Provisor Silcher wird von Nikolaus Auberlen in der Ländlichen Musikschule auf seine Aufgabe vorbereitet.


„In diesem Hause lebte Friedrich Silcher 1803-1806 als Gehilfe Nik. Ferd. Auberlens" so kündet eine Gedenktafel am Schulhaus.

Erfahrene Schulmeister nahmen damals Heranwachsende in die Lehre. Unter ihrer Aufsicht und Anleitung erlernten diese die Berufsausübung in Schule und Kirche. Der Schulmeistersohn Friedrich Silcher aus Schnait i. R. (geb. 27. 6. 1789), dessen Vorfahren als Bauern und Weingärtner in Endersbach und Rommelshausen lebten, wurde nach dem frühen Tod seines Vaters Johann Karl Silcher mit 14 Jahren vom Pflegevater Wegmann zum Lehrberuf bestimmt. Zunächst wurde er Schulknecht bei Mayerlen in Geradstetten. Dann fand er Anschluß an die Ländliche Musikschule des Fellbacher Kantors und wurde im Mai 1803 Provisor. Neben der Schultätigkeit beteiligte er sich erfolgreich im Musikleben von Schule und Kirche. Auberlen führte ihn in die Geheimnisse der Pädagogik und der Tonkunst zugleich ein, war er doch selbst bei bedeutenden Männern in die Schule gegangen. (Knecht aus Biberach und Abt Vogler, dem Gründer der Mannheimer Tonschule.)
Auberlen hat den jungen Musiker in eine gründliche Schule genommen. Er hielt ihn für den besten aller Schüler, die er je gehabt hatte und machte ihn mit der gesamten klassischen deutschen Musik vertraut. Für den Lehrerberuf bereitete sich Silcher im Unterrichten der ABC-Schützen vor.

 

Friedrich Silcher, 1789-1860

An freien Nachmittagen pilgerte er jede Woche nach Waiblingen, um bei Schulmeister Friesinger das Zeichnen zu erlernen. Die Erstlingswerke seiner Stiche zierten später sein Tübinger Arbeitszimmer. So offenbarte sich dem werdenden Jüngling im Malen und Musizieren die Welt. Der spätere Meister des Volkslieds hat hier in Fellbach seine ersten Studien gemacht. Er erhielt nicht nur seinen Anlagen entsprechende Anregung, sondern wirkliche Einführung in das Wesen der Tonkunst. Das private Musikkränzchen und die Kirchenmusikpraxis wurden ihm Vorbilder für seine spätere Tätigkeit. Den Begriff der Bearbeitung für den jeweiligen Musiziergebrauch lernte er durch Nik. Auberlen kennen.
In seiner päd. Ausbildung kam er mit den volksmusikpädagogischen Gedanken des Schweizers Pestalozzi in Berührung, die für ihn Sinn und Ziel seines ganzen Lebens und Wirkens wurden. Mit allen Fertigkeiten der Musik wurde er durch vielfache Betätigung in Chor und Orchester vertraut.
„Wenn ich gründlich in das Wesen der Tonkunst eingeführt worden bin, ganz besonders aber in die klassische Musik, so verdanke ich es seiner Anregung und Führung. Durch ihn fand ich den Weg", bekennt Silcher.
In der Eigenschaft als Lehrer Silchers ist Auberlens musikpädagogisches Talent bekanntgeworden: Ein liebenswürdiger, gebildeter Mann, ein vortrefflicher Lehrer. Mit 17 Jahren verließ Silcher den herzinnigbeseelten Familienkreis der Auberlen. „Es steht zu hoffen, er werde einst in der Schule brauchbar werden", urteilte Auberlen. Silcher mußte versprechen, der Musika treu zu bleiben. Nach seiner Lehrzeit war Silcher 3 Jahre Provisor in Schorndorf. In v. Berlichingen fand er einen wohlgesinnten Förderer, der ihn zum Privatlehrer seiner Töchter machte. Als dieser nach Ludwigsburg versetzt wurde, konnte Silcher an der dortigen Mädchenschule angestellt werden. Das Haus Berlichingens und des Diakons Bahnmeier wurden für Silcher zum ersten selbständigen Wirkungskreis im Rahmen des Familienmusikkränzchens.
Lehrend und lernend ging er nach Stuttgart, wo er bei Hummel und Kreutzer Unterricht in Klavierspiel und Komposition nahm.

Komposition Silchers.

Hier erreichte ihn 1817 der Ruf als Universitäts-Musikdirektor und Kantor am Ev. Stift zu Tübingen, veranlaßt durch seinen als Theologieprofessor nach Tübingen berufenen Freund Bahnmeier.
Der 28jährige vereinigte das Musikleben von Kirche, Universität und Stadt mit der ihm eigenen Beharrlichkeit und Aufgeschlossenheit. Bauerntum und gesellschaftliche Lebensformen, Volkslied und Kunstmusik fanden in ihm eine beglückende Vereinigung. 1819 schenkte er dem Musikkränzchen den 4stimmigen Satz für das „Brünnele". Durch Silcher konnten Bürger und Studenten Tübingens an den aktuellsten Musikereignissen ihrer Zeit teilnehmen.
In Anerkennung seiner vieljährigen treuen Dienste und erfolgreichen Amtsführung, sowie seiner Verdienste um die musikalische Volksbildung wurde ihm das Ritterkreuz des Friedrichsordens verliehen.

1824 2. Heft neubearbeitete vierstimmige Choralgesänge
1826  1. Heft Deutsche Volkslieder (12 Folgen, 144 vierstimmig gesetzte Volkslieder - 50 eigene Kompositionen) 
1829  Gründung der akademischen Liedertafel 
1839  Gründung des Oratorienvereins
1845  kurzgefaßte Gesangslehre für Schule und Chöre
1852  Ehrendoktor der phil. Fakultät


    
Am 26.8.1860 stirbt Silcher mit 71 Jahren. Auch während der 41 Tübinger Jahre hatte er treue Fühlung mit Nik. Ferd. Auberlen und seiner Familie.

In jenen Provisorzimmern im Dachstock des Schulhauses wohnte damals mit Silcher zusammen ein Provisor namens Friedrich Glück. Er sollte sich bei Auberlen auf das Theologiestudium vorbereiten, wollte aber unbedingt Offizier werden. Da er ein unruhiger Hitzkopf war, riß er eines Nachts dort aus und ließ Silcher alleine zurück. Wenn er ihn mal besuchen wolle, so hinterließ er auf einem Zettel, solle er sich bei seinem „Mariele" in Neustadt (mit der er ein Liebesverhältnis hatte) erkundigen.
Nach etwa 10 Jahren, als Silcher gerade nach Tübingen gekommen war, trafen sich die beiden dort. Silcher fragte ihn so nebenbei, was aus seiner damaligen Liebschaft im Neustädtle geworden sei. „Mit dem Mariele? Die hat den dortigen Schulmeister geheiratet. Aber dieser verlorenen Liebe verdanke ich ein Lied, das ich ihm unbedingt vorspielen muß." So spielte nun Glück auf dem Klavier die Melodie zu „In einem kühlen Grunde ..." Den Text hatte Glück von Eichendorff. So verdanken wir diese Melodie jener unglücklichen Liebe aus seiner Fellbacher Zeit. Später wurde Glück doch noch Pfarrer und Musiker, u. a. auch in Schornbach-Schorndorf.

Komposition von Friedrich Glück