kleines versöhnendes Moment. Wie froh war er, nun in Gottlieb einen tüchtigen Gesellen zu haben. Der kannte die inneren Hemmungen des Vaters nicht. Der war ganz in den Geist des neuen Jahrhunderts hineingewachsen und tat jubelnd mit, wenn es in Fellbach vorwärts und aufwärts ging.

Freilich, zu den revolutionären und aufrührerischen Elementen gehörte er nicht. Als es im Herbst des Jahres 1804 in Fellbach brannte und ein Aufruhr entstand, bei dem der Oberamtmann blutig geschlagen wurde, wofür etliche Fellbacher Bürger ins Gefängnis gelegt wurden, war Gottlieb Bloß nicht dabei. Als aber im Jahre darauf, am 4. Oktober 1805, die Nachricht durch das Dorf ging, Napoleon sei da - er besichtigte die Fellbacher Höhe, wo Erzherzog Karl einst sein Heer in Stellung gebracht hatte - da war Gottlieb Bloß einer der ersten, die hinauseilten, den großen Korsen zu sehen. Er kam jedoch zu spät. Er traf nur noch den Cannstatter Präzeptor Memminger an, der Napoleon den Weg gewiesen hatte und ihm noch die Staubwolke zeigen konnte, hinter der kurz zuvor der Kaiser davongeritten war.

Dem jungen Bloß tat dies zeitlebens leid. Er war in seinen jungen Jahren ein leidenschaftlicher Verehrer Napoleons und war Feuer und Flamme, als sich Württemberg anno 1806 dem Rheinbund anschloß und damit unter das Protektorat Napoleons begab. Als jedoch der Stern des großen Korsen im Sinken war, als man 1812 und 1813 schrieb, als die russischen Heere siegreich durch Fellbach zogen und Napoleon endgültig geschlagen war, als sich der Rheinbund auflöste und Württemberg anno 1815 dem Deutschen Bund beitrat, da fand sich Gottlieb Bloß auch mit dieser Entwicklung ab - zumal inzwischen andere Dinge eingetreten waren und sein Interesse in Anspruch genommen hatten:

Vater Philipp war alt und gebrechlich geworden. Seit er im Herbst 1810 einen Schlagfluß erlitten hatte, wars mit seinem Handwerk vorbei. Er hatte sich zwar wieder erholt, aber eine Lähmung des rechten Arms war geblieben. So mußte sich Gottlieb nach fremder Hilfe umsehen, wenn die Glaserei nicht zurückgehen und die Aufträge nicht liegen bleiben sollten.

Da kam ihm ein junger Glaser aus Derdingen, namens Johann Kögel, gerade recht. Das war nicht nur ein fleißiger, strebsamer Handwerker, der einen erstklassigen Gesellenbrief vorweisen konnte, das war auch menschlich ein aufrechter und gerader Kerl dem man sein Sach anvertrauen konnte. Er hatte den Vater schon mit drei Jahren verloren und war darum früh auf sich selbst gestellt gewesen. So war es auch für ihn ein glücklicher Zufall, daß er im Hause Bloß wie ein Eigenes aufgenommen werden konnte.

Friederike hatte damit freilich mehr Arbeit. Seit der Vater nicht mehr auf der Höhe war und Mutter Christine merklich älter wurde, hing gar viel an ihr. Aber sie verstand sich auf die Wirtschaft. Warum sollte sie nicht auch dem jungen Kögel sein Bett richten, seine Wäsche besorgen und ein schmackhaftes Essen auf den Tisch stellen können? Wo vier Mäuler satt wurden, ging allemal auch ein fünftes nicht leer aus.

Das war richtig gedacht. Gottlieb Bloß war des zufrieden. Je näher er den jungen Kögel kennen lernte and je länger er mit ihm in der Glaserei arbeitete, um so mehr hatte er den Wunsch, diesen fleißigen, braven Burschen festzuhalten. Er sah es darum nicht ungern, als sich sein Geselle um Friederike zu bemühen begann. Sie war eine saubere Dirn geworden und hatte mit ihren zweiundzwanzig Jahren überall das Geriß. Dennoch hatte sie den Burschen stets die kalte Schulter gezeigt. Die Arbeit und die Sorge um Vater and Mutter gingen ihr vor. War es Gottlieb nicht selbst so ergangen? Auch er war mit seinen dreiunddreißig Jahren noch Junggeselle and hatte von lauter Arbeit keine Zeit nach den Weibern zu gucken. - Nun war der junge Kögel im Haus, and Gottlieb war es, als ob Friederike seinen Bemühungen nicht ganz abgeneigt wäre. Kochte sie neuerdings nicht besonders oft Knöpfle mit Sauerkraut, weil die der Johann so gerne aß, and hatte es neulich nicht den Anschein, als ob sich die beiden zu einem sonntäglichen Gang auf den Kappelberg verabredet hätten?

Gottlieb Bloß wartete ab. Er frug nicht und tat nichts dazu. Kaum war jedoch das Jahr 1812 angebrochen, da meinte Friederike eines Abends, oh er noch nichts gemerkt habe ... sie sei sich mit Johann längst einig. - Gottlieb war froh über diese Lösung, und die alten Eltern nicht weniger. Sie wußten, daß Friederike damit einen rechtschaffenen Mann und sie selbst einen braven Schwiegersohn erhielten.

Noch im selben Jahr wurden die beiden kopuliert, und alles schien einen guten Lauf zu nehmen, wenn nicht plötzlich ein unerwartetes Ereignis eingetreten wäre. Aus Derdingen kam die Nachricht, daß Johanns Vetter, ein Geschwisterkind seiner Mutter, in Rußland geblieben sei. Der Junge hatte sich für den Feldzug Napoleons anwerben lassen und war mit vielen anderen Schwaben ein Opfer des russischen Winters geworden. Nun sollte Johann, so hieß es in der Nachricht, nach Derdingen kommen und das Anwesen des Vetters übernehmen. Raum für eine eigene Glaserei sei da, und die alte Mutter, die dort ihr Unterkommen gefunden habe, brauche jemanden, der für sie sorge. Er solle sich ja nicht einfallen lassen, abzusagen.

Da war guter Rat teuer. Johann Kögel fühlte sich in Fellbach wohl. Aber durfte er Mutter Sara im Stich lassen? Sie hatte schon gar zu viel durchgemacht. Von den fünf Kindern, die sie einst geboren hatte, lebte nur noch er. Alle andern waren ganz früh gestorben. Dann hatte sie den Mann, den Michael Kögel, verloren und Obdach bei ihrem verwitweten Bruder gefunden. Ihm hatte sie Jahre lang das Hans besorgt, hatte neben Johann auch seinen Buben herangezogen und immer und überall nach dem Rechten gesehen, bis er im Sommer dieses Jahres einer heimtückischen Seuche erlegen war. Und nun kam diese Nachricht aus Rußland. Es war damit einsam um sie geworden.

Johann Kögel wußte, was seine Pflicht war. - Und außerdem stand eine eigene Glaserei in Aussicht! Das war etwas für einen jungen, strebsamen Mann von vierunddreißig Jahren, der vorwärts kommen wollte und das Zeug dazu hatte. Er sprach darum mit Friederike. Er sprach mit Gottlieb und den alten Eltern. Sie verstanden seinen Entschluß. Und mochte Friederike der Abschied vom Elternhaus noch so schwer fallen, sie zog mit ihm und wollte in Derdingen nicht weniger treu zu ihm stehen, als sie es in Fellbach die paar Monate getan hatte.

Das Haus in der Burgstraße war nun leer geworden. In der Werkstatt fehlte Johann, für den Gottlieb einen neuen Gesellen einstellen mußte. Mehr aber fehlte noch Friederike im Haushalt. Der alten, vierundsechzigjährigen Mutter Christine konnte man die Arbeit nimmer zumuten. Sie half zwar in der Küche noch mit, aber richtig von der Hand gings ihr nicht mehr. Und Vater Philipp brauchte Pflege. Gottlieb Bloß sah ein, daß es so nicht weiter gehen konnte und daß es nun an der Zeit war, sich nach einem eigenen Weib umzusehen, das Haus und Hof in Ordnung hielt und Vater und Mutter versorgte. Schon immer hatte er an die junge Aldingerin, die Regina, gedacht. Sie war eine tüchtige, umsichtige Person. Ihre dunklen Haare und ihre großen, fröhlichen Augen hatten ihm schon immer gefallen. Ob er’s wohl wagen konnte? Da bot sich unversehens die Gelegenheit, Regina selbst zu fragen. Draußen im Wiesengrund nach Rommelshausen hatten sie sich getroffen, und Regina war wie immer fröhlicher Laune gewesen. Sie waren ein Stück Wegs miteinander gegangen, hatten geplaudert und sich die neuesten Fellbacher Geschichten erzählt, als Gottlieb ein wenig ungelenk und stockend, wie es Männer immer in solcher Situation sind, die Gelegenheit ergriff:

„Du Regina", sagte er, "was i di schao oft hao froga wölla..." sagte er und räusperte dabei, als ob ihm ein dicker Knödel im Hals stecke, „du bist schao lang en deam Alter, mo a reachts Mädle d’Jongfer an Nagel hängt... bist blitzsauber... ka’st zuapacka, mo-mr de na’stellt... was gohst du ällaweil no so oaspännig durchs Leaba?"

Regina lachte auf: "Dees kö’t i di grad au froga... bist doch selber so-an-alter Jonggsell, so-an-ei’gfleischter!"

"Dees stemmt fei’ et", gab da Gottlieb zurück, "i tät schao heirata, wenn-e-s reacht Weib drzua hett..., zo deam muaß mr zo zwoit sei

"Ond dees saest grad mir ?"

"Jo... weil-e di halt schao ällaweil gern sieh... ond weil-e-mr denkt hao ... du tätst vielleicht et „Noa" saga."

"Ha Gottliab, ist dees dei’ Ernst?"

"Potz Blitz! mei’ vooler Ernst!" und flüsternd setzte Gottlieb hinzu: "Möchst et – „Jo" saga... Regele?"

"Aber Gottliab! ... So schnell schiaßa d’Preußa et ... So ebbes muaß überlegt sei -"

Da nahm Gottlieb Regina bei der Hand und sah sie fragend an: "Wurdst-mr en Korb gea, Regele?"

Regina überlegte: "I glaub — et!" Dann löste sie ihre Hand aus der seinen und lief eilends weg.

Drei Tage waren seit dieser Begegnung vergangen. Gottlieb fürchtete schon, er hatte sich einfältig angestellt. Man fährt nicht gleich mit dem Korn ins Haus, meinte er, zuerst muß gedroschen werden. Daran hatte er nicht gedacht. Vielleicht war es jetzt zu spät.

Gottlieb war heute nicht so recht bei der Arbeit. Ob er wollte oder nicht, immer standen diese Gedanken dazwischen, nagten und bohrten, daß ihm nichts von der Hand gehen wollte. Wie frisch arbeitete daneben sein neuer Geselle drauf los! Gottlieb sah das und freute sich darüber. Aber mit sich selbst war er uneins und unzufrieden. Er wollte schon die Kappe aufsetzen und für eine Weile davonlaufen, als er kurze, eilige Schritte hörte, die auf die Werkstatt zukamen. Nur einen Spalt breit öffnete sich die Tür, und Regina rief herein:

"Du, Gottliab, kö’tst haet obed net gschwend zo ons nauskomma... mr sott noch onsrem Dachluag gucka - do regnts eine, wenn uuf d’Naacht a Wetter kommt...

"Will gucka, ob-mr’s langt", gab Gottlieb zurück, "vielleicht em achta?"

"Jo, ‘s wär-mr reacht", und schon war Regina wieder fort. Sie hatte nur durch den Türspalt gesprochen und nicht einmal hereingesehen, so eilig schien sie es zu haben.

Gottlieb verstand das. Was sollten andere vorzeitig merken, daß sie ein Auge aufeinander hatten? Konnte man wissen, wie’s ging? Die Leute sprachen ohnedies immer zu viel. Man sollte ihnen das Maul stopfen können, den Schwatzbasen und Fürwitzen, die allemal früher wußten, ob eine ein Kind kriegt, als die Kindsmutter selber.

Und dann dachte er, ob sie wohl gekommen wäre, wenn sie nichts für ihn übrig hätte? Oh, nach der Dachluge wollte er auf alle Fälle sehen. Vielleicht konnte er Regina dort den Himmel zeigen, der für sie beide voller Baßgeigen hing.

Am Abend zog er erwartungsfroh los und ging zu Regina. Doch seltsam, sie sprach kein Wort. Sie führte ihn nur an das kleine Dachfenster, das verbogen und undicht geworden war, und er mühte sich ab, das Ding in Ordnung zu bringen. Das war sogar ein saures Stück Arbeit. Die Rahmung wollte und wollte sich nicht zurecht biegen lassen. Er brauchte Berserkerkräfte, bis es soweit war. Dann drehte er sich befriedigt um und sah im fahlen Schein des letzten Abendrots Regina an:

"Ist bei uich älles so widerspenstig wia der klei’ Krüppel do?" Er wies dabei auf das kleine Fenster.

"wia-mr-s nemmt!’ meinte sie da neckend und setzte versöhnend hinzu: "Uuf-s aerst Mol gean mir et glei noch ... uuf-s aerst Mol -Da wußte Gottlieb, wo er dran war. Er nahm Regina in seine Arme: "Kornm, no’ muaß-e de halt au no a bissele z-reacht biaga ond z-reacht drucka . .." Er hielt sie lange umschlossen dann flüsterte er ihr gutmütig ins Ohr "Moanst mr passa jetzt zsema?"

"Jo, Gottliab, i moa .. ." Regina sagte es mit fröhlich blitzenden Augen ... dann fiel sie ihrem Gottlieb um den Hals: "Gelt, i hao-mr-s lang überlegt ... arg lang... aber etz glaub-i au, daß-s reacht wurd zwischa ons boide. .."

Dann sprachen sie nimmer viel. Die alte Bodentreppe knarrte, als sie zu zweit zu Reginas Eltern hinabstiegen. Und Vater Aldinger ließ sich nicht lumpen, da er von der Sache hörte. Ihm war der Bloßen-Gottlieb ein willkommener Tochtermann. Darum holte er einen Krug vom besten Fellbacher aus dem Keller. Sogar Mutter Aldinger trank an diesem Abend ein Gläschen mit. Und dann besprach man gleich alles, was zu besprechen war — was Regina mitbekommen — und wann die Hochzeit sein sollte.

Das ging wie ein Lauffeuer durch den Ort, daß der Gottlieb und die Regina kopuliert würden. Niemand hatte vorher etwas davon gewußt. Da wurde getuschelt und gedisemlet. Und als am 2. September des Jahres 1813 die Hochzeit gefeiert wurde, war das ganze Dorf dabei. Auch Friederike und Johann waren von Derdingen herüber gekommen. Fast jedes Haus sandte Hochzeitsgeschenke und Glückwünsche. Und am Abend hatte das junge Paar Mühe und Not, all die Reichtümer zu sichten, die ihm Freund und Anverwandt dargebracht hatten. Es war eine ganze Stube voll „Sach".

Dann gingen geruhsame Jahre ins Land. Draußen in der Burgstraße sah Regina nach dem Rechten, und Gottlieb hatte sich nicht in ihr getäuscht. Sie war den Eltern eine treue, umsichtige Söhnerin und ihm ein rechtschaffenes Weib, das das Herz auf dem rechten Fleck und, wenn etwas schief gehen wollte, auch einen guten Rat und ein aufmunternd Wort zur Stelle hatte. Was kümmerten ihn da noch die politischen Wirren der Zeit? Seit im Oktober des Jahres 1813 Napoleon endgültig geschlagen und anno 1815 der zweite Pariser Friede geschlossen war, sah sich die Welt sorgloser an.

Gottlieb Bloß war ein fortschrittlich gesinnter Mann, der mit der Entwicklung Schritt halten wollte. Darum ging er rechtzeitig daran, die kleine, baufällig gewordene Werkstatt zu vergrößern, stellte einen weiteren Gesellen ein und sah darauf, daß seine Glaserei nur gute, handfeste Arbeit lieferte. Das verlangte den ganzen Kerl. Da hatte er auch keine Zeit, sich um die Verfassungskämpfe zu kümmern, die landauf, landab die Gemüter erregten. Er stand zwar innerlich auf der Seite des "alten guten Rechts". Als aber unter König Wilhelm I die konstitutionelle Monarchie eingeführt wurde, war er auch damit zufrieden, wenn die neue Verfassung nur dem Handwerk ein gedeihlich Fortkommen und dem Land eine friedliche Entwicklung ließ.

Man schrieb 1819. Ein schöner, leuchtender Herbst zog herauf. Der Wein kochte in den Trauben, die gut und reich angesetzt hatten. Die Fellbacher Wengerter waren wieder einmal zufrieden. Gottlieb mußte unwillkürlich an das Jahr 1789 zurückdenken. Auch damals waren die Farben des Herbstes so bunt, so unvergeßlich schön und frohlockend, als drinnen in den kleinen Stube der alte Ähne seiner letzten Stunde entgegenging. Dreißig Jahre waren seitdem vergangen. Viel hatte sich inzwischen verändert, und vieles andere mochte noch bevorstehen, von dem man keine Ahnung hatte. Und das war gut so. Das verlangte von jeder Generation, daß sie sich neu bewährte und nicht bloß auf dem Werk der Alten rasten und rosten konnte.

Noch waren die Eltern am Leben, und Gottlieb war darüber froh. Zwar konnte Vater Philipp schon lange nicht mehr in der Werkstatt mithelfen, aber mit seinem klugen, erfahrenen Rat stand er dem Sohn noch immer zur Seite. Christine war jedoch recht gebrechlich geworden. Man mußte bei ihr mit dem Letzten rechnen. Aber zunächst war sie noch der Mittelpunkt des kleinen Hauses in den Burgstraße. Um sie scharten sich alle wie die Kücken um die Glucke, und immer fand sie ein gütig, verständig Wort für jeden und jedes Anliegen.

Gottlieb dachte daran, wie er einst mit diesen Eltern an der Bahre des Ähne gestanden, wie er als kleiner elfjähriger Junge hinter dem Sarg einhergegangen und auf die Zähne gebissen hatte, daß ihm ja keine Träne aus den Augen quoll. Er hatte diesen Tag lange nicht vergessen, und jetzt, da er sich zum dreißigsten Mal jährte, wollte er ihn nicht wie einen gewöhnlichen Werktag begehen.

Insgeheim sandte er Friederike eine Botschaft, sie möchte doch zum 7. September nach Fellbach herüber kommen. Und seiner Regina sagte er, sie solle zu diesem Tag ein paar saftige Zwetschgen-Kuchen backen mit viel Brösel und Nussen darauf. Und ein Essen solle sie vorbereiten, als ob es noch einmal zur Täuf der kleinen Christel ging. Dabei bückte er sich über die buntbemalte Wiege, in der das kleine Töchterchen mit frischen, runden Bäckchen lag und lächelte. Es war jetzt neun Monate alt und hatte ganz die großen, dunklen Augen Reginas.

Am Mittag des 7. September traf Friederike ein, und zu aller Überraschung brachte sie ihren vierjährigen Gottlieb mit. Der Bub, meinte sie, müsse endlich seinen Döte kennen lernen: nach ihm habe er den Namen, ihm schlage er auch nach. Und wirklich, dieser kleine Gottfried Kögel mochte in manchem an seinen Onkel erinnern. Er hatte die breite Stirn und die breiten Backenknochen wie er. Um seinen schmalen Mund, der so fröhlich lachen konnte, ging ein Zug, der schon Wille und Energie verriet. Wenn nicht alles trog, mußte in Bälde ein rechter Lausbub aus ihm werden.

Gleich zum Empfang brachte Regina von ihrem Zwetschgenkuchen auf den Tisch. Große, saftige Stücke, einen ganzen hochgebeigten Teller voll. Da hatte der kleine Gottlieb zu tun. Zufrieden griff er ein Stück nach dem andern. Und die Alten begannen zu erzählen und zu berichten, was sich in Derdingen zutrug, wie Johanns Glaserei lief und wie sich Friederike drüben um Mutter Sara sorgte. Und dann wurde Klein-Christel bewundert. Und alle waren froh, wieder einmal zusammen zu sein, alte und neue Erinnerungen auszutauschen, des seligen Johannes-Ähne zu gedenken und der Ahne Regina, die nun auch schon über zwanzig Jahre tot war.

Ob sie sich wohl nocheinmal so zusammenfinden würden? Mutter Christine zweifelte daran. Sie werde es nicht mehr lange schaffen, meinte sie, und deshalb freue sie sich, daß Friederike den kleinen Gottlieb mitgebracht habe. Das sei immer ihr Wunsch gewesen, ihn einmal zu sehen. Und nun sei er schon ein so großer Bub. - Dabei ging ein frohes Leuchten über das abgeklärte, immer noch schöne Gesicht der alten Frau.

Es war ein sonniger Herbsttag, den sie so in besinnlicher Freude verbrachten. Gegen Abend wollte Friederike noch einen Gang auf den Kappelberg tun. Wie hatte sie in jungen Jahren seinen steilen Hang und die weite Aussicht geliebt, die sein Hochplateau bot! Nun wollte sie die altvertrauten Wege wieder einmal gehen, und Gottlieb schloß sich ihr an. Auch er liebte den Berg und freute sich, mit Friederike diese Stunde allein zu sein.

Draußen lag die alte Dorfkelter im Schein der ersten Abendsonne. Ihr Mauerwerk mit dem schmucken Fachwerk und dem tiefgezogenen Dach darüber lehnte behäbig am Berghang. Dahinter stieg der alte Weg bergan. In seinen steinigen Untergrund hatten Regengüsse und Sturzbäche tiefe Furchen gerissen. Aber es war der alte Bergweg. Zu seinem Anstieg gehörte das Steingeröll wie das Buttentragen zum Weingärtner. In halber Höhe hielten die Geschwister Ausschau. Drunten lag das Dorf. Man sah die Kirche und das neue Schulhaus davor. Weiter rechts stand das Rathaus mit dem hübschen Vorbau und daneben das "Klösterle" und die alte Zehentscheuer, und wenn man genau hinsah, konnte man noch in der Burgstraße das Bloß’sche Haus erkennen. Eine dünne Rauchfahne stieg davon auf.

Friederike freute sich des alten, trauten Bilds. Ihr Blick ging über Fellbach hinaus. Da lag Schmiden und Oeffingen, zur Rechten Waiblingen und Rommelshausen, und ganz in der Ferne erhob sich der Asperg, wo vor nun bald fünfunddreißig Jahren Christian Daniel Schubart gefangen gelegen hatte. Davor waren stattliche Dörfer und schmucke Weiler in die Landschaft gestreut, umspült von grünen Wiesen und fruchtbaren Äckern, und über das Ganze wölbte sich der klare Herbsthimmel in tiefem, azurnem Blau.

Langsam gingen Gottlieb und Friederike weiter bergan, dem kahlen Hochplateau entgegen - als plötzlich die Kögelin innehielt. Sie mochte ihren Augen nicht trauen: die alte Kapelle war weg. Dort, unter der breiten Linde hatte sie gestanden. Sie hatte dem Berg den Namen gegeben. Sie war sein Wahrzeichen gewesen und seine Krönung zugleich. Nun war sie abgebrochen. Ein Jahr zuvor, anno 1818, hatten sie ihre Steine weggeschleppt und in verfallene Weinbergmauern eingefügt. Gottlieb wußte, was Friederike empfand. Aber sollte man darüber klagen? Ging die Zeit nicht über viel wertvollere Dinge ebenso rücksichtslos hinweg?

Er nahm Friederike bei der Hand und stieg mit ihr vollends den letzten Hang zur Hochfläche hinauf. Dann wies er gen Süden. Da lag über dem Neckartal mit seinen waldigen Höhen die runde Kuppel des Wirtembergs. Auch hier waren sie dabei, das trutzige Schloß mit den drei Ringmauern und seiner Zugbrücke, mit der alten Bastei und dem steinernen Herrenhaus abzutragen, um eine würdige Ruhestätte für Königin Katharina zu schaffen. Sie war im .Januar dieses Jahres verschieden und schon im Frühjahr 1820 sollte der Grundstein für die neue Grabkapelle gelegt werden, die der Hofbaumeister Salucci im Auftrag König Wilhelms I geplant und entworfen hatte.

Friederike mußte unwillkürlich an das Jahr 1801 zurückdenken. Wie sehr hatte es Vater Philipp damals geschmerzt, als sie in Fellbach die alte Kirchenmauer niederrissen. Sie war noch ein Kind von zwölf Jahren gewesen und hatte damals die Gefühle des Vaters nicht verstehen können. Jetzt verstand sie ihn. Man mußte wohl älter und reifer werden, um zu wissen, was eine angestammte Heimat ist...Die Zeit ging jedoch über solche Gefühle hinweg, und schon ihr kleiner Gottlieb würde einst nichts mehr wissen von einer Kirchmauer in Fellbach, von einer Kapelle hoch am Berghang und von einem stolzen Schloß Wirtemberg, das Jahrhunderte lang trutzig über dem Neckartal stand.

Als sie wieder drunten in der Burgstraße waren, erzählte Friederike dem Vater, was sie erlebt und empfunden hatte. Ihr kleiner Gottlieb hörte dabei aufmerksam zu. Er spürte wohl, daß die Dinge der Mutter nahe gingen, und wollte ihr Trost spenden:

"Muater", sagte er, als vom Schloß Wirtemberg die Rede war, "sei net domm . . . i glaub, dees wurd nochher viel nuier ond viel schöner!"

Friederike mußte lächeln, und Gottlieb lächelte mit. War es nicht die neue Zeit und das neue Jahrhundert, das schon aus dem kleinen Buben sprach?


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