1857 Wilhelm Amandus Auberlen gründet die Weingärtnergesellschaft Fellbach.


Urkundlich wird der Weinbau an den sonnigen Hängen des Kappelbergs erstmalig 1289 erwähnt. Vermutlich waren die Rebpflanzungen von Mönchen vorgenommen, deren Klöster bis 1807 in Fellbach Grundbesitz hatten. (Aus jener Zeit stammen: Mönchweinberg, Mönchberg, Frauenweinberg.) Der Schulmeister Georg Daniel hat seinen Enkel Amandus in seinen Weinberg mitgenommen und ihn mit der Pflege des Weinbergs vertraut gemacht.
Amandus Auberlen erlebte, wie die Wengerter versuchten, ihren ganzen Herbstertrag als Maische, Most oder Wein direkt unter der Kelter zu verkaufen. Sie waren finanziell zu schwach und konnten nicht ein halbes Jahr oder länger auf den Geldertrag warten. Für die wirtschaftliche Lagerung fehlte ihnen der Kellerraum und das Wissen zum fachgerechten Ausbau des Weins.


Der Absatz war schleppend, der Preis meist niedrig und die Not der Weingärtner in jenen Jahren war groß. Die Weinkäufer kamen z. Z. der Lese mit Gespannen und Fässern nach Fellbach. Manche Familien hatten einen Weinherren, der jedes Jahr seinen Bedarf bei ihnen deckte. Die andern mußten versuchen, während des Herbstes einen Käufer zu finden.

Der in Fellbach amtierende Schulmeister W. A. Auberlen wollte eine wirkliche Besserung erreichen. Er war musisch begabt, besaß aber auch Weitblick in wirtschaftlichen Angelegenheiten. Er erkannte, daß die Weingärtner und Bauern mit ihren bescheidenen gemischt wirtschaftlichen Betrieben und meist kleinen Rebflächen nur durch eine gemeinsame Verwertung ihrer Trauben einen einigermaßen angemessenen Lohn für ihre beschwerliche Arbeit erreichen konnten.
Um seine Erziehungs- und Bildungsarbeit auf breitere Basis zu stellen, hielt er in der Abendschule für „Ledige" landwirtschaftliche Vorlesungen. Die Gründung einer Weingärtnergesellschaft in Neckarsulm 1855, ließ Auberlen auf eine ähnliche Einrichtung in Feibach sinnen, während er an den Winterabenden wöchentlich dreimal in seiner Schule den versammelten Jünglingen wirtschaftliche Belehrungen erteilte. 1857 fanden sich auch verheiratete Weingärtner dazu ein. Es wurde über den Weinbau gesprochen, Erfahrungen und Ansichten ausgetauscht. Auberlen berichtete von der Gründung der Weingärtnergesellschaft in Neckarsulm. Auch von den Bestrebungen der Weinverbesserungsgesellschaft in Stuttgart war die Rede. Man wolle doch nicht hinter anderen zurückbleiben. Mehrere dieser Männer besuchten den Weingärtner und Gemeinderat Stöckle in Stuttgart. Was sie dort erfuhren, hielten sie für nachahmenswert. Es wurde nun diskutiert, ob nicht das Keltergeschäft in genossenschaftlicher Behandlung sämtlicher Weinbergserträge vorzuziehen sei. Es wurden Statuten entworfen, die von den Teilnahmslustigen unterschrieben wurden. Damit war die Weingärtnergesellschaft von einem Außenstehenden, aber dem Berufsstand eng Verbundenen gegründet worden!


„Wir unterzeichneten hiesigen Bürger haben uns zur Bereitung und zum Verkauf des Weines zusammengetan und uns aufgrund nachstehender Bestimmungen zu einer Gesellschaft verbunden. Wir wählen aus unserer Mitte eine Kommission von 5 Mitgliedern, welche von der Gesellschaft bevollmächtigt werden, ihre Zwecke auf tunlichste Art zu fördern.

L. Schächterle, Fr. Haußer, Joh. Schnaitmann,Phil. Ebensperger, Jak. Seibold, Phil. Lorenz, Gg. Beck, Thomas Aldinger, Joh. Bürkle, David Hofmeister, Chr. Seibold, Wilh. Frey, Joh. Schnabel, Gottl. Sailer."

Wie aus § 1 der Statuten ersichtlich ist, ging es „vor allem um die Erzeugung eines, nach Maßgabe der Weinberge möglichst guten Weines, vermittelst zweckmäßiger Anlage und Bebauung der Weinberge". Nicht minder wichtig waren auch techn. Verbesserungen. Am 18. Oktober schickten sie den Beschluß dem wohllöblichen Gemeinderat. Dieser wird ersucht, „zur Förderung der Gesellschaftszwecke wohlwollend mitzuwirken und eine Urkundsperson aufzustellen". Im September 1861, nach dreijähriger Erfahrung und nochmaliger Beratung der Ausschußmitglieder, schreibt der Schulmeister die Statuten der Weingärtnergesellschaft als Gründer und Vorstand. Voller Stolz schreibt er über die Seite 2: Ein jeglicher sehe nicht nur auf das Seine, sondern auch auf das, das des andern ist.
Die genaue Ausscheidung nicht gehörig ausgereifter Trauben während der Lese wird besondes herausgestellt. Die Erhaltung und Hebung des Kredits der hiesigen Weinproduktion ist das Ziel. Man hofft, daß die Behandlungsart der Weinbereitung auch von andern weinbauenden Bürgern nachgeahmt wird. Durch Erzielung höherer Preise soll der Ertrag der Weinberge steigen. Auch kleinere Weinbergserträge sollen verwendet werden können. Die öffentliche Versteigerung soll ausgeschrieben werden und Zeitversäumnisse ersparen.
Der Eintritt in die Gesellschaft ist jedem Weinbergbesitzer auf Fellbacher Markung gestattet, wenn er sich zur Einhaltung der Statuten verpflichtet und seinen ganzen Ertrag einbringt.
Die Kommission klassifiziert die Weinberge (la-III) und schätzt den Ertrag. Bei der Lese wird mit der III. Klasse (Niederfeld) angefangen. Die sorgsam getrennte Lese hat schon 1865 zu über allen Erwartungen stehenden Ergebnissen geführt: Die Rot- und Weißwein-Qualitäten finden ihren Platz in der Reihe der edelsten deutschen Weine. Die Versteigerung unmittelbar nach beendigter Lese wird durch Ausschreibung in den gelesensten Tagesblättern vom Vorstand und Aufsichtsrat eingeleitet. Das Auspressen der Maische geschieht nicht mehr im Tretzüberlein, die Trauben werden in Raspeln von Wagnermeister Neef geraspelt, die Beeren zerquetscht, die Kämme abgesondert. Jedes Mitglied läßt sein Keltergeschirr in brauchbaren Stand setzen, mit Senkboden und festem Randdeckel versehen und auf die geeignete Stelle bringen. Alle Geschirre werden numeriert und nach dem Inhalt bezeichnet. „Versteigert wird der Weiße in den ersten Tagen nach der Lese, der Rote nach vollendeter Sturmgärung. Die Trester werden ebenfalls versteigert. Der nichtverkaufte Wein wird eingekellert. Einnahmen und Ausgaben bei der Versteigerung besorgt der Kassier Schächterle, Obmann Laipple überwacht die Arbeit in der Kelter." Der Weinverkauf durch eine Stelle erspart Unkosten.
„Der Vorstand hat das ganze übersichtlich zu leiten, die Mitglieder zu den nötigen Besprechungen zusammenzurufen, ihre Vorschläge und Wünsche entgegenzunehmen, Anträge zu stellen, Besprechungen zu leiten, sie zur Abstimmung bringen: Alles wahrzunehmen, was zur Hebung und Förderung der Gesellschaftszwecke dienlich ist. Dies alles wird ihm um so besser gelingen, wenn er es aus Liebe zur guten Sache tut." Jede Kleinigkeit war in den Statuten gut geordnet. Auch Austritt und Ausschluß. Anfangs war die Gesellschaft eine lose Vereinigung. Bis 1874 war Auberlen Vorstand und Schriftführer. Er unterhielt eine rege Korrespondenz, da sein Rat in Weinbau-Angelegenheiten auch auswärts geschätzt und willkommen war.

Altes Weingärtnerhaus (Familie Frey), das bis 1951 Ecke Kirchhof / Cannstatter Straße stand. Heute Berliner Platz.