Aus den Anfängen der Fellbacher Paulusgemeinde (4)
Das heidnische Galiläa im Norden
1925 gab es in der Stadt 7445
Protestanten, 748 Katholiken und 477 andere Gläubige
Die schon 1927 an den Oberkirchenrat gerichtete Bitte, Fellbach in zwei
Teilgemeinden mit einem Gesamtkirchengemeinde unter dem Vorsitz der Lutherkirche
zu gliedern, wurde erst 1930 erfüllt. Im Kirchengemeinderats-Protokoll vom 19.
November heißt es: "Entsprechend dem Antrag des Kirchengemeinderats
Fellbach vom 2. September 1930 sind in Fellbach nach der Abgrenzung der
Seelsorgebezirke der beiden Geistlichen zwei Teilkirchengemeinden gebildet
worden, die in der seitherigen Kirchengemeinde als Gesamtkirchengemeinde
vereinigt bleiben. Die Teilkirchengemeinden erhalten den Namen
"Lutherkirchengemeinde" und "Pauluskirchengemeinde". Die
Bildung der neuen Teilkirchengemeinden tritt mit dem 1. April 1931 mit der
Maßgabe in Kraft, daß bei den Kirchengemeinderatswahlen im kommenden Jahr die
neuen Vertretungen zu wählen sind. Durch Entschließung des Kultusministeriums
vom 22. Oktober d. J. ist der evangelischen Lutherkirchengemeinde und der
Pauluskirchengemeinde Feilbach die staatliche Anerkennung erteilt worden,
wodurch sie Rechtsfähigkeit erlangt haben."
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| Festzug zur Einweihung der Pauluskirche |
Das Abnabeln ging aber nur langsam vor sich. Die junge Paulusgemeinde tat sich
etwas schwer gegenüber der alten Luthergemeinde. Sie wuchs nicht so, wie man es
nach vielen Opfern und Mühen von ihr erwartet hatte. Auch die Zusammenarbeit
der beiden Gemeinden war beschwerlich. Viele Neuzugezogene wurden bei
gemeinsamen Veranstaltungen sogar von dem Frömmigkeitsstil der alten Gemeinde
abgestoßen. Im oberen Ortsteil sprach man beim Blick nach Norden vom
"heidnischen Galiläa". Die Zeit heilte aber vieles. Gemeinsame Sorgen
waren nur in Zusammenarbeit zu bewältigen. Die Bereitschaft dazu ist bei vielen
gewachsen.
Die Sammlung der Gemeinde, von Pfarrer Nothwang vielfältig betrieben, zeigte
erfreuliche Fortschritte. Er führte regelmäßige Bibelstunden und
Sonntagsgottesdienste und zusätzliche Abendgottesdienste alle vierzehn Tage
für 40 bis 90 Teilnehmer, die morgens verhindert waren, durch. Der Kindergarten
der Dora Wörner aus Stetten im Betsaal wurde von 70 his 90 Kindern, die
Kinderkirche mit neun Gruppen von 200 bis 300 Kindern besucht. Außerdem gab der
Pfarrer Religionsunterricht in Schule und Fortbildungsschule, sowie
Sonntags-Christenlehre mit zwei Jahrgängen. Ab 1920 gab es den Jungfrauenverein
unter Fräulein Mörike, die Jungmänner, das Jungvolk und die Jungschar beim
CVJM in der Schulstraße.
1919 entstand der Verein für Kranken und Kinderpflege mit einem Kosttisch für
Alleinstehende im Evangelischen Vereinshaus Ecke Bahnhof-/Moltkestraße. Die
Landeskirchliche Gemeinschaft versuchte, einen Ableger im Betsaal als
Sonntagsbibelstunde zu bilden (1928-1930). Pfarrer Nothwang machte auch fleißig
Hausbesuche, und die Kirchengemeinderäte besuchten die zum Kirchenaustritt
angemeldeten Mitglieder ihres Bezirks. Die zunehmende Beschäftigung von
Jugendlichen in Fabriken hinderte die gemeinsame Hausandacht in den Familien der
Arbeiter. Sie blieb aber noch in Weingärtnerhaushalten bestehen. Den
Sonntagnachmittag verbrachten Jugendliche zunehmend beim Wandern, auf dem
Sportplatz, in der "Stunde", im Kino oder bei Parteien.
1925 zählte Fellbach 7445
Evangelische, 748 Katholiken, 4 Israeliten und 473 Bürger mit anderen
Bekenntnissen. Die wirtschaftliche Not der Familien in der Inflationszeit 1923
hatte eine Zunahme der Diebstähle, Betrügereien, sittlichen Vergehen,
Brandstiftungen und auch zwei Totschläge im Gefolge.
Zuzug erhielten die Katholiken durch Hausbesuche und jährliche Missionen von
Pfarrer Sturm. Sie verließen die Trikotfabrik in
der Frizstraße, und Architekt Olkus baute ihr Pfarrhaus und die St.
Johanneskirche in der Schwabstraße. Die Methodisten hatten seit 1926 einen
eigenen Prediger und ihre neue Kapelle in der Schulstraße. Die Evangelische
Gemeinschaft zog in einem Saal in der Bahnhofstraße, nahe der Pauluskirche, und
hielt mit ihrem Prediger aus Cannstatt jährliche Evangelisationen. Sie
missionierte besonders im Kindergottesdienst.
Außer den Pregizern waren alle Lokale der Sekten im Paulusbezirk angesiedelt.
Die Neuapostolischen aus Untertürkheim versammelten sich in der Falkenstraße.
1930 zählten sie schon etwa 1000 Mitglieder. Die Adventisten zogen samstags
etwa 20 Personen an mit Gästen in der Königstraße; sie wurden gesammelt von
Geyer und Zahnarzt Schulze. Die Ernsten Bibelforscher erhielten Zuzug aus der
Schweiz und Norddeutschland. Sie verteilten viele Werbeschriften, zum Beispiel
den "Engel Jehovas". Die Wiedertäufer verließen Tissen, den Gründer
ihrer Gruppe, enttäuscht und kehrten zur Kirche zurück. Die
Freidenkerortsgruppen in Feuerbestattungsverein Gottlosenverein und
Naturfreunden
besuchten und fanden hauptsachlich Eingang bei 20- bis 25jährigen Einwohnern.
1930 erbrachte die Zählung Fellbachs - 13920 Evangelische, 4000 Katholiken,
1000 Neuapostolische, 540 Nichtchristen. Am 5. März 1932 war eine öffentliche
Versammlung der Gottlosen im Gemeindehaus Schmerstraße angekündigt mit dem
Thema: "Von dem neuen Menschen im neuen Rußland und in der
Gottlosenbewegung".
Das Aufkommen der Nationalsozialisten brachte der jungen, ungefestigten Paulus-
Gemeinde neue Bedrängnis. Die Zahl der Gottgläubigen (Hauer) und der Deutschen
Christen, weiche das Alte Testament ablehnten, stieg zusehends. Unter ihnen war
auch ein Missionar. 1933 zogen die Braunen mit Fahnen und Uniformen in die
Kirche ein, zur Feier der nationalen Wiedergeburt. Bald ließen sie ihre
Kirchensteuer stunden.
Ab 1935 wuchs die Zahl der Austritte, die durch staatliche Maßnahmen
erleichtert wurden. Bei Soldaten genügte eine entsprechende Erklärung vor dem
Kompaniechef. Der Kampf der Bekennenden Kirche begann. Im Schulhof wurden
Feldgottesdienste der Partei gehalten. Beerdigungen vollzogen auf Wunsch
weltanschaulich geschulte Parteiredner.
Die starke politische Tätigkeit in Gemeinderats-, Reichstags-, Bürgermeister
und Landtagswahlen steigerte die Emotionen. Diese Entwicklung machte auch vor
den Kirchengemeinderäten der "Einheitsliste" (1933) nicht halt. Die
seelsorgerische Tätigkeit der Kirche in Krankenhaus und Schule wurde
systematisch eingeengt, so daß sie dem Dienst am Menschen nur noch teilweise
gerecht werden konnte. Der Generationenauftrag, eine "bewahrende
Gemeinde" zu schaffen, mußte Stückwerk bleiben.
Politischer Druck, Kriegsnote wie Bombennächte und Hunger, Sorgen um Gefangene
und Vermißte nahmen immer mehr zu; die Zahl der Familien mit Gefallenen wuchs.
Auf einen "Endsieg" hofften nur noch Phantasten. Die betende
"Restgemeinde" stand in einer harten Bewährungsprobe auf einsamem
Posten, ohne den Zuspruch und die Gemeinschaft von Hauskreisen. Sie wurde von
den braunen Machthabern nur widerwillig geduldet, oft gar verfolgt.
Die militärische Niederlage brachte dann 1945 Befreiung von politischem Druck.
Aber mit der Sorge für die Überlebenden erwuchs den Verantwortlichen der
Kirche eine neue ungeheure Aufgabe.