| Heimgang im
Herbst anno 1747 |
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Es war
ein warmer Septembertag. An den Hängen des Kappelbergs reiften die Trauben der
nahen Lese entgegen. Das Korn war gut und reich in die Scheunen gekommen. Da und
dort vernahm man schon das frohlockende Lied der dreschenden Flegel, dessen
gleichförmiges Klipp-klapp-klapp... Klipp-klapp-klapp... wie ein übermütiges
Scherzo über die vollen Ähren sprang, daß die goldenen Körner nur so tanzten
und spritzten.
Es
schien ein gesegneter Herbst zu werden. Fellbachs Bauern und Weingärtner
guckten zufrieden in die Welt. Wo man hinsah, waren sie dabei, die Früchte des
Jahres in Haus und Keller zu bringen. Das war ein frohes und heiteres Bild! Alle
trugen sie ihre kurze, gelbe Lederhose, das blaue Wams und den weißen Schurz,
und bei den Älteren sah man noch da und dort die rote Weste, die weithin
leuchtete und sich vom Grün der Wiesen und Weinberge gar feurig abhob. Sie
waren stolz auf dies bunte Hääs, das ihnen immer ein stattlich Aussehen gab, ob
sie Gras mähten oder Korn schnitten, ob sie im Wengert
waren, oder hoch oben im Apfelbaum standen und die reifen Früchte in große
Säcke brachen.
Der
Herbst war die Zeit des Bauern. Da ratterten schwer beladene Fuhrwerke durch die
Straßen. Körbe und Leitern wurden in den Wiesengrund geschleppt, und in der
Sonne dörrten Zwetschgen und teige Birnenschnitze, die süß wie Zucker waren.
Es war ein frohes Leben und Treiben, das mit diesem sonnigen Herbst überall eingezogen war. Nur draußen in der Burgstraße herrschte lautlose Ruhe. Man wußte: dort wohnt Johannes Bloß. In sechs Wochen sollte er seinen dreiundsiebzigsten Geburtstag feiern. Ob er ihn noch erleben würde? Es war in den letzten Tagen sehr ernst um ihn gestanden. Ein plötzliches Fieber hatte ihn befallen, die Lunge war angegriffen, und nun saß er schwer atmend in dem hohen Lehnstuhl. in dem vor siebenundzwanzig Jahren der Vater gestorben war. Sollte es auch sein Sterbestuhl werden? Johannes Bloß mußte unwillkürlich daran denken. Wie damals blinkte auch jetzt die Sonne durchs Fenster. Sie war heute wärmer, und die Farben des Herbstes waren reicher, bunter und freundlicher als an jenem kalten Dezembertag des Jahres 1762; aber leiteten sie nicht das große Sterben in der Natur ein? Waren es nicht die leuchtenden Farben des Lebens, das sich dem Tode ergab?
Wie
froh war Johannes Bloß, daß sich mit dem Vater noch alles zum Besten gewandt
hatte. Er war auf seine alten Tage noch einmal ein fleißiger, tüchtiger
Handwerker geworden. Vielleicht hatte er zu Anfang nur aus Trotz gearbeitet, um
dem eigenmächtigen Sohn zu zeigen, daß er immer noch da war. Aber dann war mit
dem Erfolg auch die Lust an der Arbeit wiedergekehrt, und zwischen Vater und
Sohn war ein gesunder Wettstreit entstanden, der jedem das Seine ließ, ohne Haß und
Mißgunst.
Und
war es nicht eine gütige Fügung gewesen, daß just einige Wochen, die der
Vater die Augen für immer schloß, der lang vermißte Bruder aus der Fremde
zurückgekommen war? Er hatte die Werkstatt des Vaters übernehmen können.
Damit war auch für ihn gesorgt, und Johannes hatte sich als einziges Erbstück
nur diesen hohen Lehnstuhl erbeten, in dem die Mutter
und später der Vater ihre stillsten Stunden verbracht hatten.
Nun
war es sein Stuhl, der ihm schon etliche Wochen Ruhe und stille Ausschau auf die
Burgstraße bot. War er nicht wie geschaffen, über Vergangenes nachzudenken und
seine letzten Dinge in Ordnung zu bringen? Über Johannes Bloßens Auge lag ein
stiller Glanz. Er hatte allen Grund, seinem Herrgott dankbar zu sein. In seinem
Leben hatte es zwar manche harte Stunde gegeben. Die Not und der Hunger hatten
während der Wirrnisse der Zeit auch bei ihm Einzug gehalten. Aber hatten die
Seinen nicht das Jahr 1766, da die Seuche in Fellbach gar viele Opfer forderte,
gesund überstanden ? Hatten sie nicht anno 1771, als die furchtbare Teuerung
durchs Land ging, gerade noch durchgehalten? Und war ihm nicht ansonsten noch
viel, nein, überviel in Erfüllung gegangen? Johannes Bloß sah hinüber in die
Ecke der kleinen Stube. Dort saß Regina vor einem Korb Birnen, den sie zum
Kochen richtete. Sie war immer noch rüstig und hatte ihn all die Zeit -
Johannes Bloß rechnete nach: es waren nächstens fünfundvierzig Jahre nicht eine Stunde
allein gelassen. Sie hatte im Haus und, wenn es not tat, auch in der Werkstatt
immer mit zugegriffen, hatte gespart und gewirtschaftet und dafür gesorgt, daß
in allem und jedem Ordnung war. Hatte er nicht damit Grund genug, froh und
dankbar zu sein?
Mit
leiser, röchelnder Stimme rief er Regina zu sich her. Er wollte ihr danken. Als
sie aber bei ihm stand und sein Kopfkissen zurecht schüttelte, brachte er nur
eine Frage über die schmalen, eingefallene Lippen: "Macht
dr
Philipp et bald Feierobed I moa halt, r sott's et übertreiba". —
"Wurd
schao ..... wurd
schao...“
gab da Regina zurück „d Sonn
ist no et onterganga... Da woißt doch, früahr haert'r et uuf “ Und
dann setzte sie noch bedächtig hinzu: "Wölla
fraoh sei’, daß'r ällaweil guat Ärbet
hot, dr Philipp... s ist schao anderst gwea... Woiß's
no?”
Johannes
Bloß sank beruhigt in sein Kissen zurück. Ja, es war wirklich schon anders
gewesen. Wie schwer hatte er es anfangs gehabt, als die Aufträge nur spärlich
kamen und das Geld dafür oft wochenlang auf sich warten ließ. Wenn er damals
seine Regina nicht gehabt hätte! Sie war selbst noch nach Arbeit gegangen,
hatte bei anderen gewaschen und das Zeug geflickt und dafür gar manchen Kreuzer
nach Haus gebracht. Und als später die Arbeit in der Werkstatt immer mehr
geworden war, da hatte sie noch bei ihm zugepackt, hatte Glas geschnitten und
Kitt zubereitet, bis Philipp herangewachsen war und die Mutter in der Werkstatt
ablösen konnte.
Da war das
Schlimmste überstanden. Philipp war zwar nicht immer nach dem Sinn des Vaters
gewesen. Er hatte äußerlich die klaren, energischen Gesichtszüge Reginas,
aber war zugleich ein Heißsporn und Feuerkopf, der nur zu oft an den alten
Glaser-Christoph erinnerte. Er hatte sich in jungen Jahren viel in Wirtsstuben
herumgetrieben, hatte wieder und wieder Raufhändel mit fremden und
einheimischen Burschen gehabt, und von den jungen Mägden war keine vor ihm
sicher gewesen. Johannes Bloß hatte dem allem mit väterlicher Langmut
zugesehen. Er war der Letzte, der für die Leidenschaften der Jugend nicht das
große, verzeihende Lächeln gehabt hätte. War er nicht selbst einmal als
junger, lebenshungriger Bursche einer drallen Dirn auf den Heuboden
nachgeschlichen?
— Aber
sein Philipp hatte ihm dennoch ernsthaft Sorge gemacht.
Da war die Wende
gekommen. Weiß Gott, wie es geschah. Johannes Bloß hatte es immer als eine
wundersame Fügung genommen, daß ausgerechnet sein Philipp Sattlers Christine
zum Weib bekam. Das war nicht
nur eine blitzsaubere, rechtschaffene Person, die etwas von der Wirtschaft
verstand und überall mit zugreifen konnte - das war auch ein ehrbares Elternhaus, der Sattler Kraft
und sein Weib, das im Dorf etwas galt und außerdem Zeug genug hatte, der
Tochter eine anständige Mitgift zu geben.
Nun waren es schon vierzehn Jahre, daß Philipp und
Christine geheiratet hatten. Ihr kleiner Gottlieb war inzwischen elf Jahre alt
geworden. Es war ein frischer, aufgeweckter Bub, der dem Vater schon Ausgänge
machen und bei kIeineren Arbeiten helfen konnte. Der Ahne war stolz auf diesen
Enkel, vor allem seit ihm Lehrer Auberlen gesagt hatte, daß er einer seiner
besten Schüler sei und sicher einmal einen tüchtigen Handwerker abgebe. Und
Auberlen verstand etwas von seinem Fach.
Er war der Lehrer von Friedrich Silcher gewesen und genoß in Fellbach nicht
weniger Ansehen als sein Schwiegervater, der alte Georg Daniel Auberlen, der den
Schuldienst in Fellbach vor ihm versehen hatte.
Wahrlich, Johannes
Bloß konnte froh und dankbar sein. Er hatte sein Hans recht bestellt, hatte
Ordnung und Zucht in allem, wenn ihn je in Bälde sein Herrgott abrufen sollte.
Konnte er mehr wünschen als einen Sohn wie Philipp, der vom frühen Morgen bis
in den späten Abend an der Werkbank stand und sein Tagwerk sauber und pünktlich
verrichtete, und dazu diesen Enkel, das lachende, zukunftsträchtige Leben
selbst, der sicher einmal seinen Mann stehen und sich als ehrbarer Handwerker
durchsetzen würde?
Da konnte auch das
ferne Wetterleuchten, die große Julirevolution von Paris, den alten Johannes
Bloß nicht aus der Ruhe bringen. Was hatte er in seinem kurzen Erdenwallen
nicht schon an Durchzügen, politischen Wirren und Kriegen erlebt.
Zuletzt war es der Siebenjährige Krieg, der ganz Europa in Unruhe versetzt
hatte. Nun war Friedrich der Große schon drei Jahre tot, und Herzog Karl Eugen
war im Begriff, sich Oesterreich anzuschließen. Wie würden sich die Dinge wohl
weiter entwickeln?
Johannes Bloß
machte sich wenig Sorge darum. Mochte kommen, was wollte! Er hatte die ruhige
Abgeklärtheit des Alters, das die Dinge aus gebührendem Abstand nimmt.
Außerdem
hatte er erlebt, wie Fellbach trotz aller Wirrnisse und Drangsale der Zeit größer
und reicher geworden war. - War es nicht unmittelbar nach dem Siebenjährigen Krieg,
anno 1765, gewesen, daß hier der stattliche Marktbrunnen errichtet worden war,
eine saubere Bildhauerarbeit, auf die der Ort mit Recht stolz sein konnte? Und war nicht anno 1779 das
Kirchenschiff völlig
neu gebaut worden, weil das alte, an dessen Erweiterung er schon im Jahre 1733
mit dem Vater gearbeitet hatte, inzwischen viel zu klein geworden war? — Auch diesmal
hatte man ihn zugezogen, und wie er einst mit dem Vater, so hatte jetzt Philipp
mit ihm die Glaserarbeiten für den Neubau ausgeführt. Es war eine schöne
Arbeit gewesen, bei der einer seine Kunst zeigen konnte. Jede einzelne Scheibe
hatte er selbst fein säuberlich zugeschnitten und dann akkurat in die
Bleifassung gefügt, daß es nur so eine Art hatte. Der Fachmann sah schon, daß
das beste Werkmannsarbeit war und dein Glaser Johannes Bloß alle Ehre machte.
Allmählich war die
Sonne gen Westen gesunken. Die kleine, niedere Stube hatte sich in dunklen Dämmer
gehüllt. Aus der Küche drangen Gerüche von brodelndem Birnenmus und
knusperigen Dampfnudeln herein. Da öffnete sich leise die Tür. Es war Regina,
die mit einem brennenden Fidibus von draußen kam, das kleine Talglicht auf dem
blank gescheuerten Tisch anzuzünden. Sein warmer, heimeliger Schein fiel auf
den hoben Lehnstuhl, in dem Johannes Bloß noch immer saß. Eine seltsame Ruhe
war über ihn gekommen. Müde, fast ein wenig abgespannt von dem langen
Sinnieren hatte er die Augen geschlossen und war in einen leichten Schlummer
gefallen.
Da rief Philipp leise nach der Mutter. Er hatte sein Tagwerk beendet und kam nun noch, nach dem kranken Vater zu sehen. Der lag still in seinem Lehnstuhl. Über seine hageren Gesichtszüge ging ein friedliches Lächeln, als ob er schon ganz dem Erdenleben enthoben wäre. Sein Atem war kurz und schwer. Er klang wie die dürren Striche einer schmalen Holzraspel. Philipp gefiel das nicht. "I moa, i müaß'd Christena ond da Buaba hola", flüsterte er der Mutter zu, "sonst köt’s z'spot sei’." "Tuas!” gab Regina zurück. "I bleib drweil do ond sieh, obe helfa ka’"
Lautlos hatte Philipp die Stube verlassen, und Regina öffnete das Fenster, daß frische Luft herein käme. Das schien Johannes Bloß gut zu tun. Man konnte meinen, daß er jetzt leichter atme. Regina bekam wieder ein klein wenig Hoffnung. Sie nahm das Talglicht und stellte es vorsichtig zur Seite. Es war nicht gut, daß sein Schein Johannes so hell ins Gesicht fiel. Dann holte sie die dicke, ledergebundene Bibel aus der Kommode und setzte sich damit an den Tisch. Da stand das Wort des Heilands: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig and beladen seid. Ich will euch erquicken.” Das gab ihr Trost and Hoffnung zugleich. Ihr Johannes war einer von denen, deren Leben mühselig and beladen war. Er würde so oder so Erquickung finden. Das war ihr fester Glaube. Darum mochte getrost Gottes Wille geschehen.
Wieder
und wieder las sie das eine Wort. Immer mehr wurde ihr dabei inne, welch tiefes
Glück, weicher Trost und weiche Zuversicht davon ausging. Voll innerer Ruhe sah
sie zu ihrem Johannes hinüber. Immer noch lag er in friedlichem Schlummer. Sie
hörte auf seine Atemzüge. Sie gingen wieder kurz und hart.
Draußen kam Philipp zurück. Leise betrat
er mit Christine und den kleinen Gottlieb die Stube. Oh der Vater etwas davon
gemerkt hatte? Langsam öffnete er die Augen und sah sich um. Aber sein sonst so
ruhiger Buck schien gebrochen. - Da waren sie alle noch einmal um ihn
versammelt: Regina, sein treues Weib, das Leid und Freud mit ihm geteilt hatte.
Müde streckte er ihr die hagere Hand entgegen. Philipp, sein braver Sohn, der
dem Vater alle Ehre machte. Und da stand Christine, die ihm immer eine sorgsame
Söhnerin gewesen war. Bald würde sie erneut Mutter werden. Ihr hoch gewölbter
Leib zeigte an, daß es nicht mehr lange dauern konnte. Wie gerne hätte den Ähne
noch das neue Enkelkind begrüßt. Es hätte ihm nicht weniger Freude gemacht
als der kleine Gottlieb, der da mit großen, erschrockenen Augen beiseite stand.
Johannes Bloß winkte ihn zu sich her und schloß seinen langen, knochigen
Arm um den Enkel. Es war sein kleiner Freund, dem er das erste Spielzeug
gefertigt hatte
und der nun schon ein großer,
fleißiger Bub geworden war. Freude und Stolz leuchteten noch einmal aus dem
Gesicht des Alten. Dann überkam ihn ein harter Husten, der schmerzte und nicht
nachgeben wollte. Johannes Bloß richtete sich auf - sank wieder milde in den Lehnstuhl zurück und röchelte
kurz. Dann schloss er die Augen für immer.
Während
sich Regina und Christine um den Toten mühten und ihn in der Schlafstube
aufbahrten, saß Philipp tief in Gedanken an dem kleinen, fahl beleuchteten
Tisch. Da lag noch die Bibel. Er schlug sie auf, holte aus der Schublade Gänsekiel
und Tinte und schrieb mit ungelenker Hand hinein:
"Den 7. September 1789, Vater Johannes Bloß gestorben. Gott sei ihm gnädig."
Und später war darunter von Reginas Hand zu lesen:
"Den
8. November 1789, Enkelin Friederike Bloß geboren. Gott segne ihren Eingang."