Erinnerungen alter Fellbacher an die Zeit um die Jahrhundertwende (6. Folge)

Schulferien entsprechend der Erntezeit

Die Vakanzen richteten sich bis 1950 nach Heuet, Ernte, Kartoffelernte und Lese

In der Brunnenstube am Bergweg beim Schreiberbrünnele, wo man das Quellwasser rauschen hörte, sagte man fragenden Kindern, holt die Kendlesbas, die Hebamme, die kleinen Kinder. Den Storch konnte man damals noch in den sumpfigen Grottenwiesen auf Nahrungssuche sehen. Zog er dort auch die kleinen Kinder her aus?

Die Familien Abraham und Balthasar Heß
aus der Kappelbergstraße 1912 

Die werdende Mutter hütete man vor dem Anblick Mißgebildeter, um sie nicht zu erschrecken. Hebamme und Wundarzt standen der Wöchnerin bei. In der Kammer des Neugeborenen brannte bis zur Taufe ein Nachtlicht. Um die Wöchnerin schnell wieder zu Kräften zu bringen, schickten ihr die Patin, Verwandte und die Pfarrfrau die Kindbetterinschüssel mit einer kräftigen Backofenschnittesuppe mit Rindfleisch oder Schottosauße mit Gugelhupf. Manchmal mußte der Wöchner beim Verzehr mithelfen.

Spätestens drei Wochen nach der Geburt war an einem Sonntagnachmittag nach der Christenlehre die Taufe. Von Haus aus wurde der Täufling von Paten, Geschwistern und Hebamme, die am Taufessen teilgenommen hatten, im Pfätschakisse, das mit roten und blauen Bändern umwickelt war, zur Kirche getragen. Bei Knaben wurde noch angeschossen. 

Fünf Mark zur Taufe

Döte und Dote aus der nächsten Verwandtschaft standen Gevatter. Im Todesfall wurde die Verpflichtung zur Stellvertretung ernst genommen. Zur Taufe schenkte man ein Fünfmarkstück. Weiterhin war man an Ostern und Christfest zu Geschenken verpflichtet, aber nicht am Geburtstag. "Gevatter stau des isch a Ehr und macht de Beitel leer." Nach der Taufe fand sich die Verwandtschaft zum Taufekaffee zusammen. Dazu wurden Gugelhupf und Hefekranz gereicht. Kostproben davon gingen an alle, welche die Mutter beschenkt hat ten. Die bäuerliche Sitte verlangte, daß jede Gabe, wenn auch nicht in vollem Umfang, wieder wettgemacht werden mußte. Die austragenden Kinder wurden von den Bedachten mit einem Geldgeschenk belohnt.

Die ersten Lebensjahre verbrachte das Kind zu Hause in der Obhut der Mutter, der Ahne und des Eele und jüngerer Geschwister. Mit Rock marschierten auch die dreijährigen Buben mit ihrem Däschle ins Weimerle. Einige Verse aus dieser Zeit klangen noch nach. Wenn der Eele in seinem Ohrenstuhl saß und man auf seinen Knien reiten durfte, freute man sich, während er im Takt dazu sagte: "Hoppe, hoppe, Reiter, wenn er fällt, dann schreit er." Wenn er mit Hilfe seiner Finger die Geschichte des ins Wasser gefallenen Daumens wiederholte, blieb die Spannung immer erhalten.

So veranschaulichte er auch die Baumbesteigung mit Sturz: "Steigt ein Männlein auf den Baum, ach, so hoch man sieht es kaum, steigt von Ast zu Ästchen, bis zum Vogelnestchen. Hei, da lacht es; hei, da kracht es! Plums, da liegt es unten." Hatte man den Kopf an die Tischkante gestoßen, so tröstete die Ahne: "Heila, heila seagen, drei Tage Reage, drei Tag Schnei, tut dem Kendle nemme wei!" Die gefangenen Maikäfer ließ man frei: "Maikafer flieg, dei Vatter ischt em Kriag." Dem flatternden Jungstorch auf dem Kirchendach sang man: "Storch, Storch Schniebelschnabl." Auch die langsame Schnecke erhielt ihren Vers: "Schneck, Schneck, komm heraus, schtrecke deine Hörner aus." Das Malen des Drudenfußes begleitete man: "Krie kra Grottefuß, Gääs laufet barfuß." Die ersten Regentropfen begrüßte man hinter dem Fenster: "Es regelet, es tropfelet, dia alte Weiber hopfelet." Beim gemeinsamen Hochzeitsspiel auf der Straße sangen die Kinder: "Machet auf das Tor, es kommt ein goldener Wagen." Weitere Singspiele Waren: "Mariechen saß auf einem Stein; Mädle,du mußt tanzen; Oh Bua, was kost dei Hai?"

Ab dem späten Frühjahr wurden die größeren Kinder viel zur Feldarbeit eingesetzt. Da blieb zum Spielen nur noch der Sonntagnachmittag. Durfte man füttern helfen, so rief man den Hennen zu: "Komm, gluck, gluck, gluck; komm, ga, ga, ga." Die Enten und Gänse hörten: "Komm, schlick, schlick, schlick, komm wus, wus, wus." Schlug dann die Betglocke, dann wurden die Hande gefaltet: "Liebster Mensch, was soll's bedeuten, dieses späte Glockenläuten?" Nun mußte man schnell heim. Denn der Nachtkrabb, ein Riesenvogel, konnte das Kind im Schnabel weit wegtragen. Lügen durfte man nicht, weil man sonst in der Hölle auf ein Glufekisse, also auf einem Nadelkissen, sitzen müsse. Ein Ausflug zum Roten Berg bildet den Abschluß des Weimerle. Mit sieben Jahren wurden die Kinder nach Ostern zur Schule geführt:

"ABC-Schütz goht in Schul und ka nix", klang es spöttisch von den älteren Schülern. Ein Höhepunkt des Schuljahres war der Sedanstag. Anschließend an die Erzählung des Lehrers wurden die Sedansbrezeln verteilt, die in großen Wannen bereit standen. Auch 1883, dem 400. Geburtstag Martin Luthers, gab es dieses seltene Festgebäck.

Ausflüge

Die kleinen Ausflüge wurden erbettelt: "Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön, Herr Lehrer, wir wollen spazieren gehn." Es ging im vierten Schuljahr zum Beispiel nach Stetten. Beim Ochsen wurde halt gemacht, für sechs Pfennig erhielt man einen Wecken und ein Gläschen Most, weil es so heiß war. Im fünften Schuljahr ging es zu Fuß zu Nills Tiergarten auf der Doggenburg. Im siebten Schuljahr auf den Hohenstaufen oder die Teck. Die Vakanzen richteten sich his 1950 nach Heuet, Ernte, Kartoffelernte und Lese. Beim Spiel war Fange oder Suache besonders beliebt. Dazu brauchte man Abzählreime: "1, 2, 3, nige nage nei, nigenage Haselnuß, und du bischt druss." "Äpfel, Bire, jeder Dopf, Eige, Feige, hopf ens Loch." Möglichkeiten gab es viele in den Höfen und Winkeln. Kleinere Buben trieben den Faßreifen mit einem kleineren Stecken oder schubsten bunte Schneller in eine Vertiefung. Besonders lebhaft war auf feuchtem Boden das Spächteln von drei bis fünf Bube: Mit kräftigem Schwung wurde ein angespitztes Holz in den Boden geschleudert. Dabei sollten schon steckende Spachte gelockert oder umgeworfen werden. Einig fuhren auf dem Hochrade, Veloziped, das keine Übersetzung, aber ein großes Vorderrad besaß und auf unebenem Boden leicht kippte! Die Mädchen vergnügten sich mit Seilhopfe, das in Höhe und Geschwindigkeit rasch wechselte. Einzelne konnte man mit einer Peitsche einen Dopf, einen Tänzerkreisel, treiben sehen.

Vor Ostern wurden Veigele und Moos gesammelt für das Osterhasennest. Es gab ein Zuckerhäsle, eine Brezel, drei bis fünf zwiebelschalengefärbte Eier, ein Nuster auch Potter genannt, das ist eine Kette oder ein Bääle. Im Winter war Schlitten fahren im Bergweg das größte Vergnügen der älteren Kinder. Wenn der Saft in die Weiden stieg, begannen die Buben Hupper oder Pfeifen zu machen. Durch gleichmäßiges Beklopfen mit der Hape wurde die Rinde gelöst. Mit Hilfe eines Mundstücks oder eines Stöpsels ließen sich die Töne zu einer Melodie abwandeln.

(Fortsetzung folgt)


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