Erinnerungen alter Fellbacher aus der Zeit um die Jahrhundertwende (Schluß)

70 bis 80 Schöpfbrunnen waren im Ort 
von unserem Mitarbeiter Otto Mall
Die Brunnengemeinschaft kassierte jährlich sechs Schillinge Benützungsgebühr

 

Einer der ehemaligen Schöpfbrunnen Fellbachs

Fellbach hat keinen Bach, außer im Schüttelgraben, aber sieben laufende Brunnen, die aus Quellen gespeist wurden. Mit Hilfe von Deicheln - angebohrten Forchenstämmen -, die man durch Eisenmanschetten miteinander verband, wurde das Quellwasser in Gräben zum Brunnen geleitet. So gab es laufende Brunnen bei der Wette in der Kappelbergstraße, außerdem an der Ecke Bergstraße/Burgstraße "das Brünnele", das bis 1945 lief. Auch neben der Weinstube Mack gab es einen Brunnen. An der Ecke Hintere und Schillerstraße war der Klinglerbrunnen. Südlich des "Grünen Baums" in der Hinteren Straße, auch an der Ecke Cannstatter und Seestraße beim alten Postamt waren Brunnen. Der Marktbrunnen war beim Conradi-Haus in der Vorderen Straße.

Etwa 70 Schöpf- oder Pumpbrunnen, zum Beispiel in der Neuen Straße 6, bei Haus Schwegler, in der Pfarrstraße 16 bei Daubenschmid, oder in der Waiblinger Straße bei Hertter sowie in der Vorderen Straße 19. Dieser Brunnen wurde 1928 versetzt in den Hofmauerweg, wo er jetzt noch zu sehen ist. Brunnen waren auch in der Vorderen Straße 18 bei Seibold, in der Vorderen Straße 41 bei Bodemer, in der Rommelshäuser Straße 8 bei Sayler, in der Schmerstraße 25 bei Aldinger, in der Lindenstraße 9 bei Ernst Rieger.

Der stattlichste Brunnen war der Platzbrunnen beim Conradi-Haus, an der Kreuzung Vordere, Weimer- und Cannstatter Straße. Gespeist wurde er mit dem vorzüglichen Wasser aus der Schreiberquelle. Der sechseckige, gußeiserne Brunnentrog von 1738, mit Brunnensäule, württembergischem Wappen und einem Löwen als Schildträger war der abendliche Mittelpunkt des Dorflebens. Die Mädchen holten hier Wasser, die Burschen trieben das Vieh hierher zur Tränke. Nach dem Bau der Wasserleitung wurde der Brunnen 1903 beseitigt. Eine Fliegerbombe zerstörte die an der Mauer aufgebaute Brunnensäule und die Inschriftenplatten.

Eine Besonderheit war der Klinglerbrunnen in der Hinteren Straße gegenüber dem "Ochsen". Er lag tiefer als die Hintere Straße und war mit einem kleinen See verbunden. Sein Wasser wurde zum Eichen der Zuber, Kübel und Fässer vom Eichmeister verwendet. Vor der Kanalisation und der Drainage war der Grundwasserspiegel höher. So brauchte man nicht allzu tief zu graben, bis man auf Grundwasser stieß. Eine Anzahl von Haushaltungen schloß sich zu einer Brunnengemeinschaft zusammen welche die Kosten für die Unterhaltung und Ausbesserung des Brunnens gemeinsam trug. Die urkundlichen Abmachungen über Rechte und Verpflichtungen wurden vom Schultheiß, den beiden Bürgermeistern und den Gemeinderäten, die man auch Gerichtsverwandte nannte, als Brunnenbriefe bestätigt. So gehörten zu der Brunnen-Gemeinschaft Ecke Kirchhof, Hintere Straße 1789 42 Haushaltungen, die auch zur Reparatur eine Arbeitskraft stellen mußten. Außer der Gemeinschaft durften nur Leute, die aufs Feld vorbeigingen, einen Krug mit Wasser füllen.

Wer den Brunnen benutzen wollte, ohne zu der Gemeinschaft zu gehören, mußte jährlich sechs Kreuzer Brunnenschilling bezahlen. Alleinstehende Frauen, auch Eigenbrötlerinnen genannt, zahlten nur die Hälfte. Beim Eintritt und Austritt aus der Gemeinschaft war ein Schilling zu entrichten. Bestraft wurde das Waschen am Brunnen, das Auswaschen von Kuttelfleck und das Viehtränken am Brunnen. Zur Säuberung und zu Besprechungen mußten die Mitglieder kommen.

Der Trog eines Schöpfbrunnens.
Seit 1926 steht er im Hofmauerweg


Der für je zwei Jahre gewählte Brunnenmeister errechnete Einnahmen und Ausgaben, zog den Brunnenschilling ein, schlug Ausbesserungsarbeiten vor und überwachte dieselben. Bei Bränden wurde zum Löschen geläutet. Das Wasser lieferten die drei Feuerseen und die sieben laufenden Brunnen: 1. die Wette bei der Krone (Tiefe vier Meter), 2. der See bei der Lutherkirche (Tiefe 1,5 bis 2 Meter), 3. der neue See bei der neuen Kelter an der Untertürkheimer Straße (Tiefe 3 bis 4 Meter). Diese Seen konnte man ablassen und das Wasser in der Vordergass und Hintergaß mit einer Schwellvorrichtung in den Graben stauen und mit Wagen und Fässern zum Brandplatz führen. 1889 wurde die freiwillige Feuerwehr gegründet. Die 210 Männer waren in drei Züge gegliedert und arbeiteten mit einer großen und zwei kleinen Druck und Saugpumpen. Kommandant Seemüller wurde später von Kommandant Volzer abgelöst.


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