Wie Unternehmer in der Kappelbergstadt Wirtschaftsgeschichte gestaltet haben

140 Jahre Samen-Pfitzer - Von Stuttgart nach Fellbach


In der ganzen Welt wegen seiner vielen Blumenzüchtungen bekannt und geehrt  

Von unserem Mitarbeiter Otto Mall

Als Württemberg 1806 Königreich wurde, zählte Stuttgart 20000 Einwohner, die innerhalb der Stadtmauern wohnten. Weinbau, Landwirtschaft und Obstbau bildeten die Haupteinnahmequellen. 1846 zählte man schon 40000 Einwohner. Die Landwirtschaft nahm wegen der Überbauung vieler Grundstücke ab. Garten- und Gemüseanbau gewannen an Bedeutung. Der Ausbau der Bahnstrecken nach Heilbronn und Ulm schuf neue Versandmöglichkeiten und belebte die weitere Entwicklung der Industrie. 1861 zählte die Stadt schon mehr als 60000 Einwohner.

So gab der Stuttgarter Hofgürtler Wilhelm Pfitzer im Alter von etwa 40 Jahren seinen erlernten Beruf auf, um sich ganz dem Garten- und Obstbau zu widmen. Von ihm hatte sein Sohn, der 1844 auf einem elterlichen Grundstück in der Militärstraße in Stuttgart die Firma Wilhelm Pfitzer Kunst- und Handelsgärtnerei gründete, die Liebe zur Natur geerbt. Schon als Knabe mußte er dem Vater helfen, ein Obst- und Weingut am Hasenberg anzulegen. Dabei erlernte er die Handfertigkeiten der gärtnerischen Verrichtungen, zum Beispiel das Pfropfen, und kam zur Lehre in die Stuttgarter Handelsgärtnerei Walter. Ein besonderes Interesse hatte er für die Pflanzenvermehrung, in der ihm ein tüchtiger Gehilfe mit seinen Erfahrungen aus Paris und London Lehrmeister war. Sonntags besuchte er die Kunstschule, um zeichnen zu lernen. In Karlsruhe erweiterte er seine Erfahrungen als Gehilfe und vervollständigte seine Pflanzenkenntnisse im botanischen Garten. Während siebenjähriger Wanderschaft durch Zuchtbetriebe in Belgien, Holland, Frankreich und Norddeutschland sammelte er reiche Erfahrungen, die er samt den gekauften und getauschten "Neuheiten" in seine Kunst- und Handelsgärtnerei einbringen konnte. Durch Zuverlässigkeit und Fleiß erwarb er sich treue Abnehmer und Markthandelsfrauen für seine Erzeugnisse. Ein erster Pflanzen- und Knollenkatalog wurde herausgegeben. Mit seiner Frau Friedericke, einer geborenen Schickler, erweiterte er 1851 die Gärtnerei um das Gemüse- und Blumensamengeschäft. 1895 wurde die erste halbgefüllte Riesendahlie gezüchtet. 1890 waren Pfitzer-Erzeugnisse schon weltbekannt. Die rege Bautätigkeit im Stuttgarter Westen zwang die Firma aber, eine neue Heimstätte für ihre Pflanzenkulturen zu suchen. Am Ebitzweg in Cannstatt wurden Pflanzenprobefelder und Samenkulturen auf den 1901 erworbenen Grundstucken angelegt, um die Keimkraft zu erproben. 1909 wurden die bisher gärtnerisch bewirtschafteten Grundstucke beim Stammhaus, Militärstraße 74, als Bauland, verkauft.  

Ein Bild aus alten Tagen: Die Firma Wilhelm Pfitzer mit ihren damaligen Mitarbeitern

1910 konnten in der Nähe des Fellbacher Bahnhofs im Gewann Deschen etwa 5 Hektar bäuerlicher Grundbesitz erworben werden, und der älteste Sohn Paul richtete dort die Gärtnerei ein. Verwaltungsgebäude, Lagerhäuser, Gewächshäuser und Frühbeetanlagen, wie sie für eine Großgärtnerei mit Samenzucht erforderlich waren, entstanden in rascher Folge. In Bodenräumen und Dachgeschoß wurden Trocknungs-, Reinigungs- und Abfüllanlagen geschaffen. Für Hunderttausende von Gladiolen und Dahlien-Knollen wurden Überwinterungsräume eingerichtet. 1914 wurde in der Stuttgarter Markthalle eine Samenverkaufsstelle eröffnet, die 1919 in das eigene Haus, Hirschstraße 2, am Stuttgarter Marktplatz verlegt werden konnte.

 

Die Fellbacher Bodenverhältnisse erwiesen sich für die gärtnerischen Kulturen als besonders geeignet. Vor allem die Pfitzer-Edelgladionenzüchtungen wurden neben

Blumen- und Pflanzenzucht
wohin man sieht - das Gelände der Firma

Dahlien, Rosen, Phlox, Delphinien, Begonien, Canna und Stauden auf großen Feldern angebaut und vermehrt. Auf allen größeren Ausstellungen war Wilhelm Pfitzer als Präsident der deutschen und Vizepräsident der britischen Gladiolen-Gesellschaft auf der Liste der Preisrichter, bis er 1931 hochverehrt starb.

Zuchterfolge

1880 gelang erstmals die Zucht von Gladiolen in reinen Farben. Besondere Zuchterfolge wurden auf Weltausstellungen vorgestellt. In den langen Listen der Preise und Auszeichnungen vor allem für Dahlien (230), Gladiolen (650), Canna (270), Petunien (400), Geranien (630), Verbenen (850) und Phlox (500) erscheinen Kanada, USA, London, Paris, Brüssel, Petersburg, Moskau, Hamburg, Dortmund, Bonn, Mainau und Ludwigsburg als Ausstellungsorte. 1900 erregten in Paris gekrauste Knollenbegonien großes Aufsehen. 1906 konnten halbgefüllte Riesendahlien als Knollen, Stecklinge und Samen in den Katalog aufgenommen werden. 1911 wurde die reinweiße Europa-Gladiole vorgestellt, die nach 20 Jahren Kreuzungsarbeit aus mehrfarbigen, gefleckten oder gesprenkelten Gladiolen von Wilhelm Pfitzer und Heinrich Kanzleiter gezüchtet worden war. Bald konnte sie auch in Gelb, Rosa und Rot bewundert werden. 1912 wurde in Paris „Gloire de Stuttgart“ preisgekrönt. Diese Neuheit wirbt als „Schwaben“ weiter. Weltweite Ausbildung der Sohne und Weitergabe der Zuchterfahrungen an die jüngere Generation war stets die Devise der Weltfirma. Auch in vielen Fellbacher Gärtnereien wurden ehemalige „Pfitzeraner“ leitend tätig, zum Beispiel Mergentaler, Bürkle, Aldinger, Walter, Escher, Roos, Bengeser, Simon, Schnabel, Dippon, und unterhielten geschäftliche Beziehungen zur alten Firma. Der Kundenkreis wurde dadurch beträchtlich erweitert.

Die Kriegsfolgen

Leider brachte der Weltkrieg 1914 bis 1918 einen großen Rückschlag. Das wertvolle Zuchtmaterial konnte nur mit Mühe erhalten werden. Die meisten Mitarbeiter wurden zum Waffendienst einberufen und konnten nur notdürftig durch Kriegsgefangene ersetzt werden. Immerhin konnte während der Inflation 1923 bis 1924 dank der umsichtigen Geschäftsleitung die Firma alle Arbeiter und Angestellten durchhalten. Mit der Wiederkehr fester Verhältnisse wurde der kaufmännisch Betrieb dann neu organisiert. Beste Gartengeräte, Dünger und Pflanzenschutzmittel wurden auf Lager genommen, Verkaufsstellen in Göppingen, Ulm und Heilbronn geschaffen. Die Abteilung für Vogel- und Hundefutter wurde angefügt. Das Samengeschäft wurde durch einen farbigen Katalog mit Abbildungen der Neuzüchtungen gefördert. In den Jahren nach 1930 wurde eine Phototek von 5000 Aufnahmen für Preislisten und Kataloge geschaffen, welche für Blumenzwiebeln, Rosen, Blütenstauden, Obst und Beeren versandt wurden, für Auslandskunden auch in französischer Sprache. Die "Gartenfreude" vermittelte Kleingärtnern und Siedlern Wissenswertes. Fachbetriebe wurden mit dem "Süddeutschen Gärtnerblatt" aus Pfitzers Druckerei beliefert.


150 Pfitzerianer

Bis zum Zweiten Weltkrieg kamen jährlich Tausende von Besuchern zu "Pfitzers Blumenschau" nach Fellbach. Eine Vielzahl junger Gehilfen und Söhne von Gartenbaubetrieben erweiterte hier ihre gärtnerische Ausbildung. 1933 arbeiteten etwa 150 Pfitzerianer für die Weltfirma. Der älteste Sohn Paul Pfitzer blieb Leiter des Fellbacher Betriebs. Buchhaltung und Personalfragen regelte der zweite Sohn Wilhelm. Rudolf, der jüngste, leitete den Samenhandel. Durch häufige Reisen wurde die Freundschaft mit Pflanzenzüchtern im In- und Ausland, bis in die USA, gepflegt. Besonders Anna Pfitzer und der jüngste Sohn Rudolf erweiterten das Samengeschäft und schlossen Samenbauverträge mit Aufzuchtfeldern in Deutschland, Italien, Frankreich, Holland, Dänemark und Kalifornien ab. Die eigene Prüfung der Keimkraft und der Qualität der Erzeugnisse erfolgte weiterhin auf den Samenprobefeldern und in den Gewächshäusern am Ebitzweg. Für 70 Gehilfen und Lehrlinge konnten in Fellbach sogar Wohnung und Verpflegung gestellt werden.
Die 1930 geschaffene Wilhelm-Pfitzer-Gedächtnismedaille wurde an Staudenzüchter G. Arends, Bonsdorf/Wuppertal, und Dahlienzüchter Berger in Komotau verliehen. Von seltenen und kostbaren Warmhauspflanzen wurde umgestellt auf Sorten, die in Zimmern, auf Balkonen und im Sommer im Freien gedeihen. In den Gewächshäusern wurden die zur Samenzucht nötigen Pflanzenbestände und Samenkulturen, die nur unter Glas möglich sind, herangezogen. Viele Tausende von Knollenpflanzen wurden dort im Vorfrühjahr vermehrt. Die Menge der heranwachsenden Jungpflanzen wanderte in die mit wärmeerzeugendem Material bepackten Frühbeetkästen, die Licht, Luft, Wärme und Nahrung im Überfluß boten.
Die Gladiolenzucht war immer noch die wichtigste und umfangreichste Abteilung des Betriebs. Durch Reisen, Teilnahme an Kongressen in Wien, Paris, Rom und London, als Preisrichter auf internationalen Ausstellungen hat Paul Pfitzer seinen Gesichtskreis erweitert. 1929 wurde er Präsident der Gladiolengesellschaft, 1937 sogar Ehrenpräsident. Auch von der großen New England Society erhielten Pfitzer-Erzeugnisse die goldene Medaille. 1937 besuchte Wilhelm Pfitzer die großen Samen-, und Gladiolenkulturen seiner Firma in Kalifornien. Der Versand von blühenden Gladiolen auf dem Luftweg nahm zu.
Die Rosenvermehrung wurde ausgedehnt, Blütenstauden, Flammenblumen und Rittersporn wurden bevorzugt gepflegt. Stauden, Astern, Anemonen, Fackellilien und Dahlien vervollständigten diesen Blütenreigen auf den weiten Blumenfeldern. Von der Katharinenstraße aus führte eine Privatstraße direkt in den Betrieb. Ihre Staudenrabatten zu beiden Seiten glichen einer Dauerausstellung. Die jährliche "Pfitzer-Blumenschau" in der ersten Septemberwoche rief täglich Tausende von Besuchern von nah und fern zur geführten 
Betriebsbesichtigung und endete jedes mal mit einer Überraschung aus der Pflanzen- und Blumenzucht. Man durfte auch einen Blick in die Werkstatt tun und sehen, wie mit dem feinen Haarpinsel Pollen vom Staubbeutel auf die Narbe der Blüte übertragen wurden.

Während des zweiten erfolgreichen Aufbaus entbrannte der Zweite Weltkrieg. Der größte Teil des Fachpersonals wurde zum Wehrdienst eingezogen. Der Gärtnereibetrieb mußte eingeschränkt und umgestellt werden. Gemüsearten wie Kohlrabi, gelbe Rüben, Kopfsalat, Kresse, Gurken und Tomaten sollten der Kundschaft die Eigenversorgung erleichtern. Alte Obergärtner mußten mit Kriegsgefangenen und dienstverpflichteten Ausländern versuchen, den Anbau zu bewältigen. Die Versorgung mit Gemüse und Saatgut hatte Vorrang vor Blumenzucht und Blumenpflege. Auf allen zur Verfügung stehenden Flächen sollte Gemüsesaatgut angebaut werden. Nur teilweise gelang es, das Elitesaat- und -pflanzgut über diese Jahre zu retten.
Nach Kriegsende kehrten viele erfahrene Mitarbeiter nicht mehr zurück. Zoneneinteilung behinderte die Kundenbelieferung. So verlangten die Amerikaner nur ihre Zone zu beliefern. Als sie bei einer Kontrolle Lieferungen in die französische Zone entdeckten, verhängten ein einwöchiges Hausverbot für beide Betriebsleiter, die nun am Zaun stehend versuchten sich mit den Arbeitskräften zu verständigen. Erst als sich die Versorgungslage wieder besserte, durfte auch wieder Blumenzuchtbetrieben werden.


Aus klimatisch günstigen Anbaugebieten mit zwei oder drei Jahresernten, wie Italien, Südfrankreich und Nordafrika konnte der Samen vorteilhaft und preisgünstig bezogen werden, weil dort zudem das Lohnkostenverhältnis günstiger war. So gab die Firma ihre zwei Hektar große Pachtflächen an die landwirtschaftlichen Betriebe zurück und verringerte das gärtnerische Personal. Der Schwerpunkt des Anbaus in den "Täschen" lag jetzt bei Dahlien, Gladiolen und Indischem Blumenrohr (Canna). Um ihre Erzeugnisse bei den Gartenbesitzern und Kunden bekannt zu machen, beteiligte sich die Firma Pfitzer wieder an zahllosen in- und ausländischen Gartenbau-Ausstellungen erfolgreich und mit Auszeichnung. Mit sechs Mitarbeiter werden zur Zeit noch etwa zwei Hektar Land gärtnerisch bearbeitet und wird Samenhandel betrieben.

 

Seit 140 Jahren baut die Firma Pflanzen an und verkauft Samen


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