Erinnerungen alter Fellbacher an die Zeit um die Jahrhundertwende (7. Folge)

Nach Konfirmation vier Jahre in die Kirche

Die jungen Männer mußten zwei bis drei Jahre lang für 23 Pfennig täglich dienen

  Von unserem Mitarbeiter Otto Mall

Am Sonntag nach Ostern wurden die Schüler nach sieben Schuljahren konfirmiert: Quasi modo geniti, am Sonntag konfermiert mer mi! Durch einen sorgfältig geschriebenen Patenbrief wurden Döte und Dote feierlich zur Konfirmation eingeladen. Der reichverzierte Briefbogen wurde beim Buchbinder Maier - vorher Seidel - gekauft. Den von Generationen überlieferten Text besorgte die Schule. Der Lehrer überwachte auch die "gestochene" Ausführung des Briefes. Zusammen wurde der Abschied von der Schule und Eintritt ins Berufsleben und die Aufnahme der Jugendlichen in die kirchliche Gemeinde vollzogen. Verwandte und Bekannte beschenkten den Konfirmanden mit Gesangbuch, Schirm, Wäsche und Geld. Als Gegengeschenk mußte er Backwerk austragen: Butterkuchen, Hefenkranz, Gugelhupf. Der Ruf der kleinen Kinder "Konfirmand hat kein' Verstand" zeigte allen, daß er noch nicht vollgenommen wurde.

Am Konfirmationstag zeigte sich die Veränderung auch in der Kleidung: Die Mädchen trugen erstmals schwarze Kleider und ein Myrtesträußchen - später gelbe Rosen - auf der Brust. Die Knaben erschienen in langen schwarzen Hosen, manche auch noch in überkommenen kleineren Kirchenrock und Zylinder - mit Einlage, weil auf Wachstum berechnet. Später trugen alle den schwarzen Anzug, ab 1920 waren auch andere dunkle Anzugsfarben möglich.

Haus und Stube wurden hergerichtet und frisch geweißt. Die Fensterläden und Türen wurden mit Leinöl aufgefrischt. Die Katechismusprüfung war der erste öffentliche Auftritt. Dem Aufsagen der Antworten sahen Eltern und Konfirmanden mit Bangen entgegen und waren glücklich, wenn es gut abgelaufen war. Die Paten waren zum Mittagessen eingeladen. Bei Kaffee, Gebäck und Wein, zu dem auch weitere Verwandte erschienen, gab es ein kleines Sippenfest.

Am folgenden Sonntag war das Konfirmations-Abendmahl, an dem auch die Eltern und Paten teilnahmen und anschließend Gast bei Döte oder Dote waren. Nachmittags machten die Konfirmanden mit dem Pfarrer einen Ausflug, zum Beispiel auf den Rotenberg, wo man vor dem Pfarrhaus Choräle sang und mit frischem Brunnenwasser seinen Durst löschen durfte.

In den folgenden vier Jahren mußten die Jugendlichen vorstehen. Sie saßen beim Gottesdienst auf Schrannen ohne Lehne um den Altar. Um 1900 wurde diese Christenlehrepflicht auf zwei Jahre eingeschränkt.

1880 wurde in Fellbach ein Turnverein ins Leben gerufen. Unter Turnwart Robert Erb übten Lehrlinge und junge Arbeiter abends im "Adler". Sie galten als Demokraten. Deshalb durften Weingärtnersöhne nicht teilnehmen. Außerdem waren diese auf Äcker, Weinberg und in der Werkstatt die Woche über ausgiebig in Anspruch genommen. Aber die Winterabende waren lang, und manche fanden sich bei Alkohol und Kartenspiel zusammen, bei dem manchmal ohne Erlaubnis des Vaters ein Stumpen Dinkel oder Gerste beim Wirt in Zahlung gegeben wurde.

Der Rekrutenjahrgang 1900

 

Militärzeit

Mit 18 Jahren fuhren die jungen Männer auf den mit Birkenreißig geschmückten Leiterwagen mit flatternden bunten Bändern im Frühjahr zur Vormusterung nach Cannstatt. Die Ziehung oder Generalmusterung war im Herbst. Hatte man ein Freilos gezogen, so wurde man von dem Dienst mit der Waffe befreit. Bei der Kirbe hängte der Rekrutenjahrgang beim "Adler" den Kirbetrauben auf und führte zwischen den Birken oder Maien den Kirbetanz aus. Dieser Freude folgte der Abschied vom Elternhaus. Gemeinsam wurde der Jahrgang zum Militärdienst in das Grenadier-Regiment 121 zu zwei bis drei Jahren hartem Drill eingezogen. 

DerJahrgang 1893 nach der Musterung

Die Löhnung betrug 23 Pfennig täglich, und selten gab es Urlaub. Nach der Militärzeit in Ludwigsburg oder Stuttgart schickte König Wilhelm die Reservisten wieder ohne Geld nach Hause.

Die Hochzeit

Persönlich und in dem Gespräch mit den Eltern begannen danach die Überlegungen um die Gründung eines eigenen Hausstandes. Die Alten waren bemüht, diesen Wünschen eine bestimmte Richtung zu geben, "damit Sach zu Sach kam". Es war üblich, die Wahl unter den Mädchen des Dorfes zu treffen, deren Familie man kannte, nach Charakter und Vermögen. Die eingebrachten "Güter" lagen auch zweckmäßig auf derselben Markung. Die Gemeinschaftsleute legten besonderen Wert auf die religiöse Einstellung der Partner.

Ein eigentliches Verlobungsfest kam erst allmählich auf. Man wußte, daß zwei miteinander "gingen". Aber ernst wurde es erst, wenn sie zusammen die Stuttgarter Weihnachtsmesse am Thomastag, dem 21. Dezember, besuchten, sich Ringe kauften und gegenseitig beschenkten. In einer Zusammenkunft beider Elternpaare  wurden dann die Heiratsbedingungen vereinbart. Bei Kaffee und Kuchen kam das Brautpaar hinzu. Waren die Besitzfragen geregelt, so konnte der Hochzeitstag festgelegt werden: Im zeitigen Frühjahr oder im Spätherbst, an einem Dienstag oder Donnerstag, wenn die Arbeit in Feld und Weinberg nicht drängte. Das Brautpaar mußte die Gäste laden: "Er wärnt schau wisse, worum das mr kommet. Mr sollet en scheene Gruaß sage von unsere Leit, und er sollet au zu unserer Hauzich komme. Se ischt am ... Um drei got mr in d Kirch." Die nächsten Verwandten wurden zum Hochzeitsessen eingeladen. Die anderen kamen nach dem Essen zu einer "Suppe".

Das Haus wurde zur Hochzeit mit Tannengrün geschmückt. Vor der standesamtlichen Trauung gab es für die Gäste die Morgensuppe. Trauzeugen waren in der Regel die beiden Väter. Geschenke waren meist Haushaltungsgegenstände. Man konnte sie auch nach dem Fest ins Haus bringen und dabei die Aussteuer der Braut besichtigen. Dort konnte man feststellen ob sie sechsfach oder zwölffach oder "greng" ausgestattet waren. Die Hochzeit fand meistens in der "Traube", oder im "Ochsen" statt. Die Angehörigen der Gemeinschaft hielten das Fest im Hause der Brauteltern. Vom Haus der Braut bewegte sich der Hochzeitszug zur Kirche, nachdem den Gästen Kaffee und Hefenkranz gereicht worden war. Die Spitze bildeten die Kinder, die Boßler aus der Verwandtschaft. Dann folgten vier bis sieben Kirchführerpaare, das Brautpaar, die Eltern und Paten, danach die übrige Hochzeitsgesellschaft. Die Braut trug ein schwarzes Hochzeitskleid ohne Schleier. Vor dem Altar der Kirche stellten sich der Bräutigam und die Kirchführer rechts, die Braut mit den Kirchführerinnen links auf. Nach Festpredigt, Trauung und Ringwechsel erhielt der junge Ehemann die Trau-Familienbibel.

Als Hochzeitsessen gab es Hirnsuppe mit Knöpfle, Rindfleisch mit Beilagen, Kalbsbraten mit Salat und Chaudeau-Sauce mit Biskuit-Törtchen. Während des Essens wurden Geschenke oder Sträuße unter die Hochzeitsgäste verteilt. Der Kirchführer und seine Dame beschenkten sich gegenseitig. Das Hochzeitsgeschenk des Bräutigams an seine Braut war ein Abendtuch aus feinem Wollstoff mit orientalischen Mustern auf schwarzem Grund. Beim gemeinsamen Mahl wurde die Aufnahme in die zwei Sippen sichtbar, bei manchen auch noch durch Besuch der Gräber verstorbener Eltern und Großeltern. Frohsinn, Musik und Tanz begleiteten das junge Paar auf seinem ersten Schritt in die Gemeinsamkeit, dem Höhepunkt ihres Lebens.

(Fortsetzung folgt)


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