Ein Gottesdienst in der Lutherkirche um 1900

Von Karl Schnaitmann

Man war früher im Gotteshaus nicht gleichberechtigt, aber man wußte nichts anderes: die Reichen vorn, die Armen hinten und die Beamtenfrauen hinter Gittern. (Die Reichen mußten mehr zahlen, mußten dafür aber auch vorne sitzen und konnte deshalb nicht wie die Armen weit hinten, ab und zu ein Nickerchen machen. Die Lehrers- und Beamtenfrauen und zum Teil auch die besseren Handwerkerfrauen, trugen auf den Hochfrisuren ihre neusten Hüte zur Schau, während die Frauen der Weingärtner in langen Zöpfen, mit Bändern durchflochten, daherkamen. Die weiblichen Angehörigen der evangelischen (pietistischen) Gemeinschaften dagegen trugen ihr Haar lose in einem Haarnetz nach den Ermahnungen des Apostels Paulus an Timotheus (siehe 1. Tim 2,9).  

Bei den Männern war die Rang- und Sitzordnung folgendermaßen: Auf der untersten Empore der Westseite in der vordersten Reihe als erster der Herr Notar, zweitens (vor den Säulen) Schultheiß Fritz, anschließend daran die ersten Gemeinderäte: Herren Pfander (als Herren wurden die Gemeinderäte betitelt), Paulus Bürkle, Seemüller, Kugler usw. Dahinter die Kirchengemeinderäte und der Bürgerausschuß. Links davon die Soldatenstühle. Im Kauer mit dem Eingang durchs Glockenstüble plazierten sich die alten Männer, während die ledigen Burschen auf der zweiten Empore unter der Aufsicht vom blauen Hess und später von Maurer Weller ihr Wesen bzw. Unwesen trieben. Unter der Orgel mußten die Kinder bis zur Konfirmation Platz nehmen. Die Buben links unter der Aufsicht des braven Lehrers und Stundenmannes Schmidt mit seinen altmodischen Polkalocken, während rechts die Mädels vom Pfarrstuhl aus beaufsichtigt werden konnten. Auf der "Orgel" saßen die Handwerksleute und Lehrer. Die markanteste bzw. lauteste Persönlichkeit war hier der Lehrer Roller. Dieser frühere Vorsänger der kleinen Landgemeinde konnte es auch hier nicht lassen, immer einen Takt voraus, jeweils die erste Strophe eines Verses des Kirchenliedes zu schmettern, um so dann bis zur nächsten in Stillschweigen zu verfallen. Da war auch der pensionierte Lehrer Kling, der, weil fortgesetzt zu spätkommend, sich durch grüßendes Guten-Morgen-Schwenken seines vorgestreckten Zylinderhutes eine Gasse bahnt bis zu seinem Stammplatz an der kleinen Orgel, wie weiland Winkelried in der Schlacht bei Sempach. Der Kanzel zu in der vordersten Reihe hat sich die Kirchenmusik postiert. Ehrbare Bürger, gute Genießer, die auch vom Turm blasen: Weingärtner Stapf mit der Posaune, Wilhelm, der Schreiner Neef mit dem Bombardon, Paul Neef alias Paul-Vetter und sein Bruder, der Baron, mit Piston und Waidhorn, sowie Balier (Polier) Gräber. Als einer der letzten wuchtet Oberlehrer Eppinger mit hochrotem Kopf und sich sträubendem Schnurrbart die Treppe zu seiner Orgel hinauf, und zwar anschließend an eine überlaute Auseinandersetzung mit seiner mund- und schlagfertigen Gattin. Die Metzelsuppe bei Flaschner Mergenthaler brauchte sich ihrer Meinung nach nicht bis vier Uhr morgens hinauszuziehen. Eppinger gibt dem alten Orgeltreter (für den Blasebalg) Nagelschmid Schnaitmann ein Zeichen, der springt’s Leiterle hinauf und führt mit den Tretbügeln talabwärts, eine Bachsche Fuge rauscht auf, das leise Gemurmel der Gemeinde übertönend: der Gottesdienst kann seinen Anfang nehmen. Schon vor dem Kirchenläuten setzen sie sich in Bewegung: die Verheirateten im schwarzen Kirchenrock und Zylinder, einige ganz alte noch in gelben Lederhosen, Schnallenschuhen, langer blauer Kirchenrock und Dreispitz. Schade, daß diese Tracht hier ganz abgekommen ist. Der repräsentative Dreispitz wurde beim Kirchgang und bei Beerdigungen mit der Breitseite nach vorn, dem Spitz nach hinten, getragen. Nur bei Hochzeiten wies er nach vorne. Die Kirche füllt sich, und nur Kranke und wer kochen muß, bleibt zu Hause, denn das Essen wird anschließend an den Kirchgang eingenommen. Das Präludium ist verklungen, und der Organist leitet behutsam auf die damals noch reichlich verschnörkelte Melodie des aufgesteckten Kirchenliedes über; Stapf und Genossen heben ihre Instrumente hoch: das Lied steigt, begleitet von der Orgel, dem Bläserkorps, der Gemeinde und dem alles übertönenden Bariton des Vorsängers Roller. Gegen Schluß des dritten Verses erhebt sich die Gemeinde, denn Pfarrer Hönes steigt etwas asthmatisch, jedoch würdig und mit in sich gekehrtem Blick, das Predigtbuch unter dem Arm, die Kanzeltreppe hinauf. Stehend singt die Gemeinde zu Ende, Stapf und Genossen senken die Instrumente, Eppinger läßt’s leise ausklingen, schon deswegen, weil Jakob das Orgeltreten bereits eingestellt hat und die Luft nicht mehr reichen will. Erst nach dem Eingangsgebet und dem Verlesen des vorgeschriebenen Predigttextes fällt die allseits willkommene Bemerkung von den bartlosen Pfarrerslippen: "Eure Lieben wollen sich niederlassen." Die dreiviertelstündige Predigt konnte beginnen. Ich weiß nicht, ob die Erwachsenen damals der dreiteiligen Predigt, die von Hönes übrigens abgelesen wurde, folgen konnten. Es sah kaum danach aus, denn von den streng arbeitenden Weingärtnern kämpfte mancher mit dem Schlaf. Wir Buben konnten es mit dem besten Willen nicht, hatten auch wenig Lust dazu, weil der Austausch von Abzugsbildern und Indianerbüchlein und das Schielen nach den aufgeweckten Mädchen unsere Aufmerksamkeit mehr in Anspruch nahm als des alten Predigers langatmige Tiraden. Ja, wenn sein Stellvertreter, Pfarrverweser Elsenhans, auf der Kanzel oder am Altar stand, da paßten wir gerne und willig auf. Wenn Hönes nur nicht so höllisch scharf auf das Leitmotiv seiner Sonntagspredigt gewesen wäre, das er am Montagmorgen in der Schule von uns wissen wollte. Wir schlugen das Kreuz, wenn er kam, und Eppinger unseren Hintern, wenn der gute Pfarrer ohne sein geliebtes Leitmotiv die Schule verlassen mußte, obwohl der Herr Oberlehrer froh war, daß man ihn selbst nicht danach fragte. Da, mitten hinein in die Predigt, verkündet die Kirchenuhr die 10. Stunde. Es ist das allgemeine Zeichen, die Taschenuhr aufzuziehen. Der Uhrenschlüssel, der an der Uhrenkette hängt, wird abgemacht, die Uhr aufgezogen und gestellt. So, jetzt kommt der Prediger wieder zu seinem Recht. Die Predigt des dritten Jahrgangs neigt sich seinem Ende zu, die ganze Gemeinde, vor allem wir Kinder, sehnen das er1ösende Amen herbei. Das "Amen" fällt. Im Anschluß an die Predigt die Bekanntmachungen, Taufen, Aufgebote, Todesfälle, kirchliche Veranstaltungen usw. Die Gemeinde ist wieder ganz Ohr. Jetzt noch das Vaterunser und der Segen. Der Pfarrer verläßt die Kanzel, während gleichzeitig auch die sogenannten Krautschmälzerinnen verschwinden. Es sind dies Dienstmädchen und Hausfrauen, die bis zum Eintreffen der übrigen Familienmitglieder das Sonntagessen, in der Hauptsache das Sauerkraut, gargekocht haben müssen. Eppinger hat inzwischen sein Nickerchen beendet und zieht noch etwas benommen die Register; der alte Nagelschmid tritt die Orgel, die Blechtrompeter blähen die Backen, und wenn nach dem Schlußgesang die stille Vaterunser-Pause vorüber ist, strömen gleichzeitig aus allen sechs Türen die Kirchenbesucher den heimischen Penaten, dem Sonntagessen zu.



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