Kindersegen - 

   Kindernot     

anno 1877

Ein kalter Märzwind blies über die Straße, die von Rommelshausen nach Fellbach führte. An den Hängen des Kappelbergs lagen noch Spuren des letzten Schnees. Ihre zerfließenden Formen verrieten, daß der Frühling endgültig Einzug gehalten hatte, und wenns einer noch nicht glauben wollte, dem blitzte am windgeschützten Rain das Blau der ersten Veilchen entgegen.

Johann Gottlieb Kögel hatte heute schon einen langen Weg hinter sich. Gleich nach Mittag war er aufgebrochen und hatte zwei sauber gearbeitete Fensterflügel nach Stetten hinüber gebracht. Dann war er nach Strümpfelbach und Endersbach gegangen, hatte Geld einkassiert und neue Aufträge gesucht, und ganz am Schluß hatte er noch kurz bei Hauflers in Rommelshausen Halt gemacht, deren Bub bei ihm in der Lehre war.

Trotzdem schritt er mit seinen dreiundsechzig Jahren noch frisch voran. Er war lange und längere Fußmärsche gewohnt. Wenn man in Fellbach eine Glaserei hatte und darin vier Söhne und einen Lehrling beschäftigte, mußte man Fuchs und Hase sein. Da mußte man die Arbeit suchen, wo man sie fand. Und Gottlieb Kögel verstand sich darauf. Er war in Rotenberg und Uhlbach genau so bekannt wie in Rüdern, in Sulzgries, Wäldenbronn oder Aichschieß. Und die Schanbächer, die Hohengehrener und Aichelberger Bauern gehörten ebenso in seine Kundschaft wie die von Schnait, Strümpfelbach und Rommelshausen. Da mußte man gut bei Fuß sein. Da nützte nicht einmal die Eisenbahn etwas, die seit dem Jahre 1861 das Remstal hinauffuhr. Da ging man besser über die Landstraße, wo man immer wieder alte Bekannte traf and bei dem und jenem kurz hineingucken konnte.

Johann Gottlieb Kögel war überall gern gesehen. Er hatte für alle und jeden ein freundlich Wort, war immer schlagfertig und zu lustigen Spässen aufgelegt. Schon die lichten, strahlenden Augen, das gutmütige, runde Gesicht mit der kleinen Nase and der graue Backenbart, den er immer noch sorgsam pflegte, zeigten den Spaßvogel, dem einer nicht so leicht seine gute Laune nehmen konnte.

Und doch war er keineswegs das, was man hierzulande eine leichte Haut nannte. Wie alle Spaßvögel, so hatte auch er seine ernsten, besinnlichen Stunden, in denen er sich Rechenschaft gab und sein Leben äußerlich und innerlich in Ordnung zu bringen suchte. Mochte darin manches noch so schwer sein, sein Lebensmut und seine Heiterkeit halfen ihm allemale darüber weg.

Schon war die Sonne im Westen gesunken, als Gottlieb Kögel nach Fellbach hineinkam. Es war ihm zum Schluß ordentlich kalt geworden. Außerdem war heute manches schief gegangen. Da und dort hatte er niemanden angetroffen, weil die Bauern schon wieder auf ihren Äckern zu tun hatten. Und Arbeit brachte er auch nicht viel mit. Der Winter war vorbei, und im Frühjahr war es nimmer schlimm, wenn durch eine zersplitterte Scheibe der Wind ging. Sie waren immer sehr sparsam, die Leute vom Land, und gaben erst dann etwas in Arbeit, wenn es nicht mehr anders ging.

Gottlieb Kögel war trotzdem guten Muts. Was heute nicht zum Klappen kam, würde ein ander Mal gelingen. Er wollte schon dahinter her sein. — Sollte er sich seinen Dämmerschoppen darum nicht gönnen? Das Rößle lag am Weg. Da hatte er seinen Stammtisch. Auf diese Stunde kams nicht mehr an.

Er trat ein. Die warme Wirtsstube nahm ihn wohlig auf. Am Ofen, der in der Ecke knisterte, rieb er sich die Hände. Da kam’s Rikele aus der Küche:

"Guata Obed, Glaser-Gottliab... send-r über Feld gwea... ?” "Jo, z-Rommelshausa ond z-Strümpfelbach düba..“ 

"S-ist kalt uf-da Obed... soll-e z’aerst a Schnäpsle brenga ...?” "Breng a Viertele Alta... der gwärmt au.. „

Und flink, wie es gekommen war, verschwand s’Rikele wieder in den Keller. Der Glaser-Gottlieb setzte sich behäbig an den Ofen und bald funkelte vor ihm der rote Fellbacher aus dem runden Henkelglas.

"Zom Wohl!“ wünschte’s Rikele und wollte eilends in die Küche, als ihm der Gast noch nachrief: "Halt a-mol, Rikele, vielleicht ka’st-mr du rota — Was macht a Glaser, wenn-r koa Glas hot ...?“— ‘s Rikele wußte keinen Rat. Da gab Gottlieb Kögel selbst die Antwort: "Er trenkt aus-m Kruag!” Rikele mußte lachen: ,.ihr send doch ällaweil dr gleich Witzbold!” — Dann wars draußen in der Küche, und der alte Glaser-Gottlieb hörte wie es dort seinen neuesten Scherz schon wieder zum besten gab. Da lächelte er befriedigt vor sich hin und griff nach dem Glas.

Das war ein edler, ein wohlausgegorener Tropfen. Den mußte man schlürfen, beißen und kauen zugleich, wenn man ihn ganz auskosten wollte. Gottlieb Kögel verstand sich darauf. Er wußte aber auch diese stille Stunde zu genießen, da noch keiner von den alten Stammtischgenossen da war, da durch die kleine Wirtsstube nur der Dämmer des Abends und das Ticken den kleinen Uhr ging. Es war seine  Einkehr.

Gottlieb Kögel war am Sinnieren. Fast traumverloren hing er seinen Gedanken nach. Sie kreisten um die Werkstatt und um die Familie. Da kam s Rikele zurück und sah nach, ob den Gast schon leer getrunken hatte. Dem eilte nicht, und ‘s Rikele plapperte nun hurtig drauf los: "Gestern Obed hen-se-s von uirem Schwäher gheet... stemmt dees, daß der uf uirer Haozich so-a prima Red ghalta häb...?“

"Jo, dees stemmt... dr ganz Flecka hot dr-vo gschwätzt —domols.“ gab Gottlieb stolz zurück "ond reacht hot-r bhalta en ällem, was-r gsaet hot... I hao schao oft dra’ denka müassa...“

"So - grad dees hen-se au gsaet... gestern Obed. . .“ und entschuldigend fügte ‘s Rikele an: "nex für oguat, Glaser-Gottliab... I hao eaba a-mol froga wölla..

Dann wars wieder weg, und Gottlieb konnte weiter sinnieren. Wie recht hatte der Schwiegervater gehabt, als er von der neuen Zeit sprach, und daß sich das Handwerk regen müsse. wenn es nicht unter den Schlitten kommen wollte. Gottlieb Kögel konnte ein Lied davon singen. Er hatte geschuftet und geschafft. Über dreißig Jahre war er landauf, landab gelaufen, hatte Arbeit gesucht und eine Kundschaft bedient, bei der er sich jederzeit sehen lassen konnte. Aber Aber hätte das genügt, wenn er nicht noch Marder gefangen hätte? Das war seine kleine Liebhaberei. Die machte ihm Spaß, und zugleich brachte sie einen hübschen Batzen Geld ein. Es war zwar nicht viel, die sechs oder acht Mark, die er für einen Balg bekam, aber die zu Hause waren froh darum, und die Fellbacher Bauern waren dankbar, wenn den gefährlichen Hühnerräubern Fallen gestellt wurden.

Gottlieb Kögel hatte wahrlich immer genug mit seinen eigenen Dingen zu tun gehabt. Ihm war nie viel Zeit geblieben, die großen Geschehnisse zu verfolgen. Warum sollte er auch? Das Revolutionsjahr 1848 hatte in Fellbach nicht viel Unruhen gebracht. Kaum, daß man etwas davon gemerkt hatte. Und anno 1866 war die Schlacht bei Königgrätz auch ohne ihn geschlagen worden. Zwar hatten die Württemberger auf Seiten der Oesterreicher gefochten, aber konnte es Gottlieb Kögel nicht gleichgültig sein, oh die Preußen oder die Qesterreicher die Vorherrschaft hatten? Wenn nur das Handwerk zu tun hatte, daun wollte er alles zufrieden hinnehmen, wies kam. Nur anno 1870 hatte er seine eigenen Gedanken. Als damals an die sechzig Fellbacher gen Frankreich zogen und vier davon vor Champigny blieben, hatte er oft für sich gedacht, es wäre wohl besser gewesen, die Württemberger hätten sich aus diesen Händeln gehalten und hätten anno 1866 nicht das Schutz­ und Trutzbündnis mit den Preußen geschlossen. Aber geredet hatte er davon nie. Das waren ketzerische Gedanken gewesen, die man nicht laut aussprechen durfte. Und als es nachher zur Kaiserproklamation in Versailles kam, als Bismarck Reichskanzler wurde und eine Woge des Patriotismus durch das deutsche Volk ging, da wußte auch Gottlieb Kögel nichts anderes, als sich des Siegs zu freuen und auf eine große, deutsche Zukunft zu hoffen, die allen Teilen des Volks, auch dem Handwerk, Arbeit und Brot bringen sollte.

Ja, der Schwähervater hatte mehr als recht behalten. Es war wirklich eine neue, eine ganz neue Zeit heraufgekommen. In manchem verstand sie Gottlieb Kögel selbst nicht mehr. Da sprachen sie von einer neuen Arbeiterbewegung, die noch zu schaffen machen würde. Sozialdemokratie nannte sie sich. Marx und Lasalle, Bebel und Liebknecht waren ihre Führer. Vor zwei Jahren hatten sie sich zu einer Partei zusammengeschlossen, die schon viele Anhänger zählte, vor allem in den Großstädten. - Das mußte wohl so sein. Denn mit der Industrialisierung waren immer größere Arbeitermassen entstanden, die ihr Recht forderten und auf die Gestaltung der öffentlichen Dinge Einfluß gewinnen wollten.

Gottlieb Kögel war froh, daß sie in Fellbach bis jetzt nur die Hoppsche Beschlägefabrik im Unterdorf hatten. Da hatte die Sozialdemokratie noch nicht Fuß fassen brauchen, und ihre neuen, revolutionären Ideen beunruhigten die Fellbacher Köpfe nur gelegentlich am Stammtisch, nicht aber auf dem Rathaus, wo Schultheiß Lipp noch immer sein streng Regiment führte und sich gar handgreiflich durchsetzte, wenn es galt, die Fellbacher Burschen bei Zucht und Ordnung zu halten

Sonst aber hatte sich Fellbach an allen Ecken und Enden gewandelt. Von Jahr zu Jahr war es größer und reicher geworden. Es zählte jetzt gegen dreieinhalb Tausend Einwohner und an die zweihundert Gewerbe- und Handelsbetriebe. Gottlieb Kögel wußte darüber genau Bescheid. Mochte er noch so wenig Zeit haben, sich um die großen Ereignisse zu kümmern - was in Fellbach vorging, erlebte er mit. Das wurde fein  säuberlich in seinem Gedächtnis registriert. Da entging ihm nichts, und soweit es sich um Bauten handelte, war er als Glaser fast immer dabei.

Johann Gottlieb Kögel nahm einen letzten Schluck von dem funkelnden Fellbacher. Dann rief er ‘s Rikele: "Komm, breng-­mr no oas!” Mehr brauchte es nicht. Das Rikele stellte ein neues Glas auf den Tisch. Die kleine Uhr tickte ihr eintönig Lied weiter in den Raum. Der Dämmer hüllte sich mählich in dunkleres Schweigen, und Gottlieb dachte an vergangene Zeiten und getane Arbeit zurück. Wie oft hatte er das schon getan! Und immer war ihm dabei, als zögen die Jahre, seit er nach Fellbach geheiratet hatte, noch einmal an ihm vorüber. Was hatte sich seither nicht alles verändert!

Gleich anno 1845 hatte es angefangen. Da hatten sie drüben in der Neugasse ein zweites Schulhaus gebaut. Der Schwähervater hatte damals noch gelebt, und gemeinsam mit ihm hatte er die ganzen Glaserarbeiten übernommen. Das war eine schöne Arbeit. Die gab ein Stück und brachte Geld ins Haus. Dann war der Friedhof erweitert worden. Das war anno 1858. Gotthilf Kögel erinnerte sich genau. Es war dasselbe Jahr, in dem Wilhelm Amandus Auberlen die Fellbacher Weingärtnergesellschaft gegründet hatte.

Unwillkürlich mußte er an den verdienten Mann denken. Er war jetzt über zwei Jahre tot. Wie hatte er sich noch anno 1864 dafür eingesetzt, daß Fellbach auf der Gewerbeausstellung in Cannstatt würdig vertreten war. „Sich regen bringt Segen” hatte er auch zu Gottlieb Kögel gesagt. Und der hatte mitgemacht und ein Spezialfenster angefertigt, das sich sehen lassen konnte.

Gottlieb Kögel hob sinnierlich den Kopf. Damals war die Neckarschiffahrt noch im Schwang. Erst anno 1871 hatte sie aufgehört, weil ihr die Eisenbahn mehr und mehr Abbruch getan hatte. - Was mochte sonst noch der neuen Zeit zum Opfer fallen? Schien nicht auch das Handwerk gefährdet, dem in der Industrie ein immer gefährlicherer Rivale entstand?

Gott sei Dank, in Fellbach war es bisher immer noch gegangen. Da wurde gebaut, und das Handwerk hatte laufend zu tun. Oder war es nicht so? Fast jedes Jahr brachte neue Aufgaben und neue Pläne. Anno 1873 war die Straßenbeleuchtung eingeführt worden. Das war eine gewaltige Neuerung, bei der auch die Glaserei Kögel ein gut Stück Arbeit abbekommen hatte. Dann hatte man anno 1874 ein neues Gemeindebackhaus errichtet - es war das fünfte, das der Flecken jetzt besaß - und anno 1875 war man endlich darangegangen, die alte Schule umzubauen und zu vergrößern. Wohl waren damals die letzten Reste der alten Kirchenfeste beseitigt worden: Der Wassergraben, der sich noch rings um den Kirchplatz gezogen hatte, war zugeschüttet worden. Nur der kleine See war geblieben, in dem sich die spitzen Bogenfenster des Chors und das große Storchennest darüber immer noch malerisch spiegeln konnten. Außerdem war die Staffel weggefallen, die vorher zum Kirchturm geführt hatte, und die alte Kamerz am Schulhaus die einst Ferdinand Auberlen gepflanzt und die oft über einen Eimer Wein gegeben hatte. Aber war damit nicht ein wichtiges Werk vollbracht? Fellbach hatte eine Schule bekommen, die für viele Generationen ausreichen konnte, und das Handwerk hatte wieder einmal Arbeit gehabt, die etwas Eintrug und zugleich zeigte, daß es immer noch da war.

Johann Gottlieb Kögel war froh, daß Fellbach solch zukunftsreiche Entwicklung nahm und die Erfordernisse der Zeit immer rechtzeitig erkannte. Man machte hier nichts übereilt. Aber was geschah, geschah überlegt und in gescheiter Vorausschau. Das gab der hiesigen Entwicklung eine Stetigkeit und eine solide Grundlage, die auch in kritischen Zeiten Halt und Sicherheit hot. War nicht die im Vorjahr von Herrn Paulus ins Leben gerufene "Dienstbotenheimat” und die zu gleicher Zeit aus der alten Zeichenschule entstandene Fortbildungsschule ein beredtes Zeugnis dafür ? Man dachte in Fellbach an die Alten und an die  Jugend, die etwas lernen and später einmal Tüchtiges leisten sollte.

In der kleinen Wirtsstube war es allmählich dunkel geworden. Gottlieb Kögel holte bedächtig die Tabakspfeife mit dem Porzellankopf aus der Kitteltasche und nahm sie in den linken Mundwinkel. Jedesmal, wenn er daran zog, fiel ein Schein des brennenden Knasters auf sein Gesicht und tauchte es in ein fahles Rot, dem die Rauchwolke davor noch etwas Gespensterhaftes gab. Über seinen halb geschlossenen Augen lag ein seltsam besinnlicher Glanz, und in die breite Stirn zogen ein paar Sorgenfalten ihre dunklen Furchen.

Johann Gottlieb Kögel dachte an seinen Gottfried. Es war der vierte von seinen Buben und hatte wie die drei älteren das Glaserhandwerk ergriffen. Ob er ihn noch auf die neue Fortbildungsschule schicken sollte? Mit seinen sechzehn Jahren war er dafür fast zu alt. Aber gut würde ihm diese Zucht tun. Er war der einzige von seinen Söhnen, der ihm Sorge machte, weil er nie so recht bei der Arbeit war und immer den Kopf bei anderen Dingen hatte.

Aus der Küche eilte’s Rikele mit einem Fidibus herbei: "Oh­je...! i ka’ uich doch et em Donkla sitza lao... r fendet jo-s Gläsle nemme ...Dabei steckte es das Talglicht an, dessen warmer Schein der Ecke am Ofen etwas Heimeliges gab. Der Glaser-Gottlieb war heute ein langsamer Trinker. Rikele schien es, als ob er wieder einmal seinen Gedanken nachhinge. Ob er Sorgen hatte? Rikele suchte nach einem Wort, das ihm gut tun sollte. "Gelt, Glaser-Gottliab, ... mr hots et leicht .. . dia Mäuler wöllet älle gstopft sei’ ... Ond wenns a-mol so viel send, wia bei uich... no’ woiß-mr, was dees hoißt... jetzt hent-r doch mendestens zeah, mo ,Vatter’ schreiet... oder sends gar maeh.. .?” Gottlieb lächelte still vor sich hin. "Narr, Mädle.., i woiß selber et, wia viel daß jetzt send... Wenns regnt, send älle drhoam... no muaß-e-s gaoh zähla!”

"O, Glaser-Gottliab...! mit uich wurds au et besser ...! lachte’s Rikele und ließ den Gast mit seinen Gedanken allein. Und so wars ihm lieber. Er hatte immer ein lustig Wort und einen fröhlichen Scherz parat. Man hielt ihn für einen Spaßvogel, der immer guter Laune war. War das nicht besser, als bemitleidet und bedauert zu werden? Es brauchte keiner wissen, wie ‘s tief drinnen um ihn bestellt war. Hatte ihm einer beigestanden, daß aus seinen Kindern etwas Rechtes würde? Hatte ihm einer geholfen, ihre hungrigen Mäuler zu stopfen? Nein, alles hatte er allein geschafft. Und wenns auch manchmal schwer fiel, er hatte dennoch anno 1847 und später noch einmal anno 1850 ein Kind seiner Schwester Regine zu den eigenen in Kost genommen. Konnte er dafür, daß ihre Wilhelmine anno 1847 schon nach zwei Tagen starb? Es war ihm nahe genug gegangen. Er hatte selber die kleine Bahre gemacht, in der man sie nachher begrub. Und als anno 1872 seine älteste Tochter Mine ihren Karl gebar, da war auch sie von Bruchsal herübergekommen und hatte den Ähne mit diesem ersten Enkelkind beglückt. Immer war er bereit gewesen, zu helfen und neben den eigenen Sorgen noch die anderer zu tragen. Auf fremde Hilfe hatte er nie gehofft.

Und doch, wie schwer wars ihn manchmal angegangen! Gottlieb Kögel hatte wahrlich erfahren, daß Kindersegen auch Kindernot bedeuten konnte. Ob das der Schwähervater gewußt hatte, als er ihm am Tag der Hochzeit jenen Wunsch mit auf den Weg gab? Reich, nein überreich hatte sich das Moseswort an ihm erfüllt. Es war die zweiundzwanzigste Geburt, um die er, der Dreiundsechzig-Jährige, in diesen Tagen bangte. Oh diesmal wohl alles gut gehen würde? Schon oft hatte neben der Geburt der Tod gestanden und sein grausam Recht gefordert.

Gottlieb Kögel griff nach dem kleinen, bräunlich gebundenen Buch, in das er alles fein säuberlich notiert hatte. Da stand in wohlgeformten Buchstaben auf der einen Seite zu lesen:

Anno 1826. Den 7. Januar ist meine Mutter gestorben zu Derdingen mit dem Namen Christiane Friedrike Bloß.

Anno 1849. Den 10. Oktober ist mein Vater gestorben zu Derdingen mit dem Namen Johannes Kögel. Glasermeister daselbst.

Anno 1850. Den 10. Dezember ist mein Schwähervater zu Fellbach gestorben mit dem Namen Johann Gottlieb Bloß. Glasermeister daselbst.

Anno 1857. Den 21. Januar ist meine Schwiegermutter gestorben zu Fellbach mit dem Namen Regina Aldinger.

Anno 1856. Den 1. Juli ist mein Schwager gestorben zu Fellbach mit dem Namen Gottlieb Bloß. Glasermeister.

Anno 1856. Den 24. Dezember ist meine Stiefmutter gestorben zu  Derdingen mit dem Namen Dorothea Nuber.

Anno 1858. Den 30. April ist mein Weib Christina Dorathee, eine geborene Blossin, gestorben. Gott sei ihr gnädig!

Und auf eine andere Seite war geschrieben und genauestens numeriert:

1.   Anno 1844. Den 29. April morgens zwischen 2 und 3 Uhr ist mir das erste Knäblein geboren mit dem Namen Carl Gottfried. Sein Zeichen ist in der Jungfrau.

Und darunter war später mit zittriger Hand angefügt: 

Meines Carls seine Krankheit. Den 22. Dezember 1847 zeigt sich mein Carl unwohl. Dieses dauert 8 Tage. Da fangen Gichter an. Sie wüteten 14 Tag lang, daß es schrecklich war. Am Mittwoch, den 12. Januar 1848 morgens 7 Uhr ist Er gestorben. Am Freitag, den 14. Januar morgens 10 Uhr ist Er begraben worden.

2.   Anno 1845. Den 19. März morgens zwischen 3 und 4 Uhr

ist mir ein Knäblein geboren, aber 5 Wochen zu bald. Es ist tot geboren, und am Carfreitag, den 21. März, im ersten Läuten hat man es begraben.

3.   Anno 1847. Den 16. März nachmittags zwischen 4 and 5 Uhr

ist mir ein Knäblein geboren mit dem Namen August Friedrich. Ist 14 Tag zu bald gewesen. Den 23. März abends 7 Uhr ist Es wieder gestorben an der Gelbsucht. Den 25. März hat man Es begraben am Mariä-Verkündigungs-Feiertag abends 6 Uhr.

4.   Anno 1848. Den 23. August nachmittags 3 Uhr ist mir ein Mädichen geboren (wie hatte er sich damals gefreut, als er "Mädichen” schrieb!) und hat den Namen Wilhelmine Friederike.

5.   Anno 1860. Den 12. Januar ist mir ein Söhnlein geboren und hat den Namen Carl Friederich.

6.   Anno 1851. Den 6. Mai ist mir ein Söhnlein geboren mit dem Namen Wilhelm August.

7.   Anno 1852. Den 29. Juni ist mir ein Söhnlein geboren mit dem Namen Paul Gottlieb. Gestorben den 21. Juli 1852.

8.   Anno 1853. Den 20. August ist mir ein Söhnlein geboren. Aber tot

9.  Anno 1854 Den 24. November ist mir ein Söhnlein geboren und hat den Namen Johann Gottlieb.

Und später war nachgetragen: Den 27. November 1857 Freitag Morgens 2 ½ Uhr ist Er gestorben und am Sonntag begraben

Anno 1856. Den 5. Februar ist mir ein Söhnlein geboren und hat den Namen Wilhelm Heinerich.

Anno 1857. Den 8. April ist mir ein Söhnlein geboren, aber 6 Wochen zu bald und hat den Namen Heinerich. Den 23. April 1857 ist Es gestorben.

Gottlieb Kögel blätterte um. Da war noch eine Seite beschrieben. Doch, was sie barg, war nicht mehr numeriert und nicht mehr mit den Zeichen des Todes versehen. Da stand nur flüchtig geschrieben:

Anno 1859. Den 2. September mittags 11 1/2 Uhr ist mir von meinem zweiten Weib ein Töchterlein geboren mit dem Namen Catharina Friederike.

Anno 1861. Den 28. Januar morgens 3 1/2 Uhr ist mir ein Söhnlein geboren mit Namen Johann Gottfried.

Anno 1863. Den 6. Februar morgens 3 Uhr ist mir ein Söhnlein geboren, aber tot.

Anno 1864. Den 7. Januar mittags 12 Uhr ist mir ein  Mädchen geboren mit dem Namen Sophie Louise.

Dann brachen die Aufzeichnungen ab. Gottlieb Kögel wußte, daß ihm ihre Weiterführung keine reine Freude gemacht hätte. Spiegelten sie nicht trotzdem sein sorgvolles Leben, das immer von Tod und Geburt umwittert war? Damals hatte er schon sieben lebende Kinder, vier Buben und drei Mädchen. Inzwischen waren es zwölf geworden, sieben Buben und fünf Mädchen. Hätte das nicht genug sein können? Er dachte nach. — War es nicht merkwürdig? Seine Christel hatte es auf elf Geburten gebracht. Davon waren zwei Totgeburten. Und jetzt stand sein zweites Weib, die Dorothee Schelhorn, die er am 21. September 1858 geheiratet hatte, vor ihrer elften Geburt? Auch sie hatte schon zwei Totgeburten gehabt. - Gottlieb Kögel ergänzte in Gedanken die Liste:

Am 6. Februar 1866 war sein Robert geboren. Am 25. April 1867 hatte Dorothee eine zweite Totgeburt gehabt. Am 9. August 1868 war sein Paul, am 9. September 1869 sein Eugen, am 28. September 1872 seine Christine und am 9. März 1874 seine Ernstine geboren. Und nun stand wieder eine Geburt bevor. Gottlieb Kögel war angst. Wie lange sollte es SO weitergehen? Gewiß er freute sich allemale auf jede Geburt und hoffte zu Gott, daß sie gut vorbei ging. Aber jedes neue Kind brachte zugleich neue Sorgen. Das wußten schon die Söhne und Töchter, die erwachsen waren. Sie wunderten sich, daß sie immer weitere Geschwister bekommen sollten, und sahen bedenklich in die Zukunft. Er mußte ihnen recht geben. Die Glaserei konnte auf die Dauer keine vier Söhne ernähren, die selber einmal heiraten und eine Familie gründen wollten. Sollten sie darum zu guter letzt alle auswandern - nach Amerika, wie seine Schwestern Regine und Christiane, nach der Schweiz, wie sein Carl, der in Glarus schon vor Jahren eine Stellung als Glaser gefunden hatte, oder wie Mine, die sich ebenfalls anschickte, mit ihrem Karl Osfeld nach Amerika zu gehen? Zog man dafür Kinder auf, daß sie nachher fortgingen und in der Fremde ihr Brot verdienen mußten?

Gottlieb Kögel wußte, daß es SO nicht weitergehen konnte. Seine vier Ältesten waren Glaser geworden. Das war recht so. Sie hatten bei ihm gelernt und hatten für ihn gearbeitet. Ein Eigenes war immer die billigste Arbeitskraft. Aber jetzt war die Fortbildungsschule da. Jetzt sollte ihm keiner mehr Glaser werden. Sie mochten ein anderes Handwerk erlernen. Sie mochten Schreiner, Schuhmacher oder Schmied werden. Nur nicht Glaser, daß sie sich gegenseitig einmal Konkurrenz machen würden! Das hätte ihm gerade noch gefehlt.

Schon jetzt machte es ihm Sorge, wie er seine vier Glaser unterbringen würde. Gut, sein Carl war in Glarus. Da hatte er keine Sorge. Der würde schon seinen Mann stellen. Sein Wilhelm wollte drüben in Uhlbach, wo die Kögel gut bekannt waren, eine eigene Glaserei aufmachen. Da hatte er auch nichts dagegen. Und sein August, der bisher am längsten hei ihm gearbeitet hatte, sollte einmal die Glaserei des Vaters bekommen. Das hatte er verdient. Der war immer ein guter Sohn gewesen. Und außerdem war er ein guter Glaser, der in die Fremde gegangen war und bei Meistern in Pforzheim und Mainz gearbeitet hatte. Auf den konnte er sich verlassen. Aber was sollte aus seinem Gottfried werden? Der war von der Dorothee. Der hatte am wenigsten Anrecht auf die Glaserei, die den Bloßen gehört hatte und über die Christel auf ihn gekommen war. - Wußte Gott, was aus dem Gottfried werden sollte. Vielleicht hatte er einmal Glück. Vielleicht konnte er einmal... nein, Gottlieb Kögel wollte sich jetzt keine Gedanken darum machen. Konnte man je wissen, wie alles kam und wie alles kommen sollte? - Seine Gedanken gingen zu Dorothee, die zu Hause auf ihn wartete. Sie mußte in diesen Tagen in die Wehen kommen.

Bedächtig schlug er das kleine Lebens- und Todesbüchlein zu und steckte es wieder in sein Wams, das er umständlich zuknöpfte. Daheim war das Nachtmahl fertig. Er wollte es heute noch warm vorfinden, nicht kalt und abgestanden, wie so oft, wenn er erst spät von der Kundschaft kam. Von draußen drangen ein paar Männerstimmen herein. Gottlieb Kögel kannte sie. Es waren die ersten Gäste des Stammtischs. Der Wundarzt Irion war dabei, der schon der Christel als Accoucheur beigestanden hatte und jetzt der Dorothee entbinden half, wenn die Hebamme nicht allein zurecht kam.

Ächzend ging die alte Wirtshaustür auf: "Was Gottliab ... du bist schao do...?” Es war Irion, der den Alt-Glaser begrüßte. Mit ihm kam der alte Zimmermann Barth, der drüben in der Hintergasse seine Werkstatt hatte. "Jo, schao a ganz Weile... aber jetzt muaß-e gaoh hoam ...“ Dabei stand Gottlieb auf, um zu zeigen, daß es ernst gemeint war.

Dem alten Barth schien solch eiliger Aufbruch ungewohnt:

"Hano...! wurst doch et baes uf ons sei ? 

"Morom au?” gab Gottlieb zurück, "da woißt doch, wias mit meiner Dorothee stoht... i muaß gschwend nom-gucka zuara...

Daran war Irion, der alte Wundarzt, interessiert: "Gohts wohl bald l aos?”

"Jo, i denk, s wurd nemme lang gaoh... schao en de nächste Täg ka’s soweit sei’.

Da schüttelte der alte Barth den Kopf: "Wenns a-mol so viel send ... no ists Kenderkriaga koa Freud maeh..

"Oh, sag dees et” lächelte Gottlieb stolz und zufrieden. "I rnöcht no a-mol en Buaba...! Ond paß uuf... dees geit mei’ dreizeahnts, mo leabt. . .! Ond: 13 — dees ist mei’ Glückszahl! Dann bezahlte er’s Rikele, gab ihm ein reiches Trinkgeld und klopfte zweimal auf den Tisch: "Guata Obed mit-a-nand!” "Guata Obed, Gottliab... Komm guat nüber!” klangs ihm nach.  

Am Stammtisch wurde an diesem Abend die Gründung des Männergesangvereins Fellbach besprochen. Noch in diesem Jahr sollte in Cannstatt das große Liederfest des Schwäbischen Sängerbundes steigen. Da mußte Fellbach vertreten sein und mußte gut abschneiden - hatte man doch hier den Männergesang schon immer geliebt und gepflegt. Und noch ein Vorschlag wurde an diesem Abend gemacht. Man wollte auf alle Fälle das Lied "In einem kühlen Grunde” zum Vortrag bringen. Das hatte Vikar Glück komponiert, der früher einmal in Fellbach tätig war. Das hatte also einen inneren Zusammenhang mit dem Ort und war längst zu einem der schönsten Volkslieder geworden. Und dann wollte man noch zwei Silcherlieder singen, weil auch Silcher just zu Ferdinand Auberlens Zeiten Junglehrer in Fellbach gewesen war. Was sie sonst noch an diesem Abend sprachen, sollte Gottlieb Kögel zunächst nicht wissen. - Der hatte überdies Sorge um seine Dorothee. Erst am 8. April kam sie nieder und gebar ihm einen Buben, den sie Johannes nannten.

Am Tag darauf aber konnte man sehen, wie sich abends, als es schon dunkelte, ein paar Männer im Rößle trafen. Es waren Gottliebs Sangesfreunde vom Stammtisch. Sie hatten alle das dunkle Sonntagshääs angelegt. So gingen sie hinüber zu dem kleinen Haus in der Burgstraße. Im Hof stellten sie sich auf, und kurz darnach erklang das alte schwäbische Liedchen "Mo a kleis Hüttle stoht, ist a klei’s Güatle ...“ mit gedämpften Stimmen in die Nacht. Drinnen sah man Gestalten am Fenster vorüberhuschen, und als die Strophe erklang:

"Mo so viel Buaba send, Mädla send, Buaba send, do ists halt liable, do ists halt guat. .

da trat der alte, dreiundsechzigjährige Gottlieb Kögel unter die Haustüre. In seinen Augen standen Tränen der Freude. Konnte er nicht stolz auf diese Freunde sein, die ihm und seiner Dorothee dieses Ständchen brachten?

Das Lied ging zu Ende. Und Irion, der Accoucheur, trat auf den Alt-Glaser zu: "Gottliab, mr gratuliera-dr halt zom Buaba ... ond daß-d viel Freud an-m hao sollst!“ - Dann reichten sie ihm einzeln die Hand. Gottlieb war gerührt: "I dank-uich schö für dia Ehr... Gelt, etz haon-e mei’ Glückszahl vool.. .“ Er sagte dies stolz und gerade heraus. Und wahrlich, es war ein Glück: dies dreizehnte Kind war sein letztes.

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