Früher wehrten sich die "Gemeinschaften" gegen das Wachstum

Von Rektor a.D. Otto Mall

Im Jahre 1885 zählte der Markflecken Fellbach 3706 Einwohner. Die "Einheimischen" bildeten eine große Familie, ein gleichartiges Ganzes von ausgeprägt bäuerlichem Charakter. Auch die Handwerker betrieben im Nebenberuf noch Landwirtschaft. Sie waren durch Herkommen, ererbten Grundbesitz und Denkweise äußerlich und innerlich der Grundschicht verbunden. Alle wesentlichen Lebensabschnitte (Geburt, Konfirmation, Ausbildung, Hochzeit, Tod und Begräbnis) waren tief in der Sippe verankert.

Es ist deshalb verständlich, daß sich die "Gemeinschaften" gegen das Wachstum der Gemeinde über den bäuerlichen Rahmen hinaus wehrten und die Ansiedlung der Industrie zu verzögern suchten. Die 1861 zunächst eingleisig gebaute Bahnstrecke führte deshalb weitab vom Ortsetter. Wasserleitung (1902), elektrische Kraft und elektrisches Licht (1904 Neckarwerke), Gasfabrik und Kanalisation waren aber um die Jahrhundertwende vorhanden oder in Aussicht (Kanalisation - Kläranlage).

Seit 1861 gab es eine Postzweigstelle, seit 1874 eine eigene Poststelle, einen täglichen Boten (Gespann) nach Stuttgart (Ebinger, Schnaitmann). Ab 1800 führte einmal wöchentlich der Postkurs nach Waiblingen, Backnang und Schwäbisch Hall. Auch die Flurbereinigung hatte Schultheiß Friz durchgesetzt und damit den Anbauzwang in den drei Zelgen beendet. Die Grundstückspreise waren damals annehmbar für Investoren. In den Wintermonaten bot sich für Arbeitssuchende nur Beschäftigung beim Holzschlagen im Wald, bei der Gewinnung von Natureis im Feuersee oder in den Gipssteinbrüchen in Stuttgart und Untertürkheim. Es bestand also eine Arbeiterreserve.

Schon um 1700 bestand im Oberdorf südlich der Ziegelstraße eine Ziegelei. 1840 er richtete Lidle dort eine "moderne" Ziegelhütte. Sie wurde später an die Untertürkheimer Straße verlegt, konnte aber den Wettbewerb mit den Maschinenziegeleien nicht bestehen.

1878 wurde in der Cannstatter Straße 80 die Hopp'sche Beschlägefabrik gegründet, die sich mit Gartenmöbelherstellung beschäftigte.

1885 wurde Friedrich Dinkelacker Nachfolger des Huf- und Wagenschmieds Mack in der Vorderen Straße Nr. 8. 1889 über nahm er Hopps Werkstatt und stellte dort einen Benzin-Explosionsmotor auf. Mit einer Kurbel wurde eine Blattfeder bewegt, die den 75 kg schweren Hammerbär auf und ab bewegte (mit Hilfe einer Stange). Mit ihm wurden Pflugscharen geschmiedet. Die Pflüge wurden auf dem Landwirtschaftlichen Hauptfest (Volksfest) ausgestellt und verkauft. Dann fertigte D. mit einem Fallhammer treffliche Gesenkschmiedearbeiten. 1900 besuchte ihn Maybach, Daimlers Konstrukteur. Aufträge für Lenkhebel, Trittbretter und Bremshebel waren die Folge. 1925 verlegte Otto Dinkelacker sein Werk wegen der Lärmbelästigung der Anwohner in die Kronprinzstraße 100, wo mit einer Transmission mehrere Fallhämmer in Arbeit gesetzt werden konnten. Freiformschmiedestücke wie Ringe, Wellen, Räder, Messingplatten für Strickmaschinen entstanden. In der Weltwirtschaftskrise 1929 stützten 2 Schwestern den Betriebsinhaber mit ihrem Verdienst aus Amerika.

In der 3. Generation leitet heute Werner Gassert das Werk. Der Fallhammer ist 7 m tief gegründet. Er steht auf einem Betonblock von 250 Tonnen. Im Drehherd-Ofen, welcher täglich 400 l Öl verbraucht, werden die Werkstücke auf 1350 Grad erhitzt und unter der 1250-Tonnen-Schmiedepresse nach Bedarf gedreht. So können Werkstücke von 1500 kg ihre Form erhalten, während um 1900 die Grenze bei 15 kg lag.

Ca. 1885 betrieb K. Weller in der Vorderen Straße 2 eine Druckerei. Der "Bote vom Kappelberg" erschien 3 mal wöchentlich vierseitig (1892 erschien Nr. 140), 1908 wurde auch Eppingers "Geschichte Fellbachs" dort herausgegeben.

1890: Schlossermeister Andreas Maier schuf sich in der Bahnhofstraße 16 eine Werkstatt durch Umbau einer Scheune (Bäuerle). Nach dem Besuch der Waiblinger Realschule war der Fellbacher Bauernsohn Lehrling bei Hof-Schlossermeister Irion in Stuttgart gewesen. Seine Wanderjahre führten ihn in die Schweiz, nach Frankreich, ins rheinische Industriegebiet, nach Hamburg u. Berlin. In guten Betrieben wurde er mit neuzeitlichen Herstellungsverfahren vertraut. Schlösser wurden damals winters in Handarbeit gefertigt. Maier machte sie so gut und preiswert serienmäßig, daß es für die anderen Schlosser vorteilhaft wurde, sie bei ihm zu kaufen und nur noch am Bau anzuschlagen. Sie funktionierten exakt, waren stabil und austauschfähig. Schon 1900 wurde ein Benzinmotor als Kraftquelle im Betrieb aufgestellt. Bis 1914 hatte sich Maier einen festen Kundenstamm in Württemberg geschaffen. Nach dem Ersten Weltkrieg er hielt der im Rheinland und in Frankreich kaufmännisch tätig gewesene Sohn Emil die Geschäftsleitung. Ing. Carl Maier ging als Werkzeugmacher in die USA und brachte von Ford die Idee des Fließbands mit. 1928 wurden Fellbacher Schlösser am laufenden Band montiert, kontrolliert und fertig verpackt. Schraubenschlüssel und Spannelemente ergänzten die Fabrikation und machten sie krisenfest. Die Werbung erfolgte auf Messen in Paris, Hannover, Brüssel und Leipzig. Nach vielen Erweiterungen des Betriebs durch teuren Hauskauf konnte 1938 an der Bruck-/Waiblinger Straße 116 ein Firmengelände erworben und 1938 und 1940 die ersten Fabrikhallen erstellt werden. Der Betrieb aber wurde als Ganzes geplant. Heute leitet DipI. Ing. H. G. Maier seit 1962 die Weltfirma bereits in der dritten Generation mit modernsten Maschinen und tüchtigen, selbst herangebildeten Mitarbeitern.

1890 errichteten die Gebrüder Gärtner in der Esslinger Straße 10 eine Tonwarenfabrik zur Herstellung von Blumentöpfen und Drainagerohren. Sie beschäftigten 20-30 Arbeiter, meist Italiener. Nach Bauunternehmer Rapp und Werksmeister Bihl übernahm 1902 Zeltwanger und Haller den Betrieb. HaIler gehörte auch die Bahnhofswirtschaft und ein großes Bauareal (HalIerstraße). Die Lehmgrube dieser Firma wurde 1924 Schuttplatz für Fellbachs Müll.

1897 war nördlich der Schulstraße von Firma Maier u. Prokurist Pfund eine große Fabrik erstellt worden. Diese kaufte Herr Wüst aus Heilbronn und stellte zunächst Schlösser her. Er erweiterte die Flanschen-, Schrauben- und Rohrschellenfabrik. Auf dem Firmengelände erstand ein Preß- u. Stanzwerk bis nahe der Mozartstraße. Nach dem Tod von Herrn Wüst heiratete Herr Schurr in die Firma ein. Heute stellt der Betrieb auch Sonderflanschen für den Autoauspuff her. 

1897 gründete Johannes Eberhard Fried eine Wagnerei und Stellmacherei in der Burgstraße 41: Herstellung und Reparatur von Wagen (aus Holz), Nachbau von Traubenraspeln, später Wagen für Scheunedreschmaschinen und Fertigstellung der Eisennaben der Firma Riede zu Rädern. Dabei wurden Kreissäge, Hobel- und Fräsmaschine der Schreinerei Laipple mitbenützt. 1910 wurde die Wagnerei auf elektrischen Antrieb umgestellt.


1914-1918 wurden der Armee Holzräder für Bagagewagen geliefert. In gesottene Eichennaben wurden Buchenspeichen eingeschlagen. Den Eisenreif zogen die Schmiede Bürk, Herrmann und Schäfer auf. Bis 1935 wurden Geschoßkorbleisten gefertigt. Das inzwischen an die B 14 verlegte Werk mußte wegen Auftragsmangels verkauft werden, Joh. und Karl Fried blieben Mitarbeiter.

1940 eröffnete Karl Fried in der Kappelbergstraße 10 wieder eine technische Holzwarenherstellung für die Industrie. Die Schuhindustrie brauchte Holzabsätze, Verlag Frank Gestelle für chemische Labore. Es entstanden aber auch Schablonen, Schmiegen und Lehren für die Fertigung der Ju 52 der Firma Vetter. Klemm Böblingen bezog Lehren für den Einbau der Benzinleitungen. 1945 entstanden Holzbehälter mit Klappdeckel für Firma Sammet. Vor allem war damals die Reparatur landwirtschaftlicher Geräte nötig.

In der Gartenstraße 9 erbaute die Belegschaft eine Massivbetonbaracke zur Fertigung von Setzregalen für Drucker, Kassetten für Präzisionswerkzeuge, Schutzvorrichtungen für Holzbearbeitungsmaschinen. Türen, Küchen- und Wohnmöbelfronten wurden den Möbelfabriken zur Montage zugeliefert. Im Zweigbetrieb Ruppertshofen wurde eine Werkhalle mit Holztrocknungsanlage erbaut. 1979 über nahmen die Gründersöhne Hans und Martin Fried die Leitung. In Schorndorf entstand ein Zweigbetrieb zur Fertigung von Computergehäusen aus Kunststoff. Ruppertshofen versorgte die Betriebe in Schorndorf und Fellbach mit Rohmaterial. Inzwischen sind es zirka 300 Mitarbeiter mit einem Jahresumsatz von 20 Millionen geworden.

1901 entstand in der Auberlenstraße die Firma C. Graner u. Friesinger. Sie hatte sich auf die Isolierung von Dampfröhren mit Kieselgur und Seidenzopfhüllen spezialisiert. Später wurden auch Korkschalen verwendet. Kühlhäuser wurden damals mit Torfmull und Korkplatten isoliert und mit Natureisstangen (auf Tropfrinnen) gekühlt. Aus Amerika kamen später Frigidär(Kälte)maschinen zum Einbau in Kühlhäuser. Platten wurden in Küchen und Bädern verlegt. In der Auberlenstraße 31 und 33 entstanden, weitete sich der Betrieb nach der Esslinger Straße 12 und Ringstraße 75 aus und zählt rund 100 Mitarbeiter.

1903 errichteten und betrieben Gültig und Reichert in der Bahnhofstraße 12 eine Fabrik für Maschinen-Transmissionen. Für kleinere Betriebe und für Land wirte bauten sie Gas- und Benzinmotoren (bis 1925).

1905: Wagner baute eine Möbelfabrik in der Eppingerstraße 3 und fertigte mit Dampfmaschinenantrieb auf Spezialmaschinen feinste Möbel und Standuhren. Als Vorstand des Verschönerungsvereins förderte er den Ausbau des Wanderwegs zum Kappelberg. Sein Nachfolger Metzger aus Öhringen fertigte Bohrfutter und Schraubstöcke.

1904 wurde der Besitzer der dampfbetriebenen Sägerei Schwegler in der Schaflandstraße 10 beim Überqueren der Bahngleise von einer Rangierlok überfahren.

1905: Aus der früheren Ziegelei Haubensack, Schaflandstraße 11, entstanden die Ziegelwerke Hangleiter. Zwei Ringöfen mit je 18 Kammern brannten Backsteine, Kanal- und Drainageröhren, poröse Decksteine und Dachplatten aus dem ca. 15 m mächtigen Lehmvorkommen, das mit Bagger und Feldbahn abgebaut wurde. Herr W. Barth, damals Leiter der freiwilligen Feuerwehr in Cannstatt, hatte 1889 dort eine mechanische Werkstatt für Feuerlöschgeräte eröffnet: Steigeisen, Hakenleitern (aus Holz), Einreißhaken, Schlauchwagen mit hölzernen, eisenreifenbeschlagenen Rädern, Handwagen für Schläuche und Äxte.

1905 verlegte er seinen Betrieb nach Fellbach, Th.-Heuss-Straße 26, und nahm auch den Verkauf von Handelsware (Pumpen, Helme, Hörner usw.) hinzu. 1931 kaufte Herr Ernst die bankrotte Firma Wenger. Er fertigte auch Wasserwagen (Tanks), Zubehörteile für Firma Solo, Leichtmetallkupplungen nach dem System Storz (statt der bisherigen Klauen), Schlauchanhänger, Schlauchpflegegeräte. Innenausbau von Fahrzeugen begleitete die Motorisierung der Wehren. Weitere Geräte für Hilfeleistung kamen hinzu. Die Drehleitern wurden von Magirus, die Atemschutzausrüstung von Auer übernommen. Seit 1978 leiten H. Blessing und W. Ernst die moderne Kommanditgesellschaft an der B 14.

1907 Scharrer u. Krumm errichten in der Schaflandstraße 3 eine Malzfabrik, die später auf Suppenwürfel und dergleichen erweitert wird. Sie erliegt der Inflation. 1927 wird Mahle "Spritzguß" dort eingerichtet.

1907 eröffnet R. Egelhof in der Auberlenstraße 40 einen Baumaterialhandel. 1920 baute er an der B 14, Ecke Esslinger Straße, Waschkessel nach eigenem Patent. Später fertigte er Großwaschmaschinen. Den Einstieg bei den Automaten hatte er leider versäumt.

1912: Karl Siegel baut eine moderne Nudelfabrik in der Cannstatter Straße 12. 1950 zieht der Betrieb (vollautomatisiert) ins Waiblinger Industriegebiet.

Der Erste Weltkrieg beendete leider diese Phase wirtschaftlichen Aufbaus rapide. Der Zusammenbruch und die Kriegsfolgen stellten die Gemeinde vor große Schwierigkeiten. 1923 zerstörte die Geldentwertung (Inflation) Ersparnisse und Guthaben. Die Gemeinde mußte Notgeld herausgeben. Die Versorgung mit Lebensmitteln blieb bis 1924 ungenügend. Die Auflösung des Oberamts Cannstatt 1923 schlug Fellbach zum Kreis Waiblingen. Die große Wohnungsnot bedingte, daß Wohngebiete (Traubengarten, Endersbacher Straße, Schwabstraße, Siedlung Lindle 1934, nördl. der B 14) ausgewiesen und das Industriegebiet zwischen Eisenbahnlinie und der Stuttgarter Straße geplant wurde. Der Schüttelgraben wurde verlegt, das Abwasser der Kläranlage in die Rems eingeleitet. St. Johannes und die Pauluskirche wurden erbaut, der Kleinfeldfriedhof angelegt. Das Tiefbauamt legte Riesenbeträge in Straßen- und Gehwegbau sowie in Kanalisation an. Die tatkräftigen Bürgermeister Brändle und Dr. Graser führten die große Landgemeinde zielstrebig zu städtischen Verhältnissen. Daß die Industrieansiedlung langsam verlief und sich dem Bauplatzangebot und dem Arbeitsmarkt anpaßte, konnte nicht verhindern, Fellbach zur Wohnstadt von Beschäftigten in Stuttgart und anderen Städten werden zu lassen. Die Überbauung des "Schmidener Feldes" mit seinem hochwertigen Ackerböden ist eine leidige Begleiterscheinung.


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