Aus den Anfängen der Fellbacher Paulusgemeinde 1903-1930 (1)
Das kirchliche Leben entfaltet
sich im Neubaugebiet
Am 28. Oktober 1913 wurde der Betsaal mit Kindergarten in der heutigen Eberhardstraße eingeweiht
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Entstehung der Paulusgemeinde Vor 73 Jahren, am 28. Oktober 1913, ist im Ackerfeld "Schmidener Weg", der heutigen Eberhardstraße, der erste Betsaal für Gottesdienste im zweiten Kirchenbezirk Fellbachs eingeweiht worden. Bereits 1912 hatte Pfarrer Krauß an jedem zweiten Sonntag im Lichtspielhaus in der Cannstatterstraße 117 gepredigt. 1920 wurde schließlich eine zweite ständige Pfarrstelle für die Stadt Fellbach genehmigt und Pfarrer Erwin Nothwang als Pfarrer eingesetzt. Werktags betreute Dora Wörner aus Stetten 70 bis 90 Kinder im Betsaal. Rektor a. D. Mall hat die Geschichte der Paulusgemeinde niedergeschrieben, die in der folgenden Artikelserie zusammen mit bisher in der Kappelbergstadt den Bürgern noch unbekannte Stadtplänen aus den Jahren 1900 und 1920 veröffentlicht wird. |
Um 1900 zählte der Marktflecken Fellbach 4300 Einwohner, welche fast alle im
alten Ortskern südlich der "Kirche" wohnten. Nur wenige Häuser
standen am "Weg" zu dem 1861 erstellten Bahnhof im Norden. Mit der
langsam einsetzenden Industrialisierung begann der Zuzug. 1905 hatte die
Gemeinde 5000 Einwohner. 1909 wurde der Ortsbauplan nördlich der Stuttgarter
Straße festgestellt. Bis 1912 wurden Werner-, Falken- und Königstraße
angelegt und auf der mittleren Bahnhofstraße eine Schwellenbahn als Fahrweg
gebaut.
Neben dem bäuerlich und pietistisch orientierten Altfellbach im Süden wuchs
ein neues industrielles Siedlungsgebiet im Norden mit religiöser
Vielfältigkeit neben Gleichgültigkeit oder freidenkerisch-feindlicher
Ablehnung und Religionslosigkeit. Es war ein Tummelplatz der Sekten, deren Zahl
rasch auf zwölf anstieg.
1910 war die Anzahl der Landwirte und der selbständigen Gewerbetreibenden mit
750 fast gleich der Anzahl der Arbeiter, Taglöhner und sonstigen
Beschäftigten. Die moderne "Industriegemeinde" im Norden bestand
vorwiegend aus Zugezogenen. Sie waren sich untereinander fremd. Fast alle waren
irgendwo auf einen Arbeitsplatz angewiesen. Waren im Süden die angestammten
Weingärtner und Handwerker kirchenfreundlich und besuchten den Gottesdienst
auch an Feiertagen regelmäßig, so war das beginnende kirchliche Leben in der
Arbeiterbevölkerung ohne Rückhalt und Tradition.
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| Fellbach Nord um 1900 mit der Fabrik Wüst (1), der Beschlägefabrik Hopp (2), Milchkur Aldinger (3) und die Gaststätte Garbe (4). |
Der ab 1910 zunehmende Zuzug aus
Stuttgart verstärkte die ablehnende Einstellung. Im Februar 1912 erhielt denn
auch Pfarrer Krauß von W. Rube, dem Erbauer des kleinen Lichtspielhauses an der
Cannstatter Straße, die Erlaubnis, dort jeden zweiten Sonntag Gottesdienst und
donnerstags Bibelstunden abzuhalten. Durch den unerwarteten Erfolg ermutigt,
plante man die Errichtung eines Gottesdienstraumes. Nachdem ein Acker an der
späteren Eberhardstraße erworben war, fertigten die Gebrüder Moser einen Plan
mit Kostenvoranschlag für einen Betsaal mit 300 Sitzplätzen und eine
Kleinkinderschule um 28030 Mark bei einem festen Architektenhonorar von 1100
Mark. Die Hahnsche Gemeinschaft stiftete 2000 Mark, da sie verhindern wollte,
daß über den Gottesdienstbesuch Menschen zu Kinogängern wurden. In sechs
Posten gingen weitere Spenden von 1230 Mark ein.
Im März 1913 wurde das Baugesuch
eingereicht. Schon am 10. Mai unterschrieb Schultheiß Brändle die
Baugenehmigung. Die Fellbacher Handwerker G. Heß und K. Neef übernahmen die
Schreinerarbeiten, G. Scheck die Anfertigung der Bänke, K. Eckhardt die
Schlosserarbeiten, Gebr. Seibold die Terrazzo-Arbeiten, A. Bauerle das
Linoleumlegen, K. Zendel die Tapezierarbeiten, Riegraf und Irlbeck die
Malerarbeiten, K. Kögel die Zimmerarbeiten, G. F. Maile die Maurer- und
Betonarbeiten. Und schon am 28. Oktober 1913 konnte der Betsaal als
Einfachstkirche mit Kindergarten eingeweiht werden.
Bis 21. November folgten weitere
Stiftungen von 4000 Mark, von 400 Mark aus der Pfingstkollekte Fellbach und dazu
92 Mark Einweihungsopfer. Am 16. Juni 1914 wurde noch ein Staatsbeitrag von 750
Mark gewährt.
Der Verein für Kleinkinderpflege
zahlt für Saal, Wohnraum, Spielplatz und Garten jährlich 400 Mark Miete. Das
restliche Areal der Grundstücke konnte für 1 Mark an Zimmermeister Kögel
verpacht werden. Zur Deckung der Schulden konnten von Kaufmann Hummel aus
Stuttgart 4000 Mark zu 4,5 Prozent und von Witwe A. Schnaitmann 5000 Mark zu
vier Prozent Zins geborgt werden. Diese sollten in Jahresbeträgen von 800 Mark
getilgt werden. Die Gemeinde wurde dann um die ortsbauplanmäßige Anlegung der
Eberhardstraße gebeten. Zunächst entstand ein schmaler Kiesbetonweg mit Kandel
als Zugang für Kirchgänger von der Bahnhofstraße aus. Daneben wurden
Eisenbahnschwellen für die Zufahrt gelegt.
Der Predigtplan sah vor, daß Pfarrer Krauß einmal, sein Sohn, Vikar Eberhard
Krauß zweimal monatlich predigen sollten. Dazu kam winters noch eine
wöchentliche Bibelstunde. Der Betsaal erwies sich aber von Anfang an als zu
klein. Im Vorraum und auf der Treppe sitzend, hörten viele Besucher die
Predigt, andere gingen murrend wieder weg. Aber zur Sammlung der Gemeinde und
der Jugend trug der Betsaal wesentlich bei. Außerdem fanden hier Kinder- und
Krankenschwestern eine Bleibe.
Die Reinigungskosten betrugen halbtags 1,50 Mark. Die Harmoniumspielstelle wurde
dem Blinden K. Schwilke übertragen, der mit seinem Führhund aus der Hinteren
Straße kam. Jeden zweiten Mittwochabend hielt hier Fräulein Kämpf auch ihren
Abend für den Arbeiterinnenverein. So war es doch noch möglich geworden, dem
neuen Bezirk der Kirchengemeinde einen Predigtplatz zu schaffen, ehe der
furchtbare Weltkrieg ausbrach.
1918 wurde das Vikariat in ein Parochialvikariat umgewandelt. Eberhard Krauß
wurde der erste Seelsorger dieses zweiten Gemeindebezirks. Auf ihn folgte 1919
Erwin Nothwang.
Nach den schlimmen Notjahren des Krieges begann wegen der allgemeinen
Wohnungsnot die Bautätigkeit nur langsam. Die Ludwigsburger Straße erhielt
eine Schwellenbahn, und die Eberhardstraße wurde gewalzt. Seit 1920 liefen
Verhandlungen mit Stuttgart wegen der Verlängerung der Straßenbahnlinie von
Cannstatt nach Fellbach und der Kraftwagenlinien von Untertürkheim bis
Fellbach-Oeffingen und von Cannstatt nach Fellbach. Die Bautätigkeiten und die
Aussicht auf die Straßenbahnverbindung mit Stuttgart ließen einen weiteren
Bevölkerungszustrom aus Stuttgart erwarten.
Der im Februar 1919 gegründete Evangelische Verein kaufte auf Anraten von
Christian Aldinger und Pfarrer Nothwang das Gasthaus zum Rebstock,
Bahnhofstraße 16.
Es sollte zum Mittelpunkt der christlichen Vereinstätigkeit werden.
Nun war die Zeit reif und so beantragte der Fellbacher Kirchengemeinderat unter
Pfarrer Bochterle die Errichtung einer zweiten ständigen Pfarrstelle in
Fellbach. Das Konsistorium in Stuttgart entsprach dieser Bitte und übertrug
diese am 15. September 1920 dem bisherigen Parochialvikar der
"Kirche", Erwin Nothwang. Er war Missionar der Basler Mission an der
Goldküste Afrikas (Ghana) gewesen. Man hoffte, daß er die Sammlung dieser
Vorortsgemeinde bewerkstelligen könne.
Am 2. Mai 1919 wurde das 1908 erbaute Haus Bahnhofstraße 50 als Pfarrhaus von
Revisor Fischer um 32000 Mark gekauft und am 1. Juli 1919 der Kirchengemeinde
übergeben. Das Mietrecht der Frau Aichinger im Parterre blieb noch zwei Jahre
bestehen. Pfarrer Nothwang konnte mit seiner großen Familie von der
Bahnhofstraße 25 hierher in den ersten und zweiten Stock umziehen. 15000 Mark
wurden bezahlt, 3900 aus dem Pfarrhausfonds. Die 17000 Mark Restschuld sollte in
Jahresraten von 4900 Mark getilgt werden.
Backermeister Wieland war ab 1919 Vertreter des neuen Pfarrbezirks im
Kirchengemeinderat. 1924 kamen noch Gärtner Christian Schanbacher, K.
Dannenhauer, Christian Aldinger und Paul Kögel in das 15 Personen zählende
Gremium. Im März 1920 stiftete Frau L. Schwegler ein Taufgerät für den
Betsaal. Am Totensonntag 1921 fand die erste Abendmahlsfeier im Betsaal statt.
Schon im März 1921 war Frau Karoline Vorholzer in die freigewordene
Schwesternwohnung gezogen, bezahlte 240 Mark Jahresmiete und versah das
Mesneramt. Die Fellbacher Taufen, Trauungen und Beerdigungen wurden jetzt auch
im Betsaal gekündigt, um die persönlichen Beziehungen zwischen den zwei
Pfarrbezirken zu pflegen. Konfirmation feierte man weiterhin in der
"Kirche", 1922 erstmals für den zweiten Bezirk um 8.30 Uhr.
Weil man den Frauen das Betreten eines Wirtshauses ersparen wollte, stellte man
den Betsaal auch als Wahllokal zur Verfügung. Der um 1900 entstandene
Evangelische Arbeiterverein löste sich im April 1922 wieder auf, als
christliche Gewerkschaften entstanden. Die Kinder der etwa 25
Freidenker-Familien im neuen Bezirk erhielten ab März 1922 Moralunterricht
durch Frau Schleifer und waren vom Religionsunterricht befreit.