Aus den Anfängen der Fellbacher Paulusgemeinde (3)

1930 zwei Teilgemeinden

Von unserem Mitarbeiter Otto Mall

 

Am 16. Oktober 1927 wurde die neue Pauluskirche eingeweiht

Bei Schnee und bitter kalten Westwind ist am Samstag, dem 18. Dezember 1926 Richtfest für die Pauluskirche gefeiert worden. Das Holz zum Dachstuhl stammte vom Sägewerk Schwegler, die Backsteine vom Ziegelwerk Hangleiter. Für die Ausstattung spendeten aus der Aufführung "Bilder von Fellbach" Jungfrauen-Verein I und II 500 Mark, die zur Anschaffung des Altarkreuzes verwendet werden sollten. Noch im Herbst 1926 war unter Oberlehrer August Lalatin und seiner Frau ein Kirchenchor entstanden, der sich eifrig auf die Kirchweihe vorbereitet.

Der Richtbaum steht auf der Pauluskirche

Während die Ausbauarbeiten weitergingen, erhielten Kirche und Turm ihr Kupferdach, das aber während des 2. Weltkriegs für Rüstungszwecke abgeliefert
werden mußte. Die Firmen Mack, Steigleder und Layer besorgten die Gipserarbeiten. In die Malerarbeiten teilten sich Riegraf, Wälde und Scheid. Konz lieferte die Solnhofener Bodenplatten. Die Beleuchtungskörper wurden bei Firma Müller, Stuttgart, Azenbergstraße, angefertigt. Die 300 Stühle lieferte K. Fried. Die Emporebrüstung stammte von Kunstschlosser Fromm. Aus Crailsheim lieferte Firma Schön & Hoppelein die Muschelkalk-Rosette für den Turm. Die Gemeinde Fellbach stiftete die Turmuhr. G. Uhl baute die Volta-Heizung für 7060 Mark ein. Das Läutewerk für die Glocken kam von der Rhein-Elektra AG und kostete 3500 Mark. Den Turmhahn fertigte E. Müller, Stuttgart, um 260 Mark; 70 Mark für Vergoldung kamen hinzu. Das Glasdach des Chors baute Bendele, Plochingen, um 2300 Mark. Altar und Taufstein entstanden nach Entwürfen von Professor Jost bei Fehrle in Schwäbisch Gmünd. Aus der Lutherkirche wurden der Paulusgemeinde vier Abendmahlskannen übergeben. Zum Geläut wurden drei Klangstahlglocken der Glockengießerei Schilling & Lattermann im Gewicht von 5070 Kilogramm ausgewählt. Dazu kommen noch weitere 2000 Kilogramm des Glockenstuhls, für den noch eine vierte Glocke vorgesehen war. Die Inschriften lauten bei der Betglocke (C): In schwerer Zeit ward du gegossen, bist leider nicht aus Bronze geflossen. Aus Eisenerz bist du gemacht. Sei du für Kind und Kindeskinder noch dieser Notzeit lauter Künder, in der wir diesen Bau vollbracht. Der Text der Taufglocke (as), gestiftet von Fabrikant Metzger, lautete: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht! Und die Totenglocke (es), gestiftet von G. F. Maile, hatte die Inschrift: Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben. Am 29. April 1927 wurden die Glocken hochgezogen.

Während des 2. Weltkriegs mußten aber zwei *) der Glocken auf den Glockenstuhl der Lutherkirche gehängt werden, da dort alle Bronzeglocken abtransportiert waren. Diese wurden dann nach Kriegsende wieder zurückgebracht. Am 24. Mai 1949 wurde eine vierte Glocke hochgezogen. Damit war das Geläut vollständig. Die neue Glocke, eine Friedensglocke, kostete 2539 DM und wog 1048 Kilogramm. Ihre Inschrift lautet: Occisos plango - pacem voco - "Ich klage um die Gefallenen - ich rufe den Frieden".

Karte aus dem Jahr 1920

Auf dieser Karte aus dem Jahr 1920 ist deutlich zu erkennen, wie wenige Häuser den nördlich der Bundesstraße standen. Markiert sind der Betsaal (1), die Restaurants Harmonie (2) und Garbe (3), das CVJM-Heim das ehemalige Postamt (5) und das Kino (6)

Die Orgel wurde von Firma Weigle, Echterdingen, gebaut. Sie hatte zwei Manuale und Pedale mit 1304 Pfeifen und elektrischem Gebläse-Antrieb. Die Kosten betrugen 19 500 Mark. Familie Weigle, Bahnhofstraße, stiftete 1000 Mark. In wochenlanger Arbeit wurde die Orgel kurz vor der Einweihung fertig, aber zur Bemalung des Orgelprospekts reichte es nicht mehr.
Die Beleuchtungskörper in der Kirche wurden um Teil am letzten Tag aufgehangt. Altar und Taufstein wurden noch gewachst. Ph. Seibold setzte die kunstvolle Kanzel. Die Gemeinde hatte die Umgebung planiert; Fischer, Zerweck und Eckhardt den eisernen Zaun montiert. G. F. Maile hell den Vorplatz sauber mit Zementplatten belegen.
Am 16. Oktober 1927 stellte sich der Festzug mit den Ehrengasten um 9 Uhr am Vereinshaus auf, darunter auch eine Abordnung der katholischen Kirche. Wohlgeordnet bewegte er sich in Rotten zu vier zur Pauluskirche. "Tut mir auf die schöne Pforte" erklang aus vielen Kehlen. Dann übergab Professor Jost am Portal Pfarrer Bochterle den Schlüssel zur Kirche. Unter Glockengeläut schritt Kirchenpräsident Merz durch das Kirchenschiff zum Chor. Für 1250 Gäste gab es Sitzplätze. Weitere 200 erlebten die Einweihung stehend. "Komm, heiliger Geist", spielte der Posaunenchor. Dann sangen die beiden Kirchenchöre den 100. Psalm. Dekan Kübler sprach am Altar das Weihegebet. Dann folgte die Festpredigt Pfarrer Nothwangs.
Im nördlichen Seitenschiff hängt ein Bild von Johannes Brenz, vermutlich eine Kopie aus der Schloßkirche, aus dem Nachlaß von Johann Albrecht Bengel. Im südlichen Seitenschiff erinnert eine Gedenktafel an den 1945 nach Rußland verschleppten und dort 1948 verstorbenen Erbauer: Professor Wilhelm Jost.

Feierliche Glockenweihe vor der Kirche


Im Chor, der ursprünglich mit einem Glasdach versehen war, kam es später zu einer baulichen Veränderung. Den durch das Glasdach einfallenden hellen Sommersonnenstrahlen wurde anfangs mit einem Seidenvorhang gewehrt. Die winterliche Frostwirkung führte aber regelmäßig zu einem so starken Kälteschwall am Altar, daß 1954 das Glasdach aus- und ein Holzdach eingebaut wurde. Dies hatte dann Einbau von Chorfenstern auf der Südseite zur Folge; sie wurden von A. Eisele gestiftet. Im Zusammenhang damit wurde dann auch die Kanzel um einige Meter nach Westen versetzt.

 (Fortsetzung folgt) 


*) Berichtigung von Kirchenpfleger Markus Walter im Mai 2006:

"Während des Krieges wurden nicht zwei, sondern nur eine Glocke (die kleinste) aus der Pauluskirche abgehängt. In der Lutherkirche wurde die Osterglocke umgehängt, so dass beide Kirche dann noch zwei Glocken hatten."


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