Außer dem Schulunterricht war der Lehrer auch als Rechner der Weingärtner und als Kantor tätig

Aus dem Leben des Schulmeisters 
Georg Eppinger

Von Rektor a. D. Otto Mall

Im Jahre 1906 erschien in der Druckerei von Wilhelm Weller in der Cannstatter Straße das erste Fellbacher Heimatbuch. Der Reinertrag der rund 170 Seiten zählenden Beschreibung, Geschichte und Führer von Fellbach mit 20 Abbildungen von Georg Eppinger war für Wagners Verschönerungsverein bestimmt. Ein vom Kappelberg aus aufgenommenes Übersichtsbild zeigt das vorwiegend bäuerliche Dorf inmitten von Obstgärten.


In den Anzeigen empfahlen sich die ersten Unternehmen und Handwerker mit ihren Produkten. Außerdem warb eine Reihe von Firmen als "Kaufläden". Der Zusammenstellung, dem Druck und der Bildausstattung dieses Werkes gebührt auch heute noch, nach 79 Jahren, Anerkennung.

Schulmeister Georg Eppinger

Johann Georg Eppinger wurde am 19.August 1855 in Köngen am Neckar geboren. Als begabten Schüler schickten ihn seine Eltern 1870 ins Pädagogium Esslingen. Seine erste Unterlehrerstelle erhielt er 1874 in Stuttgart. Hier lernte er auch seine spätere Frau Wilhelmine, eine Tochter des Weingärtners Wilhelm Hartmann aus Möhringen, kennen. Seit Martini 1880 wirkte der große, stattliche Mann mit dem langen Schnurrbart als Schullehrer der vierten Schulmeisterstelle in Fellbach unter Oberlehrer Dölker.

Der Schulmeister erhielt drei Zimmer, wovon zwei beheizbar waren, eine gegipste Dachkammer, eine Küche mit Speisekasten, besonderen Abtritt, den erforderlichen Keller und genügend Bühnenraum. Sein Salär betrug jährlich 900 Gulden, dazu zwölfeinhalb Scheffel Dinkel zu 86,25 Gulden, der Reinbetrag also 986,25 Gulden.

Eppinger versah auch den Organistendienst in den Kirche mit dem Orgeltreter Jakob und dem Posaunenchor Staps. Hochzeiten wurden mit etwa zehn Gulden jährlich extra entlohnt. Als Kantor leitete er den Kinderleichenchor, den beim Abstellen des getragenen Sarges die Choräle sang. Er führte auch die Aufsicht über den Läutedienst seiner Buben im Kirchturm vor dem Gottesdienst und der kleinen Friedhofsglocke zur Beerdigung. Morgens wurde bis 1911 sommers um 7 Uhr zum Anfang, winters auf 8 Uhr die Schulglocke geläutet.

Bei der Weingärtnergesellschaft war der Obenlehrer Rechner. Beim Herbstgeschäft überwachte er das Wiegen den Traubenbutten und entlohnte die Kelterknechte. 1890 hat er zur Gründung einer landwirtschaftlichen Darlehenskasse aufgerufen. Dort versah er für 45 Gulden den Rechnerdienst. Obermeister Bodemer übertrug ihm die Schriftführung für die Küferinnung Cannstatt.

Die Redaktion des "Bote vom Kappelberg" erwartete, daß er um 9.45 Uhr in der Pause einen Schüler mit einem Zettel schickte, auf welchem er die von seinen Buben erfragten Dorfneuigkeiten berichtete. Außer dem Ertrag dieser Fülle von Nebenämtern kam die streng überwachte Lieferung von Mesnerlaiben und ausgiebigen Metzelsuppen dem Hauswesen mit fünf Kindern gute. Hatte der Schwager Hartmann wider einen Weinberg überbaut, so floß ein Teil des Erlöses aus dem Besitz der Schwiegermutter an Wilhelmine Eppinger. Trotzdem war häufig Ebbe in den Familienkasse.

Seit 1888 leitete der Oberlehrer auch die Abendfortbildungsschule im Winter und die ganzjährige Zeichenschule für die etwa 35 schulentlassenen Söhne. Der Schwäbische Albverein durfte auf seine Mitarbeit beim Aussuchen des Standorts für den Kernenturm zählen. Auch die Geschichte vom Bauwesen Kernenturm ist vermutlich aus seiner Hand. Die Silchergesellschaft brauchte einen Bericht über Silchers Provisortätigkeit. Schließlich mußte mit dem Gemeindepfleger das eingesammelte Schulgeld abgerechnet werden, das seit 1844 pro Schüler 50 Pfennig betrug - Arme wurden auf Antrag befreit.

Pfarrer Hönes, sein geistlicher Schulaufseher, urteilte über Eppinger: Er ist fleißig 

Hosenspanne als Schülerstrafe

im Amt und handhabt gute Zucht in seiner Klasse mit 90 Buben. Diese Ordnung schätzte auch Herr Fritz, den angesehenste Schultheiß des Bezirks, welchen im Nebenruf tüchtiger Weinhändler war. Dekan Roschütz von Cannstatt lobte Fellbach als die geordnetste Gemeinde des Landes.

Eppingers Schuluntericht dauerte sommers 7 bis 10 und 14 bis 16 Uhr, winters 8 bis 11 und 13 bis 5 Uhr, mittwochs und samstags mittags frei. Montagmorgens mußten die Schüler über die Hauptpunkte der Sonntagspredigt berichten. Viele hatten dort mitgeschrieben, um der Strafe des Hosenspannens zu entgehen. Die Hauptfächer in der Knabenoberklasse waren Religion mit Memorieren, Choralsingen, Lesen, Rechnen, Diktat und Aufsatz (nach Beispielen). Zunehmend beschäftigte man sich mit "Realien", wie dem Bezirk, dem Königreich, Deutschland, dem Heiligen Land, mit Europas Fürstentümer und fremden Endteilen.

Eigene Beobachtungen und Schreibers Anschauungsbilder waren die Grundlage für Sprechübungen in Naturkunde. Bei Naturlehre war Telegraphie noch freiwillig. Für Elektrizität gab es schon physikalische Apparate zur Vorführung in den Klassen mit 90 Schülern. Bis zum 18. Lebensjahr waren alle Schüler ab 13 Uhr in den Schule zur Sonntagsschule verpflichtet, wo das in der Schule Erlernte wiederholt und Sprüche und Lieder befestigt wurden.

Von 1901 bis 1910 leitete Eppinger die Fellbacher Schule als Obenlehrer. Waren es 1880 bei Eppingers Dienstantritt fünf Schulmeister, welche 571 Schulen in sieben Klassen unterrichteten, so waren es 1911 bei seinem Ausscheiden 15 Lehrer, welche 1047 Kinder in 15 Klassen zu etwa 70 Schülern unterrichteten, teilweise in Abteilungsunterricht. 

Zu Eppingers 25-Jahr-Jubiläum an der Fellbacher Schule 1905 lud Schultheiß Fritz alle Schulmeister, den Pfarrer, die Gemeinde und Stiftungsräte ins Rathaus ein, um den Obenlehrer öffentlich mit einem Geschenk zu ehren. Baulanderschließung, Straßen, Wege und Kanalbau belasteten die Gemeinde Fellbach schwer, da sie zunächst nicht mehr auf die Gewerbesteuer hoffen konnte.

Daß auch die Schule mit ihren Forderungen von Lehrerstellen, Schulräumen und neuen Lehrmitteln nun dazu kommen mußte, belastete die Zusammenarbeit. Ein Lokal konnte in den Neugasse angebaut werden. 1906 wurden sechs Lokale in der Kirchhofstraße erstellt (Neues Schulhaus). Da brachte die Gewerbeschulpflicht für alle Lehrlinge neue Bedrängnis, so daß schon 1912 sechs weitere Schulräume an das neue Schulhaus angebaut werden mußten. Trotz aller Engpässe lief den Unterricht aber einigermaßen geordnet ab. Das verlangte viel Hingabe. Veränderungen der Lehrpläne erforderten laufende Umstellung auf neue Realien und andere Verteilung auf die verschiedenen Schuljahre. Dabei gab es noch keinen Schuletat. Alle neuen Lehrmittel mußten beantragt und dafür Verständnis geweckt werden. Viele Eltern wandten sich einer freieren Erziehung zu und nahmen Anstoß

Hinwendung zu einer freieren Erziehung

an Eppingers harter Zucht, welche aber durch die großen Klassen notwendig blieb. Im Stiftungsrat tadelte Haug sogar Eppingers Unordnung im Haus wegen des Trinkens. Vielleicht hatten viele nicht beobachtet, daß seine Gesundheit unter den vielseitigen Beanspruchung litt. Es mag sein, daß er sich mißverstanden fühlte, abends öfter im "Bären" sitzen blieb und morgens mißgelaunt die Schulstube betrat, zumal da es auch wegen seines Sohnes Alfred öfter häuslichen Ärger gab. 
Trotzdem bescheinigte Pfarrer Bengel dem Lehrer, daß der Oberlehrer jetzt mit seiner Frau und den fünf Kindern mehr im Frieden lebe. Im November 1911 erlitt Eppinger bei einer Versammlung der Gesellschaft in der "Krone" einen Schlaganfall, an dessen Folgen er am 11. November 1911 verstarb.


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