![]() |
zurück zum Inhaltsverzeichnis | ||
| Im Banne der
alten Wehrkirche anno 1747
|
|||
Johannes Bloß war ein beschaulicher Mann. Die Ellbogen breit auf die Brüstung gestützt, so stand er schon geraume Zeit auf der leicht gewölbten Brücke, die zum Osteingang der kleinen Wehrkirche führte, unter ihm glitten die hellen Sommerwolken über die blanke Fläche des Wassergrabens. Das sonst meist trübe Grau schien an diesem späten Augustabend von einem azurnen Blau übertüncht, im letzten Schrägstrahl der untergehenden Sonne tanzten Mücken ihren seltsamen Reigen, und in den sinkenden Abend summte eine Libelle ihr perlmuttern Lied.
Es waren mancherlei Gedanken, die dem jungen Bloß durch den Kopf gingen. Wie die Wolken auf der Wasserfläche, so hatten auch sie ihre lichte und ihre düstere Seite. Wie jene, so zogen auch sie unaufhaltsam und unergründlich über den Spiegel seines sinnierlichen Gemüts. Sie hatten etwas Versonnenes, das in diese stille Abendstunde paßte, und doch lag auch ein erfrischend kühler, nach Entschluß und Entscheidung drängender Hauch über ihnen.
Eine
Lockensträhne hing über die fahle Stirn des knochigen Gesichts. Sorge und
Arbeit hatten es tief gefurcht. Konnte das anders sein? Johannes Bloßens kärgliches
Leben hatte nur selten Sonnentage gesehen. Der 10. November 1741 war einer
dieser wenigen Höhepunkte gewesen. Damals hatte er die Burkhardtin heimgeführt,
und seine Regina war nicht nur ein stattliches, sauberes Weib, um das ihn
mancher beneiden mochte. Sie war auch tüchtig und flink im Haushalt, wußte zu
wirtschaften und zu sparen und wollte mit ihm, daß sie vorwärts
kämen. Nun waren sie schon fast drei Jahre kopuliert. Im Frühjahr, man schrieb
den 18. Februar 1747, hatte sie ihm ein Knäblein geschenkt, das sie Johannes
Philipp taufen ließen. Es war ein kräftiger, gesunder Bub, der mit wahrer Lust
an seinem kleinen, dicken Fäustchen lutschte und aus Herzenskräften schrie,
wenn Regina ihn einmal nicht rechtzeitig an die Brust legen konnte. Dann war er
mit vollem Appetit dabei, trank und schmatzte, bis er mit prallem Bäuchlein
vornüber fiel und in erquickendem Schlaf Erholung von der Anstrengung suchte.
Was hatte Johannes Bloß ansonsten von seinem Leben gehabt? Er war jetzt einunddreißig Jahre alt. Das Glaserhandwerk des Vaters hatte noch nie einen goldenen Boden besessen. Da galt es gelegentlich, in eine Stallaterne eine neue Scheibe einzusetzen, und ein ander Mal war ein zersplittertes Fenster zu reparieren, das ein paar Lausbuben in nächtlichem Fürwitz eingeworfen hatten. Man hätte sie dafür loben mögen, so dürftig kamen die Aufträge der Fellbacher Bürger und Weingärtner, die unter den Wirren und Drangsalen der Zeit schwer gelitten hatten und sich darum jeden Kreuzer dreimal beguckten, ehe sie ihn ausgaben. Sie flickten ihre kaputten Fensterscheiben lieber selber mit Kitt und altem Leinenzeug zusammen, als daß sie in die kleine Glaserei oberhalb des Rathauses gegangen wären und den alten Bloß hätten etwas verdienen lassen.
Ja, es waren harte
Zeiten, die ganze Kerle erforderten, wenn sich einer durchsetzen wollte.
Johannes Bloß richtete sich auf und strich sich die dunkle Locke aus der Stirn,
als ob er damit die düsteren Gedanken verscheuchen und seiner beschaulichen Träumerei
ein Ende setzen wollte. Da stand die mächtige Wehrmauer mit den runden Ecktürmen
vor ihm. Ihre dunkle Silhouette hob sich von dem Abendhimmel wie ein mahnendes
Wahrzeichen ab. Die kleinen Schießscharten, die ihr ringsum eingefügt waren,
sahen trutzig und drohend in den dämmernden Abend. über die Sonnenuhr war längst
der letzte Strahl gehuscht, und in der traubenschweren Kamerz hing die Wärme
des verglommenen Tags.
Es war eine stattliche
Wand, diese Südmauer der kleinen Wehranlage. Sie hatte schon schwere Zeiten überstanden.
Anno 1519 war sie sogar von den Bündischen zerstört worden. Aber dann hatten
sie die Fellbacher wieder aufgebaut, und seitdem war sie heil geblieben. — Wie
vor Jahrhunderten umgab die Wehr auch jetzt die kleine Dorfkirche, die sich
inmitten des trutzigen Vierecks wohl geborgen fühlte und dem Dorf gen
Nordwesten sicheren Schirm und Schutz vor allen Feinden bot.
Johannes
Bloß ging bedächtigen Schritts über die Brücke auf die Wehrmauer zu. Ihr
Torbogen stand offen. Das Wappen mit den Hirschhörnern darüber gab ihm etwas
Repräsentatives, und die Jahreszahl 1423, die daneben in Stein gehauen war,
schien von längst vergessener Not und manchem Streit umwittert. — Drinnen lag
der geräumige Kirchhof. Zwischen vier runden Ecktürmen lief der alte Wehrgang.
Auf seine Ostseite fiel noch die letzte Abendsonne und geisterte dort in dem
dunklen Balkenwerk. Der langgezogene Schatten des Kirchturms mit dem Satteldach
und den gotischen Fialen an den beiden Giebeln kletterte gespensterhaft darüber
weg, als ob er sich im Wassergraben draußen das sommerlich erhitzte Haupt kühlen
wollte.
Es
war eine wohltuende Ruhe, die Johannes Bloß hier empfand. Nun waren schon
vierzehn Jahre vergangen, seit das kleine, viel zu enge Kirchenschiff erweitert
worden war. Vater Christoph hatte damals die Fenster für den neuen Bau zu
liefern. Das war einer jener wenigen größeren Aufträge gewesen, die ihm
Freude machten, und Johannes hatte damals schon die Scheiben zuschneiden und dem
Vater beim Einkitten zureichen dürfen. Das waren schöne Wochen gewesen. Vater
Christoph hatte noch beste Laune gehabt. Er hatte all Abend sein Viertel
Fellbacher Bergwein getrunken, das ihm von jeher mundete und hatte sich das
leisten können, weil er diese Kirchenfenster in Auftrag hatte und daran gut
verdiente.
Was
hatte sich seitdem nicht alles ereignet! Herzog Karl Alexander hatte durch den
Juden Süß das Land ausgesogen und drangsaliert. Die braven Schwaben hatten
schuften und schaffen können: das Getreide gedieh, der Wein floß, und das
Gewerbe regte sich landauf und landab. Aber der Herzog und sein jüdischer
Finanzendirektor hatten aus dem Volk den letzten Gulden gepreßt. Das hatte gestöhnt,
geknurrt und die Fäuste geballt.
Aber nur insgeheim! Denn eine offene Revolte hätte es nicht wagen dürfen, so
hatten es die Schergen des Herzogs überall bedroht.
Auch
in Fellbach hatten sie das zu spüren bekommen, als Karl Alexander anno
1736 dem toten Schultheißen Thomas Kugler den Prozeß machte und den zeitlebens
unbescholtenen Mann noch im Tode
unehrliche Handlungen zieh. Und was war das für ein Mann gewesen! Noch ein Jahr
zuvor, anno 1735, hatten er und sein Weib, die Margaretha Kuglerin, das
Armenhaus in der Bettelgasse gestiftet. Beide hatten sich immer freigebig und
großmütig gezeigt. Aber das hatte alles nichts genutzt. Da hätten noch so
viel Zeugen für die Kugler’schen Erben auftreten dürfen — ihre Sache war
verloren, weil es in diesem Prozeß nicht um Recht oder Unrecht, sondern allein
um die leeren Schatullen und leeren Keller des Herzogs und seines
Finanzendirektors ging. Dennoch hatte der Sohn, Johann Georg Kugler, schon
wenige Monate darnach, anno 1738, das stattliche Wohnhaus in der Vordergasse
erbaut, als ob er damit noch nachträglich dem Herzog und seinem Günstling öffentlich
Trotz bieten wollte! Kaum war jedoch diese Geißel vom Lande genommen - in der
Wolframshalde war noch der zehn Meter hohe Galgen zu sehen, an dem der Jud Süß
elendiglich gehenkt worden war, da hatte der österreichische Erbfolgekrieg neue
Unruhen und Drangsale über das Land gebracht. Anno 1741 waren es die Franzosen,
anno 1743 und 1744 die Oesterreicher gewesen, die die nähere Umgebung plündernd
durchzogen, und am 31. August 1744 hatte es Fellbach selber dulden müssen, daß
hier Karl von Lothringen sein Quartier aufschlug.
Wahrlich,
es waren keine ruhigen Jahre, in die Johannes Bloß und sein Vater hineingeboren
waren. Hunger und Not, Teuerung und Pestilenz schienen das Jahrhundert zu
beherrschen. Das zehrte an den Menschen und war auch an Vater Christoph nicht
spurlos vorübergegangen. Gewiß, er war schon immer ein Feuerkopf gewesen und
hatte seinen eigenen Willen gehabt, den er allen besseren Ratschlägen zum Trotz
durchzusetzen wußte. Auch Barbara, sein Weib, hatte gar oft und gar viel
darunter zu leiden gehabt. Wenn er abends nach Hause kam und ein Glas über den
Durst getrunken hatte, war er nicht gerade sanft mit ihr umgegangen. Da hatte es
meist harte Worte und wilde Flüche gegeben, bis er sich wieder beruhigt und im
warmen Strohsack den befreienden Schlaf gefunden hatte.
Seit
jedoch die vielgeprüfte Mutter im Dezember 1743 gestorben war, hatte Vater
Christoph jeden Halt verloren. Er haderte, mit Gott und der Welt, war mürrisch
und schlechter Laune, und nichts konnte ihm recht gemacht werden. Johannes Bloß
war darum gleich im Jahre darauf vom Vater weggezogen, hatte Regina geheiratet
und mit ihr draußen in der Burgstraße einen eigenen Hausstand gegründet. Er hätte
es länger um den Vater nicht ausgehalten.
Er
war gewiß kein undankbarer Sohn und hatte das vierte Gebot immer ernst
genommen. Seine Mutter hätte das bestätigen können. Aber konnte man einen
Vater ehren, den sein Starrsinn immer mehr vom rechten Weg abführte, der mit
allen und jedem Händel anfing und zu guter Letzt nur noch in jener Kirche ging,
wo die Gesangbücher Henkel und die Lieder rauhe und unchristliche Verse hatten?
- Ja, es war mit Vater Christoph gar weit gekommen, seit die Mutter fehlte. In
der Werkstatt war er kaum anzutreffen, und die wenigen Kunden, die noch dann und
wann Arbeit brachten, beschimpfte er mit unflätigen Worten, so daß sie lieber
zu einem anderen Glaser überfeld gingen, als bei ihm ein zweites Mal
vorzusprechen. Das wenige Geld aber, das sich die Mutter einst am eigenen Mund
abgespart hatte, war längst ins Wirtshaus getragen. Nun machte er Schulden,
immer mehr Schulden, die er kaum zurückbezahlen konnte.
Johannes
Bloß wußte, daß es so nicht weitergehen konnte. Der Vater ruinierte nicht nur
sich selbst — auch ihn, den Johannes Bloß, und seine Familie zog er ins
Unheil, wenn nicht bald radikaler Wandel geschaffen wurde. Er hatte den Vater
darum heute zur Rede gestellt, hatte es mit Güte und allen Vernunftsgründen
getan, die ihm zu Gebote standen, ja er hatte sogar vorgeschlagen, die Werkstatt
allein zu über nehmen, er wolle schuften und schaffen und dem Vater regelmäßig
so viel Gulden in die Hand geben, daß sein Alter gesichert sei, wenn er nur
aufhören wolle, Schulden zu machen. Es war umsonst gewesen! Er
hatte an die Mutter, selig
erinnert,
die immer Ordnung bewahrt und das Geld zusammen gehalten habe. Auch das hatte
nicnts genutzt. Im Gegenteil, er hatte bemerkt, daß der Alte nur störrischer
und starrsinniger wurde, wenn er von der Mutter sprach. - Johannes Bloß hatte
darum zum Schluß noch auf all die Leute verwiesen, die guten Nachbarn und
Anverwandten, bei denen der Vater längst alles Ansehen eingebüßt habe. Sie würden
schon Spottverse auf ihn dichten, hatte er gesagt, und bald werde es soweit
sein, daß ihm kein einziger Fellbacher Bürger auch nur einen Kreuzer pumpe. Da
war der Alte aufgesprungen, hatte mit dem Stecheisen auf die Werkbank
eingeschlagen und gedroht: Das wolle er erst einmal sehen! Immer noch sei er der
Herr in Haus und Werkstatt, und wenn der Sohn nicht tue, wie er wolle, so
werde er ihm zeigen, wo Barthel den Most holt. Dann hatte er polternd und
schimpfend die Werkstatt verlassen, hatte die Tür hinter sich zugeschlagen, daß
sie in den Angeln ächzte, und war seitdem nicht wiedergekehrt. Nun mochte er in
irgend einer Wirtsstube sitzen. mochte dort mit seinen Kumpanen krakeelen und
sich groß tun, wie er’s heute wieder einmal seinem Johannes besorgt habe.
Das
war heute nachmittag gewesen, und Johannes Bloß war weiter bei der Arbeit
geblieben. Aber während er seine Scheiben zuschnitt und die Fenster verkittete,
hatten ihn seltsam schwere Gedanken beschäftigt. Gewiß, er hatte sie heute
nicht zum ersten Mal gedacht. Beileibe nicht! Sie verfolgten ihn schon seit
Wochen und Monaten. Aber er hatte noch mit keinem darüber gesprochen, nicht mit
dem Vater und nicht mit Regina. Er hatte sie ganz für sich behalten. Nur der
fromme und achtbare Pfarrer Brastberger aus Obereßlingen wußte darum. Der kam
jetzt schon das zweite Jahr nach Fellbach und hielt hier mit einem Kreis
aufrechter, gottesfürchtiger Bürger und Bürgerinnen seine pietistischen
Andachten. Sein Wort galt etwas in der Gemeinde. Er war fromm und gottesgelehrt
und hatte das rechte Verständnis für die Sorgen und Nöte des einfachen
Mannes. Ihm hatte sich Johannes Bloß anvertraut. ihm hatte er gesagt, daß er
am liebsten vom Vater weggehen und eine eigene Glaserei begründen möchte, aber
da frage er sich dann alle
Male,
ob es recht sei, diesen Vater zu verlassen - und was die Mutter, selig, dazu
sagen würde.
Pfarrer
Brastberger hatte sich damals erboten, selbst mit dem Vater zu reden. Aber
besser als gute Worte, denen sich sein verstocktes Herz wohl doch erschließe,
sei das gute Werk. Johannes Bloß möge es noch einmal versuchen, den Vater
durch Güte und tätige Sohnesliebe auf den rechten Weg zurückzuführen. Wenn
das nicht gelinge, dann möge er sich getrost von ihm trennen. Vielleicht sei
dies im unerforschlichen Ratschluß Gottes vorgesehen. Seine Wege seien oft
wunderbar und führten es herrlich hinaus.
Nun
war es soweit. Johannes Bloß hatte sich wahrlich alle Mühe um den Vater
gegeben. Er war nie hitzig, nie unduldsam gewesen. Er hatte ihn zu verstehen
gesucht, hatte für ihn gesorgt und gearbeitet und hatte gehofft, ihn damit zu
gewinnen. Zeitweilig hatte es auch so ausgesehen. Aber dann war der Vater plötzlich
wieder starrköpfig geworden, hatte sich tagelang kaum gezeigt, und heute war es
nun endgültig zu Tage getreten, daß alles umsonst gewesen war, daß dieser
Mann keine Umkehr wollte, daß er blind und verstockt blieb. Johannes Bloß tat
der Vater leid. Schon einmal war ihm ein Sohn weggelaufen und in die Fremde
gegangen, weil er sich mit dem Vater nicht vertrug. Sie hatten seit Jahren
nichts von ihm gehört. Und nun war er selbst entschlossen, einen ähnlichen
Schritt zu tun.
Noch
heute abend wollte er Regina alles sagen. Sie sollte wissen, wie er sich seine
eigene Werkstatt einrichten und gemeinsam mit ihr vorwärts kommen wollte. Ihm
war nicht angst. Er würde von den Fellbachern soviel Arbeit kriegen, daß
Regina mit dem Kind zu leben hatte. - Und wie gerne wollte er bis in die Nacht
hinein arbeiten, wenn ‘s für sie und den kleinen Philipp war. Da wußte er,
daß gespart wurde und in allein Ordnung herrschte wie einst bei der Mutter,
selig.
Hinter
der Wehrmauer im Westen war längst die Sonne versunken. An dem blau dämmernden
Augusthimmel zitterte schon der fahle Glanz der ersten Sterne, als Johannes Bloß
wieder aus der trutzigen Mauer trat und freien, zuversichtlichen Schritts über
die schmale Brücke kam. In der Abgeschiedenheit und Ruhe der kleinen Dorfkirche
war ihm vollends das Letzte klar geworden. Man sah es ihm an: der Entschluß,
den er so oft verzögert hatte, war ausgereift. Schon morgen wollte er sein
selbständig Handwerk nach Recht und Ordnung melden.
Es war ein kleiner, bescheidener Anfang, den Johannes Bloß damit anno 1747 machte. Aber dahinter steckte Mut und Fleiß, Tatkraft und Zuversicht und jener solide schwäbische Handwerkergeist, der sich immer und überall durchsetzt.