117 Jahre lang unterrichten die Auberlens Fellbacher Schüler


Drei tatkräftige Männer aus dem Geschlecht Auberlen wirkten von 1756 bis 1873 als Schulmeister und Kantoren in Fellbach, leisteten ihren Beitrag, um das Schulwesen auf einen hohen Stand zu bringen und beeinflußten Jugend und Gemeinde in entscheidender Weise. Die Auberlen bildeten eine weit verzweigte berufsverwandte Sippe, deren Persönlichkeiten weit über Fellbach hinauswirkten.

Das Schulhaus, zur Zeit der Gebrüder Auberlen.


Schon 1525 ist Baltas Auberlen im Kirchenregister verzeichnet als Bauer und Weingärtner. Baltas Auberlen II, 1558 bis 1615, führte seinen eheligen Hausstand mit Agnes, geb. Bauer. Sein Sohn Hans war mit Dorothee Belkolin aus Öffingen verheiratet. Dessen Sohn Balthasar III (1639-1684) war Gemeinderat. Hans Georg Auberlen (1675-1753) wurde Schneider und war mit Katharina Lipp verheiratet, deren Großvater 1635 in Fellbach Schulmeister war. Joh. Georg Auberlen, geb. 1701 und Joh. Friedrich, geb. 1717 wurden Schulmeister.

Der Sohn des Joh. Georg 

I. Georg Daniel Auberlen (geb. 15. 8. 1728) erhielt mit seinem Bruder beim Vater eine gründliche Lehre. Dann kam er nach Markgröningen als Mägdleinlehrer.
1756 wählte ihn Fellbach als Schulmeister. Schon 1763 schreibt Pfarrer Müller „Auberlen hat feine Schulgaben und lebt mit den Seinigen unklagbar. Er richtet sich nach der Schulordnung, hält gute Zucht und als Mesner die Kirche reinlich, er geht dem Rat an die Seite." Auch der Magistrat lobt ihn. „Er ist ein befähigter Schulmeister, den Provisoren mit seinem Heiß zur Aufmunterung und in der Zucht ein Muster. Versteht die Musik, Schreiben und Rechnen." Der Dekan von Cannstatt vermerkt: „Die Schule ist in feinem Zustand, die Kinder kommen nicht unfleißig, sind wohlunterrichtet (110 Knaben, 118 Mädchen, 2 Provisoren). Er hat kein Handwerk, treibt auch kein Nebenämtle, er ist ein guter Musikus und ein vorzüglicher Organist." 1771 mußte das Schulhaus erweitert werden, trotzdem mußten 30 bis 40 Schüler stehen. Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen und Gesang waren die Schulfächer. An der Sonntagsschule mußten alle Ledigen zwischen 14 und 25 Jahren teilnehmen. Sie fand sommers von 7 bis 9 vor dem Gottesdienst, winters von 11 bis 13 Uhr statt. Teilweise ersetzte sie sommers die Werktagsschule, allgemein aber sollte sie das Gelernte im Gedächtnis halten (Katechismus). Sie bestand bis 1910.
Die Schulzucht war damals sehr hart, eine Beschwerde rügt: Man möge die Schüler doch nicht dem Vieh gleichhalten. 1774 endete seine Berufsarbeit durch einen Schlaganfall.

 

Nikolaus Ferdinand Auberlen (II), 1755-1828.


II. Nikolaus Ferdinand Auberlen
ist am 11. März 1755 in Kirchheim/Teck als Sohn des Schulmeisters Joh. Friedr. Auberlen geboren. Er war seit 1779 Provisor in Fellbach. 1784 wurde er zum Schulmeister gewählt. Ein viertel Jahr später heiratete er seine 19jährige Base Marie. „So konnte die Witwe des Onkels mit den unversorgten Kindern im Schulhaus bleiben." 1782 lautete der Visitationsbericht: „Der neue Schulmeister läßt es bei der Unterweisung an Fleiß und Treue nicht fehlen. 1794 erhielt er 4 Gulden vom Herzog als der beste Schulmeister im Bezirk." „Wir gratulieren uns, daß wir einen Schulmeister haben, der so geschickt ist und eine Gabe hat, mit Kindern umzugehen." 17 Jahre mußte er in dem baufälligen Schulhaus aushalten. 1800 drohte der Giebel einzustürzen. Im Baujahr starb seine Frau. Mit der Schule war er in die Kirche geflüchtet, aber mit dem Einzug ins neue Haus erwachten neue Kräfte. Im Sommer sind es nun 325, im Winter 365 Schüler. Er hält vormittags 4 und nachmittags 2 Stunden, um mit 2 Provisoren auszukommen. 1803 bekommt er 40 Gulden Aufbesserung, 1804 40 Gulden Zulage.
„Die Kinder machen gute Fortschritte im Lesen mit Ausdruck und im Auswendigschreiben." Die besseren Lehrmethoden Pestalozzis beschäftigen die Schulmeister. „Geschichten werden vorgelesen und von Schülern schriftlich nacherzählt. 

Wilhelm Amandus Auberlen (III), 1798-1874.

Auch eigene Aufsätze weisen auf Fortschritte. In Konferenzen werden erprobte Vorteile in der Lehrmethode vorgestellt." Stille, Reinlichkeit und Gehorsam werden öffentlich belohnt durch Prämien. Bei Boshaftigkeit, Faulheit und Rohheit werden die Namen bei der Visitation abgelesen. Das Erziehungsziel war: „der Jugend soll Gottesfurcht und Tugend ins Herz gepflanzt werden und biblische Hauptsprüche und schickliche Lieder memoriert werden." An die Stelle des Auswendiglernens tritt teilweise das eigene Nachdenken über den Sinn. Neben die Fertigkeiten treten Denkübungen. 1811 kamen Geschichte, Erdbeschreibung, Naturkunde zu den bisherigen Schulfächern hinzu. Ab 1812 durfte Nikolaus seinen 4. Sohn Amandus ohne vorherige Prüfung als Schulinspizient ausbilden. Amandus war ab 1821 sein Amtsverweser. Nach 44 Dienstjahren verstarb Nikolaus Auberlen 1828.
Der dritte berühmte Lehrer der Dynastie Auberlen in Fellbach ist Wilhelm Amandus Auberlen (geb. 24. Oktober 1789 in Fellbach).
Er wird 1815 2. Provisor, 1818 1. Provisor. Schon während seiner Schulzeit wurde er wiederholt als bester Schüler mit Prämien ausgezeichnet.
Die altväterliche Ausbildung genügte ihm nicht. So besuchte er nach 4 Provisorjahren 1819-21 das Seminar Esslingen und verließ es mit dem Zeugnis vorzüglicher Kenntnisse.

1821 wurde er Amtsverweser des kränkelnden Vaters. 1828 wurde er im Juni von der Gemeinde zum Schulmeister gewählt. Amandus hat die Aufgabe, seinen Schülern Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln, die sie als Glieder des Staates und der Kirche brauchten, vorzüglich gelöst. Er verfügte über ein fachmännisch und methodisch reiches Wissen und arbeitete unermüdlich an seiner Weiterbildung. Bestärkt darin wurde er durch die Lektüre der „Volksschule" des Esslinger Seminardirektors Denzel, eines begeisterten Pesta-lozzianers. Er wandte sich nicht nur an das Gedächtnis, sondern auch an den Verstand seiner Schüler (Ausspruch: „das Rechnen mit 5 Spezies: add., subtr., div., multipl. und denken"). Auf Schulzucht legte auch er größten Wert. 1825 mußte die Schule vergrößert werden. Wegen des guten Zustandes seiner Schule erhielt er 1835, 1837 und 1847 Belobigung und Gratifikation. 1835 legte er der Schulbehörde einen Entwurf zur Errichtung einer Gewerbeschule vor. Seine Sammlung 4stimmiger Choralmelodien für Männerchor wurde vom Konsistorium empfohlen. Sein reiches musisches Wirken galt der Kirche.
1851 wurde eine gewerbliche Sonntags- und Zeichenschule eingerichtet. 1858 erwuchs aus seiner landwirtschaftlichen Winter-Abendschule der Plan zur Gründung der Weingärtner-Gesellschaft.
Als dieser hochbegabte, vielseitige, vorausschauende Mann mit seiner Gemeinde 1867 sein 50. Amtsjubiläum feierte und dabei vom Schultheiß beschenkt und vom König mit der goldenen Zivilverdienstmedaille ausgezeichnet wurde, „hielt er dies alles nur für eine gnädige Führung Gottes". In den folgenden Jahren wurde er kränklich. 1873 zog er sich in den Ruhestand zurück und lebte in der Lindenstraße 18. Sein Nachfolger war Oberl. Dölker.
Am 29. Sept. 1874 starb Amandus Auberlen hochgeehrt.
Seine Kinder: Karl August Auberlen, geb. 1824, studierte in Tübingen Philosophie und Theologie. Er war in Stuttgart Vikar bei Hofacker und wurde 1849 Repetetent am Stift. Ab 1851 bis 1864 war er Theologie-Professor in Basel. Ferdinand Wilhelm Auberlen, geb. 1826, machte in Augsburg 1840-46 seine kaufmännische Ausbildung und reiste dann im Auftrag der Württ. Handelsgesellschaft zum Beispiel nach Ägypten. In Stuttgart gründete er eine Mech. Trikotagenfabrik, wurde Commerzienrat und Handelsrichter und war dann Vorsitzender der Handelsbörse Clara Anna Auberlen, geb. 1850, heiratete 1875 Mittelschullehrer Bauer aus Ulm und starb 1938 in Fellbach. Nahezu für alle Krankheiten hatte sie selbst bereitete Wundersalben aus Kräutern, war stets teilnehmend und sehr hilfsbereit. Wir treffen Auberlen heute in Endersbach, Böblingen, Esslingen, Kirchheim. Ellwangen, Ravensburg und in der Schweiz.


Die Auberlen fördern Schulgesang und Kirchenmusik - sie unterhalten eine ländliche Musikhochschule

I. Georg Daniel Auberlen (geb. 1728 im Endersbacher Schulhaus). Daniel war ein hochbegabter Mann, ein begnadeter Musiker. Er spielte Orgel, Klavier und Violine. Sein Leben war der Musik gewidmet, so konnte er auch als Komponist Hervorragendes leisten.
In der schlichten alltäglichen Musikpflege in Kirche, Schule und Haus und bei der Geselligkeit blühte inniges schwäbisches Musikleben. Bei einfachen, oft kärglichen Verhältnissen hat er die Jugend, die Gemeinde und viele Musiker entscheidend musisch beeinflußt.
Die erneuerte Kirchen- und Schulordnung von 1729 schrieb neben lesen und schreiben auch rechnen und Gesang vor. Das war für Daniel wichtig. 1756-1784 hatte er das Amt des 1. Schulmeisters. Sein 2. Wirkungskreis als Organist, Komponist und Musiklehrer war ihm Herzenssache. Von den vielen Kantaten, Liedern und Motetten, welche er komponierte, sind 33 Kantaten erhalten. Er führte sie in den mit Musik reich ausgestatteten Gottesdiensten an Sonn- und Feiertagen in der Fellbacher Kirche auf. An hohen Festtagen wurde sogar im Nachmittagsgottesdienst musiziert. Die Instrumente des Orchesters spielten die Zöglinge, die er auf das Schul- und Kantorenamt vorbereitete. Ihnen erteilte er eine gründliche praktische und theoretische Ausbildung. Bloß dilletantische Beschäftigung mit der Musik duldete er bei seinen Schülern nicht. Am Klavichord mit Pedal bereitete er sie auf das Orgelspiel vor. Er schrieb zahlreiche Übungsstücke für Klavier und Orgel, ein Klavierkonzert und ein Exerzitium für 2 Klaviere. Transskriptionen einiger Arien von Haase und ein Stück von Stamitz beweisen, daß dem Fellbacher Schulmeister die Größen der damaligen Zeit bekannt waren. In seinem Notenbuch steht eine Unterweisung im Generalbaß in 34 Regeln mit Beispielen.
Seine private ländliche Musikhochschule war vielleicht die erste im Lande, in der er begabten jungen Menschen, besonders Lehrern, Musikunterricht erteilte. Zwei seiner Schüler ragen heraus:
Sein Neffe, späterer Schwiegersohn und Amtsnachfolger Nik. Ferdinand Auberlen und sein Sohn Sam. Gottlob Auberlen.
Daß es Auberlen auch gelang, bei der Bevölkerung Sinn und Verständnis für gute Kirchenmusik zu erwecken, erfahren wir aus einem Kirchenkonventsprotokoll, in welchem der Ankauf der Kantaten für die Kirche genehmigt, eine Summe für Saiten und Instrumente ausgesetzt und der Wunsch ausgesprochen wird, „es möge auch unter dem Nachfolger die Kirchenmusik nicht ins Stocken geraten". Sein Sohn Samuel Gottlob bekam vom 8. Lebensjahr ab von seinem Vater Klavier-, Violine- und Cello-Unterricht. In der Glockenstube des Kirchturms übte er ungestört. Mit 10 Jahren wurde er Vorsänger in der Kirche. Er bekam auch Unterricht in Theorie. 1773 wurde er Schulgehilfe. An manchen Abenden wanderte er nach Stuttgart, um sich an Opern Jomellies und Baronis zu begeistern. Er war sich der Vererbung der musikalischen Begabung bewußt. Bei dem herzoglichen Kammervirtuosen Enßlen bekam er als 20jähriger Violin-Unterricht. Er wollte das Schulamt abschütteln. Der strenge Vater hielt eine Versetzung als Provisor nach Murrhardt für nötig und heilsam. Nach 4 Jahren gelang es Lavaters Sekretär, den Lehrer-Musiker nach Zürich zu holen als Bassist im Orchester der Züricher Musikgesellschaft. 1784 erschienen seine Lieder für Klavier und Gesang. Er machte eine Konzertreise, war ohne Gehalt Violonist in Carl Eugens Hofkapelle, wurde Musikdirektor in Winterthur und schließlich am Ulmer Münster. 1829 beschließt er sein Leben musikalischen Schaffensdrangs und der Liebe zum schwäbischen Volkslied. Als Sucher in Fellbach war, erfreuten sich Samuels Lieder schon einer Beliebtheit in Schwaben. Auf dem Klavier lagen seine Lieder für Klavier und Gesang. So hatte der Komponist der älteren württ. Liederschule direkten Einfluß auf Silcher.

Kompositionen von Wilhelm Amandus Auberlen. 

 


II. Nikolaus Ferdinand Auberlen, 1755 als Sohn des Chirurgen Johannes Auberlen in Kirchheim geboren. 1770 wurde er Provisor bei seinem Onkel Daniel. Dieser sollte ihm beibringen, was zu einem tüchtigen Schulmeister und rechten Musiker gehörte. Von Samuel Auberlen wurde er 1784 nach Fellbach gerufen, bewarb sich und wurde zum Schulmeister gewählt. Bis 1828 nahm er seine Pflichten als Schulmeister und Organist sehr ernst. Die musikalische Begabung war ihm in die Wiege gelegt. Er spielte Klavier, Orgel und Violine. Als Nachfolger Daniels unterrichtete er junge Lehrer und Musikinteressenten in Theorie, Praxis der Tonkunst.
Sein Sohn Amandus war auch unter seinen Schülern. 1799 beteiligte er sich an der Herausgabe des Choralbuchs mit 6 Chorälen. In der Lutherkirche führte er Händeis Messias auf. 1826 erhielt er einen der 6 vom König verliehenen Gesangspreise. Er genoß allgemein den Ruf eines ausgezeichneten Theoretikers. Die Ländliche Musikhochschule für klassische Kirchenmusik wurde von Jahr zu Jahr berühmter. Auberlens Lieblingsbeschäftigung war Musikgeschichte und Geschichte der Musik-Instrumente. Er ließ seine Schüler in die Schätze früherer Tonkunst blicken, bevorzugte Kantaten von Telemann und Choralsätze von Joh. Seb. Bach. 27 Jahre lang konnte er im neuen Schulhaus wohnen und seinen 4. Sohn Amandus ab 1812 als Inzipienten und Musiker heranbilden. 1821-1828 war Amandus schon Amtsverweser. Der älteste Sohn Daniel David (1785-1835) wurde auch Schulmeister und war in Altensteig angestellt. Als Improvisator auf der Orgel war er berühmt und erregte Bewunderung und Aufsehen.
Wilh. Amandus Auberlen, der jüngste Sohn von Nikolaus Ferdinand (1798-1874) beschloß als dritter die Dynastie der Auberlen in Fellbach. Die Gemeinde hatte ihn vorgeschlagen, das Konsistorium bestätigte ihn 1828 nach 11 Provisor- und 7 Amtsverweserjahren.
Schon 1826 erhielt er einen Gesangspreis von 10 Gulden für Verbesserung des Gesangs in Schule und Kirche.
Er war ein fachmännisch und methodisch gründlich gebildeter Lehrer, der als Provisor, Seminarist in Esslingen und als Schulmeister stets an seiner Weiterbildung arbeitete. In reichem Maße ist das musikalische Erbe auf ihn übergegangen.
Neben dem Orgelspiel sind seine Leistungen auf dem Gebiet des Gesangs hervorzuheben. 1838 gründete er einen Männerchor {den heutigen MGV} Im sonntäglichen Gottesdienst führte er Werke bekannter Meister auf. Mit größtem Eifer pflegte er den Schulgesangs-Unterricht. Die Darstellung der Töne durch Zahlen schien ihm das beste Mittel zu sein, die Schüler gründlich musikalisch zu bilden und das Einüben eigener Kompositionen zu erleichtern (trotz des Widerspruchs Suchers). Jede freie Stunde widmete er der Musik. 1818 veröffentlichte er ein Quartetto. Viele Kantaten, Motetten, Chöre und Choräle geben Zeugnis von seinem Schaffen. Aus dem 1844 erschienenen Württ. Choralbuch wählte er 100 Choräle aus, die er dann zweistimmig gesetzt als Büchlein für Schule und Haus 1846 herausgab. Wie in der Schule, so pflegte er auch in seiner großen Familie (18 Kinder) den Gesang, darunter viele Lieder, welche er selber gedichtet und komponiert hatte.
Was mag es für die Gemeinde Fellbach bedeutet haben, an deren heranwachsender Jugend ein solcher hervorragender Lehrer länger als ein halbes Jahrhundert wirken durfte?