Erinnerungen alter Fellbacher an die Zeit um die Jahrhundertwende (2. Folge)

Früher schliefen sie in einem Bett mit zwei Kissen

Für die Kinder gab es meistens nur mit Welschkorn oder Maisstroh gefüllte Säcke

Von unserem Mitarbeiter Otto Mall


In ganz alten Häusern gab es noch einen Alkoven, eine Schlafraumnische, die durch einen Vorhang von der Wohnstube getrennt war und die doppelschläfrige Elternbettstelle, manchmal als Himmelbett mit vier Vorhängen, aufnahm. Die Stubenwand war oft bis zur halben Höhe mit Holz getäfelt, darüber dann weiß gekalkt. Auch der Plafond war meist nur geweißt und selten getäfelt. An der Wand hingen in Rahmen aus Kirschbaumholz Bilder vom württembergischen Königspaar, ein Engel, der schmale und breite Weg und ein Reiterbild des Großvaters zur Erinnerung an seine Militärzeit. Es war ein Druck, der ausgemalt war und bei dem man dem Kopf eine Porträtähnlichkeit zu geben versucht hatte. Der Fußboden bestand aus zusammengeleimten Tannenbrettern, die nach Notwendigkeit mit Wurzelbürste und Schmierseife gewaschen wurden. Sonntags wurden sie mit weißem Kappelbergstubensand bestreut und gekehrt. Wegen der verschiedenen Abnützung wurde der Boden mit der Zeit aber uneben. Da alle Einrichtungsgegenstände an der Wand standen, war immer genügend Platz für Aufenthalt, Arbeit der Großen und Spiel der Kleinen.

Aus der Schlafkammer

In den meisten Häusern, die keinen Alkoven in der Wohnstube hatten, gab es eine besondere Schlafkammer für die Eltern. In dieser stand aber auch die "französische" Bettlade. Neben der Wiege, dem Kinderbett, stand bei begüterten Familien ein doppeltüriger Kleiderkasten, vielleicht so gar mit Einlegearbeiten und Messingbändern. Auf dem Ehebett lagen zwei federgefüllte Kissen: der Haipfel für die Nacht, das Schaukissen für den Tag. Sie waren mit blauem Muster bedruckt. Die Betten wurden morgens zum Lüften auf den Fenstersims gelegt, die Strohdecke und Kissen aufgeschüttelt. Die Mutter trug eine Bettjacke, der Vater eine Schlafmütze. Ins Schlafzimmer kam man nur zum Umziehen, Schlafen oder für Notfälle. Die geschraubte Bettflasche mußte laufend gerückt werden.

Die Schlafkammer war nicht heizbar und hatte trotz eingehängter Vorfenster bis mittags Eisblumen am Fenster. In der emaillierten Waschschüssel reinigte man mit dem Familienwaschlappen vor dem Spiegel Gesicht, Hals und Ohren. Dann wusch man die Hände und trocknete sich am gemeinsamen Handtuch ab. Nun ordnete man das Haar mit dem Familienkamm, die Frauen begannen mit dem "Zopfen". Die Männer hatten Gesicht und Hände meist schon am Brunnen gewaschen. Sonntags rasierten sie sich. Eine gründliche Körperreinigung in Form eines Bades war bei Erwachsenen selten.

Die älteren Kinder schliefen in besonderen Kammern mit denkbar einfachster Ausstattung, bisweilen direkt unter dem Dach oder in die Scheune hineinverlegten Kammern. Nicht jedes Kind hatte ein eigenes Bett. Die ganz kleinen schliefen bei der Mutter. Auch Kleider und Schuhe der Geschwister wurden von den Jüngeren aufgetragen.

In der Knechtekammer stand Bett, Stuhl und Kleiderkiste, da der Aufenthalt ja meistens im Stall und in der Scheune war. Während das Ehebett mit einem Rost aus Stahlfedern ausgestattet wurde, gab es für die großen und kleinen Kinder Strohsäcke oder Welschkornflöckle mit Maisstroh.

In der Küche

Die Küche war mit der Stube durch eine Durchreiche verbunden. Der Herd in der rauchgeschwärzten Küche war gemauert und oben mit einer eisernen Platte abgedeckt, die mit vier Öffnungen für Häfen, Kacheln, Pfannen und Schiff versehen war. Diese konnten mit gußeisernen Ringen ab gedeckt werden, wenn man sie nicht brauchte. Der untere Teil der Töpfe oder Häfen wurde von den Flammen umspielt, war schwarz und rußig. Deshalb mußten diese Häfen, wenn sie nicht gebraucht wurden, umgestülpt an die Wand gehängt werden. Die abziehende Warmluft erwärmte das Wasser in dem im Herd eingepaßten Wasserbehälter, dem sogenannten Schiff, so daß immer ein Vorrat an Warmwasser, zum Abwaschen oder zum Anbrühen des Viehfutters, zur Verfügung stand.

Das Abwasser wurde in den Schüttstein oder ein hölzernes Ablaufbecken geschüttet, dessen hölzerne Röhre zur Dunglege führte. Am Rand des Wasserkübels hing die Schapfe. Ein Hocker diente zum Ab stellen der Spülgelte oder des kleinen Waschzubers für die Wochenwäsche. Der Tisch längs der Küchenwand trug eine schmucklose Holzplatte und hatte vier Schubladen für Kochmehl, Grieß, Gewürz und Kleie. Das hölzerne Salzfaß hing an der Wand. Im Holzbiegel war stets ein kleiner Vorrat trockenen Holzes gelagert. Die Brauchmilch wurde in der ursprünglich handgetriebenen Zentrifuge entrahmt. Unter dem Tisch stand der Saukübel zur Aufnahme aller brauchbaren Abfälle aus Küche und Keller bereit. Auf dem Tisch stand die Funzel mit offener Ölflamme. Wenn der ganze Raum beleuchtet werden sollte, wurde sie an die Wand gehängt. In mancher Küche zog der Rauch noch frei in den offenen, walmdachförmigen Rauchfang ab. Jahrzehnte vorher gab es in manchen Küchen eine Wandöffnung, durch die der Rauch ohne Kamin in den Hausgang oder Ern abziehen konnte. 

Im darüber liegenden Stockwerk war der Kamin durch ein Eisentürchen zugänglich. Bei vielen konnte das auch durch die Küche aus geschehen. Im Kamin waren die Rauchstangen angebracht, an denen man nach dem Schlachten die Würste und Speckseiten aufhängte. Gefeuert wurde nur mit Holz. Wer keinen Wald besaß konnte im Gemeindewald bei der "Auktion" Holz ersteigern oder es im Januar oder April auf dem Holzmarkt erhandeln. Dort wachte der Holzmesser darüber daß das Maß im Festmeter stimmte. In der Nähe des Herdes stand eine Schranne oder Bank ohne Lehne mit Kipfer- und Holzgelten, Eimern, die abends von Frauen und Mägden am am Pumpbrunnen der Gemeinschaft oder  am Röhrenbrunnen gefüllt und auf einem "Beistle" auf dem Kopf getragen wurden.

Ab 1902 gab es die Versorgung durch eine Wasserleitung. In Aldingen hatte die  Wasserversorgungsgruppe Fellbach Schmiden und Oeffingen eine Quelle mit 10 Sekundenlitern gefaßt und zwei Grundwasserschächte erstellt. Durch ein Pumpwerk mit Gasmotoren wurde das Wasser zu dem 8000 Hektoliter fassenden Reservoir am Kappelberg gedrückt. Von dort strömte es ins Rohrnetz, das 150 Hydranten für die Feuerwehr besaß. Seit 1920 ist Fellbach auch bei der Landeswasserversorgung angeschlossen, welche von Niederstotzingen bei Heidenheim Grundwasser des Donaurieds und seit 1953 auch Karstquellwasser des Egauwerks über den Schurwald bis zur Pumpstation Rotenberg führt. Seit 1955 bekommt Fellbach auch Bodenseewasser.

Der Wasserzins richtete sich nach Zimmerzahl und Viehbestand. An der Küchenwand hing ein dreistöckiges Schüsselbrett als Gestell für Schüsseln, Teller und Pfannen und hölzerne Kochlöffel. Vor dem Fenster war das "Hafebritt" angebracht, auf dem die irdenen Milchtöpfe und Kannen aufgestellt wurden. Bei ungünstiger Witterung, wenn der Rauch aus dem Kamin heruntergedrückt wurde, konnten die Bewohner es in der Küche kaum aushalten. Das Schwitzwasser tropfte von der Decke auf den Herd und den steinernen Fußboden. Hinter einer verschließbaren Türe war die "luftige" Speisekammer für kurzzeitige Aufbewahrung von Speiseresten, Aufstellen von Milch, Aufhängen von Säckchen mit gedörrten Schnitzen und getrockneten Zwetschgen und Abstellen von Schüsseln und Gelten.

(Fortsetzung folgt)


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