Erinnerungen alter Fellbacher aus der Zeit um die Jahrhundertwende (4. Folge)

Teller seit der Jahrhundertwende üblich

Wirsing, Blaukraut und Schmalzgebäck erst seit 1900 auf den Tischen

Von unserem Mitarbeiter Otto Mall

Die Läuferschweine wurden meist paar weise vom Händler gekauft. Das Futter bestand aus Abfall, kleinen Kartoffeln und Rüben, angebrühter Kleie, Schrot und Leinmehl. Es wurde in den Trog geschüttet. Metzger und Viehjuden kauften fette Schweine mit vier bis fünf Zentnern. Auch bei der Hausschlachtung legte man damals Wert auf Speck fürs Kraut, heute dagegen werden längliche Magerschweine gehalten. Beim Schlachtfest wurde zu Verwandten, Nachbarn und Respektpersonen Kesselbrühe mit Fleisch und Wurst ausgetragen, wodurch man die Versorgung mit Frischfleisch gegenseitig sicherte.

Kinder aus der Hinteren- und Ochsenstarße 1926

Archiv: Luise Schüler

Der Hühnerstall stand frei im Garten. Mit Bruthennen, den "Glutzgernen", wurden die Kücken, die Biberle ausgebrütet und aufgezogen. Die Junghennen wurden mit Ringen oder Höschen nach dem Alter kenntlich gemacht. Die Eier für den Winter wurden in Kalk eingelegt. Das Hearweib brachte Junghühner ins Haus. 

Die Gänse wurden mit Ausnahme des Sonntags vom Gänsehirten auf die Seen getrieben. Das Geflügel war auch wichtig für die Fleischversorgung. Außerdem gehörten das Rauchhuhn und die Martinsgans zu den Abgaben. Aus dem Verkauf von Eiern und Butter konnte der Haushaltskasse das Geld für Zucker, Kochsalz, Gewürze. Seife und Petroleum beschafft werden

Die Hühner lebten auf der eingezäunten Wiese von Gras und Kleintieren. Die Bäuerin fütterte ihnen Kleinfrucht und gekochte Kartoffeln, angemacht mit Kleie.

Die Scheune oder "Schuier"


Ihre Einfahrt aus gestampftem Lehm oder Bretterboden diente auch als Tenne zum Dreschen. Sie stand meist im rechten Winkel zum Wohnhaus. In Barn, Oberbarn, Oberling und Heubühne waren die Lagerräume für Heu, Stroh und ungedroschene Garben. An der Wand war die Leiter fest gemacht zum Hinaufsteigen. Mit dem Lotter wurden die Garben am Haken durchs Garbenloch vom Erntewagen aus hochgezogen oder mit der Gabel in den Oberbarren gehoben. Etwa seit 1900 wurden Haus und Scheune in einer Flucht mit der Traufseite zur Straße gebaut, früher mit dem Giebel zur Straße. Die Futterschneidmaschine wurde bis 1900 von Hand oder mit dem Göppel betrieben, dessen Kreisbewegung mit Pferd, Ochse oder Esel bewerkstelligt wurde. Später übertrug man sie mit dem Treibriemen vom Vorgelege der Dampfdreschmaschine. Etwa seit 1910 besorgte das der Elektromotor.

Mahlzeiten

Man ißt und trinkt im Schwäbischen, um leben und arbeiten zu können! Eine Ausnahme bildeten nur die Festessen. Außer Zucker, Gewürzen und gelegentlich Frischfleisch, Käse und frischer Wurst lebte man aus der eigenen Wirtschaft. Dabei sollte die Hausfrau durch die Essenszubereitung nicht über Gebühr in Anspruch genommen werden. Der Arbeitstag der Männer begann morgens mit der Stallarbeit und Fütterung. Dann konnten die Frauen ihre Melkarbeit verrichten.

Das anschließende Frühstück bestand aus geschmelzter Brotsuppe, Brenntersupp aus eingebranntem, gekochten Mehl und Grieß oder Rahmsuppe, die in einer großen Schüssel, aus der alle miteinander löffelten, in der Mitte des Tisches stand und gerösteten Kartoffeln. Um 1900 gab es bei manchen Milchkaffee. Das war ein Aufguß aus Kaffeemehl, das aus gerösteter gemahlener Gerste und Zichorie bestand. Manch mal gab es frische, noch kuhwarme Milch in Kaffeeschüsseln, in welche Brot eingebrockt wurde, sonntags gab es Weißbrot. Wenn der Löffel gewischt war, nahm der Vater das Starkenbuch vom Bord und las den Morgensegen. Er beschloß ihn mit Vaterunser und Segenswunsch für alle.

Etwa um neun Uhr läutete die Vesperglocke. Es gab Most und Brot, im Sommer vielleicht mit Rettich und Gurken, nach dem Schlachtfest im Herbst mit Blutwurst, Leberwurst, Rauchfleisch oder Grieben. Der graue Sutterkrueg, der "Schemmel", wurde im Kreben einem geflochtenen Tragegestell verstaut oder baumelte beim Gehen an der geschulterten Felkhaue. Er wurde mit aufs Feld oder in den Weinberg genommen. An Waschtagen, oder wenn fremde Kinder im Hause waren, gab es Brot mit Gesälz. Mit Käse ging man sparsam um, da man ihn kaufen mußte.

Werktags um zwölf Uhr, sonntags um elf Uhr, gab es Mittagessen. Es wurde in der Stube eingenommen, wenn nicht dringen de Feldgeschäfte auf weit entfernten Äckern oder Weinbergen das "Austragen" durch ältere Kinder notwendig machten. Die Mutter sprach das Tischgebet. Dann schöpfte der Hausherr als erster aus der Schüssel. Gesprochen wurde beim Essen wenig: "Es isch glei a Schub verbabbelt", höchstens der Vater oder der Eehle gaben Anweisungen, was nachher gearbeitet wer den sollte. Auch zum Mittagessen gab es Most.

Der Speisezettel

Der Speisezettel bot keine großen Überraschungen; zwei bis drei Mal gab es Kraut, das mit dem "Bohnaliad" zu vergleichen ist: sonntags Kraut mit Kartoffeln in Schale und Rauchfleisch, montags weiße oder farbige Bohnen, dienstags Kartoffelsalat mit Pfannakuache, mittwochs Biraschnitz und Spatze, donnerstags Kraut und Rauchfleisch, freitags Pfitzauf mit gedörrten Zwetschgen, samstags Kattoffelrädle in saurer Brühe. Die "Krautschmelzerne" verließen die Kirche nach Ende der Predigt sofort, damit das Essen um elf Uhr bereit stand. Braten oder Siedfleisch und Salat gab es nur an hohen Festtagen, ebenso Gebäck wie Gugelhopf, Hefenkranz, Butterkranz und Mitschele. Etwa um 1900 kamen als Gemüse hinzu: Wirsing, Blaukraut, Linsen, Brockele, das sind Erbsen, Krautsalat und als Gebackenes Waffeln, Schmalzgebäck, Dürrobst mit Haber- oder Griesbrei und Kartoffelsalat. Gegessen wurde dann im tiefen Teller. Die Speisen wurden mit dem Messer zerkleinert und nachher mit dem Löffel gegessen. An den Hauptarbeitszeiten, wenn man auch fremde Arbeitskräfte am Tisch hatte, gab es Rauchfleisch. Nach dem Abendläuten und wenn die Stallarbeit beendet war, kamen alle zum Nachtessen, in der Erntezeit allerdings stark verspätet. Winters gab es Wassersuppe oder geschmälzte Brotsuppe und eine Schüssel dampfender Kartoffeln, gelegentlich auch Streichkäse aus gestandener Milch als Brotaufstrich oder kuhwarme Milch aus der Kaffeeschüssel. Sommers stand saure Milch mit eingebrocktem Brot in einer großen Schüssel auf dem Tisch, und jedes beteiligte sich mit seinem Löffel.

Erweiterung der Speisekarte

Teller wurden erst ab 1900 üblich. Seitdem hat sich die Speisekarte unter der Wirkung von Kühl- und Gefrierschrank und der Konservierung in Glas und Dose beträchtlich erweitert und blieb nicht mehr so stark auf Selbstversorgung eingeschränkt. Es gab auch Weingärtnerhaushalte ohne Ackerbau, die ihre gesamte Nahrung kauften. - In Erntezeiten konnte abends oft sehr verspätet Feierabend gemacht werden, da man sich nach dem Wetter richten mußte. Nach dem verspäteten Nachtessen wurde der Abendsegen vorgelesen.

(Fortsetzung folgt)


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