Beispiel menschlicher Bewährung in schwerer Zeit

Jakob Stern überlebte
 Wie Ernst Müller den jüdischen Betrieb über den Krieg erhielt

Von unserem Mitarbeiter Otto Mall

Im "Dritten Reich" bedeutete das Eintreten für "lebensunwertes Leben", für Behinderte, Zigeuner, Mischlinge, Fremdstämmige und Juden, Verrat an der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Wer sich für solche Personen einsetzte, wurde vom Staatssicherheitsdienst als "Volksschädling ohne Gerichtsurteil in Zwangsarbeitslager oder Konzentrationslager eingeliefert. Die Familien der Betreffenden wurden oft mit Sippenhaft bedroht, in Stellung, Besitz und sogar Leben. Um so beachtenswerter ist das Verhalten von Ernst Müller in der ehemaligen jüdischen Firma Jakob Stern, deren Geschichte in Fellbach aus Berichten von Zeitgenossen zusammengetragen worden ist.
Der am 6. Mai 1882 in Schopfloch geborene Sohn jüdischer Eltern, Jakob Stern, erlernte in seiner Jugendzeit hei den Firma Bamberger den Beruf des Kaufmanns. 1911 gründete er in der Oberen Bachstraße 49 in Stuttgart seinen eigenen Betrieb: Firma August Stern and Co. mit Lagerbetrieben in Stuttgart und beim Bahnhof Bad Cannstatt, 1919 wurde auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei Haller und Zeltwanger an der Eisenbahnstraße (früher Ringstraße) ein dritter Lagerbetrieb erworben, auf dem von 1914 bis 1917 eine Minenfüllerei betrieben worden war. Dieses Fellbacher Lager wurde zum Hauptbetrieb ausgebaut.
Eine Blei- und Zinkschmelze wurde gebaut und zur Minderung der Umweltbelästigung der vorhandene Hochkamin um 40 Meter erhöht. Schon 1920/1921 stapelten sich an den Gleisanlagen beim Gittersteg, der 1950 abgebrochen wurde, riesige Mengen von Kriegsmaterial der Armee: Auf Befehl der Alliierten waren alle übriggebliebenen Waffen den deutschen Trappen zu vernichten. So warteten auch sechs 15-Zentimeter-Kanonen auf ihre Demontage und Einschmelzung zu nützlichen Metallblöcken, Auch Gewehre, Magazine, Blechbehälter, Patronenhülsen und Schanzgeräte wanderten in die Schmelztiegel.


Ernst Müller von Bosch

1920 bis 1923 war Ernst Müller Kaufmann beim Bosch-Einkauf in Stuttgart. Am April 1923 trat er in die Firma Jakob Stern ein. Zum 1. April 1924 wurde die offene Handelsgesellschaft Jakob Stern und Co. aufgelöst. Mit einem Stammkapital von 30000 Rentenmark wurde die Firma Jakob Stern GmbH mit dem Büro in der Kronenstraße in Stuttgart gegründet. August Stern übernahm das Cannstatter und das Stuttgarter Geschäft, Bruder Jakob Stern den Fellbacher Betrieb als Alleininhaber. Jeder erhielt außerdem einen Lastwagen Anhänger. 

In Abwesenheit von Schultheiß Brändle verkaufte Gemeindepfleger Glück an Kaufmann Jakob Stern und Kaufmann Theodor Schwegler je zur Hälfte 23 AR in Fellbach in den Deschen um 11 500 Goldmark zur Straßendurchführung entlang der Bahnlinie. Im Mai 1924 wunde der Firma Stern vom Oberamt Waiblingen erlaubt, Kupfer, Zinn, Zink, Blei, Antimon, Rotguß, Messing, Aluminium und deren Legierungen in rohem und geschmolzenem Zustand im Großhandel zur Weiterveräußerung nach Be- oder Verarbeitung zu erwerben,

Am 15. Dezember 1924 wurde Julius Häfele zur Vollendung seiner kaufmännischen Lehre in den Betrieb eingestellt. Schon 1925 konnte das Stammkapital auf 45000 Rentenmark erhöht werden. Im März 1928 trat Ernst Plieninger als Lagermeister ins Geschäft ein. Das Hahn-und-Kolb-Haus nahm das Büro auf. Ernst Müller wurde nun Teilhaber und erhielt Einzelprokura den GmbH. Die 1926 begonnene Bildung eines versteuerten Reservekontos wies 1931 einen Bestand von 35000 Reichsmark auf. Durch sie konnten die schweren Verluste den Weltwirtschaftskrise um 1930 ausgeglichen werden, welche infolge den Pleite großer Schrott- and Metallfirmen, wie Adler und Heppenheimer, entstanden waren,

1931 erfolgte die Übersiedlung des Betriebs nach Fellbach in die Esslinger Straße 2, neben dem bisherigen Lagerplatz. Am 1. April 1935 trat Ernst Pfander als kaufmännischer Lehrling ein.

Stern mußte ausscheiden

Seit 1933 hatte die NSDAP das Deutsche Reich in einen NS-Staat verwandelt. Auch im Wirtschaftsleber galt ihre Weltanschauung: Die Juden sind unser Unglück! Diese sollten daher völlig ausgeschaltet werden, und zwar durch Arisierung der Betriebe. Die Verhandlungen darüber wurden von den Gau-Wirtschaftsleitung bei der Industrie- und Handelskammer Stuttgart geführt. 1937 mußte Jakob Stern aus der Firma ausscheiden. Die Firma Müller und Co. KG entstand. Sohn Siegfried Stern wurde Gesellschafter. Als Minderjähriger wurde er von E. Beck, Stuttgart, als Bevollmächtigtem vertreten. Auf Wunsch von Stern wurde Ernst Müller alleinig haftender Gesellschafter und Geschäftsführer. Am 19. Mai 1940 fiel Siegfried Stern als Kriegsfreiwilliger der Deutschen Wehrmacht bei Laon in Nordfrankreich.
Nach langwierigen Verhandlungen mit dem Reichswirtschaftsministerium in Berlin konnte seine arische Mutter Emilie Stern seine 23prozentige Beteiligung übernehmen. Damit hatte Stern die Verantwortung für sich, seine Familie und ihre Existenz vertrauensvoll in die Hände seines bisherigen Teilhabers gelegt. Schon 1938 wurde aber in einer Broschüre mit dem Zweck der Geschäftsschädigung der arisierte Betrieb als jüdische Firma bei den württembergischen Gewerbetreibenden angeprangert. Ernst Müller wurde als Vertrauenshändler bei der Reichsstelle für Eisen und Metall aasgeschlossen. Die Firma wurde bei Submissionen der Deutschen Reichsbahn mit Ausnahme der Reichsbahn in München nicht mehr zugelassen, auch nicht bei städtischen und staatlichen Stellen. Sogar die Zink- und Bleischmelze wurde unter Vorwänden geschlossen.

1940 wurde E.Müller vom Wirtschaftsministerium aufgefordert, seine Teilhaber aus beiden Firmen zu entlassen. Die "Entjudung" der Geschäftsgrundstücke wurde erwogen. Ernst Müller widersetzte sich diesen Versuchen unter ständiger Gefährdung eigener Belange erfolgreich. Auch wegen der Weiterbeschäftigung des kriegsbeschädigten Juden Caesar Bruchsaler gab es fortgesetzt Schwierigkeiten. Der Verlust des Arbeitsplatzes hätte für diesen den Entzug der Lebensmittelkarten bedeutet, also den allmählichen Hungertod. Bruchsaler sollte wiederholt abtransportiert werden. Durch persönliche Verhandlungen im Kriegsbeschädigtenamt in der Stuttgarter Lindenspürstraße konnte das bis 1942 verhindert werden. 

Aus Fellbach ins KZ

In den Jahren 1940 bis 1945 mußten Juden jederzeit mit dem Abtransport ins KZ rechnen. Aus Fellbach wurde Frau Stern, die Schwester von Jakob Stern, und Frau Gräber als Trägerinnen des Davidsterns auf der Kleidung polizeilich abgeholt und zum Sammeltransport nach Theresienstadt gebracht Auch Jakob Stern sollte mehrmals abgeholt werden. Gutmeinende ließen ihn aber immer rechtzeitig warnen, so daß er irgendwo Zuflucht finden konnte. Das tat er auch in den letztes Kriegstagen im April. Durch Mithilfe vieler Bekannter konnte er als einziger Jude Fellbachs ohne Deportation den Nazistaat überleben.

1941 begannen die sogenannten Betriebsauskämmungen für die Wehrmacht. Um den Betrieb nicht in fremde Hände gelangen zu lassen, aber doch nicht der NSDAP beitreten zu müssen, entschloß sich Ernst Müller zum Dienst in der SA Reserve. Immer wieder versuchte man ihn in die Partei zu pressen. Als er sich 1944 weigerte, Männer aus seinem Betrieb zu Wehrbefestigungsarbeiten zu stellen, erhielt er eine persönliche Beordung folgenden Inhalts: Nachdem Sie sich nicht bereit erklärt haben, für die Befestigungsarbeiten West die angeforderte Zahl von Männern zu stellen, hat der Betriebsführer ihrer Firma sich selbst für die Notdienstverpflichtung bereitzuhalten. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß das Nichtbefolgen der Dienstverpflichtung Strafmaßnahmen nach sich zieht. Gez. Junger"

Durch einen Brief an die Kreisleitung Waiblingen konnte die Verpflichtung aber noch abgewendet werden.

Am Samstag, 20. April 1945 beteiligte sich Ernst Müller zusammen mit den Herren Dinkelacker, Julius Häfele und Gassert an der Beseitigung der Panzersperre an der Reichsstraße Fellbach-Waiblingen. Da sie ein unerwartet hinzugekommener Offizier der Wehmacht mit Erschießen bedrohte, mußten sie flüchten und sich bis zum Einzug der amerikanischen Panzer am Sonntag verstecken. Die Abholung des Fahrzeugs III E 21560 vom Stadtkommandanten des Fellbacher Volkssturms konnte verhindert werden, da es "unauffindbar" versteckt war. 

1937 his 1945 hat Ernst Müller seine persönliche Fühlung mit der Familie Stern aufrechterhalte und sie mit Lebensmittel versorgt. Von Dezember 1940 bis März 1944 wurde Stern von Ernst Müller monatlich mit 700 Mark, insgesamt mit 28000 Mark, bar unterstützt. Private Vermögensvorteile hat Ernst Müller auch in seiner veränderten Stellung als Betriebsleiter nicht erstrebt. Die durch die Zwangsweise Veränderung der Geschäftsanteile bewirkten höheren Einkünfte wurden Stern als Unterschiedssumme voll erstattet. Außerdem wurde im einvernehmen mit Jakob Stern sofort die Wiederherstellung der Anteilsbeteiligung von 1937 mit Wirkung vom 1. Januar 1945 vereinbart.

Ernst Müller hat dadurch vielen Mitbürgern ein Beispiel für echte Menschlichkeit gegenüber verfolgten jüdischen Mitbürgern gegeben. Welche Umstände ihn persönlich trotz aller Gefährdung schließlich doch vor der Verfolgung bewahrt haben, werden wir wahrscheinlich nie erfahren.


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