Aus den Anfängen der Fellbacher Paulusgemeinde (2)
Von 2,98 Milliarden Mark blieben
2,98 Goldmark
1926 wurde Grundstein für neue Kirche der Gemeinde gelegt.
Die wachsende Gemeinde brauchte
eine Kirche. Deshalb war schon 1920 trotz der vorhandenen Schulden ein
Kirchbauverein gegründet worden. Der Zuwuchs in der Vorortgemeinde, die bis
dahin der unbestrittene Tummelplatz der Sekten gewesen war, vollzog sich dann so
rasch, daß der Betsaal für den Gottesdienst zu klein wurde. Das veranlaßte
den Kirchengemeinderat, im Jahr 1920 einen Fond zur Erbauung einer zweiten
Kirche zu schaffen.
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| Feierlichkeiten zur Einweihung des
Betsaales in Fellbach am 23. Oktober 1913 |
Reichlich flossen die Gaben der Gemeinde und auswärtiger Freunde. Die
zunehmende Entwertung des Geldes ließ die Sammlung ins Fabelhafte steigen. Nach
der Inflation verblieben aber am 1. November 1923 aus den 2,98 Milliarden
Papiermark nur noch 2,98 Goldmark. Das war eine bittere Erkenntnis. Alle
Hoffnungen auf ein geräumigeres Gotteshaus schienen nach vier Jahren
Sammelarbeit vernichtet.
Am 10. März 1924 wurde der Kirchbauverein aber wieder ins Leben gerufen. Fast
alle Vorortsfamilien waren trotz eigener Not vertreten, auch viele
Alt-Fellbacher und sogar Auswärtige. Kaufmann Israel Werner aus London, Sohn
des bis 1872 in Feilbach amtierenden Pfarrers Werner, gab 5000 Goldmark. Baron
von Schrader und Kaufmann Morlok stellten je 5000 Goldmark als Darlehen mit
niederem Zinsfuß zur Verfügung. Das Oster- und Kirchweihopfer der Ortsgemeinde
wurde zum Kirchbau bestimmt. Mit Mitgliedsbeitragen von 4 bis 60 Mark waren bis
Dezember 1925 schon 15312 Mark gesammelt.
Die wachsende Seelenzahl - 1925 wurden in Fellbach 8435 Einwohner gezählt - die
zunehmende Beteiligung der Jugend am Gemeindeleben und die starke Konkurrenz der
Sekten ermunterten zum Kirchbau. Schon im Juli 1924 war ein Bauausschuß mit
Pfarrer Bochterle und Pfarrer Nothwang, K. Kugler, Chr. Aldinger, Schultheiß
Brändle und Ortsbaumeister Ulmer gebildet worden. Auf einer Versammlung des
Kirchbauvereins mit Prälat Holzinger wurde festgestellt: Trotz schöner
Sammelergebnisse sind auf diesem Weg noch lange Wartefristen nötig.
Der Evangelische Oberkirchenrat, Kirchenpräsident Dr. Merz, Prälat Holzinger
als Vorstand des Ludwigsburger Sprengels und geheimer Kirchenrat von Roemer
bekundeten ihr großes Interesse an der kirchlichen Versorgung der Fellbacher
Gemeinde. Die Politik Stresemanns mit dem Eintritt Deutschlands in den
Völkerbund weckte auch neue Hoffnungen auf Besserung der wirtschaftlichen
Verhältnisse. Man hoffte, der Bau werde auch manchen der 200 Fellbacher
Arbeitslosen Beschäftigung bringen. Es wurde dann ein Wettbewerb
ausgeschrieben. Und am 4. September 1925 entschied das Preisgericht mit
Professor Bonatz, dem Erbauer des Stuttgarter Hauptbahnhofs, Prälat Holzinger
und zwei Fellbacher Kirchengemeinderäten über die eingereichten Entwürfe: 1.
Preis für Professor Jost, überragend; 2. Preis für Architekt Moser, Fellbach
- Erbauer des Betsaals, 1913 - 3. Preis für Architekt Oelkrug, Stuttgart. Der
Kirchengemeinderat beauftragte Professor Jost, Eingabe- und Arbeitspläne zu
fertigen. Architekt Moser sollte die örtliche Bauleitung übernehmen.
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| Grundsteinlegung für die Kirche am 1. Oktober 1926 |
Der vorläufige Finanzierungsplan
sah folgende Mittel vor: 1. Aus dem allgemeinen Landeskirchenopfer am 18. Juli
1926 29093 Mark; 2. Beitrag des Oberkirchenrats zum Kirchbau: 20000 Mark; 3.
Einzel gaben: 2180 Mark; 4. Sammlung des Kirchbauvereins (Rechnungsrat Walz)
3740 Mark, zusammen also 88876 Mark. Zum Rohbau wurde noch ein Darlehen des
Oberkirchenrats nötig in Höhe von 8000 Mark. Als Baubeitrag der Fellbacher
Kirchengemeinde waren laut Etat 1926 2000 Mark vorgesehen. Außerdem lagen
Kreditzusagen des Oberkirchenrats für niederverzinsliche Darlehen vor. Die
Fellbacher Weingärtner erboten sich zur kostenlosen Ausführung der
Grabarbeiten.
In gründlichen Beratungen wurden noch folgende Änderungen beschlossen: der
Kirchenboden wird höher gelegt; das Schiff erhä1t einen Eisenbetonboden um
8000 Mark; der Heizraum im Turm entfällt; eine elektrische Volta-Heizung wird
installiert; der Turmgrundriß wird vergrößert, seine Mauern werden
verstärkt; der Turm wird höher; der Chor wird ausgebaut.
Am 12. August 1926 erfolgte die öffentliche Ausschreibung im Fellbacher
Tagblatt. Schon am 14. August fand die Vergab statt. Es übernahmen die Maurer-
und Betonarbeiten G. F. Maile für 64800 Mark, die Zimmerarbeiten Fr. Kögel um
16554 Mark, die Flaschnerarbeiten K. Müller um 3705 Mark, das Dach wurde
gedeckt von Fr. Hägele um 5566 Mark, die Schmiedearbeiten wurden Fr.
Häußermann zu 140 Mark pro Kilogramm Eisen übertragen. Der Bauwasserzins
wurde auf 100 Mark festgesetzt.
Am 29. August 1926 wurde das Schnurgerüst erstellt. Mit einem kurzen
Gottesdienst um 6 Uhr morgens begannen am 20 August die Grabarbeiten. Im
wesentlichen an vier Tagen, mit je elf Stunden Arbeit in der heißen
Septembersonne, schafften die Weingärtner den Erdaushub. In wenigen Wochen,
begünstigt von schönem, warmen Wetter, war der Bau emporgewachsen, so daß am
17. Oktober, dem allgemeinen Kirchweihfest, die Grundsteinlegung erfolgen
konnte. Der Grundstein sitzt im Chorboden der Kirche vor dem Altar unter zwei
Muschelkalksteinplatten mit Kreuz und Jahreszahl 1926 auf dem Niveau des
Kirchenschiffs.
Um 15 Uhr bewegte sich ein langer Festzug unter dem Gelände der Lutherkirche
vom Pfarrhaus Bahnhofstraße zum Kirchbauplatz, umsäumt von Festteilnehmern.
Dort angekommen, begrüßten sie die Klänge des Posaunenchors, des Männer- und
Jünglingsvereins unter Dirigent Abbrecht. Die Rückwand des schon hoch gebauten
Chors zierte ein großes Tannenzweigkreuz, umrahmt von Buchs- und
Lorbeerpflanzen. Festgäste waren Dekan Kübler, Oberkirchenrat Oehler, Pfarrer
i. R. Krauß (1907-1918 in Fellbach), Kommerzienrat Hartenstein und Pfarrer
Schnaufer aus Schmiden. Im Festzug marschierten der Kirchenchor der Lutherkirche
mit Oberlehrer Leins, die Konfirmanden des zweiten Bezirks, der
Kirchengemeinderat, der Gemeinderat mit Schultheiß Brändle, Bauausschuß,
Männergesangverein mit Vorstand Plocher und Dirigent Ruisinger und die
zahlreiche Gemeinde, etwa 1800 Festteilnehmer.
Der gemeinsame Gesang "Ein
feste Burg" leitete über zum Wechselgespräch des 118. Psalms. Prälat
Holzinger übermittelte Glück- und Segenswünsche. Pfarrer Bochterle legte
seiner Ansprache das Pauluswort zugrunde: "Einen anderen Grund kann niemand
legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus" (1. Kor. 3, 11).
Zum Namenspatron der Kirche war der Heidenapostel erkoren worden, Paulus, der
als jüdischer Theologe und Pharisäer ein harter Verfolger der Christen gewesen
war, bis er durch Christus zum Missionar berufen wurde. Pfarrer Bochterle
brachte den Wunsch zum Ausdruck, Paulus möge der jungen Gemeinde stets Ansporn
bleiben. Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot seien schlimm, aber Leben ohne
Christus führe in die Verlorenheit. Dann verlas Pfarrer Nothwang die von K.
Walter geschriebene Urkunde über die Fellbacher Gemeinde ab 1519. Er fügte
hinzu, jede weitere Verzögerung des Kirchbaus hätte unersetzliche Verluste
für die Gemeinde bedeutet. Man hoffe auf die weitere Beihilfe des
Oberkirchenrats.
Die unterschriebene Urkunde, ein Papiergeld-Album, eine Hartgeldsammlung wurden
in der verlöteten Buchse versenkt und von E. Häußermann und K. Heß
eingemauert. Dann folgten elf Hammerschläge, ein Lied des Männergesangvereins
sowie ein Gebet.