Erinnerungen alter Fellbacher an die Zeit um die Jahrhundertwende (8. Folge)

Bis 1900 wurden die Toten getragen

In Fellbach hatte es fünf Backhäusle gegeben -- Salz- und Grieskuchen dutzendweise

Von unserem Mitarbeiter Otto Mall

 

Trauerzug auf dem Weg vom Trauerhaus zum Friedhof

Vorzeichen die auf den nahen Tod eines Familienmitglieds hinwiesen, wurden in allen Häusern sehr genau beachtet: den Ruf eines Käuzchens "komm mit", die Klopfgeräusche des Totenwurms im Holz; weiße Maiskolben im gelben Welschkorn, ein besonders großer Maulwurfshaufen oder taubeneigroße Unglückseier im Hühnernest. Beim Eintritt des Todes öffnete man ein Fenster, damit die Seele rasch den Weg zum Himmel fand. In der Totenkammer brannte das Nachtlicht. Auch Toten wache wurde gehalten. Es bestand ja die Gefahr des Scheintods. Der Leichensäger bereitete dann den Toten zum Begräbnis. Er machte auch die Beerdigung bekannt:

"En scheene Gruoß vom Trauerhaus und dr ... isch gstorbe. Wenn ebber so guot sei well, no soll er em Glait ge uff dr Kirchhof." Bei nahen Verwandten fügte der Leichensäger hinzu: "Weil er zur Klaag gheiret, sollet er zu ons ens Haus komme", also zum Leichentrunk nach der Beerdigung.

Acht Männer trugen den Sarg vom Trauerhaus auf den Kirchhof. Diesen Dienst übernahmen Schulkameraden oder Nachbarn. War der Tote ein Mann, so folgten dem Sarg zunächst die Männer. An bestimmten Stellen im Dorf wurde gehalten und der Sarg abgestellt. Das Glockengeläut setzte aus und der Schüler-Leichenchor sang einen Vers der von den Angehörigen gewählten Choräle.

In der Kirchhofstraße wartete der Pfarrer auf den Leichenzug. Der Polizist mit Helm und weißen Handschuhen verabschiedete sich. Der Bestattung folgte die Leichenpredigt am Grab. Zum Abschied warfen die Leidtragenden die Erde mit der Hand auf den Sarg. Beim Leichentrunk wurde Wein, Weißbrot und Schweizerkäs gereicht. Die Zeit der Volltrauer betrug ein Jahr. Die weiblichen Familienmitglieder gingen in dieser Zeit schwarz gekleidet. In der folgenden Halbtrauer durften weiße Punkte und Streifen auf der Kleidung sein. Von 1909 an wurde im Leichenzug ein Leichenwagen benutzt.

Dienstboten

Wenn junge Leute Arbeit als Knechte oder Mägde suchen mußten, taten sie es um 1900 an Lichtmeß, am 2. Februar, oder zu Martini, am 11. November. Das waren die Einstell- und Wandertage. Die Nachfrage er folgte meistens auf das Geratewohl. Andere wurden auch von der bisherigen Herrschaft empfohlen oder vermittelt. Da der Freitag im Hinblick auf Karfreitag als Unglückstag galt, wurde er nicht zum Dienstantrittstag gewählt. Mit einem Taler - etwa 3 DM - oder einem Fünfmarkstück als Handgeld wurden die Dienstboten zum Antritt der Stellung verpflichtet. Beim Frühjahrsmarkt, am 1. Dienstag im April und  beim Herbstmarkt, am 2. Dienstag im September zur Kirchweih, hatten sie Anspruch auf eine Marktromete: der Knecht etwa auf sechs Taschentücher, ein Hemd oder ein  Paar Schuhe, die Magd auf ein Stück Weiß- oder Bettzeug. Das Verhältnis mit der Herrschaft war bei der gemeinsamen täglichen Arbeit recht familiär. Die Anrede Vetter oder Base trat zum Familiennamen,  zum Beispiel Aldingersvetter.  Wie alle älteren Leute wurde die "Herrschaft" mit "Ihr" angesprochen. Das tat  auch das Patenkind beim Döte, der Sohn  und Schwiegersohn beim Vater und beim Schwäher. In Resten blieb dies bis 1950 erhalten. Den Knecht rief man beim Vornamen und duzte ihn, wie alle annähernd  Gleichaltrigen und Jüngeren. Pfarrer,  Schultheiß und Schulmeister wurden als Respektspersonen mit "Sie" angesprochen. Die Dienstboten hatten sehr wenig freie Zeit zur Verfügung. Deshalb war Kartenspiel auf der ärmlichen Knechtskammer und Wirtshausbesuch selten. Bei den Mahlzeiten saß er mit der Familie in der Stube. Sonst war sein Aufenthalt außer der Feldarbeit meist im Stall.


Die Backhäuser


Das tägliche Brot wurde selbst gebacken. Etwa alle 14 Tage zog man ein Los für "a  Bachete". Der Mann sorgte mit Krääle und Rääbe fur die nötige Glut im Backofen. War dieser heiß genug, wurde das abgebrannte Feuer herausgerissen, mit dem feuchten Hudlewisch oberflächlich ausgekehrt und mit der Scherre nachgearbeitet. Dann kippte die Bäuerin den geformten Teig aus den mehlbestäubten, strohgeflochtenen Backkörbchen auf den Schießer und beförderte ihn eilig in den Ofen. Mit einem leichten Ruck setzte sie im richtigen Abstand ab. Nach etwa zwei Stunden Backzeit holte man die knusprig gebackenen Laibe heraus. Vielleicht hatte es auch noch zu einem Salzkuchen gereicht.

Bei der Kirbe, am Sonntag vor dem Herbstmarkt, und in den Wochen vor dem Christfest reichten die Backhäusle in Fellbach kaum aus. Etwa 60 Zwiebel-, Apfel-, Gries-, Käse- und Salzkuchen herzustellen, bedeutete eine Riesenarbeit für die Frauen. Auf lange, gefetteten Bleche flocht man die Hefekränze, bestreute sie mit geschnittenen Mandeln- und Haselnußkernen so wie Hagelzucker. Nachdem sie mit Eingelb mit Eigelb bestrichen worden waren. Auch der Gugel hopf wurde im Kupfermodel gebacken und nachher mit Zucker bestäubt. Das konnte dann den Gästen vorgesetzt oder nachher als Mitbringete eingepackt werden.

Zum Christfest buk man Hutzelbrot. Die einen Taglang sorgfältig eingeweichten Schnitze und Zwetschgen wurden in Schwarzmehlteig eingebacken. Außer den vielerlei Ausstecherle stellte man auch die kunstvollen bebilderten Springerle und Honiglebenkuchen her. An den Christbaum hängte man vergoldete Nüsse, rotbackige Äpfel und Springerle. Unter dem Baum fanden sich Wollmütze, Schal, Handschuhe, Holzbaukasten und Puppe. Die Gemeinde besaß fünf Backhäusle, und zwar ungefähr in der Hinteren Straße 46, in der Burgstraße 33 bis 35, in der Kappelberg 3 südlich der Wette, in der Weimerstraße 4 (später Freibank) und in der Waiblinger Straße 12, oberhalb des Hauses Schäfer. 


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