Aus Memmingers Beschreibung des Oberamts Cannstatt 1834

Durch Feldzuge und Seuchen betroffen

Welche Heimsuchungen das Dorf Fellbach in der Vergangenheit erdulden mußte

Von unserem Mitarbeiter Otto Mall


Viele Menschen unserer Tage meinen, in der "guten alten Zeit" sei alles viel besser gewesen. Sie trauern, daß es heute nicht mehr so ist - wie es früher nie war. Wer sich aber mit den Geschehnissen der Vergangenheit beschäftigt, erfährt, daß auch unsere Vorfahren in Angst und Sorge lebten.

So lesen wir in Memmingers Beschreibung des Oberamts Cannstatt 1834: "Fellbach ist eines der größten, stattlichsten und wohlhabendsten Dörfer in Württemberg. Quellen seines Wohlstands sind Weinbau, Ackerbau und Gewerbe auf der fruchtbaren Hochebene zwischen Neckar und Rems. Ertragreiche Böden, gute Wein berge und großer Fleiß der Bewohner führten zu beachtlichem Wohlstand."

Dennoch war diese günstige Lebenssituation hin und wieder sehr in Frage gestellt. An der Heerstraße ins Remstal gelegen, hatte Fellbach häufig Truppendurchzüge, Einquartierung, Aushebung, Brandschatzung und begleitende Kriegsnöte zu ertragen.

Dies geschah in den Jahren 1237, als die Heeresmacht Kaiser Rudolfs im Kampf mit Graf Eberhard dem Erlauchten Cannstatt und seine Vororte in Schutt und Asche legte und Immenhofen ausgelöscht wurde;

1311 bis 1316, als Kaiser Heinrich und die Reichsstädte die Stammburg Wirtemberg belagerten und zerstörten;

1340, als Fellbach von Esslingen überfallen wurde und seine Schutzmauern zerstört wurden;

1400, als 1200 Dörfer abbrannten;

1519, als Fellbach von Eßlinger Lands knechten, dem Schwäbischen Bund und von bayrischen Truppen wiederholt geplündert wurde;

1634, während des Dreißigjährigen Krieges, als nach der verlorenen Schlacht bei Nördlingen unermeßliches Kriegselend durch kaiserliche Soldaten und Schweden über das Remstal kam;

1791, als Melac 178 Häuser, Scheunen und das Schulhaus in Fellbach verbrannte. Bis 1816 brachten die vielen Feldzüge Napoleons unendliche Not über unsere Heimat. Fast jede Generation mußte erleben, wie Felder und Weinberge verheert wurden, Keller, Speicher und Scheunen leergefressen wurden, die Bewohner geängstigt, gequält, vergewaltigt, ermordet und langsamem Siechtum preisgegeben wurden.

Mißernten

Mißernten, hervorgerufen durch ungünstige Witterung, hatten Hungersnöte im Gefolge, da Zulauf auf dem Handelsweg finanziell nur teilweise erschwinglich, Hilfslieferungen selten organisiert und mit langer Anlaufzeit verbunden waren. 1388 berichtet der Chronist, daß große Heuschreckenschwärme die Fluren mit der heranwachsenden Ernte buchstäblich kahlgefressen hätten. Bis zur nächsten Ernte stand deshalb Hunger im Kochbuch.

1508 his 1517 wuchs im Neckarland so wenig Getreide, daß sich eine große Teuerung einstellte. Für Gerste und Dinkel wurde der vierfache Preis gefordert. Als die Not immer größer wurde und ein Scheffel Dinkel (177,2 l) zwei Gulden kostete, wuchs die Unzufriedenheit des Volkes. Als Herzog Ulrich Gewicht und Maß verringern und Fleisch, Wein und Feldfrüchte besteuern ließ, kam es im Remstal zu einem Aufruhr. Der Arme Konrad unter Führung des Gaispeters brachte die neuen herzoglichen Gewichtssteine der Metzig in Beutelsbach zum Gottesurteil an die Rems: "Hat der Bauer recht, so sinke er zu Boden - hat der Herzog recht, so schwimme er oben!" rief er aus und warf den Stein feierlich in die Luft. Der Stein sank natürlich, und man glaubte sich im Recht.

Bald waren es 2000 Aufrührer. Auch in anderen Gegenden des Landes brachen Unruhen aus. Der Tübinger Landtag gewährte dem Herzog eine hohe Schuldenhilfe gegen das Versprechen, keine neuen Steuern zu erheben. Die Remstäler verweigerten dem Herzog die Huldigung. Er kam mit 1800 Reitern wieder. Die Wohnungen der Rädelsführer wurden geplündert und verwüstet. 1600 Männer wurden als Verdächtige mit Ruten gestrichen, gebrandmarkt oder hingerichtet.

Hungersnot

Nach der Not der napoleonischen Kriegszüge kam 1811 bis 1816 das große Elend des Hungers. Von 1811 an waren "nasse" Jahre mit regenreichen Sommern. Am schlimmsten war es 1816: Im Februar herrschte eine Kälte von minus 17 Grad. Noch Mitte Mai lagen die Winterfruchtfelder unter einer tiefen Schneedecke. Der Sommer folgte naß und kalt. Ließ sich die Sonne blicken, so brachen alsbald schauerliche Gewitter los. Hagel und Wolkenbrüche verheerten die Fluren. Die Reife verzögerte sich um viele Wochen. Schließlich verhinderte anhaltendes Regenwetter das Einbringen der Ernte, wofür man damals noch etwa vier Wochen Zeit brauchte. Mitte Oktober war man noch nicht damit fertig. Am 17. Oktober setzte harter Frost ein, Schnee folgte. Die eingebrachte Frucht war korn- und mehlarm und deshalb von geringem Nährwert. Die Kartoffeln waren meist in den Stufen ersoffen. Als der früh zugefrorene Boden in Januar 1817 wieder etwas auftaute, sah man viele Menschen auf dem Feld mit einer kümmerlichen Nachernte beschäftigt. Das Futtergras faulte unter dem fortdauernden Regen. Wenn es eingebracht werden konnte, war es ein schlechtes Futter für das Vieh. Teuerung und Hungersnot waren die Folge. In dieser schrecklichen Not wurden Heu, Wurzeln, Klee, Kleie und Sägmehl zu menschlichen Nahrungsmitteln der Amen. Viele wurden vom langsamen Hungertod hinweggerafft.

7000 "Zionisten" reisten auf die Versprechungen von Zar Alexander auf Kähnen donauabwärts. Nur 500 Familien kamen in den neuen Kolonien an. Sie wären in Grusien verdorben, wenn nicht die Basler Mission sich ihrer angenommen hätte.

Auf der Alb fielen drei Viertel des Milchviehs infolge des schlechten Futters der Lungenseuche zum Opfer. Die Felder verhagelt, die Viehställe ausgestorben, die Fruchtböden leer, so gings in den Winter. Ein Gemisch von Kleie, Kartoffeln und Angersen wurde zu Riedlinger Brot gebacken. Königin Katharina versuchte zwar die Not mit russischem Getreide zu lindern; die Rettung kam aber erst, als 1817 eine reiche Ernte eingebracht werden konnte.

Pest und andere Seuchen

Wenn der Schwarze Tod ausbrach, so waren ihm die Menschen nahezu schutzlos preisgegeben. Es gab keine Schutzimpfung und keine ärztliche Hilfe - nur die strenge Absonderung der Erkrankten und der ansteckungsverdächtigen Angehörigen. Eine schwarze Fahne an der Haustür warnte vor jeglichem Kontakt. Diese Lungenpest führte meist schon nach vier Tagen zur tödlichen Allgemeininfektion. Die direkte Übertragung erfolgte durch ausgehustete Tröpfchen. Die schwarze Hausratte war an der Weiterverbreitung beteiligt. 1349 his 1351 wurde ein Viertel der europäischen Bevölkerung von dieser Gottesgeißel dahingerafft. In Fellbach waren 1501, 1609 (300 Tote), 1626/27 (687 Tote) und 1735 die schlimmsten Pestjahre. Zur Erinnerung an das große Sterben - im Oktober 1626 täglich oft acht bis zehn Personen - wurde auf den Friedhof ein "Pestkreuz" errichtet, das heute im Turm der Lutherkirche steht.

Inzwischen hat die medizinische Wissenschaft die Pestgefahr in Europa gebannt. Der Anbau der Kartoffel sichert die Bevölkerung vor Hungersnöten, falls wir nicht unsere Natur achtlos zerstören.


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