Eine handschriftliche Aufzeichnung über die Ernteaussichten in der Kappelbergstadt aus dem Jahr 1881 

Aus der Landwirtschaft Fellbachs in den Jahren 1865 und 1906  

Michael Seibold berichtete

Aufschrieb über Erträge in den Weinbergen und auf den Äckern

Von unserem Mitarbeiter Otto Mall

Der 1834 in Fellbach geborene Joh. Michael Seibold hat Aufschriebe über seine 1865 bis 1906 erwirtschafteten Erträge hinterlassen, die uns durch Frau Schäfer und Frau Maier zugänglich gemacht wurden. So er fahren wir, wie unsere Vorfahren ihr mühevolles, schweres Tagwerk in Feld und Weinberg ohne Maschinenhilfe in dankbarer, zuversichtlicher Glaubenshaltung vollbracht haben.

In seinem Neujahrsgedicht 1878 bekannte Seibold: "In Gottes Namen fang ich an, ein Loblied darzubringen und weil ich ja nicht anders kann, als loben, beten, singen, so nimmt es Herr doch gnädig an." Seibold wußte, daß er seine Erträge in Feld und Weinberg nicht nur hochwertigem Saatgut, guter Bodenbeschaffenheit, recht zeitiger Düngung, sorgfältiger Pflege, unermüdlichem Fleiß und langjähriger gründlicher Erfahrung zu verdanken hat, sondern auch dem Himmelsgeschenk guter Witterung.

Der Ertrag im Weinberg ist besonders durch den Frost gefährdet. Deshalb hat Seibold seine Weinstöcke "bezogen". Im Winter wurden sie auf den Boden gelegt und beschwert. Trotzdem hat der harte Frost 1880 die Berglagen und 1895 die nie deren Lagen völlig erfrieren lassen.

Späte Frühjahrsfröste behindern den Austrieb und die Weinblüte. In den Jahren 1865, 1873, 1874, 1876, 1886, 1893, 1898, 1902 und 1904 war das sehr schädlich. Starker Hagelschlag zerstörte 1865, 1873 und 1899 die Lesehoffnungen. 1869 und 1870 konnte nur eine halbe Lese eingebracht werden, weil der Sauerwurm stark aufgetreten war. 1890 dagegen war mit Kupfervitriol erfolgreich gespritzt worden. 1906 dagegen wurde die Kelter gar nicht geöffnet, weil der "Schimmel" den reichen Traubenbehang vernichtet hatte. Auch 1869, 1871, 1882, 1886, 1898 und 1906 waren völlige Fehljahre im Weinberg. Dagegen brachten, 1868, 1875, 1884 und 1885 jedoch einen Vollherbst. Für die Qualität bringen Zahl und Art der Sonnentage von August bis Oktober die Vollreife. Spitzenweine wuchsen 1865 und 1869 (allerdings in geringer Menge). 1875 und 1892 gab es Spitzenweine mit reichem Ertrag.

Der Preis ist nicht nur von der Qualität, sondern auch von der Nachfrage bestimmt. So brachte ein Eimer Bergwein im Jahr 1883 200 Gulden, 1893 bei guter Qualität und mittlerer Menge 230 M, 1897 bei guter Qualität und großer Menge 170 M, 1899 220 M, 1900 ebenfalls wie 1899  bei guter Qualität und großer Menge 250 M. Die 1857 in Fellbach gegründete Weingärtnergesellschaft erreichte bei ihren Mitgliedern durch sorgfältige Lese eine wesentliche Verbesserung der Weinqualität. Sie sorgte auch für bessere Vermarktung.

Die Kartoffelerträge waren gleichmäßig hoch. Eine Ausnahme bildete das Jahr 1886. Danach war der Juni naßkalt und es gab Maifröste. Auch 1893 fiel die Kartoffel ernte wegen anhaltender Trockenheit bis Ende Mai schlecht aus. Gerste und Dinkel brachten durchweg reichlich Frucht. Allerdings wurde die Ernte 1873, 1875 und 1889 verhagelt. 1893 fiel sie wegen der anhalten den Trockenheit gering aus.

Bei Äpfeln und Birnen - vorwiegend Mostobst - waren reiche Erträge wie 1867, 1879, 1890 und 1900 sehr selten. Völlige Fehljahre waren 1886, 1887, 1889, vor allem wegen Hagels, 1895 wegen des sehr kalten Winters sowie 1901 und 1903.

An Viehfutter, nämlich Disteln, Gras, Heu und Drittgras, herrschte in Feilbach meist kein Mangel. 1876 war es knapp, 1887 sehr rar. 1893 gab es so wenig, daß viel Vieh abgeschafft werden mußte.

Trotzdem konnte durch sparsames Haushalten alle paar Jahre eine Wiese, ein Acker oder gar ein Weinberg hinzugekauft werden. Außer der Anschaffung einer Häckselmaschine 1887 erfahren wir aus Seibolds Aufzeichnungen jedoch nichts über weiteren Maschineneinsatz in der Zeit der Dampfmaschine und des Elektromotors. Der Eisenbahnanschluß im Jahr 1861 und die Einführung der Wasserleitung blieben unerwähnt. Wie etwa 800 andere Fellbacher wanderte sein Sohn Gottlob so gar 1901 in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Brasilien  aus. Die Umstellung von Hand- auf Maschinenarbeit gegen Ende des Jahrhunderts hatte doch zu einer gewerblichen Krise geführt.


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