Lauf der Zeit

Ein Streifzug durch die letzten 50 Jahre

von Manfred Schneider

Vor fünfzig Jahren hat Paul Albert das Büchlein „Glück und Glas" geschrieben. Er hat darin Wechselbeziehungen zwischen politischem, gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Geschehen in der Gemeinde Fellbach dargestellt und in eine Handwerkergeschichte eingebunden. Als Bezugspunkt diente ihm das bewegte Schicksal der Familie Kögel, die im Jahre 1947 ihr 200jähriges Firmenjubiläum als Glasereibetrieb feierte. Zu diesem Fest erschien die Ausgabe in 2000 Exemplaren. Das war für die damaligen Maßstäbe eine respektable Leistung, denn es war die Zeit des allgegenwärtigen Mangels an buchstäblich Allem.

Zwei Jahre nach dem unseligen zweiten Weltkrieg, der vielen Ländern immense Menschen- und Materialopfer abverlangte und uns Deutschen durch Bomben zerstörte Städte und hohen Ansehensverlust in der ganzen Welt hinterließ, stand die im christlichen Glauben fest verankerte Familie Kögel treu auf ihrem Platz als am Aufbau mittätiger Familienbetrieb. Sie kämpfte in einem Umfeld von Hunger und Entbehrungen um die Fortführung einer ordentlichen angestammten Handwerkstradition, während der Schwarzmarkt seine schillernden Blüten trieb. Alle menschlichen Abgründe und Unzulänglichkeiten verirrten sich in den Alltag der ums Weiterkommen bemühten Bevölkerung. Erst die Währungsreform im Jahre 1948 beendete dieses allgemeine Chaos fast über Nacht.

1947 war aber Deutschland noch dreigeteilt, was die Kabarettisten zu der Wortschöpfung "Trizonesien" veranlaßte. Unter der Herrschaft französischer, amerikanischer und russischer Militärregierungen hatte man sich Zug um Zug wieder an ein Leben in Frieden gewöhnt, doch so lange die in ihrem Wert ins uferlose gefallene Reichsmark als Währung galt, war keine Aussicht auf völlige Normalisierung. Dabei war man in den Westsektoren noch vom Schicksal begünstigt, denn im Osten sah die Lage noch schlimmer

Aber man wusste ja nicht, wie es weitergehen würde. In einer groß angelegten Demontageaktion wurde die Industrie bis ins Jahr 1951 vieler wertvoller Einrichtungen entblößt und damit die wirtschaftliche Potenz an den Rand der Unfähigkeit gebracht.

Als Horrorvorstellung war nach dem Kriege auch noch der Morgenthau-Plan im Gespräch, nach welchem Deutschland zum reinen Agrarland umfunktioniert werden sollte. Zum Glück für uns erkannten aber ein- und weitsichtige Politiker in den Weststaaten die Notwendigkeit eines entsprechend leistungsfähigen Deutschland, ohne das man den Wiederaufbau und die dauerhafte Friedensicherung in Europa nicht betreiben hätte können. Mit dem Marshallplan wurden darum mehrere Milliarden in das ausgeblutete Land investiert and damit eine wirtschaftliche Erholung eingeleitet, die später im sogenannten Wirtschaftswunder gipfeln sollte. Als die turbulenten Zustände in den ersten drei Nachkriegsjahren durch die Währungsreform 1948 in ein normales Wirtschaftsleben übergeleitet wurden, entwickelte sich auch zunehmend ein demokratisches Bewußtsein, das langsam aber sicher das politische Vakuum verdrängte in den Köpfen der durch das vergangene Geschehen irritierten Bevölkerung. So war denn auch die Zeit reif für das Entstehen der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949. Ihr Fundament war das Grundgesetz und freie Wahlen. Durch sie entstand die erste Bundesregierung, deren Bandeskanzler Konrad Adenauer war. „Wirtschaftswunderminister" Ludwig Erhard begann in diesem Gremium sein für Deutschland so segensreiches Werk. Durch sein kluges Umsetzen des amerikanischen Startkapitals bewerkstelligte er die Entwicklung eines Wirtschaftsgefüges, damit auch die grandiose Wiederaufbauleistung der durch Bomben und Granaten ruinierten Städte und Industrieanlagen.

Der einmal in Gang gesetzte Kreislauf des Wirtschaftslebens schaffte im Zusammenwirken von Leistungswillen, Innovation und kluger Finanzpolitik einen sich stetig verbessernden Lebensstandard, der im Lauf der Zeit weit über das hinausging, was man in Deutschland je gekannt hat.

Die Welt stand indessen schon unter dem Eindruck des Konflikts zwischen den Westmächten and dem von Stalin and Mao Tse Tung dominierten Sozialismus, welcher auch in Ostdeutschland seine fanatischen Anhänger gefunden hatte. Der sowjetisch besetzte Teil Deutschlands war zwangsläufig dem sozialistischen Block einverleibt worden. Die immer wieder lauthals verkündeten Parolen von Friedenswillen, Freiheit and Wohlstand für alle, ließen anfangs wohl viele hoffen, sie wurden aber durch das reale Geschehen, wie heute jeder weiß, ad absurdum geführt, und die wirtschaftliche Talfahrt in die offenbar gewordene ruinöse Tiefe wurde nur noch mit agitatorischer Tünche überdeckt. Es war die Zeit des Kalten Krieges, welcher erst unter Nikita Chruschtschow in die spätere „Koexistenz" übergeleitet wurde. So wie aber jener Teil Deutschlands im Osten dem Sozialismus zugeführt wurde, bewegte sich der westliche Teil (Österreich hatte sich schon 1951 unabhängig erklärt) im Anziehungsfeld westlicher Paktsysteme, die unter der Führung Amerikas zur Sicherung politischer und wirtschaftlicher Interessen aufgebaut wurde. Begründet in der Lage Deutschlands als Austragungsort eines eventuellen militärischen Ost-West-Konflikts ergab sich fast unumgänglich die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland.

In den Augen vieler Deutscher eine Ungeheuerlichkeit; denn 1945, nach dem Untergang der nachher so vielgeschmähten Organisationen des dritten Reichs hatten sich viele geschworen, nie wieder als deutsche Soldaten gegen einen anderen Staat anzutreten. Und wer sollte denn eine deutsche Bundeswehr aufbauen, wenn nicht diejenigen, welche ihr Wissen dazu als jene Offiziere erworben haben, welche man his vor kurzem noch Handlanger der Nationalsozialisten geschimpft hatte.

Für viele Bürger war das turbulente Geschehen zu jener Zeit wohl unübersichtlich, aber es trug doch zu immer mehr Profilgewinn Deutschlands in politischer wie auch wirtschaftlicher Hinsicht bei.

Es wurde immer deutlicher, daß in den von westlichen Siegermächten beeinflußten Teil des Landes ein geistiger Erneuerungsprozeß eintrat. Nicht nur ein neues politisches Bewußtsein erwuchs den Menschen, auch die nunmehr geöffnete Tür zum Geschehen in der ganzen Welt erweiterte die Horizonte. Im gesamten Kunstbereich war eine mächtige Flut von neuen Eindrücken über den bislang reglementierten Kunstfreund hereingebrochen, was nicht nur neues Wissen, sondern auch viel Verwirrung brachte. Dies war die Folge des Ausschlusses aus dem Erleben weltweiter Kunstentwicklung. Mancher Interessierte hatte so Anfangsschwierigkeiten im Nachvollziehen neuer Gestaltungswege und Ausdrucksformen in den sich entwickelnden Stilrichtungen. 

Ganz gravierend beeinflußte den Alltag eine Fülle von technischen Neuerungen, Entwicklungen and Erfindungen. Die gesamten Arbeitsabläufe wurden davon mehr oder weniger betroffen. Damit bekam auch die Werteinschätzung von Zeit im Bezug auf die menschliche Arbeitskraft andere Aspekte. Besonders im industriellen Fertigungsbereich bestimmte die Leistungskraft der Maschine zunehmend die Struktur der Arbeitswelt.

Der Trend zur Erleichterung körperlicher Arbeit war in allen Bereichen der Wirtschaft, wo etwas gefertigt wurde, ein wichtiges Thema, Nicht nur der Produktionsgeschwindigkeit wegen, auch im Hinblick auf gesündere Arbeitsbedingungen wurde manche Idee verwirklicht, die sich bei einem Überangebot von Arbeitskräften vielleicht nicht so schnell durchgesetzt hätte. So wurde alles schneller und leistungsfähiger. Man hatte es aber auch nötig. Ein immenses Aufbauprogramm stand an. Abertausende Obdachlose waren bei Verwandten und Bekannten irgendwo, meist notdürftig untergekommen. Dazu kamen viele Deutsche von den östlichen Auslandsregionen wie auch den russisch besetzten Gebieten, die geflüchtet oder vertrieben waren von den Häusern und Höfen, die ihre Väter und Vorväter einmal als Heimat aufgebaut hatten. Und alle wollten ein Dach über dem Kopf.

Die Ernährungsschwierigkeiten der ersten Nachkriegsjahre waren zwar überstanden, jedoch die Wohnungsnot durch den von Bomben und Granaten zerstörten fehlenden Wohnraum wurde durch das Herbeiströmen der Flüchtenden noch gesteigert und blieb für viele Jahre ein Hauptproblem des Landes, insbesondere in den Stadtbereichen.

Zum Glück waren die männlichen Neubürger meistenteils praktisch veranlagt, weil von Beruf Landwirt oder Handwerker und dadurch in kürzester Zeit ganz besonders in der Bauwirtschaft ein unschätzbarer Gewinn an Mitarbeitern. Trotzdem blieb Arbeitskraft am Bau für lange Zeit Mangelware. Die Mechanisierung der Arbeitsgänge war darum eine immer dringendere Forderung an die Tüftler und Erfinder. Man arbeitete ja häufig noch nach dem Kriege wie in den zwanziger Jahren. Die aufstrebende Industrie kümmerte sich jedoch zunehmend in Zusammenarbeit mit Baufachleuten um eine fortschrittliche Arbeitsgestaltung.

Es begann mit der Motorisierung der Transportwege von Baumaterialien-, Geräten und Gerüsten. War es auf der Straße das Kraftfahrzeug, das bald zur obligaten Betriebsausstattung gehörte, so waren es auf der Baustelle erst Aufzugseinrichtungen, später Baukräne, die dem Menschen das mühsame Bewegen der Lasten abnahmen. Der ungeheure Nachholbedarf befruchtete natürlich wiederum die Metallindustrie und einer Kettenreaktion folgend viele andere Gewerbezweige, was die gesamte Wirtschaft in einen kräftigen Aufwind brachte. Und alles war auf ein Ziel ausgerichtet: immer zweckmäßiger, schneller und preiswerter zu produzieren.

Nachdem die Bereitstellung von Lebensmitteln zur Versorgung der Bevölkerung keine Schwierigkeiten mehr machte, begann sich nach amerikanischern Muster das System der Großraumläden zu entwickeln. Gleichzeitig mußten auch die kleinen Einzelhändler sich mit den Selbstbedienungsläden einrichten, um von der großen Konkurrenz nicht abgehängt zu werden. Trotzdem blieben im Verlauf der späteren Jahre viele von ihnen auf der Strecke, nachdem die Supermärkte in den Städten nicht mehr genügend Ausdehnungsmöglichkeiten fanden und auf die grüne Wiese gingen.

Mit der zunehmenden Motorisierung kam auch unaufhaltsam das Parkplatzproblem auf die Städte zu. Die Autoindustrie produzierte in steigenden Mengen. Der immer besser verdienende arbeitende Mensch erkor sich das luftschlauchbereifte vierrädrige Gefährt zu seinem liebsten Spielzeug und Statussymbol. Natürlich fuhr man jetzt zum Einkaufen im Wagen. In den Straßen der Städte fehlten ausreichende Parkplätze und der Weg auf die grüne Wiese war vorprogrammiert.

Von der neuen Verkaufsform profitierte auch ein anderer Zweig der Industrie, nämlich die Verpackungshersteller. Im Zug der Anbietung von Waren im Regal, und durch etliche Verordnungen entstand ein wahrer Verpackungskult. Am Beginn dieser Entwicklung dachte niemand daran, welche Abfallentsorgungsprobleme und Umweltbelastungen insbesondere mit den Plastikartikeln im Kommen waren.

Der Bedarf an Arbeitsplätzen konnte von Deutschen bald nicht mehr befriedigt werden und es begann die Suche nach ausländischen Arbeitern. Die Ersten kamen aus Italien, Spanien und Türken folgten bald ebenso dem verlockenden Ruf und verließen ihre Heimat, weil sie hierzulande ein besseres Auskommen erwarteten als zuhause.

Ganz Deutschland befand sich nun im Trend zum allgemeinen Wohlstand, und schon zeichneten sich gegen Ende der fünfziger Jahre für den Gesundheitsbereich folgenschwere Erscheinungen ab: Die „Freßwelle" begann. Noch nie waren in Deutschland Lebens- und Genußmittel für jedermann so erreichbar. Der Handel, auch mit dem Ausland, war wieder im normalen Fluß. Durch den technischen Fortschritt wurden alle Beförderungswege schneller bewältigt. Die Luftfahrt war daran besonders beteiligt, nachdem die Deutsche Lufthansa 1935 ihren Flugverkehr eröffnet hatte.

Die Selbstbedienungsläden mit ihren raffinierten Verführungsmethoden boten zum Kauf an, was das Herz begehrte. Ein großer Teil der Verbraucher stürzte sich in einen wahren Konsumrausch, als ob die nächste Notzeit schon vor der Tür stünde. Damit begann leider auch die gesundheitsschädigende Falsch- und Überernährung. Krankheiten, die in der Zeit karger Ernährung seltener auftraten, wurden nun viel häufiger festgestellt.

Seit 1955 war Deutschland wieder souverän. Der erste Bundespräsident Heuss trat 1959 von seinem Amt ab. Sein Nachfolger wurde Heinrich Lübke für die nächsten 19 Jahre. Während sich bei uns der demokratische Staat zunehmend festigte, siegte in Kuba Fidel Castro über Battista und provozierte mit seiner Enteignungspolitik den langanhaltenden Zwist mit den USA. Deren Absetzung finanzieller Hilfe für Kuba machte die Bindung Castros an die Sowjetunion noch enger.

Der Marsch in die Unabhängigkeit von Ghana und Belgisch Kongo war Vorläufer für 17 weitere afrikanische Staaten, die 1960 ihre Unabhängigkeit erklärten. Binnen weniger Jahre wurde das Problem im sozialen und wirtschaftlichen, wie auch Gesundheitsbereich offensichtlich, dem bis heute keine durchgreifende Abhilfe geschaffen werden konnte. Deutschland wurde 1962 durch die „Spiegel-Affäre" erschüttert. Der Herausgeber des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel", Rudolf Augstein, wurde unter dem Vorwurf des publizistischen Landesverrats zusammen mit mehreren Redakteuren seines Blattes verhaftet. Die heftigen öffentlichen Reaktionen wurden besonders dadurch ausgelöst, weil die außergewöhnliche Aktivität des Verteidigungsministers Franz Josef Strauß den Eindruck einer Kampagne erweckte, die sich gegen den „Spiegel" richtete. Als Folge dieser Politnummer, deren Kernstück der „Presse-Maulkorb" war, verloren Strauß und zwei Staatssekretäre ihre Ämter. Ein Hauptverfahren wurde vom Bundesgerichtshof 1965 abgelehnt.

Im Rahmen der Völkerverständigung besuchte Charles de Gaulle im gleichen Jahr die Bundesrepublik, wobei er insbesondere bei seiner Rede vor der Feldherrnhalle in München als Befürworter der Völkerverständigung und eines vereinten Europas stürmisch gefeiert wurde.

Das politische Klima zwischen den beiden deutschen Staaten war seinerzeit allerdings kühler denn je, denn der Mauerbau und die rigorose Absperrung der DDR vom Westen verschlimmerte das belastete Verhältnis immens. War von der Ostseite die ganz Aktion auch als vorbeugende Maßnahme gegen westliche Aggressionen bezeichnet, die ganze Welt wußte um die Wahrheit. Und die bestand in der Verhinderung weiterer Fluchtergreifung von Menschen, die den unliebsamen Verhältnissen im kommunistisch regierten Land den Rücken kehren wollten.

1963 besuchte John F. Kennedy, Präsident der USA, Deutschland, ein halbes Jahr vor seiner Ermordung in Dallas. Er begeisterte in Berlin ganz Westdeutschland mit seinem euphorischen Ausspruch „Ich bin ein Berliner!"

Im selben Jahr trat Adenauer von der Spitze der Regierung als Bundeskanzler ab, nachdem die CDU-CSU Fraktion die absolute Mehrheit im Parlament verloren hatte. Sein Nachfolger wurde der als Wirtschaftswunder-Minister so hochgerühmte Ludwig Erhard. Und noch etwas, was Deutschland bis zum heutigen Tag ungebrochen bewegt, geschah: Mit Einrichtung der Bundesliga begann auch bei uns der Profi-Fußball. Als Zeichen der allgemeinen Klimaverbesserung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern verstand man den Besuch der englischen Königin in Deutschland, in eben dem Jahr, als Winston Churchill, Englands berühmtester Mann seiner Zeit, verstarb. Auch für Albert Schweitzer, den legendären Urwalddoktor und Friedensnobelpreisträger von 1952 endete im gleichen Jahr das humanitär gezeichnete Leben.

Als ein weiteres Zeichen nachbarschaftlicher Annäherung zwischen den Völkern wertete man die Verheiratung der niederländischen Thronfolgerin Beatrix mit dem Deutschen aus Adelskreisen Claus von Amsberg.

Die deutsche Innenpolitik dieser Zeit war geprägt vom Zusammenschluß der CDU-CSU und der SPD zur großen Koalition. Die Folge war eine starke außerparlamentarische Opposition, die das „Establishment" nicht akzeptieren mochte und mit provokativen Maßnahmen insbesondere durch den SDS und andere Jugendliche politischen Einfluß nehmen wollte um in ihrem Sinne Verbesserungen zu erzielen. Als beim Besuch des Schah von Persien anläßlich einer Studentendemonstration der unbeteiligre Benno Ohnesorg von der Polizei erschossen wurde, erhärtete sich der Widerstand gegen die Regierenden immer mehr. Rudi Dutschke war der legendäre Führer des Sozialistischen deutschen Studentenbundes. Eine Gruppierung aus dieser Bewegung, die sich „Rote Armee Fraktion" nannte und zumeist der Baader-Meinhof-Gruppe angehörte, inszenierte den Terrorismus ab dem Jahre 1972 - eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Nachkriegszeit.

1967 starb Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der BRD. Er war Vorkämpfer, Richtungsweiser und Wegbereiter der europäischen Vereinigung, die in den nächsten Jahren mit der Einführung des „Euro" auf dem Prüfstand stehen wird. Auch in Amerika eskalierte die innenpolitische Spannung zum Mord an John F. Kennedy, dem 35. Präsidenten der USA, auf den nicht nur im eigenen Land große Hoffnungen gesetzt waren. Das gleiche Schicksal widerfuhr seinem schwarzen Landsmann Martin Luther King, dem führend am Kampf um die Rassentrennung beteiligten Negergeistlichen und Nobelpreisträger des Jahres 1964, nur 5 Jahre später in Memphis, Tennessee.

Als dritter Bundespräsident der BRD trat Gustav Heinemann als Nachfolger Heinrich Lübkes sein Amt an. Das war 1969, als Willy Brandt auch Kurt Georg Kiesinger ablöste, der 1966 das Amt des Bundeskanzlers nach Ludwig Erhard bekleidete. Mit Walter Scheel als Außenminister machte Brandt, der neun Jahre lang Regierender Bürgermeister von Berlin war, eine neue Ostpolitik, die von der starren Distanzierung zur Koexistenz tendierte.

In der Weltpolitik wurden neue Maßstäbe ab 1971 gesetzt. Richard Nixon, der 37. US-Präsident nach Lyndon B. Johnson, begann den Dialog mit Rot-China. Die weltumfassenden politischen Geschehnisse verliefen von da an im Dreiecksverhältnis.

In dieser politischen Szenerie hat Japan keine so große Rolle gespielt, um so mehr widmete man sich aber im Land der aufgehenden Sonne dem wirtschaftlichen Sektor, auf welchem man zu nicht geahnter Bedeutung aufsteigen sollte. Im Trend der daraus erwachsenden Wirtschaftsbeziehungen besuchte der Tenno, einst Gott und weltliches Oberhaupt seines Landes, in jenem Jahr die Bundesrepublik als demokratischer Vertreter Japans.

Um die Weltraumfahrt voranzubringen, begann man 1973 die systematische Erforschung des Weltalls an Bord des amerikanischen Satelliten „Skylab". Die Pionierflüge der Russen und Amerikaner lagen schon etliche Jahre zurück: 1957 schoß man in Rußland den „Sputnik" als ersten künstlichen Erdumkreiser ins Weltall, 1961 flog der Russe Gagarin als erster Mensch um die Erde und 1969 zogen die USA mit der Mondlandung nach, bei der Neil Armstrong als erster Mensch den Erdtrabanten betrat.

Bescheidenere und erdnähere Erfolge brachte man in Deutschland auf sportlichem Gebiet zuwege: im Endspiel gegen die Niederlande wurde die Weltmeisterschaft im Fußball gewonnen, was diesem Sport einen weiteren kräftigen Auftrieb gab, sodaß er zur weitaus populärsten Sportart unseres Landes wurde.

Weniger glücklich endete die Kanzlerschaft Willy Brandts, der wegen jener Spionageaffäre zurücktreten mußte, die ihm der im Kanzleramt beschäftigte Günter Guillaume einbrachte, als er sein persönlicher Referent war. Nachfolger im Kanzleramt war Helmut Schmidt, der als pragmatischer Krisenmanager und Entspannungspolitiker viel Ansehen erwarb. Allerdings noch mehr im Ausland, als im Inland. Seine Amtszeit ging bis 1982, als er nach dem Bruch der SPD-FDP-Koalition durch ein konstruktives Mißtrauensvotum von der CDU-CSU und einen Teil der FDP gestürzt wurde. Er verzichtete auf eine weitere Kandidatur zum Bundeskanzler der SPD und der Bundestag wählte und vereidigte noch am gleichen Tag, nämlich am 2. Oktober 1983, Helmut Kohl zum Bundeskanzler.

In vorgezogenen Neuwahlen am 6. März 1983 hat der dabei bestätigte Regierungschef in seiner Regierungserklärung vom 4. Mai 1983 sein Programm der Erneuerung vorgestellt. Dies basierte auf 7 Leitgedanken:

1. Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft, 2. ein menschliches Gesicht der Gesellschaft anzustreben, 3. eine moderne Industriegesellschaft mit Leistungs- u. Wandlungsfähigkeit zu schaffen, 4. die Ansprüche der Bürger an den Staat zu vermindern und ihr Leistungsvermögen zu stärken, 5. das Bündnis und die Freundschaft mit dem Westen zu pflegen und gleichzeitig die Fortsetzung der Verständigung mit dem Osten zu suchen, 6. das Ziel der politischen Union Europas weiter zu verfolgen und 7. in Frieden die deutsche Wiedervereinigung anzustreben. Mit diesem Programm wollte er die Massenarbeitslosigkeit abbauen, das Wachstum der Wirtschaft voranbringen, Sicherung der Renten und Sanierung der Finanzen bewerkstelligen und die Neuverschuldung niedriger halten.

Das Rentenversicherungs- wie auch das Arbeitsrecht wurden seit 1949 laufend mit Gesetzen und Veränderungen überzogen. Die Einsetzung der Betriebsräte in den Firmen, sowie die Autorisierung der Gewerkschaften und Unternehmensverbände, als Sozialpartner freie Lohn- und Gehaltsvereinbarungen zu treffen, schufen das Arbeitsklima der neuen Qualität.

Die jährlich wiederkehrende Forderung der Gewerkschaften nach Erhöhung der Löhne und Gehälter ließ Arbeitnehmerschaft und Beamte am wirtschaftlichen Wachstum teilnehmen, Die vom Parlament parallel dazu erlassenen Gesetze im Renten-, Gesundheits- und Arbeitslosenversicherungsbereich haben in Westdeutschland ein soziales Netz geschaffen, wie man es hierzulande noch nie kannte. Eine der Folgen dieser, vom sozialen Standpunkt aus gesehen erfreulichen Einrichtungen, war leider auch die anwachsende Kostenbelastung.

Durch den Fortschritt in der Medizin und der immer intensiver werdenden ärztlichen Betreuung stieg die Lebenserwartung der Menschen bei uns ständig. Die verordneten Therapien wurden von Jahr zu Jahr umfangreicher, der Einsatz medizinischer Technik und die Aufwendungen in den Krankenhäusern fortschreitend kostenträchtiger. Die Sozialversicherungsträger kamen so an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit.

Als im Oktober 1982 Helmut Schmidt das Kanzleramt Helmut Kohl überlassen mußte, bildete dieser eine christlich-liberale Koalitionsregierung. Die Verbindung der Unionsparteien mit den Liberalen erhielt sich bis heute dauerhaft, wenn auch nicht ohne Reibungsverluste. Aber die gesamtdeutsche Parteienlandschaft hat sich gravierend verändert. Zum einen haben die „Grünen", die sich nach ihrem Beschluß von 1980 als Bundespartei konstruierten, im März 1983 Einzug ins Bundesparlament gehalten. Dann ist nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten die Nachfolgepartei der SED, die PDS in den Bundestag gekommen. Dementsprechend ist die Sympathieverteilung im gesamtdeutschen Raum auf die Wahlergebnisse von Einfluß.

Ohne hier irgendwelche Verdienste von Parteien anzusprechen, sei festgehalten, daß nach der Arbeitslosigkeit und dem Sozialversicherungsproblem der Umweltschutz und das Energiesparen vom ganzen Bundestag als dringliches Anliegen behandelt werden. Die Bedeutung für die Nachwelt hat eine Reihe von Aktivitäten bewirkt, die dem Ernst der Situation Rechnung tragen sollen. Ein Problem, für dessen Lösung noch keine der Parteien ein Rezept zur allgemeinen Zufriedenheit fand, sind die zu uns geflüchteten Asylanten aus den Krisengebieten Europas und anderer Kontinente. Es mag sicher sein, daß mancher von Ihnen durch die vorteilhaften Umstande hierzulande angelockt wurde. Aber die wirklich einer Bedrohung ausgewichenen Menschen nun, nachdem die akute Gefahr vorbei ist, mir nichts, dir nichts in ihre Heimat abzuschieben, ist sicherlich für viele ein Akt der Härte. Denn die meisten, ohnehin ziemlich verarmten Leute erwartet da, wo sie herkamen meist ein zerstörtes Zuhause und bei vielen, die dort während der schweren Zeiten geblieben sind, Unverständnis oder gar Feindseligkeit. Also wird ohne sinnvolle Hilfe von außen schwerlich ein hoffnungsvoller Neuanfang möglich sein.

Nachdem seit Adenauer das große politische Ziel ein geeintes Europa ist, werden sich alle Staaten, die diesen Gedanken nahestehen, um eine Befriedung der betroffenen Gebiete im europäischen Bereich bemühen müssen, sollen nicht alle diesbezüglichen Wünsche zur Utopie verblassen.


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