Zwei Architekturstudenten haben das Haus Hintere Straße 26 untersucht

Heimatmuseum wahrscheinlich von 1685

Aus der Geschichte eines der schönsten Fachwerkhäuser Fellbachs

Die Architekturstudenten Eveline Jilg-Meißer und Thomas Jäschke haben mit der Bauaufnahme des Fachwerkhauses in der Hinteren Straße 26 mitgeholfen, die bisher in der Literatur mit 1621 und 1711 angegebene Entstehungszeit zu klären. Alle Stilmerkmale deuten darauf hin, daß das Haus wahrscheinlich Ende des 17. Jahrhunderts entstanden ist.

1971 hatte die Stadtverwaltung das Gebäude von den Funk'schen Erben gekauft, um das Heimatmuseum darin einzurichten. Bei den folgenden Renovierungs- und Umbauarbeiten wurden die Sichtfachwerkfassaden im Detail genau restauriert. Die zum Innenausbau verwendeten Materialien wie Linoleumfußböden statt Holzböden, Fensterbänke aus Resopal statt Holz und in die Decke eingezogene Stahlträger sind aber nicht stilgerecht. Leider wurde der Türsturz am südlichen Eingang, der vermutlich von den Zimmerleuten eingeritzt war und in der Mitte das Signum des Zimmermanns trug, wieder verputzt, aber doch vorher abgezeichnet.

Das Gebäude weist eindeutige Merkmale der fränkischen Fachwerkbauweise auf, die Ende des 16. Jahrhunderts den allemannischen Fachwerkbau allmählich ablöste. Die Fußbodendielung war an der Fassade nicht mehr ablesbar. Riegel und Buge wurden eingezapft. Vorher wurde die Dielung bis zur Vorderkante des Gebälks geführt und war von außen sichtbar.

Das Gebäude des Fellbacher Heimatmuseums

Ein Vergleich der statistischen Merkmale des Hauses ergab: Die Geschoßaustragungen sind weniger als 28 Zentimeter lang. Das Sockelgeschoß ist aus Brandschutzgründen gemauert nach Vorschrift von 1655. Das Stichgebälke wird nicht mehr mit Knacken verriegelt. Der Trageständer wird paarweise durch halbhohe Streben ausgesteift und im oberen Riegelfeld durch kurze Knacken ausgesteift. Die Regelfelder werden mit Andreaskreuzen, Rauten oder Rhomben geschmückt und dazu geschweifte und gebogene Formen zur Verfeinerung verwendet.

Um 1660 hatten die Bauleute die folgenden Verordnungen für Bau, Feuerschutz und Handwerk zu beachten: 1. ein drei Schuhe breiter Gang - 85,6 Zentimeter - zwischen den Gebäuden für die Brandbekämpfung und für das Dach-, Kuchen- und Kammerabwasser (Latrine); 2. die Sockelgeschosse sind ganz, beide Nebenseiten bis unter das Dach zu mauern - Ausnahmen waren nur ,,armen" Leuten gestattet -; 3. die Balkengefache müssen mit Zwischenpfosten nicht nur mit Stichstecken in Lehm ausgestattet werden. 

Als Ergebnis ihrer Untersuchung halten es die beiden für unwahrscheinlich, daß ein so großes Haus während des 30jährigen Krieges gebaut worden sein könnte. Vermutlich hatten die Menschen damals nach Einquartierung, Plünderung, Brandschatzung und Seuchen nicht mehr genügend Geld für einen solchen Bau. 

Die Studenten haben jetzt das Haus Hintere Straße 26 auch mit den zwei anderen Fellbacher Sichtfachwerkhäusern Cannstatter Straße 9 und Cannstatter Straße 15 verglichen. In dem letzteren (Konstanzer Pfleghof) ist die Fachwerkausführung wesentlich schlichter. Das Erdgeschoß ist auch massiv. Auskragende Geschosse zeigen nur geringe Plastizität. Die Gefache unter den Brustriegeln sind mit Fußstecken ausgefüllt. Die oberen Giebelfelder zeigen keine ornamentalen Formen. Beim Haus Cannstatter Straße 9 (Kaufhaus Sayler) aus dem Jahr 1685 finden sich auch schmückende Elemente in der Giebelseite der oberen Stockwerke. Bogenförmige, geschweifte Streben wurden verwendet. Die ornamentalen Quadratfüllungen sind wechselweise gerade und gekrümmt gestaltet.

Nach Auffassung der Studenten ergibt der Vergleich mit den zwei Gebäuden mit sicherer Bauzeitangabe die Richtigkeit des Datums im Türsturz des Hauses Hintere Straße 26: die Jahreszahl 1685 als Baujahr. Leider ist dieses älteste Dokument nicht mehr sichtbar.

Die Vermutung, das Haus sei in zwei Bauabschnitten gebaut worden, weil in der Fußbodenschwelle des ersten Obergeschosses ein Höhenversatz ist, bestätigt sich nicht. Der mittlere Teil des Gebäudes ist unterkellert und ist deshalb mit Sicherheit zuerst gebaut worden. Wäre das ostwärtige Drittel angebaut, so hätte das eine Erschließung an der Hauptfassade bedingt. Der Ausbau des westlichen Drittels setzt voraus, daß die dort vorhandenen schwachen Mauern nicht als Außenhaut in Frage gekommen wären. Das 12 mal 17 Meter große Haus mit zweigeschossigem Fachwerk und zwei ausgebauten Dachgeschossen wurde zusammenhängend errichtet als Bauernhaus mit Ställen für Pferde, Kühe und Schweine, mit Scheune und Nebengebäude. Die Mansarden im Haus wurden später eingebaut.

Erbaut worden ist das Haus von Jakob Ebensberger und Ehefrau Margaret Sayler, 1643 bis 1716, Gerichtsverwandter, und 1642 bis 1707. Dann folgten Joseph Ebensberger und Ehefrau Anna Lederer, Pfarrtocher. Er war Amtsbürgermeister und Organist (1681 bis 1758). Nächster Erbe war: Johannes Ebensberger (1711 bis 1782) und Agathe Pfander (1713-1760). Danach kamen Abraham Friedrich Ebensberger (1752 bis 1789) und Elisabeth Katharine Ebensberger (1752 bis 1789).

Eingeheiratet hat Friedrich Schnaitmann (1765 bis 1835), die Erbin war Elisabeth Margret Ebensberger (1777 bis 1820). Auch eingeheiratet hat Johannes Irion, Wundarzt aus Trossingen (1813 bis 1871). Dann wurde das Haus umgewidmet zum Arzthaus mit Krankenanstalt. Die Erbin war Christine Friedericke Schnaitmann (1811 bis 1846), ihr folgte die zweite Ehefrau Caroline Rau.

Der Käufer für 12000 Gulden war dann Heinrich Koch, Wundarzt aus Gaildorf (1853 bis 1891), und seine Ehefrau Friedricke Lebesanft, Weingärtnerstocher aus Stuttgart. Dann kam der nächste Käufer 1891, Pfarrer Dorner, der im Haus eine Trinkerheilstätte einrichtete, wahrend sein Sohn Nelkenzucht mit einer Edelnelke aus Amerika trieb. Der Kaufpreis war 26400 Goldmark. Dann kam als Pächter Emil Munz, Gärtner aus Waiblingen, der eine Gärtnerei mit Nelkenzucht betrieb und diese später nach Waiblingen verlegte. 

1897 kam als Käufer der Gärtner Gärtner, der Haus und Gelände für 32 000 Goldmark erwarb. Als nächster Käufer kam 1899 der Gärtner Funk. Er baute 1906 eine Remise und Stallungen an. Damals war die Schillerstraße schon geplant. 1927 kam ein Gewächshaus mit Dampfheizung hinzu. 1930 entstand der Irionweg. 1948 erfolgte der Anbau im Osten, ein Gewächshaus und ein Laden. 1950 wurde das Fachwerk freigelegt mit einem Zuschuß von 600 Mark durch Stadt und Land. 1955 war der Schwamm im Fußboden des Erdgeschosses. Deshalb mußte ein Stahl-Beton-Boden eingezogen werden. 1971 kaufte die Stadtverwaltung Fellbach das Haus für 500 000 Mark und ließ es bis 1977 zum Museum umbauen. 1978 wurden dann die Vorbauten abgerissen und der Platz beim Entenbrünnele neu angelegt.

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