Erinnerungen alter Fellbacher an die Zeit um die Jahrhundertwende (3. Folge)

Um 1900 gab es 570 Kühe im Ort
Abends holten die Milchfrauen aus Wangen die Milch zum Verkauf an die Stuttgarter


Von unserem Mitarbeiter Otto Mall

In den alten Bauernhäusern war im zweiten Stock die Bühne mit den Fruchtkästen für Dinkel und Gerste, dem Mohnsamen für die Ölmühle, den Zwiebeln und dem Bottich mit eingesalzenem Fleisch zum Sofortverbrauch oder späteren Rauchern. Auf der Mehlschranne lagen die schlauchförmigen Zwilchsäcke mit Weiß- und Schwarzmehl aus der Mühlfahrt nach Hegnach oder Beinstein, zugebunden und umgeschlagen. Auf die Säcke hatte der Sackzeichner die Namen aufgezeichnet.

Dahinter stand die Aussteuertruhe der Bäuerin. Sie diente der Aufbewahrung von etwa zwei Zentnern gedörrten Schnitzen und der gleichen Menge Trockenzwetschgen. Ein Kasten sicherte die luftige Aufhängung von geräucherter Wurst und Rauchfleisch. Auch Geräte, die man nur gelegentlich brauchte, wurden hier gelagert: Getreidesiebe, Körbe, Rechen, Simri, Brechstuhl, Raftel und Hechel für die Flachsbearbeitung. Alle Vorräte wurden mit Fallen und Katzen, welche Schlupflöcher an den Türen hatten, gegen Mause gesichert. Im Spreuerkistle konnten sie in Notfällen ihre Notdurft verrichten.

Der Waschtag

Im Sommer wurde im Freien gewaschen, im Winter unter Dach. Die Waschküchen kamen aber erst allmählich auf. Zum Einweichen und Einbürsten verwendete man weiches Regenwasser, Pottasche und Kernseife aus Abfallfetten, die es beim Seifensieder Bauerle oder im Siedhaus Schwabstraße zu kaufen gab. Der transportable Herd mit kupfernem Kessel fand auch beim Schlachten Verwendung. Die zwei großen Waschzuber standen auf hölzernen Böcken im Hof. Chemische Waschmittel wurden nicht verwendet.

Ab 1918 gab es öffentliche und private Waschküchen, in denen ab 1925 etwa die Kochwäsche in wassergetriebenen Trommelwaschmaschinen gewaschen und in spindelgedrehten Pressen ausgewunden wurde. Erst seit 1950 gibt es elektrisch betriebene Waschautomaten, die chemische Waschmittel verwenden. Ihre Heizwärme wird nach dem Wäscheaufdruckrezept eingeschaltet. Die geschleuderte Wäsche ist fast trocken.

Beim Bauen eines Hauses wurde zuerst das Steingewölbe errichtet, dann konnte der Keller ausgegraben und die Erde mit den Butten hinausgetragen werden. Im tiefen Keller oder Kern lagerten die Fässer mit Wein und Most. Der Vorkeller war für Kartoffeln, Obst auf Hürden, Essigfaß, Steckrüben und Angersen für das Vieh. Zu den Kartoffeln führte vom Hof aus eine Schütte. In hölzernen Ständen wurden etwa zwei Zentner Kraut eingehobelt, gesalzen, eingestampft und mit Stein beschwert.

Innerhalb Etters, meist in der Hofraite, hatte die Bäuerin ihren Gemüse- und Blumengarten. Dort pflanzte sie Weißkraut, Kohl, Rettiche, Zwiebeln, Linsen, Brockelen (Erbsen) und Mohn. Auch umgerißene brachliegende Weinbergen (Stücke) wurden dazu verwendet, ehe sie wieder für sieben Jahre mit Reben ausgelegt wurden.

An Blumensorten hatte man: Balsaminen, Ringelblumen, Astern, Gelbveigel und Rosen. Melisse, Baldrian und Knoblauch wurden als Arznei verwendet.

Stallfütterung

Um 1900 zählte man in Fellbach 570 Kühe, 70 Pferde, 4 Esel, 630 Schweine, 320 Ziegen, 40 Gänse, 60 Enten und 5700 Hühner. Die Ställe waren ebenerdig, getrennt nach Rindvieh, Pferden und Schweinen. Zur Scheune hin waren Futterläden, durch welche die Krippe mit Kurzfutter - Blätter, Rüben, Klee - und die Raufen mit Langfutter, meist Heu, gefüllt wurden. Beim Kauf von Kühen achtete man vor allem auf gute Milchleistung, die man auf jährlich 1700 Liter schätzte. Bei der Nachzucht stand gute Futterverwertung im Vordergrund. Ein Liter Milch wurde um 15 Pfennig abgegeben.

Ein altes Bauernhaus aus der Kappelbergstadt

Ab 1790 hörte in Fellbach der Weidegang auf. Man ging zur Stallfütterung über und benutzte die Brachflur zum Anbau von Klee und Kartoffeln. Nach der Fütterung wurde die Krippe ausgeräumt, Verschmähtes und Ungenießbares kam zur Streu. Längs der Standplätze im Stall zog sich eine Lachenrinne (60 auf 80 cm), die mit Bohlen abgedeckt war. Die Stallgasse war mit Steinplatten bedeckt. Gärung und Dung brachten bei niedriger Höhe zusätzliche Erwärmung. Türen- und Stallfenster konnte man "lüften"'. Durch die niedrige Höhe aber wollten die Bauern die Einquartierung von Militärpferden verhindern. Zur Reinhaltung wurden die Tiere gestriegelt und gebürstet. Das Melken der Kühe besorgten die Frauen von Hand. Zum Anlehnen an der Kuh trugen sie ein Kopftuch. Ihr Melkstuhl war vierfüßig, der volle Melkeimer wurde in das im Seiher ausgebreitete Seihtuch geschüttet und lief in den Seihkrug. Die Zentrifuge entrahmte die Brauchmilch, die Magermilch kam in den Saukübel.

Das Rührfaß mußte eine halbe Stunde gedreht werden, bis sich die Butter ausschied. Die Kühe brachten jährlich ein Kalb. Wenn sie nicht mehr trächtig wurden, wurden sie dem Metzger oder den Viehhändlern, den Juden Aaron und Wertheimer, übergeben. Die meisten weiblichen Kälber wurden schon nach acht Wochen verkauft, Stierkälber nach einem halben Jahr. Zur Zucht verwendete man die Gemeindefarren zwei bis sechs Jahre.

Krankheit im Stall gefährdete das Betriebskapital. Dies war ein Grund zur sorgfältigen Pflege. Das Kälble trank am Euter der Mutter. Nach dem "Abgewöhnen" wurde es Annebändling und bekam einen eigenen Standplatz an der Krippe. Mit sechs Monaten war es Raible. Jährig nannte man es Rendle. Wurde es zum Farren geführt und war zum erstenmal trächtig, hieß es Kalbel. Von da an blieb es Kuh.

Die Milchanstalt

Die Morgenmilch verkaufte man Kunden aus der Gemeinde. Die Abendmilch holten die Milchener, meist Milchfrauen aus Wangen für ihre Stuttgarter Kundschaft. Später kauften die Fellbacher Wagner Kantenwein, Müller und Heß diese Milch auf. Etwa ab 1930 wurde sie im Milchhäusle genossenschaftlich gesammelt und vermarktet. In der Cannstatter Straße gab es zwei Milchkuranstalten (Aldinger).

Täglich mußte Futter geholt und auf der Tenne ausgebreitet werden. Außerdem waren morgens und abends etwa anderthalb Stunden Stallarbeit nötig zum Füttern, Misten, Stroh aufschütteln, Melken und so weiter. Der Schmied besorgte das Ausschneiden der Klauen und das Aufnageln der Kuheisen. Bei der Arbeit zum Zug im Joch oder im Kummet verwendete man hauptsächlich Ochsen, einzeln oder im Gespann. Die Pferde wurden für das Holzschleppen im Wald, für schwere Feldarbeit und für den Güterverkehr gebraucht. Sie wurden dreimal am Tag getränkt und mit Hafer, Haferstroh und gehäckseltem Kleeheu gefüttert. Sonntags wurden ihre Hufe gewaschen und gefettet. Der Hufschmied mußte die Hufe ausschneiden, die Eisen ausbessern, im Winter mit Stollen versehen und neu beschlagen.

(Fortsetzung folgt)


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