Noch im alten   

     Jahrhundert     

anno 1898

Familie Kögel 1903

hinten von links: Carl Albert Kögel, Luise Berte Kögel, Paul Kögel

vorne von links: Sophie Kögel, Maria Catharine Kögel geb. Dobelmann, Emil Adolf Kögel, Wilhelm August Kögel, Marie Emilie Kögel


Der alte Traubenwirt Off stand zufrieden unter dem Fenster seiner Wirtsstube. Drüben lag der kleine See, in dem seine fetten Karpfen schwammen. Er wußte, seine Küche war beliebt. Wenn sie Sonntags zu ihm von Stuttgart herauskamen und in Pferdekutschen bei ihm vorfuhren, so geschah dies nicht nur des edlen Tropfen wegens, den er ausschenkte, auch seine Fischgerichte waren bekannt, die sein Weib besser zuzubereiten wußte, als alle in der näheren und weiteren Umgebung.

Er hatte wieder einmal Glück gehabt und hatte den See gerade noch zur rechten Zeit entschlammt. Jetzt taute es schon. Die Eisdecke war geborsten, und nur noch ein paar große Eisschollen erinnerten an die Tage des strengen Winters, da er noch Luftlöcher durch das Eis treiben mußte. Erst vor wenigen Tagen hatte er Zeit gefunden, die Fische einzufangen und in großen Kübeln zu verwahren, bis das Wasser gereinigt und der Schlamm weggefahren war. Dabei hatte er wieder einmal festgestellt, daß sein Fischbestand reich und daß die einzelnen Kerle gut genährt waren. Die Abwässer, die aus der Hinter- und aus der Vordergasse in den See flossen, brachten doch allerhand nahrhafte Abfälle mit, die ihm und seinen Gästen zugut kamen.

Von der alten Turmuhr, die freilich mehr nach dem Wetter als nach der Sonne ging, schlugs vier. Noch eine Stunde, dann wollte Schultheiß Friz mit einigen Gemeinderäten kommen. Es waren oft wichtige Dinge, die in der Traube besprochen wurden, und manchmal hatte es sich schon gezeigt, daß die Herren bei einem Glas Fellbacher rascher einig wurden als droben auf dem Rathaus, wo die Kanzleiluft gar trocken und der Geist gelegentlich arg verstaubt war. Dem Traubenwirt war an solchem Besuch gelegen. Da mußte alles eine Art haben. Da durfte nichts fehlen, und vor allem mußte der Wein wohl temperiert sein. Er schloß das Fenster und ging in Küche und Keller, nach dem Rechten zu sehen.

Darauf hatten draußen ein paar Lausebengel schon lange gewartet. Sie hatten sich um die Kirche und das kleine Backhaus herumgetrieben, bis die Luft rein war, denn sie wußten, der alte Off war kein Freund des „Fetzenfahrens". Der wußte, daß der See seine Tücken hatte, und daß der alte Gottlob Schmid, ein angesehener Wengerter aus der Vordergasse, darin anno 1883 ertrunken war. Er hatte in einer dunklen Januarnacht den Weg verfehlt, war auf den See abgekommen und war dort eingebrochen. Am andern Morgen hatte man ihn nur gefunden, weil er aufrecht im Wasser stand und seine Zipfelmütze im Eis eingefroren war.

Außerdem erinnerte sich der Traubenwirt noch an das steinerne Kreuz, das Jahrhunderte lang am alten Festungsgraben gestanden und immer wie ein stilles Mahnmal gewirkt hatte. Man wußte nicht mehr, was es zu bedeuten hatte. War es eine Erinnerung an das Pestjahr 1501, da der kleine Dorffriedhof noch bei der Kirche lag? War dort vielleicht anno 1519 ein Fellbacher Bürger von den Bündischen, gar von einem Eßlinger, erschlagen worden, oder hatte man es erst während des Dreißigjährigen Kriegs gesetzt, als Mord und Totschlag auch in Fellbach an der Tagesordnung war? Man hatte allerlei gemunkelt und vermutet. Manche wollten sogar wissen, es hätte einem Kind gegolten, das vor langen Zeiten im Kirchgraben ertrunken war. Das hatte auf die Jugend immerhin warnend gewirkt. Nun war das Kreuz seit dem Jahr 1875 entfernt. Als sie damals den Graben auffüllten, war auch das Kreuz verschwunden und mit ihm alle Erinnerung daran.

Sorglos und leichtsinnig, wie es die Jugend immer war, legte sie auf dem zugefrorenen See ihre "Schleifezen" an, und wenn das Tauwetter einsetzte, machte sie sich einen Sport daraus, auf Eisschollen den See zu überqueren, und wer besonders mutig war, sprang dabei von Scholle zu Scholle. Schnaitmanns Heiner, ein kleiner Lausbub aus der Cannstatter Straße, war mit seinen sieben Jahren der größte Waghals. Er hatte schon lange darauf gepaßt, daß der Traubenwirt endlich vom Fenster ging. Da war er nicht mehr zu halten. In flinkem Sprung hüpfte er auf eine der großen Eisschollen und ruderte damit in den See auf den nächsten „Fetzen" zu. Das ging großartig. Außerdem war er ein leichter und behender Bursch. Konnte er ahnen, daß er heute an der Reihe war, daß ihm seine Kameraden die „Falle gestellt" und eine brüchige Scholle so lange mit Wasser übergossen hatten, bis sie an der Oberfläche zusammengefroren war? Sie hatten es jedenfalls so vortrefflich gemacht, daß Heiner nichts merkte. Er sprang zu und kam wie er’s gewohnt war, mitten auf die andere Scholle zu stehen. Die schwankte hin und her. Heiner balancierte meisterhaft, und dies wäre geglückt, wenn die Scholle nicht plötzlich unter lautem Hallo der Kameraden geborsten und Heiner ins Wasser gepurzelt wäre. ...Da trat Schreckensstille ein. Was war Los? Heiner blieb spurlos verschwunden. Wie ein Rätsel schiens allen. Nur der elfjährige Fritz von Zimmermann Barths merkte die Gefahr. Der sprang auf, sprang ins eiskalte Wasser und holte den fast schon ertrunkenen Heiner unter der Eisdecke hervor. - Er bekam später die Rettungsmedaille dafür. Den kleinen Heiner aber wurmte es lange, daß er nicht der Retter, sondern bloß der Gerettete war.

Wer an diesem Nachmittag beim "Fetzenfahren" dabei war, konnte sehen, wie seitab von den anderen Buben ein Kerlchen stand, das mit großen, schreckhaften Augen den Vorgang verfolgte. Sein Gesicht war bleich wie Linnen geworden, als der kleine Heiner im See verschwand, und sein dunkler, fast ein wenig verträumter Blick ließ die Stelle nicht los, bis Zimmermanns Fritz wieder auftauchte und den erschöpften Heiner fest umklammert hielt. Da ging ein Aufatmen durch den Buben. Sein Gesicht bekam wieder Farbe, und über seine Augen huschte ein fast verklärtes Leuchten.

Es war ein ernster, versonnener Junge, dem das Erlebnis noch nachging, als er schon im Ochsengässle war. Vor dem Haus Nummer zwanzig machte er Halt. Es gehörte dem Glasermeister August Kögel, der sich hier seit dem Jahre 1881 seine Wohnung und Werkstatt eingerichtet hatte. Heute vor neunzehn Jahren, am 24. Februar 1879, hatte er geheiratet, und noch im selben Jahr war sein Vater, der alte Glaser-Gottlieb gestorben. Ein Schlagfluß hatte den rüstigen Mann mitten aus der Arbeit gerissen. Mutter Dorothee hatte bald darnach das Haus in der Burgstraße verkauft und war in die Vordergasse heruntergezogen.

Werkstatt der Glaserei Kögel in der Ochsengasse im Jahr 1905

rechts: Jakob Weller

links: Paul und Albert Kögel 

Da hatte sich August Kögel eine neue Werkstatt suchen müssen und hatte sie zuerst in der Ochsengasse Nummer fünfundzwanzig, im Haus vom Kupferschmied Höfer, gefunden. Als dieses Haus anno 1881 vom Weber Schweizer gekauft und ihm dafür das Schweizerische Anwesen Nummer zwanzig angeboten wurde, hatte er zugegriffen. So war er endgültig in die Ochsengasse und gleichzeitig zum eigenen Haus gekommen.

Der kleine versonnene Junge trat in die Werkstatt. Dort stand der Glaser Kögel an der Werkbank und schnitt Scheiben zurecht. Mit seinen siebenundvierzig Jahren war er immer noch ein stattlicher, blitzsauberer Mann. Die dunklen, lockigen Haare fielen ihm in die Stirn. Der Schnurrbart mit dem kleinen Spitzbärtchen an der Unterlippe gab ihm fast etwas Französisches, und die schlanke, sehnige Gestalt mit dem markanten Profil ließ auf körperliche und geistige Beweglichkeit schließen. Die ganze Erscheinung erinnerte mehr an einen Musiker als an einen Handwerker. Man war nicht erstaunt, daß er zugleich einer der besten Tenöre des Fellbacher Männergesangvereins war.

Obwohl er pressant hatte und die Fensterscheiben noch heute verkitten und abliefern mußte, fand er Zeit, den Jungen zu beobachten: "Was ist mit dir laos, Paule... du siehst jo ganz käsig aus...?" Dabei lag väterliche Sorge auf dem Gesicht des Glasers. Und sein Junge stand Rede und Antwort: "Vatter, paß-a-mol uuf... was do grad passiert ist. . ." und dann erzählte der kleine Paul, was er am Kirchsee erlebt hatte. Der Glaser Kögel hörte aufmerksam zu. Als aber sein Bub zum Schluß meinte: "Woißt, Vatter... i muaß mi fast schäma... s Bartha Fritz ist zwoi Johr jenger als i. . . der ist nei’ ens Wasser ond hot-a raus gholet... ond i ... i be bloß ..." da fiel er ihm zornig ins Wort: "Dees tät-mr grad no fehla... du gohst-mr et uuf dean Sai ... dees sage-dr.. . sonst setzts ebbes aa..."

Der kleine Paul wußte nicht mehr, wo er dran war. Er war sich so feige vorgekommen und hätte am liebsten alles wieder gut gemacht, wenn er nur gewußt hätte, wie... und da stand die Drohung des Vaters, der nichts davon wahr haben wollte und nur an sein Kind dachte. - August Kögel sah, was in dem Buben vorging. Er holte ein frisch verglastes Fenster aus der Ecke: "Do, trag dean Flügel zom alta Moile an Bah’hof naus, no’ host au ebber gholfa... Der ist froah, wen-r-n uuf d Naacht no kriagt. . ." Das war ein Ausweg. Nun konnte der kleine Paul zeigen, daß er ein Kerl war und keine Angst hatte, nicht einmal vor den Geistern, die nächtlich in Fellbach umgingen.

Draußen war es schon dunkel geworden. Im Unterdorf traf er nur noch den Seckler Rieger auf der Straße. Der war eben dabei, die gelbe Lederhose hereinzuholen, die vor seinem Haus hing. Der Küfer Elsässer hatte schon Feierabend gemacht, und die beiden Bauern, die im Unterdorf wohnten, hatten im Stall zu tun. Da wurde es dem kleinen Paul doch ein wenig ängstlich zumute. Das „Eisebah wegle" kam ihm heute arg lang und besonders dunkel vor. Am schmalsicheligen Mond, der über Waiblingen gerade heraufkam, fegten dicke Wolken vorbei. Ihre schwarzen Schatten huschten wie Schemen über die Krottenwiesen, und die kahlästigen Obstbäume darauf glichen plötzlich wilden Gestalten, die etwas Gespenstiges hatten. Paul pfiff laut ein Lied in die Nacht. Man sollte nicht meinen, daß er Angst hätte. Dann verdoppelte er seine Schritte und kam an die Landstraße, die nach Cannstatt führte. Drüben lag die Garbe. Er sah es deutlich. Hinter ihren Läden brannte Licht. Dort mochten ein paar Gäste beim Bier sitzen. Die Hälfte des Wegs hatte er hinter sich. Nun gings über die breite Straße, die links und rechts von Obstbäumen umsäumt war, zum Bahnhof hinaus. Das war nur noch ein Katzensprung. Doch halt! Da kam ihm etwas entgegen. Er sah eine Gestalt, die auf ihm zukam. Sie kam näher und näher. Er glaubte Schritte zu hören. Oder wars nur sein Herz, das so klopfte und hämmerte? Nein, es kam jemand. Er sahs jetzt ganz deutlich: es war der Gärtner Schneck, der draußen über dem Bahngleis sein „Schneckenhäusle" hatte. „Was tuast denn du no so spot do hussa...?" frug er den Buben freundlich. Und der atmete erleichtert auf: "I muaß no zom Moile naus ... der sott dia Scheib hao... aeh-s Naacht wurd." — ,.Host denn koa Angst?" "Noa...! vor was au...?" gab Paul zur Antwort und kam sich dabei wie ein kleiner Held vor. Im Weitergehen aber murmelte er leise vor sich hin: "Vor was au ...?", als oh er damit all die bösen Ängste vertreiben und sich selbst guten Mut zusprechen wollte.

Beim alten Maile hatte er Glück. Der war, als er ihm die Fensterscheibe brachte, gerade dabei, mit seinem Handwagen ein Faß Wasser im Flecken zu holen. Das tat er täglich. Nur heute war er noch nicht dazu gekommen. So konnte Paul helfen und war außerdem nicht mehr allein, wenn’s wieder über die Krottenwiesen und den offenen Graben ging.

Zuhause hatte der Vater inzwischen Feierabend gemacht. Er saß am Tisch und las den „Boten vom Kappelberg", der seit acht Jahren in Fellbach herausgegeben wurde. Albert, sein Ältester, räumte die Werkstatt auf. Er hatte bald das erste Lehrjahr hinter sich und schien ein tüchtiger Glaser zu werden. Vater August hatte seine Freude an ihm. Er war umsichtig und fleißig und hatte schnell die „Voortel" heraus, die ein rechter Handwerker brauchte. Man sah, er nahm die Arbeit ernst und war schon dem jüngeren Paul ein kleiner Lehrmeister. Überhaupt, die beiden Brüder vertrugen sich. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel, oder meinetwegen wie Zucker und Zimt — denn beides waren im Grunde stille, bescheidene Naturen. Sie waren auf den Tag genau zwei Jahre auseinander. Beide waren an einem 29. Juni geboren. Vielleicht lags am Sternbild des Krebses, daß sie sich immer so gut verstanden.

"Do ben-e wieder, Vatter..." trat der kleine Paul in die Stube "ond dr alt Moile laßt-dr schö danka... s-sei-am arg reacht, daß-am sei’ Feaster so schnell gmacht häbest..." Dann ging er zur Mutter hinüber. Die saß am Ofen, hatte die enge Bluse aufgeknöpft und reichte dem kleinen Adölfle die Brust. Es war eine schöne, rechtschaffene Frau. Ihr dunkles, in der Mitte gescheiteltes Haar und die tiefen, fast ein wenig melancholischen Augen gaben ihr etwas Edles. Man sah ihr an, daß sie viel kränklich gewesen war. Erst seit sie den kleinen Adolf gekriegt hatte, stand es besser um sie.

Ihre abgeschaffte, schwielige Hand lag seltsam leicht an dem Busen, der in zarter Rundung aus dem Mieder quoll. Mutter Marie dachte an die Kinder. Jetzt hatte sie das halbe Dutzend voll: drei Buben und drei Mädchen. Adöfle war nach neun Jahren noch dazu gekommen. Sie war froh, daß die andern aus dem Schlimmsten heraus waren. Berta und Mile waren schon erwachsene Töchter, die in Küche und Haus zugriffen, und Sophie, die bisher das Nesthäkchen gewesen war, wollte nichts rnehr von ihren Docken Wissen, seit das Adölfle da war. Es gefiel ihr besser, das Brüderlein zu hüten und ihm den Schoppen zu reichen. Nun stand sie mit Paul neben der Mutter. Sie wollte dabei sein, wenn das Kind an die Brust gelegt wurde. Da guckte sie mit großen Augen zu und freute sich jedesmal, wenn der Kleine ordentlich schmatzte.

Mutter Marie hatte gestillt. Sie knöpfte die hochgeschlossene Bluse wieder zu, und Sophie durfte helfen, das Adöfle in die Wiege zu legen. Während dessen trug Berta den Kaffee auf den Tisch, und Mile kam mit einem Streuselkuchen so groß wie ein Wagenrad. Vater August machte Augen. Er wußte, daß seine Marie eine fürtreffliche Köchin war. Sie war nicht umsonst schon anno 1870 bei Ökonom Hermann im Dienst gewesen. Da war es oft herrschaftlich zugegangen. Wenn Frau Hermann, des alten Schnaitmanns Wittib, die nachher den Provisor Hermann geheiratet hatte, zum Karz lud, gab es alles, was das Herz begehrte. Da wurde nicht nur fleißig gesponnen und alles durchgehechelt, was sich im Dorf zutrug. Da kamen Kaffee und Kuchen, Wein und Chaudeausoße auf den Tisch, daß die Weiber oft ein wenig redselig waren, wenn sie mit Kunkel und Spinnrad und der kleinen Laterne nachts nach Hause gingen. Dort hatte Marie Kochen und Backen gelernt, daß es eine Art hatte. Der Bäcker-Pfander wußte es. Der lobte das Backzeug der Glaser-Köglerin über den Schellenkönig. Und recht hatte er. Ihr war noch nie etwas mißraten, seit sie der August aus Winterbach heimgeholt hatte. Sie verstand sich aufs Backen wie auf die Geschichte Württembergs, aus der sie alle Grafen und Herzöge hersagen konnte und genau wußte, was sie dem Volk Gutes und Böses angetan hatten.

Heute hatte sie den Kuchen besonders gut zubereitet. Galt er doch dem Hochzeitstag, dem neunzehnten Hochzeitstag - da hatte sie mit Eiern und Fett nicht gespart, und je größer die Streusel waren, umso lieber war es ihrem August. Er konnte sich diesmal nicht beklagen. Er griff zu, und allen, die um ihn her saßen, schmeckte es trefflich.

Da wurde von draußen nach ihm gerufen. Es war der Waldhornwirt Gottlob Sailer. Ein alter Bekannter. Schon in der Fremde, in Mainz, hatten sie sich kennengelernt, und jetzt war Sailers Weib, die Luise, zu allen sechs Kögelkindern Dote.

"Du, August", rief Gottlob herein, "Du sollst nochhe en-d Trauba omme komma... dr Schuahmacher Stoll laßts-dr sa.."

"Jo! Gottlob.. ." rief August Kögel zurück, "was ist denn. . doch et weaga deam Schnaitmanns Heiner...?"

Gottlob Sailer kam unter die Stubentür: "Noa...! en GwerbeVerei’ wölla se grenda... dees Johr... ond do sott-mr drbei sei’... moant dr Schuahmacher."

"Gohst du omme... ?"

"Noa, August... i ka’ et... I hao-n-a Käble gkriagt haet dees muaß-e gaoh metzga.

Da guckte August Kögel von seiner Kaffeeschüssel auf und legte den Kuchen beiseite: "Gottlob, i will dr ebbes sa ... dees goht au ohne mi ..... I muaß et bei ällem drbei sei’ ..."

Aber Marie war bedachter: "August", sagte sie, und Gottlob Sailer stimmte ihr zu - "i moan halt... da sottst nom gaoh ... mr woiß nia, mozua so-a Besprecheng guat ist..."

August schwieg und gab sich wieder seinem Kaffee hin. Gottlob Sailer ging in seine Metzig. Und Marie schnitt den letzten Rest des Streuselkuchens auf.

Dann waren die Mäuler satt. Sophie sprach das Tischgebet, und flugs halfen alle zusammen, den Tisch zu räumen und die Küche in Ordnung zu bringen. Denn jetzt begann die schönste Stunde des Tags. Da holte die Mutter das Flickzeug aus dem Winkel. Berta und Mile halfen ihr wiefeln, stopfen und nähen. Und dabel saßen alle zusammen und sangen Lieder, Lieder, wie man sie abends in den Spinnstuben und Sonntags am Wiesenrain sang. Es waren die schönsten Stunden mit der Mutter. Und wenn man nicht sang, erzählte sie aus ihrer Jugend, aus Winterbach, wo sie den Vater kennen gelernt, oder vom Schurwald, wo sie die Köhler besucht hatte und wo der Vater jetzt die Barometer verkaufte, die er neben seiner Glaserei noch herstellte.

Drunten in der Traube saß immer noch Schultheiß Friz mit einigen Gemeinderäten am Stammtisch. Die Herren hatten sich heute wieder einmal warm geredet. Ja, gelegentlich war es sogar zu heftigen Wortgefechten gekommen, weil nicht alle mit der Gemeindepolitik ihres Schultheißen einverstanden waren. Der führte zwar jetzt schon an die zwanzig Jahre die Geschäfte des Orts und war ein angesehener und beliebter Mann, aber daß er sich so dagegen wehrte, die Industrie nach Fellbach herein zu lassen, das wollte nicht allen gefallen. Gewiß, seine Bauern und Weingärtner standen hinter ihm, und auch im Handwerk, das die Industrie als Konkurrenz fürchten musste, wars manch einem so lieber. Dennoch hatte ihm heute einer seiner findigsten und gescheitesten Gemeinderäte Opposition gemacht. "Herr Schuitheiß.. .!" hatte er gesagt, .,so gohts et weiter... wenn Fellbach et zruck bleiba soll, muaß-mrs omgkaehrt macha.., no’ muaß Endustrie her... dia brengt Ärbet ens Dorf... ond Geld... ond Stuiera . .!" Und dann hatte er gesagt, daß man nicht bloß Fellbacher Kirchturmpolitik treiben dürfe (Schultheiß Friz hatte zu schlucken!), sondern weiter denken müsse. Sie hätten nun ein Reich. Das sei etwas anderes als das kleine Württemberger Ländle. Da gäbe es neue Märkte und neue Absatzgebiete, von denen man sich früher nicht hätte träumen lassen. Und dann hätte Deutschland seit dem Jahr 1884 seine eigenen Kolonien. Da würden ganz neue Geschäfte aufkommen und neue Handelsbeziehungen. Da käme Geld ins Land. Und aus dem Geld entstünden neue Maschinen und neue Industrien. Und wenn auch Bismarck anno 1890 entlassen worden sei... diese Entwicklung gehe weiter. Die halte kein Kaiser und kein König und erst recht kein Schultheiß von Fellbach auf (Schultheiß Friz hatte abermals zu schlucken!). Ob sich Fellbach etwa ausschließen wolle? Da lasse er sich Cannstatt gefallen, wo Gottlieb Daimler seine Automobile baue. Das habe Zukunft! Und wenn er Münster oder Unterürkheim ansehe, dann müsse er sagen: alle Achtung! Da würde gebaut, da ginge es vorwärts, weil Industrie da sei und Geld und Arbeit in den Ort bringe. "Onsere Wengerter ond onser Handwerk en Ehra" hatte er zum Schluß gesagt, ". . . aber i sags no-a-mol: Fellbach goht zruck... Fellbach holt dean Vorsprong vo de andre nemme uuf, wenns et dEndustrie en Flecka rei’laßt...!"

Schultheiß Friz, der solche Attacken vor allem im Wirtshaus nicht liebte, blieb beherrscht. Gewiß, er fühlte sich persönlich angegriffen, aber er entgegnete ruhig und sachlich, Fellbach sei ständig im Wachsen begriffen. Es zähle jetzt rund vier Tausend Einwohner, das seien immerhin achtzehn Prozent mehr als anno 1878, da er das Schultheißenamt übernommen habe. Der Wohlstand der Gemeinde sei gut, und erst die Zukunft werde erweisen, ob nicht solch stete Entwicklung gesünder sei als ein stürmisches Wachsen, bei dem man kein Ende absehe. Die natürliche Grundlage für Fellbachs Wohlstand sei Jahrhunderte lang sein Weinbau und sein Handwerk gewesen. Und das werde auch in Zukunft so bleiben. Er freue sich, daß Fellbach seinen alt eingesessenen Weingärtnerstand habe, der im ganzen Land angesehen sei, und einen Wein baue, der sich doch wohl trinken lasse, wie die Herren selber am besten wüßten. Dabei griff Schultheiß Friz nach seinem Glas und trank mit sichtlichem Behagen seinem Gesprächspartner zu.

Während dessen ging die Tür auf, und als ob er just in diesem Augenblick gerufen worden wäre, erschien der alte Jakob Volzer, ein Wengerter von echtem Schrot und Korn, der noch aus dem Jahrgang 1827 stammte. Es war der letzte Fellbacher, der noch täglich die gelbe Hose und die weißen Strümpfe zur weißen Schürze trug. Auf den Abend war er noch in das kurze, blaue Wams geschlupft, und hatte das schwarze „Schmerkäple" aufgesetzt, daß ihm die Trottel gar lustig über das Ohr hing. Den weißen Schurz hatte er, wie’s der Brauch war, an der einen Ecke hochgeschlagen. So setzte er sich mit einem kurzen Gruß an den Nebentisch, wo der Schuhmacher Stoll und der junge Küfer Pflüger schon längere Zeit dem Disput des Schultheißen zugehört hatten.

"Wolla dia Herra net a bißle zu ons rübersitza?" meinte da Schultheiß Friz, "s wird alle entressiera, was mir do besprecha" und dann griff er seine Gedanken wieder auf. Vom Weinbau habe er schon gesprochen, sagte er und blickte zum alten Volzer hinüber, da wüßten alle, was er für Fellbach bedeute. Was aber das Handwerk und das Gewerbe anlange, so sei er durchaus der Meinung, daß auch dafür etwas getan werden müsse. Er begrüße die Absicht, einen Gewerbeverein zu gründen, der es sich zur Aufgabe mache, das Fellbacher Gewerbe zu hegen und zu pflegen. Das sei wichtig und werde Fellbach nur zum Vorteil gereichen.

Damit waren alle einverstanden. Die einen, weil sie meinten, der Gewerbeverein werde schon den Kampf mit der Industrie aufnehmen, die andern, weil sie hofften, er werde die Möglichkeiten der Industrie erkennen und ihr endlich auch in Fellbach Zugang verschaffen. Immerhin, Schultheiß Friz hatte wieder einmal diplomatisch gesprochen, und der Verein war beschlossene Sache, wenn dahinter auch noch so verschiedene Absichten lauern mochten.

August Kögel hatte seiner Marie nachträglich recht gegeben und war auch noch in die Traube gekommen. Als er jedoch in die Wirtsstube trat, war die Diskussion schon zu Ende. Die Herren waren beim Aufbruch. Vor allem hatte es Schultheiß Friz eilig. Er habe noch einige Amtsgeschäfte zu erledigen, sagte er, und dann mache ihm sein Weinverkauf noch zu schaffen. August Kögel überlegte daher kurz, oh er nicht gleich wieder umkehren sollte. Da rief ihn der Küfer Pflüger zu sich:

"August, komm, do hock-de ...... woißt, i hao haet Geburtstag... do solls uuf a Viartele meh et a ‘komma." - August Kögel ließ sich nicht lumpen: "Ond I hao Haozichtag... no wurds jo grad reacht. .. do sotta-mr fast zsema feira..." Und der alte Volzer meinte: "Dees ist et lätz.. . zwoi August ond zwoe Aläß zom Trenka... do kommt onser Fellbächer zo Ehra..."

Und so kam es, daß an diesem 24. Februar des Jahres 1898 die paar Fellbacher Mannen noch lange in der Traube saßen und sich manch alte Geschichte erzahlten. "Woißt no, August," sprach der alte Volzer den jungen Pflüger an "wia-da anno zwoianeizg s Krottaweagle rei’komma bist...?" Oh, August Pflüger wußte das noch ganz genau. Damals war ihm, dem jungen Küfergesellen aus Bissingen, der alte Volzer begegnet. Ihn hatte er gefragt, ob’s in Fellbach nur Bäcker und Metzger gäbe, weil sie alle weiße Schürzen trugen. "Noa!" hatte ihn da der alte Volzer aufgeklärt, "Wengerter geits hia ... Wengerter grad gmuag... ond weil se älle saubre Kerle send... ond en lautra Wei’ macha... traga-se älle weiße Schüürz statt-m weißa ,Brusttuach’ ...!" Und dann hatte er ihn zum Küfer Elsässer geschickt. Der hatte ihn angenommen, und dort hatte er all die Jahre gearbeitet. August Pflüger drehte sich den Schnurrbart, daß er ihm schneidig zu Gesicht stand. "Jo, jetzt haon-e gaoh de längst Zeit beim Elsässer gschafft... r wearnds jo wissa." - Und selbstverständlich wußte man in Fellbach, daß sich der August Pflüger mit der Aichingers Lina versprochen hatte. Die war ein Gschwister Kind zum Johannes Kugler. Bei dem richtete er sich eine eigene Küferei ein. Und im Herbst wollten sie heiraten.

"Ists wohr", frug da August Kögel, "daß-r ens Ökonoma Hermann sei’ Haus nei’ziaha wöllet?" -  "Jo...! morom au et"? gab Pflüger ein wenig herausfordernd zurück. "Hano, mr saet halt..." zögerte Schuhmacher Stoll, der auch noch am Tisch saß - "do genget Goister om.. " Und dann setzte er wie zur Bekräftigung hinzu: "em Glaser-August sei’ Marie ka’ drvo verzähla.. ." Er hatte recht. Man munkelte allerhand von einem Geist, der in diesem Haus spukte. Manche hatten ihn schon gesehen: als Gockelhahn, der nächtlich unter dem kleinen Bühnenfenster saß, als Irrlicht, das durch die Räume ging, und als weißes Gespenst, das da und dort auftauchte. Andere hatten gehört, wie er nächtlich Klopfzeichen gab, über die Treppe polterte und Türen zuschlug. Nein, es war schon etwas daran. Dies Haus schien keinem ganz geheuer. Und doch, sollte man an all diesen Geisterspuk glauben? Man war zweiflerisch geworden, seit man sich erzählte, der Christian Ebinger vom Unterdorf habe in den Wiesen eines Nachts eine alte Stallaterne auf einen Felbenkopf gestellt und damit das ganze Dorf in Angst versetzt. Solche Schabernacke gab es auch. Aber das war Gott ‘versucht.

August Pflüger bewahrte Ruhe. Ihn kümmerte das Gerede nicht:

"I hao no vor koam Goist Angst gheet . . ." trumpfte er lachend auf - "et-e-mol vor-m Wei’-Goist... ond was dees Klopfa alangt... do nemm-e-s als Küafer mit jedem Goist uf.."

Dabei schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten und der Traubenwirt Off gar sorgsam herbeilief. "Nex für ogut, Traubawiirt", lachte da August Kögel, "dr Küafer nemmts mit de Goister uuf... seis no a Weile, no’ fangt-r gaoh s Tischnucka a' "

Alle lachten zusammen. Nun der alte Off meinte: "Leants liaber. . . i moan fast, a alter Lämmler tät onsre Jubilar besser." Dann ging er weg und holte noch einen Krug vom Besten, den er im Keller hatte, und setzte sich mit an den Tisch.

Da gingen die Reden hinüber und herüber. Sie sprachen vom Frühjahr, das so zeitig angebrochen war und auf einen guten Herbst hoffen ließ. Sie sprachen vom Eisgang auf dem See und natürlich auch von Schnaitmanns Heiner und Barthens Fritz, der so viel Schneid gehabt hatte. Und dann kamen sie auf den alten Kirchgraben zu sprechen, und auf das Jahr 1875, das ein gar schlimmes Maikäferjahr war. Damals hatten sie in Fellbach Tausende und aber Tausende von Maikäfern gefangen und, weil sie nicht mehr Herr darüber wurden, mit Wasser überbrüht und in den Kirchgraben geschüttet, der nachher zugeworfen und eingeebnet wurde. Das hatte ausgerechnet ihnen, den Fellbachern, passieren müssen, die man sowieso schon lange "Maikäfer" nannte. Der alte Volzer wußte darum Bescheid. Er erzählte, daß es die alten Waiblinger waren, die dieSen Spitznamen aufgebracht hatten. "Wenn dia dussa uf ihre Äcker ond Wiesa gwea send", berichtete er glaubhaft, "o hense liabott et gschafft... hen bloß noch Fellbach ommer gucket ond Maulaffa foil gheet... Do hen se ons Fellbächer en onsre geale Hosa ond raote Westa gseah... mit-m graoßa Dreispitz uuf-m Kopf... Mir send en onsre Wiesa ond Wengert dren gstanda... hen gschafft ond gwuuselet... ond dees hot vo dr Weite ausgseah grad, als ob do lauter graoße Mojakäfer krabbla tätet... Aber wohl gmerkt: mir hen gschafft, ond dia hen Maulaffa foil gheet. . Drom sotta mir d Woiblenger „Maulaffa" hoißa ... wenn-s-et schao lang d ,Säiukübel’ wäret ...! Ond dees ist au koa Ehranam!" Jakob Volzer hatte das so ruhig und trocken dahererzählt, daß alle laut auflachten. Er hatte mit den "Maulaffen" den Vogel abgeschossen, und am liebsten hätten sie darauf noch ein Gläschen getrunken, wenn nicht der Traubenwirt hätte abbieten müssen.

Draußen war es inzwischen Nacht geworden. Im See spiegelte sich der schmale Mond, und um den alten Kirchturm ging der Nachtwind, als Jakob Volzer den Riegel seiner Haustüre vorschob. August Pflüger war ins Unterdorf abgebogen. Nur der Glaser Kögel und der Schuhmacher Stoll hatten noch ein Stück gemeinsamen Wegs. Dann gingen auch sie auseinander.

Vom alten Kirchturm schlug es zwölf.


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