Man war früher im Gotteshaus nicht gleichberechtigt, aber man wußte nichts anderes: die Reichen vorn, die Armen hinten und die Beamtenfrauen hinter Gittern. (Die Reichen mußten mehr zahlen, mußten dafür aber auch vorne sitzen und konnte deshalb nicht wie die Armen weit hinten, ab und zu ein Nickerchen machen. Die Lehrers- und Beamtenfrauen und zum Teil auch die besseren Handwerkerfrauen, trugen auf den Hochfrisuren ihre neusten Hüte zur Schau, während die Frauen der Weingärtner in langen Zöpfen, mit Bändern durchflochten, daherkamen. Die weiblichen Angehörigen der evangelischen (pietistischen) Gemeinschaften dagegen trugen ihr Haar lose in einem Haarnetz nach den Ermahnungen des Apostels Paulus an Timotheus (siehe 1. Tim 2,9).
Bei den Männern war die Rang-
und Sitzordnung folgendermaßen: Auf der untersten
Empore
der Westseite in der vordersten Reihe als erster der Herr Notar, zweitens
(vor den Säulen) Schultheiß Fritz, anschließend
daran die ersten Gemeinderäte: Herren Pfander (als Herren wurden die
Gemeinderäte betitelt), Paulus Bürkle, Seemüller,
Kugler
usw. Dahinter die Kirchengemeinderäte und der Bürgerausschuß.
Links davon die Soldatenstühle. Im Kauer mit dem Eingang durchs Glockenstüble
plazierten sich die alten Männer, während die ledigen Burschen
auf der zweiten Empore unter der Aufsicht vom blauen Hess und später
von Maurer Weller ihr Wesen bzw. Unwesen trieben. Unter der Orgel
mußten die Kinder bis zur Konfirmation Platz nehmen. Die Buben links
unter der Aufsicht des braven Lehrers und Stundenmannes Schmidt
mit seinen altmodischen Polkalocken, während rechts die Mädels
vom Pfarrstuhl aus beaufsichtigt werden konnten. Auf der "Orgel" saßen
die Handwerksleute und Lehrer. Die markanteste bzw. lauteste Persönlichkeit
war hier der Lehrer Roller. Dieser frühere Vorsänger der
kleinen Landgemeinde konnte es auch hier nicht lassen, immer einen Takt
voraus, jeweils die erste Strophe eines Verses des Kirchenliedes zu schmettern,
um so dann bis zur nächsten in Stillschweigen zu verfallen. Da war
auch der pensionierte Lehrer Kling, der, weil fortgesetzt zu spätkommend,
sich durch grüßendes Guten-Morgen-Schwenken seines vorgestreckten
Zylinderhutes eine Gasse bahnt bis zu seinem Stammplatz an der kleinen
Orgel, wie weiland Winkelried in der Schlacht bei Sempach. Der Kanzel zu
in der vordersten Reihe hat sich die Kirchenmusik postiert. Ehrbare Bürger,
gute Genießer, die auch vom Turm blasen: Weingärtner Stapf
mit der Posaune, Wilhelm, der Schreiner Neef mit dem Bombardon,
Paul
Neef alias Paul-Vetter und sein Bruder, der Baron, mit Piston und Waidhorn,
sowie Balier (Polier) Gräber. Als einer der letzten wuchtet
Oberlehrer Eppinger mit hochrotem Kopf und sich sträubendem
Schnurrbart die Treppe zu seiner Orgel hinauf, und zwar anschließend
an eine überlaute Auseinandersetzung mit seiner mund- und schlagfertigen
Gattin. Die Metzelsuppe bei Flaschner Mergenthaler brauchte sich
ihrer Meinung nach nicht bis vier Uhr morgens hinauszuziehen. Eppinger
gibt dem alten Orgeltreter (für den Blasebalg) Nagelschmid Schnaitmann
ein Zeichen, der springt’s Leiterle hinauf und führt mit den Tretbügeln
talabwärts, eine Bachsche Fuge rauscht auf, das leise Gemurmel der
Gemeinde übertönend: der Gottesdienst kann seinen Anfang nehmen.
Schon vor dem Kirchenläuten setzen sie sich in Bewegung: die Verheirateten
im schwarzen Kirchenrock und Zylinder, einige ganz alte noch in gelben
Lederhosen, Schnallenschuhen, langer blauer Kirchenrock und Dreispitz.
Schade, daß diese Tracht hier ganz abgekommen ist. Der repräsentative
Dreispitz wurde beim Kirchgang und bei Beerdigungen mit der Breitseite
nach vorn, dem Spitz nach hinten, getragen. Nur bei Hochzeiten wies er
nach vorne. Die Kirche füllt sich, und nur Kranke und wer kochen muß,
bleibt zu Hause, denn das Essen wird anschließend an den Kirchgang
eingenommen. Das Präludium ist verklungen, und der Organist leitet
behutsam auf die damals noch reichlich verschnörkelte Melodie des
aufgesteckten Kirchenliedes über; Stapf und Genossen heben
ihre Instrumente hoch: das Lied steigt, begleitet von der Orgel, dem Bläserkorps,
der Gemeinde und dem alles übertönenden Bariton des Vorsängers
Roller.
Gegen Schluß des dritten Verses erhebt sich die Gemeinde, denn Pfarrer
Hönes
steigt etwas asthmatisch, jedoch würdig und mit in sich gekehrtem
Blick, das Predigtbuch unter dem Arm, die Kanzeltreppe hinauf. Stehend
singt die Gemeinde zu Ende, Stapf und Genossen senken die Instrumente,
Eppinger
läßt’s leise ausklingen, schon deswegen, weil Jakob das Orgeltreten
bereits eingestellt hat und die Luft nicht mehr reichen will. Erst nach
dem Eingangsgebet und dem Verlesen des vorgeschriebenen Predigttextes fällt
die allseits willkommene Bemerkung von den bartlosen Pfarrerslippen: "Eure
Lieben wollen sich niederlassen." Die dreiviertelstündige Predigt
konnte beginnen. Ich weiß nicht, ob die Erwachsenen damals der dreiteiligen
Predigt, die von Hönes übrigens abgelesen wurde, folgen
konnten. Es sah kaum danach aus, denn von den streng arbeitenden Weingärtnern
kämpfte mancher mit dem Schlaf. Wir Buben konnten es mit dem besten
Willen nicht, hatten auch wenig Lust dazu, weil der Austausch von Abzugsbildern
und Indianerbüchlein und das Schielen nach den aufgeweckten Mädchen
unsere Aufmerksamkeit mehr in Anspruch nahm als des alten Predigers langatmige
Tiraden. Ja, wenn sein Stellvertreter, Pfarrverweser Elsenhans,
auf der Kanzel oder am Altar stand, da paßten wir gerne und willig
auf. Wenn Hönes nur nicht so höllisch scharf auf das Leitmotiv
seiner Sonntagspredigt gewesen wäre, das er am Montagmorgen in der
Schule von uns wissen wollte. Wir schlugen das Kreuz, wenn er kam, und
Eppinger
unseren Hintern, wenn der gute Pfarrer ohne sein geliebtes Leitmotiv die
Schule verlassen mußte, obwohl der Herr Oberlehrer froh war, daß
man ihn selbst nicht danach fragte. Da, mitten hinein in die Predigt, verkündet
die Kirchenuhr die 10. Stunde. Es ist das allgemeine Zeichen, die Taschenuhr
aufzuziehen. Der Uhrenschlüssel, der an der Uhrenkette hängt,
wird abgemacht, die Uhr aufgezogen und gestellt. So, jetzt kommt der Prediger
wieder zu seinem Recht. Die Predigt des dritten Jahrgangs neigt sich seinem
Ende zu, die ganze Gemeinde, vor allem wir Kinder, sehnen das er1ösende
Amen herbei. Das "Amen" fällt. Im Anschluß an die Predigt die
Bekanntmachungen, Taufen, Aufgebote, Todesfälle, kirchliche Veranstaltungen
usw. Die Gemeinde ist wieder ganz Ohr. Jetzt noch das Vaterunser und der
Segen. Der Pfarrer verläßt die Kanzel, während gleichzeitig
auch die sogenannten Krautschmälzerinnen verschwinden. Es sind dies
Dienstmädchen und Hausfrauen, die bis zum Eintreffen der übrigen
Familienmitglieder das Sonntagessen, in der Hauptsache das Sauerkraut,
gargekocht haben müssen. Eppinger hat inzwischen sein Nickerchen beendet
und zieht noch etwas benommen die Register; der alte Nagelschmid tritt
die Orgel, die Blechtrompeter blähen die Backen, und wenn nach dem
Schlußgesang die stille Vaterunser-Pause vorüber ist, strömen
gleichzeitig aus allen sechs Türen die Kirchenbesucher den heimischen
Penaten, dem Sonntagessen zu.