Ein Jubelfest in    

   schwerer Zeit     

anno 1947

          

Albert Kögel

Paul Kögel

Es war ein schöner, langer Sommer. Stahlblauer Himmel lag über dem Land. Wer Lust hatte und Urlaub nehmen konnte, brauchte keine Sorge zu haben, dass es regnete. Schon der Juni hatte heißeste Tage, und dann hatte die sengende Hitze angehalten bis tief in den Herbst. Der Wetterbericht, der täglich über den Rundfunk ging, sprach nur noch von Hochdruckgebieten und Hitzegraden. Selbst die Nächte waren träge und schwül.

Lange schon blickten die Bauern sorgvoll gen Himmel. Kein Wölkchen wollte sich zeigen. Der Ackerboden hatte tiefe, breite Risse. Die Wiesen waren ausgedorrt. Sie gaben kein Öhmd. Die Brunnen waren versiegt, und auch die Wasserleitung, die das Wasser von großen Stauwerken brachte, floß nur noch spärlich.

Trockenheit und Dürre ging um. Das Getreide war kurz geblieben. Es gab wenig Stroh und wenig Korn. Und wenn kein Wunder geschah, war auch von den Hackfrüchten nicht viel zu erwarten. An hohen Stangen hingen verdorrte Bohnen. Die Tomaten blieben klein. Das Gemüse zeigte keinen Wuchs, und das Spitzkraut, das man sonst zentner- und tonnenweise für den Winter einmachte, war als Hasenfutter gerade recht.

Hunger und Teuerung stand vor der Tür. Aus den Ställen blökte das Vieh, das jetzt schon Stroh und Heu zu fressen bekam, weil das Grünfutter ausblieb. Zu Hunderten, zu Tausenden wurde es abgeschlachtet, und die Bauern ballten die Faust, wenn sie wieder und wieder ein Stück abliefern mußten. Und dabei bliebs nicht allein. Alles, was sie produzierten, wurde bis auf die letzte Reserve erfaßt: das Getreide, die Kartoffeln, das Obst, die Milch und die Eier hatte man es je schon erlebt, daß der Bauer Mehl borgen und Kartoffeln gegen Eier eintauschen mußte? Immer neu wurde nachgefaßt. Immer strenger waren die Kontrollen. Noch die hintersten Winkel wurden durchsucht. Und wenn einer etwas verborgen hatte oder ,,geschnappt" wurde, wenn er mit ,,bewirtschaftetem" Gut über Land ging und es in die Stadt nehmen wollte, um dort den spärlichen Rationen ein klein wenig aufzuhelfen, dann wurds ihm abgenommen, und außerdem hatte er eine empfindliche Strafe zu erwarten.

Und doch half alles nichts. Die hohen Herren mochten rechnen und rechnen, ihre Rechnung ging nicht auf. Das Jahr 1947 blieb ein Mißjahr, wie man es seit Jahrzehnten nicht erlebt hatte. Größere Reserven waren nicht da. Der Krieg und die Plünderungen des Jahres 1945 hatten alles, aber auch alles weggerafft. Da wars noch ein Glück, daß man die Amerikaner im Land hatte. Sie sahen auf Ruhe und Ordnung, und außerdem schickten sie Nahrungsmittel über den Ozean, damit der schlimmsten Not gesteuert werden konnte.

Ja, die Deutschen waren arm, waren bettelarm geworden. Sie hatten nun den zweiten Weltkrieg des Jahrhunderts verloren. Und diesmal so gründlich, daß das Reich völlig zertrümmert war. Aufgeteilt in vier Zonen, die sich wirtschaftlich und politisch von Jahr zu Jahr mehr auseinander lebten, lagen seine Städte in Schutt und Asche, seine Industrie war vernichtet, seine Wirtschaft lahmgelegt. Aus dem Osten und Südosten strömten Millionen und aber Millionen von Flüchtlingen ins Land, ohne Hab und Gut, die Obdach suchten, wo es kein Obdach gab, und Nahrung, wo die Menschen selbst hungerten.

Noch war der Friede in weiter Ferne. Ob sich die Gegner von einst je zu einem solchen verstanden? Noch lastete die schwerfällige Maschinerie der "Entnazifierung" auf Millionen ehemaliger Parteigänger Hitlers. Noch war ein Raten und Rätseln um die Währungsreform, die nicht kam, auch wenn man sie täglich erwartete. Inzwischen blühte der "Schwarze Markt". Er mochte noch so bekämpft werden, es war nichts zu bekommen, wenn man nicht das Zehn- und das Zwanzigfache des normalen Preises bezahlte. Die öffentliche Moral hatte einen nie erlebten Tiefstand erreicht. Wer anständig bleiben und nur von den amtlich festgelegten Rationen leben wollte, mußte langsam verhungern.

In solchen Zeiten war es schwer, ans Festen zu denken. Ging man daran, so kostete es ein Heidengeld, und außerdem gab es Neider, die stänkerten und schimpften. Ließ man es sein, so konnte einem auch das falsch ausgelegt werden, denn schließlich war ein Zweihundert-Jahr-Jubiläum kein Pappenstiel, und jeder, der dazu geladen werden wollte, freute sich darauf, war doch das Essen so wichtig und der Wein so überaus selten geworden.

Albert Kögel war sich immer noch nicht schlüssig, was sie tun sollten. Wie oft hatte er sich schon mit seinem Bruder Paul beraten! Jetzt waren es volle zweihundert Jahre, daß ihre Glaserei bestand, und volle vierzig Jahre, seit sie die beiden Brüder Albert und Paul übernommen hatten. Ja, Vater August war wohl erst im Jahre 1908 gestorben, aber schon ein Jahr vorher hatte ihn seine Krankheit so geplagt, daß er nicht mehr an Arbeit denken konnte. Seitdem hatten sie die Werkstatt geführt, waren vorwärts gekommen und hatten Erfolg gehabt. Waren sie da nicht verpflichtet, etwas zu tun? Warteten nicht die Mitarbeiter, die Gesellen und Lehrlinge, darauf und schließlich die Geschäftsfreunde, mit denen man seit vielen Jahren und Jahrzehnten zusammengearbeitet hatte?

Albert Kögel war jetzt vierundsechzig Jahre alt. Ein wenig umständlich und langsam erhob er sich vom Sofa, das immer nach Feierabend sein Ruheplatz war. Seit er sich im Jahre 1935 eine Lähmung der linken Seite zugezogen hatte, gings nicht mehr so rasch. Am Fenster, das auf die Ochsenstraße ging, stand eine Kommode. In einer ihrer Schubladen fand er ein Blatt Papier. Damit setzte er sich an den Tisch, an dem seine älteste Tochter Johanna Lebensmittelmarken zählte und fein säuberlich auf Bogen klebte. Sie hatte sie in ihrem Lebensmittelgeschäft eingenommen und mußte sie mit dem Ernährungsamt abrechnen. Albert Kögel wischte sich die Brille blank und begann zu notieren. Es waren lauter Namen, die er untereinander schrieb, Namen von Familienangehörigen, Namen von der Belegschaft, Namen von Kunden und Behörden, die alle geladen werden sollten, wenn man das Werkstatt-Jubiläum feiern wollte. Er mochte es so oder so anpacken, sechzig bis achtzig Personen waren es mindestens.

Albert Kögel überlegte, wie er das hinkriege. Der Bruder hatte die Entscheidung ihm überlassen. Der hatte sich schon immer mehr um den inneren Betrieb, um die Werkstatt, gekümmert und dafür gesorgt, daß dort alles in Ordnung ging, daß die Aufträge der Reihe nach drankamen, daß bei der Arbeit nicht geschlampt und gepfuscht wurde und daß jedes Werkstück rechtzeitig abgeliefert werden konnte. Den Verkehr mit der Kundschaft und den Lieferanten, mit Architekten und Behörden hatte er dafür ihm überlassen. Das war sein Herrschaftsbereich, vor allem seit ihn diese vermaledeite Lähmung hinderte, noch in der Werkstatt mitzuarbeiten. So hatten sie ihre Aufgabengebiete klar gegeneinander abgegrenzt. So hatte es zwischen den Brüdern nie Neid, Mißgunst und Streit gegeben. So war es aber auch seine unabweisbare Pflicht, dieses Werkstattjubiläum vorzubereiten.

Selbstverständlich stand ihm dabei der Bruder zur Seite. Aber wollte er ihn, der in der Werkstatt über und über zu tun hatte, damit belasten? Albert Kögel überlegte, wie einfach das alles in normalen Zeiten gewesen wäre. Da wäre man in den Adler gegangen oder in die Krone, vielleicht auch in die Traube, hätte ein gutes Essen für zwei- oder dreihundert Personen bestellt, hätte Kaffee und Kuchen und Wein, so viel einer wollte, reichen lassen, das wäre alles so einfach gewesen. Und jetzt gab es nichts, aber auch gar nichts. Alles mußte "organisiert" oder bei den Behörden erbettelt und erbettelt werden. Und die waren mit sogenannten "Sonderkontingenten" gar sparsam. Sie konnten nichts geben, wenn sie nichts hatten.

Albert Kögel hatte recht. Es war eine traurige Zeit. Was nutzte nun die ganze Entwicklung, die man seit der Jahrhundertwende mitgemacht hatte? Waren diese Tage lichter und sorgloser als das, was man sich vom dunklen Mittelalter und vom Dreißigjährigen Krieg erzählte? Über dreißig Jahre währten auch jetzt die Katastrophen, die Krisen und Kriegsereignisse. Und noch war kein Absehen.

Seine Gedanken glitten in die Erinnerung ab. Welch stürmische Entwicklung hatte doch Fellbach genommen! Gleich nach der Jahrhundertwende hatte sie eingesetzt: Mit der Wasserleitung von Aldingen herüber hatte es begonnen. Anno 1902 war sie fertig gewesen. Dann waren anno 1904 elektrische Beleuchtung und elektrischer Kraftstrom gekommen. Im Jahre 1907 hatten sie schon ein eigenes Gaswerk, und kurz zuvor waren noch die neue Schule am Friedhof und die große Gemeindekelter an der Untertürkheimer Straße entstanden.

Das war eine Entwicklung, wie man sie vorher nicht gekannt hatte. Und als im .Jahre 1908 gar Schultheiß Brändle gewählt worden war, nahm das Bauen kein Ende. Das war ein Mann gewesen! Da war ein Straßenzug nach dem andern entstanden. Da hatte sich Industrie in Feilbach niedergelassen. Die Zahl der Bevölkerung war unaufh5rlich gewachsen. Da war das neue Rathaus notwendig geworden, dem die Gebrüder Moser anno 1912 die schmucken Arkaden gaben. Ja - damals war alles noch tiefer Friede und friedlicher Aufbau gewesen.

Albert Kögel nahm die dicke Brille ab. Seine breite, schwielige Hand ging müde über die hohe Stirn. Johanna klebte immer noch Marken. War das der letzte Sinn all jenes Geschehens? Hatte man dafür gearbeitet, gestrebt und gehofft, daß man nun für zehn Gramm Fett und fünfzig Gramm Mehl Rechenschaft geben mußte? Der Glaser stemmte den Ellbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die Hand. Mit dem ersten Weltkrieg hatte es begonnen, dieses Hungern und Sparen, dieses Sorgen und Blutvergießen. Und seitdem war man nicht mehr davon losgekommen. Was waren schon die paar Jahre dazwischen? Ein verzweifeltes Ringen, ein weiterer Niedergang und allenfalls ein klein wenig Scheinblüte! Seit dem Jahr 1914 nahm das Unheil kein Ende. Er war damals selbst dabei gewesen, als sie in Frankreich standen, und hatte erlebt, wie es war. Und zu Hause hatte die Marie um ihm gebangt. Er hatte sie noch im Juli des Jahres 1913 geheiratet und im Juni darauf hatte sie die Johanna geboren. Es war nicht leicht gewesen für sie, diese Jahre des Krieges aber sie hatte tapfer durchgehalten. Und als er anno 1918 zurückgekommen war und mit Paul, der auch in Frankreich und Belgien gestanden hatte, die Glaserei wieder in Betrieb nahm, da hatte sie mitgesorgt und Treue bewahrt durch all die Jahre des Niedergangs, der Arbeitslosigkeit und Inflation.

Und trotz allem - sie waren vorwärts gekommen! In Fellbach wurde damals wieder gebaut. Da hatte auch die Glaserei wieder mehr und mehr zu tun. Und als man 1927 schrieb, waren die beiden Brüder schon so weit, einen eigenen Neubau zu errichten. Draußen an der alten Landstraße, die nun Stuttgarter Straße hieß, hatten sie sich angekauft. Dort bauten sie das große, geräumige Werkstattgebäude mit dem Maschinenraum für sieben Spezialmaschinen und der Werkstatt, in der für alles gesorgt war, was eine moderne, leistungsfähige Glaserei nötig hatte. Und davor führten sie noch das Wohnhaus für Paul auf mit einem Ladenraum, in dem jetzt Johanna ihr Lebensmittelgeschäft betrieb. Die Glaserei Kögel war damit über Nacht zur größten Glaserei Fellbachs geworden - ja, zwischen Cannstatt und Gmünd gab es keine, die es mit ihr an Umfang und Einrichtung aufnehmen konnte. Das war ein Erfolg. Darauf konnten die Brüder stolz sein, auch wenn sie wußten, daß sie all das im Grunde Fellbach verdankten und der Entwicklung, die es noch nach dem Jahre 1918 genommen hatte.

Fast wars unheimlich, wie der Ort damals wuchs. Längst war das Gelände der Krottenwiesen überbaut. Neben dem alten Weingärtnerdorf war eine neue Wohngemeinde entstanden, die sich bis über die Bahnlinie hinzog - mit großen Gärtnereien, deren Züchtungen Weltruf besaßen, und mit der anno 1927 geweihten Pauluskirche, deren schlichter Bau so schön in die ländliche Umgebung paßte. Dann war anno 1929 die Straßenbahn gekommen, die Fellbach mit Stuttgart enger verband, und anno 1932 das neue Postamt. Das war längst erforderlich gewesen, seit sich hier ein Industriebetrieb nach dem anderen ansiedelte und die Einwohnerzahl, die nach der Jahrhundertwende noch kaum fünf Tausend betragen hatte, schon über zehn Tausend gestiegen war.

Dann wurde Fellbach Stadt! Anno 1933 war es so weit. Wie großartig wurde noch die Stadterhebung gefeiert! Und doch stand dahinter schon der dunkle Schatten einer furchtbaren Zukunft.

Freilich, zunächst ging die Entwicklung weiter. Immer mehr, immer planvoller wurde gebaut. Albert Kögel mußte an den Ortsbaumeister denken, der nun Stadtbaumeister geworden war. Der Ulmer, das war ein Kerl! Mochten noch so viele über ihn schimpfen, mochte er manchmal noch so unnachgiebig sein, der wußte, was er wollte und wie er seine Fellbacher anpacken mußte, wenn etwas Gescheites dabei herauskommen sollte. Wenn der auf seinen Bauplätzen stand, den Hut leicht ins Genick geschoben, im knochigen Gesicht mit den blitzenden Augen nur Wille und Anspannung, dann wußte man, was es geschlagen hatte. Aber dafür hatte er auch Fellbach ein Gesicht gegeben. Seine Straßen und Plätze hatten eine Art. Sein Neuer Friedhof vom Jahr 1933 war eine großzügige, saubere Anlage, und seine Bauten, die Stadthalle aus dem Jahr 1938 und die Silcherschule, die erst in diesem Jahr eröffnet werden konnte, fügten sich gediegen ins Stadtbild ein. - Und nun war gar noch eine neue Katholische Kirche geplant, weil die kleine, anno 1923 geweihte Johanneskirche für die vielen Katholiken, die im Laufe der Jahre nach Fellbach gezogen waren, längst nicht mehr ausreichte. Auch sie sollte städtische Linie und zugleich ländlichen Charakter erhalten.

Ein Schimmer stolzen Gefühls huschte über das sinnierliche Gesicht des Glasers. Er war froh, daß sich Fellbach trotz dieser raschen Entwicklung ein Stück seiner angestammten Art bewahrt hatte. Es mochte jetzt gegen achtzehn Tausend Einwohner und an die fünfzig Industriebetriebe zählen, aber zu einem jener farblosen Industrievororte war es nicht herabgesunken. Wohl hatten sie anno 1940 die Dorfkelter am Berg abgebrochen, die immer das schöne, ländliche Wahrzeichen Fellbachs gewesen war. Aber an ihre Stelle war ein neuer, ein größerer Kelterbau getreten, der den modernsten Erfordernissen entsprach und zugleich bewies, daß Fellbachs Weinbau mit der Zeit ging und auch heute an der Spitze des Landes marschierte. Noch genossen die Weingärtner und die alteingesessenen Handwerker Ansehen und Geltung. Noch gaben sie der Gemeinde den gesunden, ländlichen Zug. Noch war etwas von Bodenständigkeit und altem Fellbacher Geist in der Stadtgemeinde zu spüren. ...Ob das immer so bleiben würde?

Albert Kögel fand in die Gegenwart zurück. War sie nicht blutiger denn je über uns alle, auch über Fellbach hereingebrochen? Im ersten Weltkrieg hatte der Ort rund zweihundertundachtzig Gefallene gehabt. Diesmal waren es gegen siebenhundert. Dazu kamen noch über dreihundertundfünfzig Vermißte. Auch sein Gerhard war dabei. Er war am 11. Oktober 1944 vor Libau gefallen. Das war ein schwerer Verlust für den Vater und für die Glaserei.

Aber mit dem Krieg an der Front war es in diesem fürchterlichsten aller Kriege nicht getan. Auch die Heimat war zum Kriegsschauplatz geworden. Gott sei Dank, hatte Fellbach keine Kämpfe erlebt. Hier hatten sie die Panzersperren niedergerissen, als alles längst sinnlos geworden war, und hatten den anrückenden Amerikanern keinen Widerstand geleistet. Das war noch ein Glück. Dafür hatte der Luftkrieg Fellbach insgesamt einunddreißig Menschenleben gekostet. Dazu mußte man noch den Feuerwehrmann Gottlob Gscheidle zählen, der am 8. Oktober 1944 in Stuttgart umgekommen war, und die sechs andern Fellbacher, die plündernde Banden noch nach Kriegsende erschlagen hatten.

Dem Glaser war es, als ob das alles erst gestern gewesen wäre. Er sah sie noch vor sich, wie sie nach jedem Angriff zu Hunderten in die Glaserei kamen und ihre zersplitterten Fensterscheiben mühsam herbeischleppten. Die ältesten Frauen und die kleinsten Kinder waren dabei, abgehärmt, übernächtig und blaugefroren. Da mußte man helfen. Tag und Nacht wurde gearbeitet, wurde Glas geschnitten und verkittet. Da gabs keinen Anfang und kein Ende. Ehe die Schäden des einen Angriffs behoben waren, war die neue Bombennacht da und brachte neue Glasschaden und neue Arbeit.

Am 26. November 1943 hatte es angefangen. Da hatte vor allem die Hintere Straße daran glauben müssen. Vier Tote und gegen fünfzig zerstörte Gebäude hatte man damals gezählt. Dann war der Abend des 2. März 1944 gekommen, an dem fast das ganze Hinterdorf brannte. Auch die Ochsengasse war damals voll Feuer und Rauch. Sieben Tote, mehr als hundert Wohnhäuser und Scheunen hatte der Angriff gekostet. Dann hatten manche gemeint, Fellbach hätte genug abgekriegt. Aber im Herbst ging es noch einmal los. Am 14. Oktober 1944 fiel draußen in der Stuttgarter Straße jene fern gesteuerte Luftmine, die um ein Haar die Glaserei Kögel getroffen hätte. Das war eine grauenhafte Morgenstunde. Die Menschen wurden aus den Betten geworfen, bei Paul flog der ganze Fensterstock herein, in weitem Umkreis waren alle Dächer abgedeckt - nebenan aber lagen zwei Häuser in Trümmern, aus denen man nachher vier Tote barg. Und fünf Tage danach, am 19. Oktober 1944, stürzte ein feindliches Flugzeug auf das Haus Vordere Straße Nr. 21 ab. Auch dabei gab es drei Tote. - Und dann war noch der 9. Dezember 1944 gekommen, an dem in der Cannstatter Straße drei Sprengbomben niedergingen und in zwei Häusern insgesamt dreizehn Menschenleben forderten. War das nicht eine furchtbare Bilanz? Alles in allem: achtunddreißig Tote, zweihundertundsiebenundachtzig Ruinen, zwölf Prozent Fellbachs zerstört!

Freilich war inzwischen schon wieder viel geschehen: Rund zwei Tausend Flüchtlinge waren in Fellbach zugezogen. Die Mehrzahl der Gebäude war wieder aufgebaut und in Stand gesetzt. Albert Kögel wußte, was das hieß. Hatte doch die eigene Glaserei nicht wenig dazu beigetragen. Aber unter welchen Opfern, unter welch unsäglichen Beschwernissen war das alles erreicht! Und je länger es ging, umso schwieriger wurde die Arbeit. Es fehlte allmählich an allem: an Arbeitskräften, an Strom, um die Maschinen laufen zu lassen, und nicht zuletzt an Material, an Holz, an Glas und Beschlägen. Um jede Schraube, um den kleinsten Nagel mußte man laufen, mußte man gute Worte geben, mußte bitten und betteln. Das war trostlos. Da machte die Arbeit keine Freude mehr.

Albert Kögel hatte wieder einmal alles überdacht. Er war auch heute keinen Schritt weiter gekommen. Vor ihm lag das Blatt Papier. Sechzig his achtzig Namen standen darauf. Sie starrten ihn an. Sie warteten auf Antwort. Sollte man sie laden? Konnte man unter solchen Umständen an ein Werkstattjubiläum denken? - Die Frage stand immer noch offen.

Und dann war es doch soweit gekommen. Bescheiden, wie es die Zeit und die Art der beiden Brüder war, sollte auch das Jubiläum gefeiert werden. Nur nichts Großartiges, nur kein Aufhebens - das war ihr Wunsch und ihr Wollen. Im Kreis der Familie und der Mitarbeiter saß man schon am Nachmittag im Adler zusammen. Die Weingärtnergenossenschaft hatte Wein zur Verfügung gestellt, und schließlich war es sogar gelungen, beste schwäbische Laugenbretzeln auf den Tisch zu stellen. Und dann waren Blumenspenden eingelaufen. Mehr als man erwarten konnte. Der Saal war dekoriert, und eine Kapelle spielte fleißig zur Unterhaltung und nachher zu fröhlichem Tanz.

Ruhig und fast ein wenig versonnen saß Albert Kögel am Tisch. Sein Blick ging immer wieder forschend und sorgend durch den Saal, zu sehen, ob alles recht war, ob nichts fehlte und ob sich alle wohlfühlten. Paul war der Beweglichere. Er war da und dort, sprach mit dem und mit jenem. Die vielen Gänge, die zu tun waren, konnte er dem Bruder nicht zumuten.

Nur ein kurzes Viertelstündchen saßen sie zusammen. Sie sprachen dabei nicht viel. Aber sie dachten das gleiche. Sie dachten an die Ahnen, an die Bloßen und Kögel. Wenn die das erlebt hätten! Sie dachten an den Schwager Weller, der die Berta geheiratet hatte. Er war seit dem ersten Weltkrieg arbeitsunfähig. Aber vorher war er ein tüchtiger Mitarbeiter gewesen. der zur Entwicklung des Betriebs viel beigetragen hatte. Sie dachten an die fünf Gefallenen, die ihnen dieser Krieg von der Werkbank gerissen hatte, an den August Bloß, den Hermann Maler, den Friedrich Munzinger, den Ernst Schäfer und den Erwin Schall. Wie nötig könnten sie alle jetzt brauchen! Sollte man ihrer in einer kurzen Ansprache gedenken? Blieben da Worte nicht Schall und Rauch und eitel Geschwätz? War es nicht echter, wie sie jetzt, jeder für sich, dieser Toten gedachten? Das war ein stilles, ein lauteres Gefühl.

Paul unterbrach das Schweigen der Brüder: „Albert", sagte er, „wia loid ist-mr-s, daß dei’ Gerhard nemme do ist ... der fehlt-ons arg." Und dann setzte er noch hinzu: "...ond dei Marie ... was moast, wia dui sich freua däd - wenn se dean Tag hett no verleaba dürfe." Albert schwieg. „Vielleicht ists guat so ..." meinte er nach einer Weile „daß se schao anno achtadreißig hot sterba dürfa ... i hao schao oft dra denka müassa, wia dui dr Taod vom Emile ond nochhe vom Gerhard omtrieba hett ... s wär viel für dees Weib gwea. ...arg viel "

Und dann wars, als ob er von diesen Gedanken ablenken wollte:

„Sei fraoh, Paul ... daß du no dei’ Käthe host ...Guck ommer, dia Weibsleut send haet en ihrm Element ...dia wöllet au a-mol festa. ...I glaub, s ist doch reacht, daß-mr dui Feier verastaltet hen ..."

Paul mußte lächeln. Am Tisch nebenan saß seine Käthe. Sie hatten anno 1919 geheiratet, und anno 1922 war ihre Anneliese gekommen. Ihre zweiundsechzig Jahre sah man ihr nicht an. Immer noch hatte sie die frohen, lebendigen Augen, das frische Gesicht und die heitere Art. Wie lebhaft sie sich jetzt mit ihrer Schwester unterhielt! Die beiden fabulierten wohl wieder von zuhause, von den Eltern Lackert, von Ladenburg und den Jugendtagen am Rhein und am Neckar. Und am andern Tisch saß Alberts Jüngste, die Martha. Die war schon immer ein quicklebendig Ding. Seit sie im Frühjahr nach Pfaffenhofen geheiratet hatte, war sie nicht mehr nach Fellbach gekommen. Heute war sie da, und wo sic saß, da gings lustig und fidel zu. Paul mußle Albert recht geben: Ihre Weibsleut waren heute glücklich. Die kosteten das kleine Fest aus und gaben ihm eine Fröhlichkeit, die alles verschönte.

Dann war die Viertelstunde, die den Brüdern gehört hatte, zu Ende. Es war Abend geworden, und Paul mußte sich zum Empfang der Gäste rüsten, die jetzt noch kommen sollten. Es waren Geschäftsfreunde, Handwerker, Bauunternehmer und Architekten. Es waren Vertreter der Glaserinnung, des Gewerbevereins, der Handwerkskammer und der Industrie. Und es waren nicht zuletzt die Vertreter der Stadt, die der Glaserei Kögel ihre Glückwünsche überbringen wollten.

Albert Kögel rief seinen Jüngsten zu sich her. Er war .jetzt zwanzig Jahre alt, hatte das Glaserhandwerk von Grund auf erlernt und war dem Vater schon ein tüchtiger Mitarbeiter geworden. "Du, Hermann", sagte er, ,,du kö’tst jetzt em Döte a bißle helfa, wenn dia Herra komma ... Kö’tst gucka, daß-se en Platz kriaga ...daß-n Wei’ vorgsetzt wurd ...ond daß an nex fehlt." - Sein Junge war gleich dabei. Und als die ersten Gäste kamen und Paul und Albert begrüßt hatten, führte sie Hermann an den Platz, sah daß sie bedient wurden und sichs wohl sein ließen.

An die achtzig Personen mochten es nun sein, die den Adlersaal füllten. Da wars angebracht,  daß Paul die Gäste begrüßte.

hinten von links: 

Mergenthaler, Hanold, Scheck, Hermann Kögel, Gerst, Adolf Kögel, Berta Kögel, Sophie Kögel

mittlere Reihe von links:

Hans Lackert, Annelore Härter, Hans Härter,  Dienstmädchen ?, Lisa Kögel, Heitzmann, Wilhelmina Schnaitmann, Karl Fritz, Frida Fritz, Johanna Kögel, Lackert 

vorne von links:

 Siglinde Härter, Helmut Kögel, Emilie Kögel, Günther Kögel, Albert Kögel, Ursula Fritz, Paul Kögel, Katharina Kögel

Dann folgte Rede auf Rede und Glückwunsch auf Glückwunsch. Eine besondere Ehre war es, daß der Bürgermeister selbst gekommen war. Es war Bürgermeister Heinrich Schnaitmann - derselbe Heiner, der anno 1898 um ein Haar beim „Fetzenfahren" ertrunken wäre. Inzwischen war er sechsundfünfzig Jahre alt geworden. Seine einst dunklen Haare waren ergraut. Aber in seinem Blick lag immer noch der klare, frische Zug, wenn er auch von den Sorgen der Zeit und von der ruhigeren Abgeklärtheit des Alters mehr nach innen gekehrt schien. Vor zwei Jahren, als alles drunter und drüber ging, hatte er die Geschicke der Stadt in die Hand genommen und dafür gesorgt, daß wieder Ruhe und Ordnung in das Leben ihrer Burger kam. Seine Fellbacher waren ihm dafür dankbar. Nun ergriff er das Wort, überbrachte die Glückwünsche der Stadt und dankte den Brüdern Kögel und all ihren Mitarbeitern für das, was sie in tage- und nächtelanger Arbeit zum Wiederaufbau Fellbachs beigetragen hatten. Dann erinnerte er an vergangene Zeiten. An die Tage der Jahrhundertwende, da noch der alte Glaser Kögel mit dem dunklen Lockenschopf und der grünen Glaserschürze durch die Ochsengasse ging. Er hatte selbst das alte Fellbach erlebt und hatte seine Entwicklung mitgemacht. Er wußte, Fellbach war größer, moderner, war Stadt geworden - aber die Zeiten hatten sich verschlechtert. Wie schön war es noch ums Jahr 1900, als der alte August Kögel droben im Ochsengäßle sein Handwerk betrieb, fleißig und sorglos.

 

*

 

Heiter und froher Laune war die Feier zu Ende gegangen. Alle, die dabei sein durften, zehrten noch davon, als es längst wieder Alltag geworden war: Albert Kögel saß wieder in seinem Büro, bediente die Kundschaft, die sich gegenseitig die Türklinke in die Hand gab, und hatte für alle und jeden ein freundlich Wort. Im Hof standen Fensterflügel zu Hauf. Die warme Herbstsonne glitzerte und blinkte darüber hin, als ob es noch einmal Sommer werden wollte. Und in der Werkstatt ließ Paul die Zapfenschneidmaschine anlaufen, daß der Motor sang und die Späne flogen.

Die Glaserei war wieder an der Arbeit. Mit Fleiß und Gottvertrauen gings in ihr drittes Jahrhundert.

Belegschaft der Firma Kögel im Jahr 1936

hinten von links: Knittel, Schall, Lang, ?, Gerst, Söll, Mergenthaler

vorne von links: Otto Hofmeister, Denninger, Paul Kögel, Gerhard Kögel, Bloss

Lohnabrechnung 7.-13. September 1936

56 Stundenwoche ! 

Höchstlohn 90 Pfennige je Stunde, Lehrlinge pro Woche 2,- bis 8,- Reichsmark


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