Aus der Geschichte des 1711 erbauten Hauses im Irionweg

Das Haus der Fellbacher Wundärzte
Im heutigen Heimatmuseum haben Johannes Irion und Heinrich Koch gewirkt
Von unserem Mitarbeiter Otto Mall

Das Haus Hintere Straße 26 in Fellbach, das heutige Heimatmuseum, war einst das Wohnhaus der Fellbacher Wundärzte Johannes Irion und Heinrich Koch. Mit Hilfe historischer Unterlagen von heute noch lebenden Urenkeln Kochs, der Familien Dennig in Stuttgart und Biesterfeld in Maulbronn, konnten manche bisher nicht bekannte Einzelheiten über die Geschichte dieses Hauses und seiner Bewohner aufgeklärt werden.

1711 hat der Ratsverwandte, Bauer und Weingärtner Johannes Friedrich Ebensperger das prächtige Fachwerkhaus Hintere Straße 26, neben dem großen Seibold-Freihof, erbaut. Danach gehörten zu dem Haus auch Stall, Scheune, Nebengebäude, Gemüse- und Obstgarten. Er vererbte es seiner Tochter Elisabeth Margarete, die sich mit Friedrich Schnaitmann verheiratete. Als dessen Tochter Christiane Friedericke 1838 den Wundarzt Johannes Irion ehelichte, nahm sie hier Wohnung. Und Irion richtete in dem Hans eine Praxis und ein kleines Krankenhaus ein. 

1871 übernahm sein Nachfolger, der Wundarzt Heinrich Koch, das Anwesen um 12000 Gulden von der Witwe Irions. 1891 kaufte es Pfarrer Dorner, um eine Trinkerheilstätte einzurichten, was aber mißlang. Sein Sohn züchtete in dem Garten Nelken, welche er aus Amerika mitgebracht hatte.

Kurze Zeit war Gärtner Münz aus Waiblingen Pächter. 1897 erwarb Gärtnermeister Gärtner diesen Betrieb. Und 1899 wurde Gärtnermeister Funk Besitzer. Von seinen Erben konnte die Stadt Fellbach Haus und Garten 1971 käuflich erwerben. 

Das 1958 unter Oberbürgermeister Graser von Maria Maneth und Frau Peikert aufgebaute Heimatmuseum war im Untergeschoß der Stauffenbergschule demnach nur unzureichend untergebracht. Es sollte deshalb in dem renovierten und restaurierten Gebäude eine würdige Bleibe finden. Es wurde für diese Zwecke eingerichtet und ausgestattet. Unter Beteiligung von Landeshauptkonservator Professor Waizer, Professor Adam und Dr. Dietl wurden die Bestände gesichtet und restauriert. Am 4. Mai 1977 konnte Oberbürgermeister Kiel dann das Museum Heimatpfleger D. Kind übergeben.

Johannes Irion, 
Wundarzt von 1840 bis 1871

Der Wundarzt und Geburtshelfer Johannes Irion ist am 17. Februar 1813 in Trossingen geboren. Dort hatten schon sein Vater und sein Großvater Irion als Wundärzte und Chirurgen gewirkt; 1830 war Johannes Irion Arztgehilfe in Schaffhausen, 1834 setzte er seine Gehilfenzeit bei Wundarzt Arnold in Fellbach fort. Nach dem Studium in Tübingen eröffnete er 1838 seine Praxis als Wundarzt in Schnait. 

Am 25.2.1838 verheiratete er sich mit Christiane Friedericke Schnaitmann aus Fellbach. Nachdem sie ihm in Gottesfurcht und Zufriedenheit neun Kinder zur Welt gebracht hatte, verlor er sie schon 1856 durch den Tod. 1857 ehelichte er die Hausmutter am Kinderhospital Basel, Caroline Rau, die seinen Kindern eine sorgende Mutter und ihm eine treue Helferin wurde. Von 1840 bis 1871 wirkte er in Fellbach, geachtet und geliebt wegen seiner Fürsorge für seine Patienten und seines freundlichen Umgangs mit allen. 

Das große Haus an der Hinteren Straße bot Platz für die Familie, die Praxis und ein kleines 
Krankenhaus für acht bis zehn Geisteskranke. Zwei Dienstboten unterstützten die Hausfrau. 
Ein Wärter überwachte und pflegte die Kranken. Die Kinder besuchten den Weimerkindergarten, der von Tante Hanne und Rösle gehalten wurde. Die Familie verkehrte mit ihren Fellbacher Verwandten und mit Pfarrer Werner, der im Winter in der Kirche und bei gutem Sommerwetter am Sonntag nachmittag auf dem Kappelberg Kinderstunde hielt. Auch bei der Hausandacht wurde fleißig zum Harmonium gesungen.

Im Garten gab es ein Beet von giftigen, medizinischen Kräutern, die im Wald gesammelt und hierher versetzt worden waren. Der große Gemüsegarten diente der Eigenversorgung der Küche der großen Familie. Im Bienenhaus des Baumgartens brachten 40 Völker den emsig gesammelten Honig ein. Auch die Kinder waren an die Mitarbeit im Garten gewöhnt. Kartoffeln auflesen, Birnen und Apfel pflücken oder schütteln, war eine herrliche Arbeit in den Ferien. Sonntags gab es Besuche bei den Missionsfesten in Stetten, Endersbach, Beutelsbach, Winterbach und Schnait im herrlichen Remstal. Im Garten hatte Vater Irion ein Reck und einen Barren errichten lassen, an denen körperliche Gewandtheit erworben werden konnte. Die Kinder besuchten das "Alte Schulhaus", wo Wilhelm Amandus Auberlen wirkte. Später mußten sie in die Lateinschule nach Cannstatt. Der Weg mußte zu Fuß zurückgelegt werden, sommers nach der Morgensuppe um 5 Uhr und winters vor sieben Uhr. Auf dem Kienbachweg war es noch still, aber auf der "Landstraße" nach Cannstatt herrschte reger Fuhrwerksverkehr, wo man ohne oder mit Erlaubnis des Fuhrmanns manchmal auf die Wagen aufsitzen konnte.

1871 wurde Johannes Irion durch einen Schlaganfall gelähmt. Er mußte danach seinen großen Wirkungskreis aufgeben und zog nach Stuttgart, wo er auf dem Pragfriedhof seine letzte Ruhestätte fand. Der Verbindungsweg von der Hinteren Strafle zur Schwabstraße in Fellbach wurde 1930 angelegt und nach Irion benannt. Nachkommen von ihm leben noch im Rheinland. Gerhart Sütterlin hat die Novelle "Das große Haus am Irionweg" geschrieben. 

Heinrich Koch
Ortswundarzt
 von 1871 bis 1891

Der Wundarzt Heinrich Koch ist am 29. August 1853 in Gaildorf als natürlicher Sohn des Grafen  Pückler-Limpurg geboren. Im Hause seiner mütterlichen Großeltern wuchs er bei seinem Onkel Koch auf, der Schneidermeister war. Seine Mutter stand in gräflichem Dienst. Heinrich wurde als Gespiele und Mitschüler des jungen Grafen oft ins Schloß gerufen. Er war sehr lerneifrig. Nach der Gaildorfer Schulzeit kam Heinrich in die Lehre zu seinem Onkel Koch, der erfahrener Chirurg in Gaildorf war. 

Dann folgte Ausbildung, Besuch von Vorlesungen und Seminar mit anschließender Prüfung in Tübingen. Er war danach Wundarzt erster Klasse. Beim 4. Reiterregiment in Ludwigsburg wurde er Unterarzt. In dieser Zeit verheiratete er sich mit Friederike Lebsanft, die einer Stuttgart Weingärtnersfamilie entstammte. Dem Militärdienst folgte die Anstellung als Wundarzt an der Heil- und Pflegeanstalt Winnental in Winnenden. Dort war Dr. Zeller Chefarzt. Zur Therapie für die Kranken gehörten auch Musik- und Theaterabende, wobei auch Kranke mitwirkten.

Auf der Suche nach einem eigenen Wirkungskreis kam Heinrich Koch 1871 als Ortswundarzt nach Fellbach, wo er das große Haus, den umfangreichen Garten mit den Nebengebäuden, die Praxis und die kleine Anstalt für Geisteskranke übernahm, die Irion hinterließ. Er war der einzige Arzt und Geburtshelfer für die nahezu 4000 Einwohner zählende Gemeinde. Da es in Fellbach noch keine Apotheke gab, unterhielt der Vielbeschäftigte auch eine große Hausapotheke, wo er für seine Patienten Arzneien und Pulver selbst bereitete. Manchesmal veranlaßte er seine Frau auch dazu, einem Kranken ein ausgewähltes Krankenessen zu schicken. Als geschätzter Geburtshelfer half er vielen Müttern. Seine umsichtige Frau stand dem großen Haushalt vor, zu dem auch der große Gemüsegarten gehörte.

Daneben pflegten die Kochs viele Kontakte mit Verwandten, Freunden und Kollegen, Feriengästen und Erholungssuchenden. Koch war auch Vorsitzender des wundärztlichen Vereins in Württemberg. Durch seine Aufsätze wurde er bei vielen Kollegen bekannt. Auch die Oberamtsärzte von Cannstatt und Waiblingen verkehrten im Hause. Sonntags kam die Tochter Mathilde mit ihrer Familie aus Stuttgarter herüber. Die Enkel vergnügten sich schaukelnd unter dem großen Muskateller Birnbaum. In dem gemauerten Gartenhaus konnte man auch bei Regenwetter spielen. Beeren und allerlei Obst gab es in Fülle. Die Gartenwege säumten Blumenrabatten mit Rosenstöcken. Am Ende des Gartens, auf einem Hügel, stand ein dicht mit wilden Reben bewachsenes Gartenhaus mit Tisch und Stühlen. Wochentags brachte der Fellbacher Bote Körbe mit Obst, Gemüse und Gutsle zu den Enkeln nach Stuttgart.

Das große, breite Haus stand mit der Giebelseite zur Hinteren Straße. Eine große Scheune, Schuppen, Hühnerstall und Waschhaus waren durch einen Zaun vom Garten getrennt. Oleanderbäume, Feigenbäume und große Hortensien säumten Tisch und Bank hinter dem Haus, wo die Gäste im Sommer bewirtet wurden.

Durch Badekuren in Ems und Baden-Baden suchte Koch Linderung seines Bronchialkatarrhs. War ihm die Ausübung seiner Praxis in den letzten Lebensjahren auch beschwerlich, so hielt ihn doch nichts davon ab, auch nachts dem Ruf ans Krankenbett zu folgen. So wurde er zu einer schweren Geburt geholt, erkältete sich und wurde von einer heftigen Lungenentzündung befallen. Die herbeigerufenen Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen. Nach sechs Tagen verschied er. Unter großer Beteiligung der Gemeinde, Verwandten und Freunden wurde er am 21. Januar 1891 bestattet. Dabei kam die große Wertschätzung vielfältig zum Ausdruck, die er sich durch seine Hilfsbereitschaft und sein Können erworben hatte.

1892 wurde dann Dr. Julius Mayer aus Ulm von der Gemeinde als Ortsarzt auch für die Nachbarorte Schmiden und Oeffingen angestellt. Sein selbstloses, gewissenhaftes Wirken in dieser großen Praxis ist in Fellbach auch heute noch unvergessen.